Tagsüber Treffpunkt für Restaurantbesucher – nachts Ort für Drogenkriminalität und illegale Prostitution. Wir haben uns an den Hansaplatz gesetzt und den Hamburger Brennpunkt beobachtet, über den Anwohner, Politiker und Einzelhändler streiten.

Die Illustrationen für diesen Artikel wurden von der HAW-Studentin Anna Karetnikova angefertigt.

Etwa 500 Meter vom Hauptbahnhof Süd entfernt liegt der Hansaplatz. Tagsüber sitzen hier Menschen vor hübsch sanierten Altbauten zwischen Lindenbäumen in den Straßencafés – aber auch friedliche Trinker haben rund um den Brunnen ihren Stammplatz. Nachts wird der Hansaplatz zum Brennpunkt mit Drogenkriminalität und illegaler Prostitution. Ein Alkoholverbot soll nun für Besserung sorgen. Wie steht es um den Hansaplatz? Wir haben uns dazugesetzt: bei Tag und bei Nacht. Hier kommt der Nachmittags-Report.

15 bis 16 Uhr: Die Türsteher vom Hansaplatz

Wir betreten den Hansaplatz vom Steindamm aus. Die Sonne scheint. Viel los ist noch nicht. Links vorm Hamburg Dönerhaus steht eine Gruppe von Menschen schwarzer Hautfarbe in leuchtenden Sportklamotten im Halbkreis. Rechts sitzen Männer mittleren Alters auf etwa hüfthohen Schutzpollern. Wie Hühner auf der Stange. Oder wie die Türsteher des Hansaplatzes. Wir stehen unschlüssig vor ihnen, werden angeschaut. Wir sind fremd hier. Die Terrasse des Cafés Traumzeit scheint eine gute Zuflucht zu sein. Hier können wir den Hansaplatz auf uns wirken lassen und von den Stühlen in der ersten Reihe die Umgebung beobachten – wie aus Kinosesseln.

Kaum ist die Cola bestellt, verwickelt uns der Kellner in ein Gespräch. Ob wir aus Hamburg seien? Warum wir nicht öfter vorbeikämen? Er selbst gibt zu, lieber tagsüber als am Abend zu arbeiten. „Ist dann ruhiger hier“, meint er und schaut in Richtung Brunnen in der Mitte des Platzes. Dort sitzen drei Männer im Schatten von Baumkronen und trinken Dosenbier. Noch sieht es um sie herum sehr ordentlich aus. Das soll sich im Laufe des Tages ändern.

Frau wässert Blumen

Die Stimmen auf dem Platz mischen sich mit dem Gelächter einer Frauengruppe im Café nebenan. Dazu hört man das Zwitschern der Vögel. Das anfängliche unangenehme Gefühl ist weg. Irgendwie sind wir in den Korbstühlen des Cafés mit dem Platz verschmolzen. Uns sieht niemand mehr.

Auf einem der Balkone der anliegenden Häuser wässert eine Frau ihre Blumen in quietschgrünen Kästen. Als wieder ein Polizeiauto in Schrittgeschwindigkeit über den Platz fährt, ist die kleinbürgerliche Stimmung dahin.

Einmal den Kopf gewendet, sehen wir eine Frau, Ende 50, aus einem der sanierten Altbauten treten. Sie ist schick gekleidet und trägt eine dunkelblaue Capri-Hose, die zum Halsband ihres handtaschengroßen Hundes passt. Der Hund kackt auf den Platz. Die Frau läuft unbeirrt weiter.

 16 bis 17 Uhr: „Wir mögen, dass es hier bunt ist“

Eine kleine Gruppe an Menschen, die vor dem Büro des Vereins Vor Ort e.V. stehen, hat die Szene beobachtet und schüttelt den Kopf. Wir gehen zu ihnen. Melanie* (25) trägt ein kurzes schwarzes Kleid. Manchmal bleibt eine Haarsträhne beim Sprechen an ihrem pinken Lippenstift kleben. Sie wohnt in St. Georg, arbeitet als Sozialarbeiterin am Hansaplatz, den sie als „kritisches Pflaster“ bezeichnet. Oliver, ein ruhiger Typ mit schlechten Zähnen und Schildkappe, beschreibt, dass sich hier vor allem die Art der konsumierten Drogen während der letzten fünf Jahre verändert hätten: von Spritzen zu Pillen und Pulver.

Die beiden sprechen auch über den Straßenstrich, den es hier gibt, obwohl er illegal ist. Melanie und Oliver zeigen uns, wo der Hansaplatz für sie in zwei Hälften geteilt ist. Im Norden und Osten gibt es schicke Cafés und Kneipen, die Touristen und Nicht-St.-Georger besuchen, um Kaffee oder Cocktails zu trinken. Den Süden und Westen des Platzes nennen sie die „Schattenseite“, wegen der „düsteren Gestalten“. Dennoch: Sie mögen, „dass es hier so bunt ist“.

