Tagsüber Treffpunkt für Restaurantbesucher – nachts Ort für Drogenkriminalität und illegale Prostitution. Anwohner, Politiker und Einzelhändler streiten über den Hansaplatz. Wir haben uns dazugesetzt und den Brennpunkt beobachtet – diesmal bei Nacht.

Die Illustrationen für diesen Artikel wurden von dem HAW-Studenten Yannick de la Pêche angefertigt.

18 bis 19 Uhr: Eintauchen in eine andere Welt

Das erste, was mir beim Betreten des Hansaplatzes auffällt: Hier treffen verschiedene Welten aufeinander. Vor den Bars und Restaurants sitzen Gäste in spießiger Kleidung und nippen an ihren Teetassen. In der Mitte des Platzes steht eine Gruppe von etwa dreißig Menschen, heruntergekommene Gestalten, alle sichtlich alkoholisiert. Kurz nach meiner Ankunft laufen zwei uniformierte Polizisten über den Platz, ihnen folgt ein Polizeiwagen. Ich setze mich an eine der aufgereihten Tischgarnituren und bestelle einen Tee.

An einem Poller lehnt ein glatzköpfiger Mann in schwarzem Ralph-Lauren-Pullover. Er trägt einen schwarzen Schnauzbart, der sein Gesicht wie ein Gewächs überwuchert. Sein Bier trinkt er aus einer Glasflasche. Neben ihm steht ein Mann mit Kapuzenjacke, gerötetem Gesicht und einer Sporttasche. Eine untersetzte, braunhaarige Frau macht die Gruppe komplett.

Die Frau hält eine E-Zigarette in der Hand und raucht. Auch die beiden Männer möchten einmal ziehen. Lallend erklärt die Frau, auf welchen Knopf des silbernen, handgroßen Geräts man drücken muss. Der Mann mit Kapuze ist an der Reihe und schafft es nicht, Rauch zu inhalieren. Die Frau erklärt ihm erneut, wie das Gerät funktioniert. Beim zweiten Versuch klappt es. Er zieht und zieht – nicht wie an einer Zigarette, sondern wie an einer Bong.

Die Rothaarige

Vom Steindamm kommend, betritt eine Frau den Platz. Ihre krausen, roten Locken stehen in alle Richtungen ab und lassen ihren Kopf unnatürlich groß wirken. Eine rote Schleife bändigt ihre Haarpracht. Sie erinnert stark an die Verpackung eines Weihnachtsgeschenks. Die Frau trägt ein pinkfarbenes Top, hüpft auf und ab, tanzt.

Plötzlich beginnt sie, von einer Person zur nächsten zu rennen. Sie umarmt jeden und unterhält sich lautstark. Ich kann selbst aus einer Entfernung von 40 Metern auf dem gut gefüllten Platz ihre kreischende Stimme hören. Ständig zerrt irgendjemand an ihrer Jacke, doch sie springt immer wieder los, nur um einen Augenblick zurückzuflitzen – wie ein roter Flummi.

Eine Gruppe betritt den Platz, alle sehen sie sehr nach Touristen aus. Sie bestaunen den imposanten Hansabrunnen und die umliegende Architektur – und wirken völlig fehl am Platz.

19 bis 20 Uhr: Polizei, Polizei und noch mehr Polizei

Vor dem Restaurant, in dem ich sitze, bleibt eine knapp 50 Jahre alte Frau stehen. Sie hat kurze, dunkelrote Haare und trägt einen Sonnenhut. In der rechten Hand hält sie eine durchsichtige Tüte, in der drei 0,5-Liter-Bierdosen liegen. Über mir öffnet ein Mann seine Balkontür, schaut hinunter, die beiden unterhalten sich.

Hinter der Dame taucht wieder ein Polizeiwagen auf – er umrundet den Hansaplatz im Schritttempo. Mittlerweile ist es kalt geworden, immer mehr Menschen verlassen den Platz. Wieder rollt ein Polizeiwagen heran. Er bleibt am Durchgang zum Steindamm stehen. Ein Beamter steigt aus und zündet sich eine Kippe an. Nachdem er aufgeraucht hat, steigt er wieder ein. Über die nächste halbe Stunde bleibt sein Wagen an der Ecke stehen. Immer wieder laufen Personen zu ihm herüber, gucken durch das Fahrerfenster und sprechen mit dem Polizisten.

Schon wieder! Ein weiterer Polizeiwagen taucht auf. Es muss bereits der fünfte sein. Er umrundet den Platz und verschwindet. Dann ist auch die Rothaarige wieder da. Sie hat nun eine Freundin dabei, eine schwarzhaarige Frau mit Sonnenbrille. Beide sind sichtlich betrunken, halten schwarze Mischgetränk-Dosen in der Hand. Die Freundin der Rothaarigen spielt über ihr Handy Musik ab. Beide tanzen und sprechen Männer an.

Die Gruppe, die sich die E-Zigarette geteilt hat, hat sich mittlerweile aufgelöst. Nur der Mann mit der Kapuzenjacke und der Sporttasche ist geblieben. Schnell gesellt sich ein Fremder zu ihm.

