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Sankt Georg

Der Hansaplatz: 30 Jahre Rausch

Der Hansaplatz (2011)
Der sanierte Hansaplatz (2011). Foto: flamenc, CC-BY SA 3.0

Prostitution, Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch – der Hansaplatz ist ein Brennpunkt in Hamburg.  War das schon immer so? Die Geschichte des Platzes ist so vielfältig wie die Menschen, die sich dort versammeln.

Trinken, tanzen, torkeln: Der Hansaplatz in den 1980ern

Ungefähr 600 Meter vom Hauptbahnhof entfernt liegt der Hansaplatz. In der Mitte befindet sich ein 17 Meter hoher Brunnen, an deren Spitze die Frauenfigur der Hansa steht. 1878 eingeweiht, symbolisiert sie die Stärke und Macht des damaligen Hansabundes. Allerdings entwickelte sich der Platz in den 1980er Jahren immer mehr zu einem Treffpunkt für Trinker. Anfangs belächelten die Anwohner die Saufgelage und Raufereien vor ihrer Haustür. Später, als Prostituierte und Drogendealer in der Gegend präsenter wurden, fühlten sich die Ansässigen nicht mehr sicher.

Rechtsradikale und Videoüberwachung

Ronald Schill, der Gründer der rechtspopulistischen „Schill-Partei“, wurde 2001 zum Hamburger Innensenator gewählt. Mit 19 246 Straftaten im Jahr war der Hansaplatz zu dieser Zeit der gefährlichste Ort der Stadt. Der ehemalige Richter versprach das Gebiet zu „entfilzen“, verstärkte die Polizeipräsenz und ging systematisch gegen Dealer und Prostitution vor. Die Maßnahmen zahlten sich aus – zumindest in den Statistiken. Die Kriminalität sank merklich. Jedoch verzeichnete die Polizei einen radikalen Anstieg von Straftaten in angrenzenden Gebieten, beispielsweise auf dem Steindamm.

2003 kam es zu einem öffentlichen Bruch zwischen Schill und Bürgermeister Ole von Beust. Der damalige Innenstaatsrat wurde verdächtigt, aus einer undurchsichtigen Nebentätigkeit Einnahmen einzustreichen. Von Beust wollte den Staatsrat entlassen, Ronald Schill war dagegen. Medienberichten zufolge versuchte Schill daraufhin den damaligen Bürgermeister zu erpressen. Schill behauptete, dass von Beust seinen angeblichen Lebenspartner Roger Kusch aus persönlichem Interesse zum Finanzsenator erklärt habe. Sollte von Beust den Staatsrat entlassen, würde er damit an die Öffentlichkeit gehen. Von Beust wandte sich an die Medien und berichtetet von der haltlosen Erpressung. Das Ergebnis des Eklats: Schill wurde aus der Regierung ausgeschlossen.

Die unter Ronald Schill eingeführte hohe Polizeipräsenz auf dem Hansaplatz nahm wieder ab. Die Zahl der Straftaten auf dem Platz stieg wieder an. Die Menschen, die zuvor auf die anliegenden Gebiete ausgewichen waren, kehrten wieder zurück. Um dem vermehrten Drogenmissbrauch und der Prostitution entgegenzuwirken, installierte die Stadt im Jahr 2007 Kameras rund um den Hansaplatz. Im Zuge eines Umbaus wurden diese zwei Jahre später wieder entfernt.

Die Kneipe Windstäke 11 auf dem Hansaplatz. Foto: Sophie Schreiber und Jana Trietsch
Die Kneipe Windstäke 11 auf dem Hansaplatz. Der frühere Beistzer starb nach einer Prügelei. Foto: Sophie Schreiber und Jana Trietsch

Neue Bäume, alter Ärger

2011 sanierte die Stadt den Platz für circa 2,5 Millionen Euro. Laut Gestaltungsleitfaden war ein Umbau nötig, um dem Hansaplatz „nach Jahren der Fehlnutzung eine neue Prägung sowie ein positives Image“ zu geben. Auf dem Platz wurden Bäume gepflanzt und bewegliche Poller aufgestellt, um den Verkehr zu regeln. Leider brachte die neue Gestaltung nicht den erhofften Erfolg. Der Hansaplatz blieb weiterhin Treffpunkt für Alkoholabhängige, Prostituierte und Drogendealer. Die Privatisierung des Hauptbahnhof-Vorplatzes im Jahr 2012 führte dazu, dass die Zahl der Obdachlosen, die sich auf dem Platz einquartierten, ebenfalls anstieg.