Polizeiauto auf Hansaplatz

„Wer hier am Platz die falsche Hautfarbe hat, muss mitunter fünfmal am Tag seinen Ausweis zücken.“

Ein Polizeiauto fährt über den Platz, Melanie winkt den beiden Insassen zu. Hier scheinen sich alle zu kennen. Als die Streife außer Sichtweite ist, sagt sie trotzdem abschätzig: „Wer hier die falsche Hautfarbe hat, muss mitunter fünfmal am Tag seinen Ausweis zücken. Ich könnte einen Joint neben den Polizisten rauchen und es würde nichts passieren.“

17 bis 18 Uhr: Nicht mehr das, was er mal war

Männer vor Kneipe

Allmählich füllt sich der Hansaplatz. Nun werden neben den Schutzpollern auch Fahrradständer zu begehrten Sitzgelegenheiten. Wir beschließen, eine der Kneipen auf der „Schattenseite“ aufzusuchen. Vor der Kneipe „Rund um die Uhr“ sitzen drei weißhaarige Männer mit ihren Bieren und winken uns zu sich. Einer von ihnen hat die Flasche auf dem Tablett seines elektrischen Rollstuhls abgestellt. Uwe (73), Klaus (62) und Timo (83) könnten ohne Weiteres als ehemalige Hafenarbeiter durchgehen. Seit über 40 Jahren treffen sie sich regelmäßig auf dem Hansaplatz. „Zum Leute gucken“, sagt einer. „Weil hier immer was los ist“, der andere. Von den Menschen nicht deutscher Herkunft, die seit einigen Jahren immer zahlreicher auf dem Platz herumstehen, halten sie nicht viel. Sie nennen sie „Zackalacken“ und „Bimbos“, berichten von Kriminalität, von Überfällen und Messerstechereien. Ins Detail gehen, wollen oder können sie nicht.

Mann mit Sprechblase

Zum dritten Mal dreht ein Polizeiauto seine Runde. Dass „die Bullen“ am Platz Präsenz zeigen, finden die drei Männer in Ordnung. „Trotzdem komme ich seit ein paar Jahren nur noch im Hellen an den Platz“, berichtet Klaus und schaut dabei abfällig in die Richtung einer kleinen Gruppe junger arabisch aussehender Männer, die sich vor die Kneipe stellen und den Männern den Blick auf den Platz versperrt  das Startsignal für die alten Herren. Sie setzen ihre Runde fort und steuern die nächste Kneipe an. Mittlerweile ist der Platz belebt. Wir haben für heute genug gesehen.

*Die Namen der Protagonisten wurden von der Redaktion geändert

Wer hat wann beobachtet?

Jana Trietsch und Sophie Schreiber waren an einem Mittwoch zwischen 15 und 18 Uhr auf dem Hansaplatz. Entstanden sind daraus die Beobachtungen am Tag. Nachts haben sich Tobias Bug und Lukas Gebhard eine Schicht geteilt. Sie waren an einem Montag von 18 bis 22 Uhr am Hansaplatz.

Hintergrund

Prostitution, Alkoholismus, Drogenmissbrauch – der Hansaplatz ist ein Hamburger Brennpunkt. Momentan sorgt ein geplantes Alkoholverbot für Aufsehen. Markus Schreiber (SPD) forderte die Umsetzung von bereits 2015 geplanten Maßnahmen, um der steigenden Kriminalität entgegenzuwirken. Demnach dürften Kioske nach 18 Uhr kein Alkohol mehr verkaufen. Auch das Verbot von Glasflachen auf dem Hansaplatz unterstützt der Bürgerschaftsabgeordnete. Zusätzlich sollen „Trinkerräume“ in der Nähe des Platzes angelegt werden. (nvp)

Correctiv.org will mit dem Projekt „Wem gehört Hamburg“ den Wohnungsmarkt in der Hansestadt transparenter machen. Dafür braucht das Recherchenetzwerk deine Hilfe. Erfahre mehr! FINK.HAMBURG unterstützt Correctiv.org und berichtet über Leerstand, Mietwucher und verrückte Wohnformen.

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Jana Trietsch, Jahrgang 1992, weiß, warum Michel aus Lönneberga in Wirklichkeit Emil heißt. Die gebürtige Darmstädterin verbrachte im Rahmen ihres Medienkulturwissenschaften- und Psychologiestudiums zwei Semester im schwedischen Uppsala und kann seitdem die Bücher ihrer Kindheit in Originalsprache lesen. Nach dem Studium lernte Jana in der Lokalredaktion des „Darmstädter Echos“ ihre Heimat neu kennen. Es folgten PR-Praktika in Stockholm und Berlin im Mode- und Lifestylebereich, die Jana eine Redakteursstelle im Brand Marketing bei Zalando einbrachten. Nebenher schreibt sie als freie Autorin für „Mit Vergnügen“ und „Refinery29“ über Kultur, Mode und Millennials. Manchmal denkt sie dabei an ihren früheren Traum: eine wöchentliche Kolumne, geschrieben in einem roten Ferienhaus in Småland. jt
Für Sophie Schreiber, Jahrgang 1994, beginnt ein gemütlicher Morgen nicht nur spät, sondern auch mit einem Frühstück im Bett. Auf Reisen sucht sie hingegen das Abenteuer: Nach dem Abitur durchquerte sie Australien und machte einen Roadtrip durch Deutschland. In Hamburg ist sie allerdings fest verwurzelt. Selbst während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg pendelte sie. Ihr Faible für das Schreiben entdeckte sie während eines Praktikums in der Hamburger Redaktion von „Kulturnews“. Dort sammelte Sophie erste Erfahrungen im Lokaljournalismus, führte Interviews und berichtete über Festivals. Ihr Wissen kann sie nun bei FINK.HAMBURG anwenden und vertiefen. Das Pendeln hat damit auch ein Ende und Sophie bleiben morgens ein paar Minuten länger unter der Bettdecke. Kürzel: sch

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