Ein Drogendeal?

Die Schwarzhaarige geht mit einem Mann in eine Seitenstraße, die von meinem Platz aus gut einzusehen ist. Die beiden unterhalten sich. Sie scheint ihm Geld zu geben, daraufhin legt er ihr etwas in die offene Hand. Vielleicht sind es Drogen.

Kurz vor 20 Uhr fährt ein weißer Transporter langsam über den Platz. Auf dem Blech ist das Logo der Caritas zu erkennen. In roten Lettern steht „Krankenmobil“ auf dem Auto geschrieben, in schwarzen Lettern „Ambulante Medizinische Versorgung für Obdachlose“.

– beobachtet von Lukas Gebhard


20 bis 21 Uhr: Die Nacht beginnt

„Hau‘ dem halt mal auf die Fresse!“ Meine Schicht am Hansaplatz beginnt mit einem Aufreger. Gerade eben erst habe ich mich neben Lukas vor das Café XIV Heilige gesetzt. Die Rothaarige – sichtlich besoffen – rangelt mit ihrer schwarzhaarigen Freundin. Könnten Prostituierte sein, denke ich.

Die Ereignisse überschlagen sich. Die Schwarzhaarige sitzt nun auf dem Schoß eines Mannes, südländisch, schwarze Jacke, Jogginghose und Kapuze. Er lehnt an einem Fahrradständer. Die beiden küssen sich, sind eng umschlungen. Wir vernehmen Geschrei, Gepöbel – gerne unter der Gürtellinie. Der Alkoholpegel am Hansaplatz steigt.

Eine vierköpfige Gruppe erscheint. Alle sehen sie aus, als säßen sie den Tag über im Hörsaal an der Universität. „Wo lang?“, fragt einer. „Da lang!“, der andere. Die „Studenten“ bewegen sich nach links, vorbei am Kiosk und in Richtung Steindamm. Sie scheinen nicht bleiben zu wollen.

„Was los mit dir, was willst du denn?“ Das Duo, das mir schon die tolle Begrüßung auf dem Hansaplatz bereitet hatte, meldet sich zurück. „Asra! Komm mal zu mir!“ Pinkfarbenes Top mit roter Schleife in den Haaren verfolgt helles Top mit Kurven und schwarzen Haaren. Sie rennen links an unserem Tisch vorbei und verschwinden in einer Gasse, das Geschrei ist groß.

Der dürre Bieröffner

Es ist halb neun – Auftritt des nächsten Protagonisten des Abends: schwarze Haut, schmale Gestalt. Ein lautes Ploppen. Der Typ hat doch tatsächlich seine Zähne als Bieröffner benutzt. Er trägt ein T-Shirt, auf dem „Germany“ geschrieben steht – es hängt an seinem dürren Körper wie an einem Besenstiel. Drei Männer umarmen ihn und streifen ihm eine Jacke über.

Hinter dem Dürren fällt mir ein junger Mann auf. Er trägt einen schwarzen Pullover und gräbt seine Hände tief in die Hosentaschen seiner hellen, gebleichten Jeans. Seelenruhig tritt er auf der Stelle, schaut in alle Richtungen, redet mit niemandem. Ein Drogendealer?

Ein ziemlich dicker Mann mit Glatze taucht auf und nippt an seinem Bier. „Support Right Now Harbor City“ steht auf dem Rücken seines Kurzarm-Shirts. Frieren ist für ihn wohl ein Fremdwort – auch bei knapp über zehn Grad.

Der Kapuzenpulli an den Pollern hat mittlerweile einen neuen Gesprächspartner gefunden. Er scheint eine Institution am Hansaplatz zu sein. Schon seit 18 Uhr ist er vor Ort – mit ständig wechselnder Gesellschaft.

Menschen, die aussehen, als wären sie gerade aus dem Büro gekommen, lassen sich immer nur so kurz wie möglich blicken. Ein Geschäftsmann, bepackt mit Aktentasche, Rollkoffer und Rucksack, sprintet einmal quer über den Platz. Der Typ mit der gebleichten Jeans lungert immer noch an derselben Stelle herum. Zum ersten Mal macht er seinen Mund auf und unterhält sich.

21 bis 22 Uhr: Das pinke Feuerzeug

Plötzlich erhellen zahllose Scheinwerfer den Hansaplatz und erzeugen eine Atmosphäre wie bei einem Fußballspiel bei Flutlicht. Auch der hohe Alkoholkonsum erinnert an ein Fußballstadion, allerdings besteht dieser Platz aus Asphalt und geschossen wird nicht mit Bällen, sondern mit Kippenschachteln und Bierdeckeln.

