Der Hamburger Radfahrer Axel Füllgraf schreibt wöchentlich etwa 70 Anzeigen gegen AutofahrerInnen, die auf Radwegen parken und riskant überholen. Über seinen Twitter-Kanal erntet er dafür Lob – auf der Straße werden ihm Prügel angedroht.

Er trägt Schirmmütze und Sonnenbrille, um sich gegen die grelle Mittagssonne zu schützen. Unter dem Arm hat er seinen Fahrradhelm, auf dem eine kleine Kamera befestigt ist. Sein schwarzes Rad hat er an einen Baum gekettet.

Dass Axel Füllgraf ambitionierter Radfahrer ist, ist unschwer zu erkennen. Seiner Meinung nach dürften sich nur diejenigen Radfahrer nennen, die das ganze Jahr, bei Wind und Wetter, das Rad dem Auto oder der Bahn vorziehen. Alle, die ihre eingestaubten Räder nur an schönen Tagen aus dem Keller holen, nennt er Radfahrende.

Füllgraf setzt sich für sicherere Straßen in Hamburg ein. Dafür zeigt er wöchentlich etwa 70 Autofahrer an, die RadfahrerInnen und Radfahrende gefährden. Sei es durch das Zuparken von Radwegen oder durch zu enges Überholen. Auf seinem Twitter-Account schreibt der 34-Jährige regelmäßig darüber.

FINK.HAMBURG: Du zeigst wöchentlich 70 AutofahrerInnen an. Wieso?

Axel Füllgraf: Weil es sonst nicht aufhört (er seufzt). Ich beobachte ständig, wie Polizeiautos einfach an Falschparkern vorbeifahren. Die Gefahr, aufgeschrieben zu werden, ist gering. Und das ist tragisch: Wenn Autos auf dem Radweg stehen, muss ich auf die Straße ausweichen. Oder auf den Gehweg, was ich nicht darf. Wenn ich alles richtig machen will, müsste ich anhalten, vom Fahrrad absteigen, auf den Gehweg gehen, mein Rad um das Auto herum schieben, wieder aufsteigen und weiterfahren. 

Das sagt Stephanie Krone, Pressesprecherin des ADFC-Bundesverband, dazu: „Sticker auf Wasserbasis, die leicht und rückstandslos zu entfernen sind, sind rechtlich unproblematisch, wenn sie die Verkehrssicherheit nicht gefährden, also nicht im Sichtfeld des Fahrers oder auf dem Seitenspiegel aufgeklebt werden. Generell sollen die Sticker Autofahrer sensibilisieren und an Behörden appellieren, Falschparker auf Radwegen zu sanktionieren und bei Gefährdung konsequent abzuschleppen.“

Gibt es keine andere Möglichkeit, als Anzeigen zu schreiben?

Reden bringt nicht so viel. Ich hab’s versucht. Falschparkern habe ich eine Zeit lang diese netten kleinen Sticker auf die Seitenscheibe geklebt, auf denen steht „Parke nicht auf unseren Wegen“. Natürlich nicht im Sichtbereich. Solange die nicht auf dem Lack kleben, ist das keine Straftat. Aber die Sticker werden konsequent ignoriert. Die einzige Besserung tritt tatsächlich ein, wenn man den Leuten an den Geldbeutel geht.

Wie viel kostet Falschparken?

Es sind immer nur 20 oder 30 Euro, je nachdem, was die Bußgeldstelle draus macht. Aber bei manchen sind das dann fünf mal die Woche 20 Euro. Und die zweite Woche wieder. 

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Ein Sticker weist diesen Fahrer auf sein Vergehen hin. Foto: Axel Füllgraf

Zeigst Du nur FalschparkerInnen an?

Neben Radweg-Parkern, Zweite-Reihe-Parkern und Leuten, die ihr Auto in einer Kurve abstellen, gibt es im fließenden Verkehr immer wieder Situationen, in denen ich ausgebremst werde. Oft überholen mich Autos, ohne mit den linken Rädern über den Mittelstreifen zu fahren. Das ist viel zu nah an mir dran!

