Robert Hodel ist Professor für Slavistik an der Universität Hamburg. Im Interview mit FINK.HAMBURG spricht er über den Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland durch britische Politiker, die aktuelle rechtsstaatliche Lage in dem Land und Präsident Wladimir Putin.

FINK.HAMBURG: Im März wurde ein russischer Ex-Spion Opfer eines Giftanschlags in Großbritannien. Nun wollen hochrangige britische Regierungsmitglieder und die königliche Familie nicht zur Fußball-Weltmeisterschaft im Juni und Juli nach Russland reisen. Halten Sie das für die richtige Reaktion?

Robert Hodel ist Slavistik-Professor an der Universität Hamburg.
Robert Hodel ist Slavistik-Professor an der Universität Hamburg. Foto: Robert Hodel

Prof. Dr. Robert Hodel: Die Frage ist, ob England überhaupt anders reagieren kann. Es ist zu spät, um von der Position abzurücken, dass Russland an dem Anschlag beteiligt gewesen ist. Aber am letzten Dienstag hat die britische Polizei einen weiteren Bericht über die Ermittlungen im Fall Skripal veröffentlicht. Der zeigt: Trotz großem Aufwand weiß man noch nichts über die Täter. Von Spuren, die nach Russland führen, ist im Bericht nicht die Rede. Die Ausweisung von 140 russischen Diplomaten kurz vor den Wahlen hat meines Erachtens also keine rechtliche Grundlage. Offenbar musste auch die Bundesregierung vor dem parlamentarischen Kontrollausschuss eingestehen, dass man von der britischen Regierung keine Beweise erhalten hat.

Wie können Großveranstaltungen wie eine Fußball-WM als Gelegenheit zum Brückenschlag genutzt werden?

Vor allem sehe ich eine Chance für die Zuschauer. Von den knapp 2,4 Millionen Tickets sind 56 Prozent ins Ausland verkauft worden. Interessant ist, dass die meisten Tickets in die USA verkauft worden sind, gefolgt von Brasilien, Deutschland, Kolumbien, Mexiko, Argentinien, China und auch England. Letzten Dienstag waren bereits über 30.000 Tickets an England verkauft. Viele dieser Fans werden ein Russland kennenlernen, das sie sich zuvor nicht hätten vorstellen können. Ich bin der Überzeugung, dass viele Konflikte durch eine erhöhte Dialogbereitschaft entschärft werden können.

Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck blieb 2014 den Olympischen Winterspielen in Sotschi fern – als Zeichen gegen Menschenrechtsverletzungen in Russland. Was halten Sie davon?

Rebecca Harms, Europa-Abgeordnete von den Grünen, hält Gauck für ein Vorbild. Tatsächlich kann sich das Präsidentenamt leisten, mehr nach moralischen als wirtschaftlichen Maßstäben zu handeln. Ich glaube, das ist auch ein gutes Gegengewicht zur Realpolitik. Trotzdem will ich meinen, dass gerade ein Bundespräsident den Dialog suchen sollte. Bei der WM 1978 in Argentinien, als das Land vom Militär herunterregiert wurde, verteilte man Anstecker mit dem Spruch „Fußball ja, Folter nein.“ Das ist vielleicht der konstruktivere Weg. Grundsätzlich hat die Beteiligung von Politikern an solchen Veranstaltungen aber eher symbolischen Charakter.

Hat Joachim Gaucks Boykott denn etwas in Russland bewirkt?

Ich glaube, in Russland prallen solche Boykotte weitgehend ab. Es ist nicht so, als würde man sich in Russland nicht am Westen orientieren. Präsident Wladimir Putin orientiert sich sehr stark am Westen. Vor allem: Die Menschen fühlen sich als Europäer, also in keiner Weise sind sie Asien zugeneigt – speziell in der Wirtschaft.
Aber es gibt eine Trotzreaktion auf Handlungen wie Boykotte. Symptomatisch ist, was Putin in einem Gespräch letzte Woche mit einem chinesischen Journalisten gesagt hat: „Sanktionen und Einschränkungen überraschen uns nicht, und sie erschrecken uns nicht und werden uns nie zwingen können, uns von unserer Souveränität loszusagen. Ich gehe davon aus, dass Russland entweder souverän oder überhaupt nicht sein wird.“

 Wie bewerten Sie die allgemeine rechtsstaatliche Lage in Russland?