Nachdem wir – die Streber mit den Blöcken und Stiften – nun drei Stunden lang ignoriert worden sind, spricht uns endlich jemand an: Der dürre Schwarze mit dem „Germany“-T-Shirt kommt an unseren Tisch. In seinem Mundwinkel hängt eine Kippe. Er hat es auf mein pinkes Feuerzeug abgesehen. Ich versuche vergeblich, ihm die Zigarette anzuzünden, bis mich mein Tischnachbar genervt anschnauzt: „Gib ihm doch einfach das Feuer, Diggah!“ Schon hat der Dürre es sich geschnappt. „Change, change!“, ruft er, wirft mir ein billiges Plastikfeuerzeug auf den Tisch und steckt mein pinkes Premium-Gerät ein. Er verschwindet.

Die Verfolgung

Nach kurzem Zögern nehme ich die Verfolgung auf. Als ich gerade aufgeben will, entdecke ich ihn hinter dem Brunnen. „Kannst du mir bitte mein Feuerzeug wiedergeben?“, sage ich und halte ihm sein Plastikding unter die Nase. Ich muss mich zu ihm herunterbücken. Mit erhobenen Armen torkelt er auf mich zu, ich weiche einen Schritt zurück. Ich versuche, seinen Blick einzufangen, doch ich sehe keine Pupillen, nur weiß. Er beginnt, etwas Unverständliches zu summen. Dabei fällt ihm die Kippe aus dem Mund.

„Somalia, Somalia, Somalia!“. Ich drehe mich um. Ein Fremder lacht mich schallend aus und weist mich darauf hin, wo der Dürre herkommt. Auch die junge Frau und der junge Mann am Brunnen lachen über mich. Ich drehe beschämt ab.

Der Hansaplatz wirkt bald wie ausgestorben, es passiert nur noch wenig. Wir beschließen, uns auf den Heimweg zu machen. Im letzten Moment sehen wir noch einmal das „Germany“-Shirt. Ich versuche ein letztes Mal mein Glück, schließlich habe ich das Feuer erst gestern gekauft. Nun stelle ich mich schlauer an: „Sorry, do you still have my lighter?“

„Lighter!“, antwortet der Dürre und zieht ohne Umschweife mein pinkes Feuerzeug aus der Jackentasche. Ich kann seine Pupillen wieder sehen. „Have a good night“, sage ich zum Abschied. Er hebt mit einem freundlichen Lächeln die Hand.

– beobachtet von Tobias Bug


Wer hat wann beobachtet?

Jana Trietsch und Sophie Schreiber waren an einem Mittwoch zwischen 15 und 18 Uhr auf dem Hansaplatz. Entstanden sind daraus die Beobachtungen am Tag. Nachts haben sich Lukas Gebhard (18 bis 20 Uhr) und Tobias Bug (20 bis 22 Uhr) an einem Montag eine Schicht geteilt.

Hintergrund

Prostitution, Alkoholismus, Drogenmissbrauch – der Hansaplatz ist ein Hamburger Brennpunkt. Momentan sorgt ein geplantes Alkoholverbot für Aufsehen. Markus Schreiber (SPD) forderte die Umsetzung von bereits 2015 geplanten Maßnahmen, um der steigenden Kriminalität entgegenzuwirken. Demnach dürften Kioske nach 18 Uhr kein Alkohol mehr verkaufen. Auch das Verbot von Glasflachen auf dem Hansaplatz unterstützt der Bürgerschaftsabgeordnete. Zusätzlich sollen „Trinkerräume“ in der Nähe des Platzes angelegt werden. (nvp)

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Für Tobias Bug, Jahrgang 1993, kann ein Fußballspiel nur dann ein Erfolg werden, wenn er den linken Schuh zuerst anzieht. Seinen eher unsportlichen Bachelorabschluss hat er an der TU München in Wirtschafsingenieurwesen gemacht. Nicht nur den ersten akademischen Erfolg verbindet er mit der bayerischen Hauptstadt: Beim Oktoberfest wurde er unschuldig für drei Stunden in Haft genommen. Journalistisch hat Tobias unter anderem bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ im Politik- und im Wirtschaftsressort gearbeitet. Beim Reisen lässt er sich gerne die Geschichten anderer Menschen erzählen, in Norwegen hat er eineinhalb Jahre gelebt. Am glücklichsten ist er, wenn er schreibt oder am DJ-Pult House auflegt. (tob)
Carl Lukas Gebhard, geboren 1993, ist gebürtiger Hamburger, also fast – er kommt aus Harburg. Seinen Bachelor und Master hat er in Göttingen in Gender Studies gemacht. In Zusammenarbeit mit dem Gleichstellungsbüro Northeim und Einbeck hat er mit Schülerinnen und Schülern Erklärvideos gedreht, zum Beispiel zu Transsexualität und Mobbing. Auch im Newsroom von FINK.HAMBURG setzt er sich für das Thema Gleichstellung ein. Seine Kühlschranktür ist voll mit Magneten aus der ganzen Welt. In Vietnam trank Lukas in sechs Stunden hundert Bier mit einheimischen Senioren – deren Sprache er danach auch etwas verstand. Ein Jahr jobbte er an der Rezeption der einzigen Jugendherberge in Sankt Moritz. Dreimal in der Woche ist er in Hamburg bouldern. Sein Ziel: krass werden. lg