Hier kocht Hinz&Kunzt. Vor dem Restaurant Cook Up stehen Klappstühle und Bistrotische in der Sonne. Foto: Amelie Rolfs
Im Restaurant Cook Up kochen Hinz&Kunzt Verkäufer. Foto: Amelie Rolfs

Das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ wird 25 Jahre alt. Zum Jubiläum kochen Spitzenköchinnen und -köche gemeinsam mit Verkäuferinnen und Verkäufern der Zeitschrift. FINK.HAMBURG durfte in die Töpfe schauen.

Morgens in Eimsbüttel, es ist halb elf am zweiten richtig warmen Tag im April. In der Weidenallee haben alle Gastronomen ihre Außentische aufgebaut, auch vor dem Restaurant Cook Up stehen Klappstühle und Bistrotische in der Sonne. Daneben ragt ein weißer Aufsteller von „Hinz&Kunzt“, dem Hamburger Straßenmagazin, in die Luft. Im Cook Up läuft vom 4. bis zum 28. April das Projekt KunztKüche. Zum 25. Jubiläum von „Hinz&Kunzt“ kochen 25 bekannte Köchinnen und Köche an 25 Abenden ein Drei-Gänge-Menü. Unterstützt werden sie dabei von Verkäuferinnen und Verkäufern der „Hinz&Kunzt“. Alle Erlöse aus der Aktion gehen an „Hinz&Kunzt“.

„Das ist jetzt der Moment für mich, etwas zurückzugeben“

Am Herd des Lokals steht Andreas und brät an einem großen Herd Sojastreifen für ein Gemüsecurry. Das Chilli con Carne für den Mittagstisch steht schon in einem riesigen Topf neben dem Herd, nur der Reis fehlt noch.

Wenn Andreas die Sojastreifen in den Topf umfüllt, sieht das schon ziemlich routiniert aus. Dabei steht der Hamburger erst das zweite Mal in einer Profiküche. Privat kocht er auch ab und zu, aber hauptberuflich verkauft er das Magazin „Hinz&Kunzt“ in Winterhude. Seit drei Jahren steht Andreas drei Mal die Woche vor einem Supermarkt und verkauft Zeitschriften. Er ist froh, dass es „Hinz&Kunzt“ gibt. Zeitschriften zu verkaufen, gibt ihm eine Perspektive und noch wichtiger: Struktur.  Als die Verantwortlichen von „Hinz&Kunzt“ Küchenhilfen für die KunztKüche suchten, hat er sofort zugesagt. „Das ist jetzt der Moment für mich, etwas zurück zu geben“, sagt er. „Ich weiß ja, dass manche von unseren Verkäufern ein bisschen schwierig sein können, ich bin ja auch nicht immer einfach. Aber es war mir wichtig, dass sie schnell gute Leute finden.“ Insgesamt 16 Verkäuferinnen und Verkäufer unterstützen das Küchenteam während der KunztKüche. Meistens stehen zum Mittagstisch zwei von ihnen mit in der Küche, abends sind es drei- in zwei Schichten.

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Der Innenraum des Restaurants. Foto:Amelie Rolfs

Die Hinz&Künztler stehen im Mittelpunkt der KunztKüche

Sybille Arendt betreut die KunztKüche für „Hinz&Kunzt“. „Bis jetzt kommt das Projekt sehr gut an, wir sind jeden Tag ausgebucht“, sagt sie. Von den 1500 Gästen, die bis zum Besuch von FINK.HAMBURG die KunztKüche besuchten, beschwerten sich nur vier. Die meisten freuten sich über das gute und verhältnismäßig günstige Essen. 30 Euro kostet ein Menü, fünf Euro davon finanzieren ein Mittagsgericht für Bedürftige. Für die Verkäuferinnen und Verkäufer läuft das Projekt ebenfalls erfolgreich. „Vielleicht ergeben sich Jobangebote, das ist aber noch nicht spruchreif. Auf jeden Fall können alle Mitarbeiter neue Fähigkeiten in der Küche lernen“, sagt Arendt. Wichtig ist ihr, dass bei der gesamten Aktion die Verkäuferinnen und Verkäufer im Mittelpunkt stehen. Die KunztKüche soll ein Begegnungsangebot sein und die Arbeit von „Hinz&Kunzt“ sichtbarer machen. Den Beitrag der Köchinnen und Köche will Arendt trotzdem würdigen, denn die Spitzenköche wie Markus Scheerer oder Tim Mälzer machen das Projekt erst für die breite Masse interessant. „Die Köche bringen das Menü und die Lebensmittel mit, dazu noch zusätzliche Manpower. Viele kochen bei uns an ihrem freien Tag. So ein Engagement ist richtig toll“, sagt sie.

