Griechisches Restaurant
Eine Familie, ein Team: Mutter Cristina und Tochter Athanassia im Lindenhof. Foto: Paula Loske-Burkhardt

Zwei Menschen, ein Leben: Cristina und Athanassia verbringen als Mutter-Tochter-Gespann jeden Tag zusammen. Gemeinsam betreiben sie das griechische Lokal Lindenhof.

„Auszeit voneinander? Haben wir nicht!“, sagt Cristina Triandafillidou (67). Mutter und Tochter sitzen nebeneinander in ihrem Restaurant Lindenhof in Hamburg-Heimfeld. Seit 30 Jahren gibt es das Restaurant schon, diesen September feiert es Jubiläum. Cristina eröffnete das Lokal damals zusammen mit ihrem Mann. Heute führt sie es zusammen mit Tochter Athanassia Triandafillidou (41) und Schwiegersohn Georgios Avitidis (40), offiziell sind beide bei Cristina angestellt.

Das Haus mit grün-weißem Anstrich bietet Platz für 120 Gäste. Ein hölzernes Wagenrad und unzählige griechische Vasen schmücken die drei Räume des Lokals. An der Bar findet man Ouzo und griechische Weine, das Mobiliar ist aus dem gleichen dunklen Holz wie die Balken, die die Räume stützen.

Lindenhof Heimfeld
Das Restaurant Lindenhof in Hamburg-Heimfeld. Foto: Thoya Urbach

Sechs Tage die Woche, häufig bis nach Mitternacht, arbeitet die Familie im Restaurant. Mutter Cristina und Tochter Athanassia kellnern, Schwiegersohn Georgios ist Springer und hilft da, wo man ihn gerade braucht. Mit ihnen arbeiten fünf Angestellte im Lindenhof. Obwohl Cristina und Athanassia sich durchgehend sehen, streiten sie kaum.

Montags haben sie frei, da ist Ruhetag. Den hat die Familie vor rund drei Jahren eingeführt, als Cristinas Mann krank wurde. Davor hatte das Restaurant täglich geöffnet, jeder hatte an einem anderen Wochentag frei. „Jetzt gehen wir montags zusammen essen, mal zum Griechen, mal zum Italiener“, sagt Cristina. Von Sonntagabend bis Dienstagmittag können sie abschalten, Zeit mit den Kindern verbringen oder auch kurz verreisen. Einmal im Jahr hat die Familie länger frei: In den Sommerferien schließt das Restaurant für vier Wochen. Dann reist Athanassia mit Mann, Kindern und Mutter Cristina nach Chalkidiki, um die Verwandtschaft zu besuchen. Das liegt in der Nähe von Thessaloniki, wo die Familie ursprünglich herkommt. Selbst die Ferien verbringen Cristina und Athanassia also zusammen, sie sehen sich an 365 Tagen im Jahr.

„Sie denkt alt und wir denken neu“

Fragt man Athanassia, ob sie sich griechisch fühlt, schüttelt sie den Kopf. „Ich habe ja nicht einmal Kontakt zu Griechen, also wirklichen Griechen-Griechen“, sagt sie. Zwar genieße sie es, Zeit in Griechenland zu verbringen, könne sich aber nicht vorstellen, dort zu leben. „Nach drei Wochen langweile ich mich, dann will ich schon wieder nach Hause“, sagt sie. Und obwohl sie im Restaurant mit ihrer Mutter Griechisch spricht, versteht Athanassia in ihrem Herkunftsland nicht alles. Die Sprache verändert sich so schnell, erklärt sie, dass sie viele neue Wörter gar nicht kennt.

Für die Familie ist es selbstverständlich, alle Entscheidungen zusammen zu treffen. Meinungsverschiedenheiten bleiben nicht aus. „Sie denkt alt und wir denken neu. Trotzdem arbeiten wir gut zusammen“, sagt Athanassia über ihre Mutter. Diese sei zwar die Chefin, lasse die jüngere Generation aber machen. Sätze wie: „Entscheidet ihr, ihr werdet noch lange hier arbeiten, nicht ich“, sagt sie dann zu ihrer Tochter.