Mehr Schutz für Prostituierte?

Der Hansaplatz ist bereits seit 1980 ein Sperrgebiet für Sexarbeit. Verstöße gegen das Prostitutionsverbot wurden bis 2012 nur in wenigen Fällen bestraft. Bußgelder mussten bis dahin nur Prostituierte bezahlen. Anwohner und Zugezogene gingen ab 2010 vermehrt gegen die Straßenprostitution vor. Die Initiative Hansaplatz forderte eine konsequente Umsetzung der Speergebietsverordnung. Die Stadt reagierte auf die Forderungen: Seit sechs Jahren gilt auf dem Hansaplatz das Kontaktverbot. Dies besagt, dass es verboten ist, „auf öffentlichen Straßen, Wegen, Plätzen und Anlagen sowie an sonstigen Orten, die von dort aus eingesehen werden können, zu Personen Kontakt aufzunehmen, um sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt zu vereinbaren“. Werden Freier und Prostituierte erwischt, drohen hohe Geldstrafen.

Das Kontaktverbot ist seit der Einführung stark umstritten. Die vermehrten Polizeikontrollen führen dazu, dass Prostituierte schwerer Kontakt zu Kunden aufnehmen können. Viele der ehemaligen Freier trauen sich nicht mehr auf den Hansaplatz. Bei einem Verstoß gegen das Verbot müssen beide hohe Bußgelder bezahlen. Dies wirkt sich negativ auf die Einnahmen der Sexarbeiter aus. Außerdem kommen viele Prostituierte aus dem Ausland und sprechen nur schlecht Deutsch. Einige können nicht lesen und schreiben, die Aussichten auf einen millieufernen Job sind demnach gering. Um die Bußgelder zu bezahlen, müssen die Betroffenen also wieder anschaffen gehen.
Hinzukommt, dass die Prostituierten leichter körperlicher Gewalt zum Opfer fallen können. Die Kontaktaufnahme erfolgt in abgeschirmten Bereichen und Räumen, sodass die Sexarbeiter gefährlichen Situationen alleine gegenüberstehen. Vergewaltigungen und Übergriffe auf Prostituierte haben laut der Hilfsorganisation Ragazza e.V. seit dem Kontaktverbot zugenommen. Trotz des Verbots kann die Polizei keinen Rückgang der Prostituition auf dem Hansaplatz feststellen.

Das Forum Hansaplatz

Im September 2014 machten die Anwohner des Hansaplatzes ihrem Ärger in einem offenen Brief an den Bürgermeister Luft. In dem Schreiben forderten die Bewohner mehr Überwachung und eine verstärkte Polizeipräsenz, da sie sich auf dem Hansaplatz nicht mehr sicher fühlten. Auch die große Lärmbelästigung und die Vermüllung des Platzes führte vermehrt zu Unzufriedenheit. Die Koalition reagierte und gründete 2015 das offene Forum Hansaplatz. Hier können Betroffene zu Wort kommen und es wird zwischen der Stadt und den Bewohnern vermittelt. Die Koalition aus SPD und den Grünen versprach bei der Gründung des Forums, nachhaltige Lösungen aufzuzeigen. Im Juni 2015 beschloss die Bezirksversammlung Mitte einen konkreten Maßnahmenkatalog – umgesetzt wurde bisher noch nichts.