Ich denke, dass die Defizite, von denen in unserer Presse berichtet wird, meist zutreffen: Korruption und dadurch bedingt eine relativ hohe Willkür im Umgang mit dem Einzelnen sind ein großes Problem. Es handelt sich um eine Korruption, die in sämtliche Lebensbereiche hineinragt. Wenn Sie schnell operiert werden wollen, müssen Sie bezahlen, Noten an den Universitäten können gekauft werden, Promotionen werden nach Klientelpolitik und Parteibüchlein vergeben, vor allem in der Provinz.
Trotzdem bin ich zum Teil irritiert über die übliche Berichterstattung hier. Der Begriff des Rechtsstaats wird im Umgang mit Russland zu wenig selbstkritisch verwendet. Rechtsstaatlichkeit ist kein Zustand, er ist ein Ideal, das beständig angestrebt werden muss. Warum ist es möglich, dass in Luxemburg Apple, Amazon, Ebay, Heinz, IKEA, Deutsche Bank weniger als ein Prozent Steuern zahlen? Warum kann es sich ein Bundeskanzler Kohl leisten, das Ehrenwort über das Gesetz zu stellen? Unsere Banken sind an der Korruption in Russland vielleicht nicht weniger beteiligt als einige Oligarchen.

Wie ist im Speziellen die Lage der Pressefreiheit in Russland?

Es ist bestimmt so, dass in den letzten beiden Amtszeiten von Putin die kritischen TV-Kanäle auf Linie gebracht worden sind oder massiv eingeschränkt worden sind, wie beispielsweise „Dozhd´“. Es gibt offizielle Fernsehkanäle, auf dem ersten Kanal schaue ich mir regelmäßig die „Tageschau“ an und kann sagen: Das ist eine Propaganda ohne Ansätze einer Selbstkritik. Es wird ein Kult um Putin hervorgebracht, die Kriegstechnik wird verherrlicht und vor allem besteht eine Aufgabe darin, westliche Kritik an der Politik in der Ostukraine, im Syrien-Konflikt, im Dopingskandal zu entschärfen. Von meinen Bekannten schaut das niemand. Und ich glaube auch, dass sich die urbane Jugend nicht dort informiert, sondern im Internet.
Um ein k
onkretes Beispiel zu geben: Es gibt einen ungemein populären YouTube-Kanal, der heißt „Vdud´“, geführt von Juri Dud, einem jungen, dynamischen Kerl. Dieser führt Interviews mit bekannten Persönlichkeiten, oft mit Oppositionellen. Es gibt auch das „Radio Echo Moskau“, das pro-westliche, neoliberale und dezidierte Anti-Putin-Positionen vertritt. Für weniger relevant halte ich die wenigen Zeitungen, die noch unabhängig sind. In Russland ist das Internet so populär, dass es das entscheidende Medium ist – neben den offiziellen TV-Kanälen, die vor allem in der Provinz und von der älteren Generation geschaut werden.

Was läuft gut in Russland?

Solche Fragen sollte man sich öfter stellen. Ich glaube, die Bildungspolitik ist nach wie vor auf einem hohen Niveau. Daraus resultieren die Spitzen-Errungenschaften in der Forschung und Technologieentwicklung, aber auch in der Kultur. Man kann hier an Beispiele wie den Pianisten Grigori Sokolow denken, der jedes Jahr in die Laeiszhalle kommt. Das ist in Hamburg immer wieder ein musikalisches Großereignis.
Möglicherweise führen die Sanktionen nun auch dazu, dass die Produktivität und Konkurrenzfähigkeit in anderen Bereichen als etwa Kosmos, Atom- und Flugzeugtechnik verbessert werden können. Unterdessen erntet Russland mehr Weizen als die USA, das heißt, hier hat es massive Verbesserungen der Produktivität gegeben – um jetzt im Positiven zu bleiben.

Inwiefern missbraucht Präsident Wladimir Putin Großveranstaltungen wie die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 oder die Fußball-WM in diesem Jahr zur Selbstinszenierung?

Dass Sport und Politik aufs Engste miteinander verknüpft sind, ist kein Geheimnis. Jeder Staat und jede Stadt, die sich für ein Großereignis entscheidet, betreibt auch Politik und Selbstinszenierung. Ich erkenne zwischen dem G20-Gipfel in Hamburg und der WM in Russland keinen prinzipiellen Unterschied. Aber als russischer Staatsbürger hätte ich bestimmt gegen die WM gestimmt.