Die dritte Generation möchte mit dem Lindenhof nichts zu tun haben

Noch in diesem Jahr geht Cristina in Rente. Bleibt der Lindenhof dann ein generationsübergreifendes Restaurant? „Meine Mutter geht zwar in Rente, aber das Restaurant bleibt ihr Baby“, findet Athanassia. „Sie hat es mit meinem Vater aufgebaut. Sie soll so lange bleiben, wie sie will.“

Außerdem wohnt Cristina direkt über dem Restaurant, das Lokal bleibt also weiterhin ihr Zuhause. Über dem Arbeitsplatz zu wohnen ist praktisch, aber auch anstrengend. Für Athanassia kommt das deshalb nicht mehr in Frage. „Du kommst nie wirklich raus, auch nach Feierabend nicht“, sagt sie. Die räumliche Trennung von Arbeitsplatz und Wohnort hilft ihr abzuschalten.

griechisches Restaurant
Das Restaurant bietet Platz für mehr als 100 Gäste. Foto: Thoya Urbach

Für Athanassia ist es selbstverständlich, das Restaurant ihrer Mutter weiterzuführen. Das ist in der jüngsten Generation der Familie anders. Der zwölfjährige Sohn und die vierzehnjährige Tochter von Athanassia und Georgios haben ganz andere Pläne, möchten lieber studieren. Ins Restaurant kommen sie nur nach der Schule zum Essen. Dass die Eltern so wenig Zeit für sie haben, finden sie nicht schön. Ein krasser Unterschied zwischen den Generationen: Oma und Mutter sehen sich täglich, Mutter und Kinder kaum.

An den sechs Arbeitstagen bleibt wenig Raum für Freizeit. Ab und zu gehen Athanassia und Georgios nach Ladenschluss in ein Lokal von befreundeten Gastronomen. Zum Abschalten und auch, um noch etwas vom Feierabend zu haben. Manchmal nimmt Athanassia auch ihre Mutter mit, zwingt sie, mal rauszukommen. Von der Arbeit brauchen sie beide mal eine Pause, nur voneinander brauchen sie die nicht.

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Als Fitnesstrainerin spornt Thoya Maria Urbach, Jahrgang 1994, mehrmals in der Woche bis zu 30 Leute zu Höchstleistungen an. Studiert hat sie Kulturwissenschaften in Lüneburg und Barcelona und dabei das Schreiben für sich entdeckt. Bei der „Brigitte“ hospitierte sie in der Onlineredaktion. Während eines Praktikums in der Unternehmenskommunikation bei Deutschlands größter Containerreederei faszinierte sie die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt. Die Hamburgerin schippert in ihrer Freizeit gerne mit der Fähre über die Elbe, ist aber auch in anderen Städten unterwegs – etwa in St. Petersburg. Denn etwas Russisch kann sie auch. Kürzel: tmu
Paula Loske-Burkhardt, Jahrgang 1995, dippt gerne italienische Pizza in Apfelmus. Bislang war PR ihr Spezialgebiet: Ihren Bachelor in Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation machte sie an der FH Kiel. Während des Studiums hat sie bei einer Fluggesellschaft und in der Pressestelle der Hochschule gearbeitet. Der höchste Berg, den sie je bestiegen hat, ist über 4000 Meter hoch und steht auf Borneo, jedes Jahr wandert und klettert sie in den Alpen. Sie hat ein Jahr in Brasilien gelebt und reist auch sonst gern durch Lateinamerika. Unterwegs übernachtet sie auf den Couches von Fremden. In Griechenland hat sie drei Tage bei einer 90-Jährigen und deren Sohn gewohnt, obwohl sie sich mit beiden rein gar nicht verständigen konnte. Immerhin musste sie so nicht am Strand schlafen. pal