Wenn ich Leute mit Handy am Steuer sehe, spreche ich sie darauf an, wenn wir an einer Ampel warten müssen. Da frage ich übrigens auch nach, ob Autofahrern aufgefallen ist, dass sie gerade viel zu nah an mir vorbeigefahren sind. 

In der Stadt ist es auch dann erlaubt, mit dem Fahrrad auf der Fahrbahn zu fahren, wenn ein Radweg vorhanden ist. Eine Benutzungspflicht gilt nur, wenn der Radweg wie folgt ausgezeichnet ist:

AnzeigenRadweg

AnzeigenGemeinsamer Fuß- und Radweg

AnzeigenGetrennter Fuß- und Radweg

Was kommen für Antworten?

Ich wurde mal gefragt, mit welchem Recht ich anderen das Überholen verbiete. Meine Antwort war: Straßenverkehrsordnung. Artikel 1 bis 7 passen ganz gut. Aber ich ärgere mich nicht mehr so doll wie früher. Die Leute anzuschreien bringt nix. Nachher fahren die verärgert mit durchgetretenem Gaspedal los und gefährden den Nächsten. Ich habe schon Angst, dass die Leute aussteigen und mir auf die Fresse hauen.

Ist sowas schon mal passiert?

Androhungen dazu gab es oft genug. Deshalb möchte ich hier auch nicht mit einem aktuellen Foto von mir veröffentlicht werden.

Von AutofahrerInnen kommt oft das Argument, die RadfahrerInnen sollen doch auf den Fahrradwegen fahren statt auf der Straße.

Die Stadt Hamburg könnte eigentlich die Radwegbenutzungspflicht aufheben. Die benutzungspflichtigen Radwege, die auch benutzbar sind, kann man an einer Hand abzählen. Die meisten sind entweder kaputt, zugewachsen oder haben eine unmögliche Verkehrsführung. Manche Radfahrende wissen außerdem nicht, dass man auf dem Radweg nicht in die falsche Richtung fahren darf. Wenn dann irgendwo ein Auto im Weg steht, wird es einfach zu eng.

Die Radschutzstreifen, die auf die Straße gepinselt sind, befinden sich oft genau im Dooring-Bereich. Das ist der Bereich, in dem es gefährlich wird, wenn bei einem geparkten Auto plötzlich die Tür aufgeht. Da fährt man dann mit 30 km/h gegen die Stahlkante der Tür und braucht im besten Fall nur neue Zähne.

Ich selbst fahre deshalb relativ mittig auf der Straße. Einen Meter Abstand zum Bordstein sollte man mit dem Fahrrad mindestens halten. Wenn jemand unerwartet auf die Straße tritt, hat man dann zumindest noch die Chance auszuweichen oder abzubremsen. So steht es auch in der Straßenverkehrsordnung, Paragraf 1: Jeder muss sich so verhalten, dass er sich oder andere nicht gefährdet. 

Wie ist dein Verhältnis zu der Hamburger Polizei?

Wenn sie dazu gerufen werden, weil jemand auf dem Radweg steht, kommt es vor, dass sie angefahren kommen und selbst auf dem Radweg parken. Einmal hat der Polizist dann beim Einsteigen in den Dienstwagen festgestellt: „Hm, wir stehen jetzt aber auch nicht ganz ok.“

Sind die genervt von Dir?

Garantiert. Als ich noch täglich im Polizeikommissariat vorbeigegangen bin, wurde ich nur noch gefragt: „Brauchen wir einen kleinen oder einen großen Zettel?“ Als sie meinen Namen kannten und meinen Ausweis nicht mehr sehen wollten, ging das ganze Prozedere viel schneller. 

Man kann die Anzeigen auch per E-Mail an das Ordnungsamt schicken, auf deinem Blog ist eine Anleitung. Das geht doch bestimmt schneller.

