Fahrradstadt
Auf der westlichen Alsterseite wurde der Harvestehuder Weg zu einer Fahrradstraße umgebaut. Dort haben die Radfahrenden offiziell Vorrang. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Hamburg wird nicht von alleine zur Fahrradstadt. Es braucht große und mutige Entscheidungen, die dem Radverkehr konsequent mehr Raum geben und den Autos Platz wegnehmen. Damit lassen sich heute wohl auch Wahlen gewinnen.

Östlich der Alster, zwischen Schwanenwik und Kennedybrücke, ist es für Radfahrer besonders gefährlich. Auf dem engen und kurvigen Weg fahren – in Konkurrenz mit Joggern, Spaziergängern und anderen Radfahren – täglich bis zu 14.000 Menschen. Jede Fahrt wird zur Adrenalindusche. Gleich nebenan schieben sich derweil etwa 70.000 Autos und Lkws gemächlich über fünf breite Spuren. An Stellen wie dieser kann der Senat zeigen, ob er es ernst meint mit der Fahrradstadt Hamburg.

Hamburg braucht Mut & Konsequenz

Ein Umbau ist gewiss nicht einfach, aber unabdingbar. Östlich der Alster muss man auf mindestens eine Straßenspur und einige Parkplätze verzichten, um den vielen Radfahrern, Sportlern und Fußgängern an der Alster genügend Raum für ein sicheres Miteinander zu bieten. Jahrzehnte bevorzugte die Politik den Autoverkehr, jetzt ist die Zeit gekommen, den anderen Verkehrsteilnehmern mehr Platz zu geben. Denn es werden immer mehr.

Sprich: Der Senat muss den Autos und Lkws konsequent Platz wegnehmen – zumindest an Abschnitten wo viel Fahrrad gefahren wird. Dazu zählen auch Parkplätze. Die verbleibenden Parkplätze müssen mindestens so viel wie ein Tagesticket für den HVV kosten, um die Zahl der Fahrzeuge automatisch zu reduzieren. Verkehrswissenschaftler Hermann Knoflacher hat diesen Plan in Wien durchgesetzt und sagt gegenüber dem „Spiegel“: „Verkehr besteht immer aus Start und Ziel. Wenn das Ziel sehr teuer ist, fällt die Fahrt mit dem Auto aus.“

Fahrradstadt: Die Verkehrsflächen „An der Alster“ als Zukunftsszenario: So könnte es im Jahr 2030 vor dem heutigen Atlantic-Hotel aussehen.
Die Verkehrsflächen „An der Alster“ als Zukunftsszenario: So könnte es im Jahr 2030 vor dem heutigen Atlantic-Hotel aussehen. Visualisierung: ARGUS Stadt und Verkehr

So ein großer und mutiger Plan fehlt in Hamburgs Radverkehrspolitik leider noch. Bislang führen die Fahrradwege wahllos über Radfahrstreifen mit durchgezogenen Linien, über gestrichelte Schutzstreifen, Fahrradstraßen, inmitten des Verkehrs oder auf dem Gehweg neben Fußgängern. Das nervt und ist lebensgefährlich. Es muss ein übergeordnetes Konzept her.

In anderen Städten klappt‘s auch

Für diesen Schritt braucht es mutige Verantwortliche in der Politik. Wobei: Mit fahrradfreundlicher Planung lässt sich mittlerweile sicher auch eine Wahl gewinnen. In einer Zeit, in der sich die „Hamburger Morgenpost“ auf großen Plakaten für mehr Radwege ausspricht und der Axel Springer Verlag neben seinen Automagazinen eine eigene Publikation für Radfahrer herausgibt, ist das nicht unwahrscheinlich.

Andere Städte zeigen, wie es gehen kann: In Kopenhagen und Amsterdam sind die Bedingungen für Radfahrer seit Jahren um einiges besser als in Hamburg. In Utrecht etwa wird gerade das größte Fahrradparkhaus der Welt gebaut, Radfahrer haben hier längere Grünphasen als Autofahrer und breite Radwege bieten sogar dem Lastenradverkehr genug Platz.

Auch in Wien wurde der Anteil an Autos im Straßenbild stark reduziert, indem man Flächen – vor allem zugunsten des ÖPNV – umverteilt hat. „Wir haben die Autofahrer genervt. Wir haben Straßen verengt und systematisch Stau erzeugt“, sagt Knoflacher. Die Praxis in anderen Ländern zeigt: Radfahren muss nicht nur die schnellste und günstigste Art sein, sich in der Stadt fortzubewegen, sondern auch die komfortabelste. Es kann klappen!

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Lennart Albrecht, Jahrgang 1991, hat Olaf Scholz schon einmal drei Monate lang fast täglich auf Schritt und Tritt verfolgt – mit dessen Einverständnis, im Rahmen eines Praktikums beim Hamburger Senat. Auch Hamburgs Herz kennt er besser als die meisten: Im Nebenjob moderiert er Bustouren durch das Hafengelände, und sogar bei einem Praktikum in Hongkong warb er schon für die Vorzüge der Hansestadt. Bei der Reederei Hamburg Süd schrieb er für das Mitarbeitermagazin und half, Messen zu organisieren. Seinen Bachelor in Media Acting und Rhetorik machte er an der Hamburger Medienakademie. Für die Dokumentation „Die Norm“ begleitete Lennart Spitzensportler auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. Er selbst fährt gern Rennrad – zum Mediencampus Finkenau aber kann er von zu Hause aus zu Fuß gehen. Kürzel: la

2 KOMMENTARE

  1. Keine Fake News bitte: das größe Fahrradparkhaus der Welt ist m.W. schon in Betrieb in Utrecht, seit 2017. Ansonsten richtig: wer gute Bedingungen für Rad- und Fußverkehr schaffen will, muss An der Alster am Ostufer dem Autoverkehr einiges wegnehmen. Und das braucht Mut, gerade in Hamburg!

    • Lieber DeGü, vielen Dank für Deinen Beitrag.
      Ein Teil des Fahrradparkhauses für 6.000 Räder ist bereits fertig. Ein zweiter Abschnitt für weitere 6.500 Räder soll im Laufe dieses Jahres eröffnen. Darüber berichtete zum Beispiel auch das Fachblatt Bauwelt.
      Viele Grüße, FINK.HAMBURG

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