Gourmetküche auf neun Quadratmetern

Inzwischen ist es kurz vor zwölf. Andreas steht jetzt nicht mehr am Herd, sondern am Spülbecken. Aron Farcas, der Koch des Cook Ups schaut in den Reiskocher und füllt etwas Wasser nach. Ein Mitarbeiter von „Hinz&Kunzt“ reinigt die Gewürzregale. Mit den drei Männer ist die Küche auch schon voll. Abends wird es hier noch enger, manche Köche bringen nicht nur Lebensmittel sondern auch aufwändiges Equipment mit. Auf gefühlten neun Quadratmetern entsteht dann Gourmetküche für bis zu 25 Personen. Nebenbei wird umgefüllt, abgewaschen, abgetrocknet, einsortiert.  Andreas ist das zu hektisch „Die Mittagsschichten sind schon richtig für mich. Ich mache hier drei, vier Stunden meine Arbeit ohne, dass es zu stressig wird.“, sagt er.

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Wenn mehrere Menschen in der Küche werkeln, wird es schnell eng. Foto: Amelie Rolfs

Kurz nach zwölf kommen die ersten Gäste ins Lokal, aber noch ist es leer. Das ist gut, denn es gibt ein Problem- der Reis für das Chilli ist noch nicht fertig. Koch Aaron schaut alle drei Minuten nach, aber der Reis bleibt mehr als bissfest. Also müssen die Gäste, die Chilli Con Carne essen wollen, warten. Ins Cook Up kommt viel Laufkundschaft, die die Kunzt Küche nicht kennt und einfach nur etwas leckeres essen will, wie ein älteres Ehepaar aus Süddeutschland, dem schon der Magen knurrt. Andere kommen aber auch gezielt ins Lokal um das Projekt zu unterstützen, wie die Sechsergruppe draußen vor dem Lokal. Manchmal kommen auch Verkäuferinnen und Verkäufer von „Hinz&Kunzt“ vorbei, wie Lukas. Er steht normalerweise an der Sternschanze und verkauft dort das Magazin. In die KunztKüche kommt er wegen des guten Essens. Dafür bezahlt er auch, obwohl er es nicht müsste. Fünf Euro kostet ein Mittagessen, Bedürftige zahlen nichts, oder so viel sie möchten.

Partystimmung beim Kartoffelschälen

Von kleinen Missgeschicken wie zu hartem Reis lässt sich das Team von der KunztKüche nicht die Stimmung vermiesen. Auch Abends herrscht trotz des Stresses oft Partystimmung in der Küche. „Wenn die Gäste applaudieren oder sich für das leckere Essen bedanken, freuen sich unsere Hinz&Künztler sehr“, sagt Sybille Arendt. Für das ganze Team ist die Arbeit wie eine lange Klassenfahrt, jeder Abend ist mit sehr viel Spaß verbunden. Auch wenn mal klare Worte in der Küche fallen oder ein Koch die Helfer zum ewigen Kartoffelschälen verdonnert, sind die Rückmeldungen der Verkäuferinnen und Verkäufer positiv. Sogar der scherzhaft gemeinte Spruch „Bei solchen Projekten ist man gerne obdachlos“ fiel  schon in der kleinen Gourmetküche.

Noch bis zum 28. April hat die KunztKüche geöffnet. Die meisten Plätze sind schon vergeben, aber wer früh am Abend da ist, könnte noch einen freien Stuhl bekommen.

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Amelie Rolfs, Jahrgang 1993, hat eine genaue Vorstellung vom perfekten Sonntag: Frühstück in einem der besten Cafés Hamburgs und anschließend auf dem Flohmarkt nach alten Schallplatten stöbern. Ihre Bachelorarbeit hat sie in Politikwissenschaften über feministische Instagrammerinnen geschrieben und zuvor beim Kindermagazin „Dein Spiegel“ gelernt, wie man Dinge einfach erklärt. Bei "stern.de" schrieb sie über Themen aus Frankreich und den USA. Außerdem organisierte sie beim NDR die Sendung „Wahlarena“ zur Bundestagswahl 2017 mit – und machte dabei natürlich ein Selfie mit Martin Schulz. Angela Merkel war zu gut abgeschirmt. Kürzel: ar