Gruppen, die sich auf dem Hansaplatz versammeln
Gruppen, die sich auf dem Hansaplatz versammeln. Foto: Sophie Schreiber und Jana Trietsch

Alkoholverkaufsverbot und Trinkerräume

Das soll sich nun ändern. „Die Zustände sind den Bürgern nicht mehr zuzumuten“, sagte  der momentane Bezirksleiter Falko Droßmann (SPD) dem Hamburger Abendblatt. Um die Situation zu verbessern, möchte die Bürgerschaft die geplanten Maßnahmen nun konsequent umsetzen. Dazu zählen unter anderem ein Alkoholverkaufsverbot für die Kioske sowie ein Glasflaschenverbot. Der Abgeordnete und Vorsitzende des Bürgervereins, Markus Schreiber (SPD), fordert, dass auf dem Hansaplatz und Umgebung ab 18 Uhr der Verkauf von Alkohol verboten wird. Desweiteren prüften der Bezirk und die Sozialbehörde, ob offene Trinkerräume in St. Georg geschaffen werden können. Eine konkrete Planung dieser Trinkerplätze gibt es bisher nicht. Der Hansaplatz ist momentan vermehrt in den Schlagzeilen, weil sich die Bürgerschaft ernsthaft mit einem Alkoholverkaufsverbot beschäftigt. Die rechtliche Grundlage für ein Verbot könnte demnach tatsächlich in der nächsten Zeit geschaffen werden.

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Nadine von Piechowski, Jahrgang 1992, studiert in dem Gebäude, in dem sie geboren wurde: die Finkenau 35, früher eine Geburtsklinik, heute die HAW Hamburg. Bislang hat sie nur nördlich der Elbe gelebt: In Kiel und Kopenhagen studierte sie Geschichte und Archäologie. Nadines ursprünglicher Plan: ein weiblicher Indiana Jones werden. Hut und Peitsche hat sie als Ausrüstung zum Abschluss schon geschenkt bekommen. Trotzdem will sie lieber in den Journalismus. Nadine absolvierte diverse Praktika, etwa in der Pressestelle des Bundes für Natur und Umweltschutz und bei „Radio Hamburg“ in der Redaktion. Beim Helms-Museum in Harburg lektorierte sie einen Ausstellungskatalog. Sie schreibt unter anderem für den Blog „Typisch Hamburch“. In ihrer Freizeit spielt sie Handball und versucht, mit ihrem bienenfreundlichen Balkon die Welt zu retten. Kürzel: nvp

2 KOMMENTARE

  1. Leider ist dieser Beitrag an manchen Stellen ungenau.
    In den 1980er bis in die 1990er Jahre war es vor allem die offene Drogenszene, die am Hansaplatz zu finden war. Junkies saßen rund um den Hansabrunnen und setzten sich dort ihren „Schuss“. Oft hinterließen sie ihr benutztes Spritzbesteck in Hauseingängen. 1997 nahm das Drob Inn am Besenbinderhof seinen Betrieb auf – seit dem sind die Drogenabhängigen dort zu finden.

    Die Einführung der Poller und die Verkehrsberuhigung führte dazu, dass der sogenannte „Freierkreisel“ ein Ende nahm und sich die Prostitution vor allem in die Seitenstraßen – Bremer Reihe, Brennerstraße, Ellmenreichstraße und Robert-Nihl-Straße – verlagerte. Vorher fuhren die Freier in ihren Autos um den Hansaplatz herum, um eine Prostituierte zu finden.

    Die Sanierung der Bühnenmaschinerie im Deutschen Schauspielhaus 2012/2013 führte dazu, dass der sogenannte „Hausfrauenstrich“, der bis dahin in der Ellmenreichstraße zu finden war, weitgehend verschwunden ist.

    In der Diskussion stehen derzeit vor allem die Kioske am Hansaplatz, die billigen Alkohol anbieten und so die Trinkerszene zusätzlich stärken.

    Der Link zum Forum Hansaplatz führt zu einer Seite in Friesoythe. Soweit mir bekannt ist, gibt es für diese Forum keine Internetpräsenz.

    Viele Grüße

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