Ja, die Möglichkeit nutze ich jetzt. Täglich kommen etwa zehn Anzeigen zusammen und so eine E-Mail dauert eine Minute oder zwei. Das geht zügig. Die Beweisfotos schicke ich dann im Anhang gleich mit.

Wie reagieren die AutofahrerInnen, wenn Du ein Foto von ihnen machst?

Die Diskussion ist üblicherweise:

Autofahrer: Du darfst kein Foto von meinem Auto machen.
Ich: Doch darf ich. Das ist öffentlicher Raum und dein Auto hat keine Persönlichkeitsrechte.
Autofahrer: Dann mache ich jetzt auch ein Foto von Dir.
Ich: Ne, dürfen Sie nicht.
Autofahrer: Wieso?
Ich: Ich habe Persönlichkeitsrechte.

Kriegst Du mit, ob deine Anzeigen einen Effekt haben?

Die Bußgeldstelle darf mir keine Informationen geben, da greift der Datenschutz. Letztendlich merke ich aber, dass Autos plötzlich nicht mehr an ihrem üblichen Platz stehen. Manchmal aber an einer anderen Stelle, wieder falsch.

Vor Kurzem ist auf der Osterstraße eine 33-jährige Radfahrerin gestorben. Warst Du beim Ride of Silence?

War ich. Ich finde das wichtig, das setzt auch politisch ein Zeichen. Dass einige Autofahrer kein Verständnis dafür hatten, dass wir als große Gruppe an den jeweiligen Unglücksorten für einige Minuten den Verkehr zum Erliegen gebracht haben, war sehr bezeichnend für das Problem. Im Rückstau wurde laut gehupt und der Fahrgast eines Taxis hat sich sogar aus der Scheibe gelehnt und uns im Vorbeifahren als Idioten beschimpft. 

Beim Ride of Silence wird jährlich den auf öffentlichen Straßen getöteten und verletzten Radfahrerinnen und Radfahrern gedacht. Am 16. Mai fand die Ausfahrt in Hamburg statt. Gewidmet war sie unter anderem der in der Osterstraße verunglückten Radfahrerin.

Die Punkte, die beim Ride of Silence angefahren wurden, waren alles Orte, an denen Radfahrer zu Tode gekommen sind. Darunter waren auch Freunde von Freunden. Die Angehörigen weinend am Straßenrand stehen zu sehen, war hart.

Du sprichst von einem politischen Zeichen. Hast Du Wünsche an die Stadt Hamburg?

Geschützte Radwege, die durch Poller von der Fahrbahn abgesetzt sind, wären wünschenswert. Mit Farbe auf die Straße gemalte Radfahrstreifen schaffen keine vernünftige Infrastruktur und schützen niemanden. Oft werden sie als Parkstreifen von Autofahrern missbraucht. Die Hamburger Politik könnte sich zudem ein Vorbild am Berliner Mobilitätsgesetz nehmen und Parkplätze in Fahrrad-Stellflächen umwandeln. Wenn mehr Leute das Fahrrad oder die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, haben wir alle mehr Platz auf den Straßen.

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Melina Deschke, geboren 1992, kommt aus dem Pott. In Hamburg hat sie sich schon 2013 verliebt, während einer Hospitanz bei der Gaming-Sendung „Reload“, die vom ARD-Digitalkanal „Einsplus“ ausgestrahlt wurde. Dort sammelte sie ihre ersten Erfahrungen im Videoschnitt. Bereits zuvor spielte sie bei einem Praktikum in der Redaktion von „Vorzocker“ beruflich Videospiele. In Düsseldorf studierte sie Kommunikationsdesign und fand heraus, dass sie lieber kommuniziert als designt. Für den Hochschulsender „Paradise Park“ berichtete sie von Kunst- und Kulturveranstaltungen. Im Falle einer Zombie-Apokalypse wird Melina zu den wenigen Überlebenden gehören: Für ihre Bachelorarbeit schaute sie mehr als 100 Zombie-Filme. Kürzel: meld