Wie inszeniert sich Wladimir Putin auf Großveranstaltungen?

Wenn man Angela Merkels und Wladimir Putins Präsenz im Fernsehen miteinander vergleicht, dann liegen dazwischen natürlich Welten. Und das ist auch wirklich etwas, was mich als russischer Staatsbürger extrem stören würde: Dieser Mensch ist omnipräsent in den Medien. Nicht nur als Staatsmann, sondern er wird auch gezeigt, wie er zum Beispiel mit Kranichen fliegt, die ausgesetzt werden. Er inszeniert sich auf einer Ebene, die man hier in Deutschland glücklicherweise nicht kennt. Das irritiert mich schon sehr. Putin zeigt gleichzeitig aber auch eine gewisse Selbstironie: Als er mit den Kranichen abgeflogen ist, hat ein Journalist die kritische Frage gestellt, warum ein Teil nicht mit ihm gestartet sei. Er antwortete, das sei halt so in einer Demokratie.
Trotz der Selbstironie ist seine Inszenierung über alle Verhältnisse. Und vor allem bei solchen Großereignissen wie Sotschi oder der WM sind Möglichkeiten der Inszenierung gegeben. Ich würde aber auch gleichzeitig betonen wollen: Es ist auch der Wille, in Europa zu sein. Gerade der Fußball als europäisches Phänomen kann auch als Zeichen gewertet werden, dass sich Russland als Teil Europas sieht.

Trägt das Argument, man könne durch die Werte des Sports die Gesellschaften der Gastgeberländer positiv beeinflussen?

Es gibt einen bekannten tschechischen Schriftsteller, Bohumil Hrabal. Der hat gesagt, das Fußballstadion sei eine Betlehemskapelle. Er meint damit die Kapelle, in der Jan Hus im Jahr 1402 in tschechischer Sprache gepredigt hat. Sozusagen also ein Ort der Demokratie. Bei internationalen Sportereignissen – das ist nun mein persönlicher Geschmack – sind mir die Nationalfarben zu dominant. Was noch bleibt in Bezug auf die WM in Russland, sind die reisenden Fans, der Kontakt, den man da knüpfen wird, vielleicht auch die Sympathie mit gewissen Mannschaften, allein aufgrund ihres faszinierenden Spiels. Persönlich ist mir am wichtigsten, dass hierbei möglichst viel persönlicher Kontakt mit Russland zustande kommt. Sehr viele Konflikte haben mit Unwissen, Missverständnissen und mangelnder Kommunikation zu tun.

Bereits in den 80er Jahren gab es Boykotte von großen Sportereignissen. Wem schaden solche Boykotte und wem nutzen sie Ihrer Meinung nach?

Ich glaube, man kann die Wirkung von solchen Boykotten überschätzen. Wenn es zu einem großen Boykott käme, würde das in Russland nur zu einer weiteren Verhärtung führen. Vor allem würden viele Russen es so wahrnehmen, dass der Westen Russland einfach nicht gut gesinnt ist. Es wäre Wasser auf die Mühlen jener Kräfte, die ihre Identität nicht auf den Westen bauen wollen.
Ich will als Schlusswort hinzufügen: Natürlich ist Fußball eine schöne Geschichte und ich bin auch persönlich der Meinung, dass man als Politiker hinfahren sollte, im Sinne eines positiven Zeichens. Gleichzeitig wäre es für mich persönlich wünschenswerter, wenn ein Politiker auf die Idee käme, ans Moskauer Theater zu fahren, um sich eine Theateraufführung anzusehen.

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Für Tobias Bug, Jahrgang 1993, kann ein Fußballspiel nur dann ein Erfolg werden, wenn er den linken Schuh zuerst anzieht. Seinen eher unsportlichen Bachelorabschluss hat er an der TU München in Wirtschafsingenieurwesen gemacht. Nicht nur den ersten akademischen Erfolg verbindet er mit der bayerischen Hauptstadt: Beim Oktoberfest wurde er unschuldig für drei Stunden in Haft genommen. Journalistisch hat Tobias unter anderem bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ im Politik- und im Wirtschaftsressort gearbeitet. Beim Reisen lässt er sich gerne die Geschichten anderer Menschen erzählen, in Norwegen hat er eineinhalb Jahre gelebt. Am glücklichsten ist er, wenn er schreibt oder am DJ-Pult House auflegt. (tob)

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