In der Ausstellung „Dialog mit der Zeit“ können auch junge Leute auf einen Schlag 70 Jahre und älter werden. Das Konzept offenbart zwei gänzlich verschiedene Seiten des Alterns.

In der Mitte des Raums steht eine kreisrunde Bank, an der ein Schild angebracht ist: „Nur für Rentner!“ steht in schwarzen Buchstaben darauf. Die Bank trennt den größten Raum der Ausstellung in zwei Bereiche, die sich farblich voneinander abgrenzen. Der vordere Teil des Raumes ist in einem knalligen Gelb gehalten, die Farbe schmerzt regelrecht in den Augen. Der hintere Teil erscheint als Kontrast in einem hellen Rot.

An einer Station der Ausstellung wird Tremor simuliert. Barbara Greulich steht vor einer gelben Tür und versucht, eine Haustür aufzuschließen.
Die gelben Stationen simulieren alltägliche Einschränkungen älterer Menschen. Foto: Max Schulte

Barbara Greulich steht vor einer knallgelben Haustür und zittert bei dem Versuch, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Ein mechanischer Reif, der ihre Hand stark vibrieren lässt, hindert sie an ihrem Vorhaben. Greulich ist Senior-Guide in der Ausstellung und öffnet die Tür schließlich mit gekonnter Präzision. „Das hier ist unsere Tremor-Station. Der Widerstand überrascht die meisten am Anfang, aber man schafft es dann doch.“

Die Tür ist eine von mehreren Stationen im gelben Bereich des Raums, die den Besucherinnen und Besuchern die Einschränkungen von älteren Menschen im Alltag näherbringen sollen. Im hinteren, rötlichen Teil des Raums geht es um die Chancen im Alter. Dort erzählen fünf Charaktere in Kabinen über ihre Erfahrungen im Alter. Der Schriftzug „Die Vielfalt des Alterns“ erstreckt sich an der Wand in der Mitte des Raums.

„Habe ich Angst vor dem Altern?“

In Hamburg lebten Ende 2017 laut dem Statistischen Amt knapp 340.000 Menschen, die 65 Jahre oder älter waren. Das sind knapp 18% aller Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt. Geschäftsführerin Elke Theede sitzt im obersten Stock des Dialoghauses und erklärt, dass man mit der Ausstellung unter anderem für mehr Empathie zwischen den Generationen werben wolle. „Aktuell ist die Altersgruppe der 25- bis 50-Jährigen stark vertreten mit ungefähr 65% unserer Besucherinnen und Besucher. 80% aller Besucher sind Frauen.“ Die Ausstellung ist neben „Dialog im Dunkeln“ und „Dialog im Stillen“ das dritte Angebot des Hauses.

Zu Beginn der Führung steht Barbara Greulich vor großen Sanduhren. Sie liest die Fragen auf den Uhren vor: „Ab wann bin ich alt?“ oder „Habe ich Angst vor dem Altern?“. Die Antworten der Besuchergruppe kommen zögerlich. Je mehr Fragen Greulich vorliest, desto ausführlicher antworten die Besucherinnen und Besucher.

Auf großen Sanduhren stehen Fragen rund um das Thema Älterwerden: "Was bedeutet im besten Alter?" oder "Habe ich Angst vor dem Altern?".
Die Besucherinnen und Besucher sollen sich Fragen rund um das Thema Altern stellen. Foto: Max Schulte

Die Gruppe gelangt in den „Blauen Salon“. Hier erzählt Greulich anhand von drei persönlichen Fotos ihre Lebensgeschichte und endet in der Gegenwart. „Ich bin Schauspielerin, singe im Chor, mache viel Sport und schreibe Sketches.“  Sie ist 77 Jahre alt und eine von 30 Senior-Guides, die regelmäßig durch die Ausstellung führen.

Greulich fordert die Gruppe auf, selbst ein Motiv auszuwählen, das für ihn oder sie die Zukunft im Alter darstellt. Zur Auswahl stehen zehn Bilder, die unterschiedliche Aspekte betonen: Aktivität, Gemeinschaft, Familie oder Liebe. Alle Motive vermitteln etwas Positives, der Salon steht unter dem Motto „happy aging“. Greulich macht Witze und spart nicht an Anekdoten. Die Gruppe solle sich nicht um die Vergangenheit kümmern, sondern mit ihrer Zukunft beschäftigen. Der Großteil der Gruppenmitglieder wählt für die Zukunftsmotive Aspekte aus, die sich derzeit in ihren Leben vorfinden lassen. Das beliebteste Bild heute: ein Bergsteiger.

Demenz: Abtauchen in einsame Welten

Anschließend geht es vom Dämmerlicht des Salons in den grellen Teil des Hauptraums. Jede der gelben Stationen nimmt den Besucherinnen und Besuchern unterschiedliche Sinneseindrücke. In der Ecke steht ein gelbes Telefon, an dem Kinokarten bestellt werden sollen. Die Stimme am anderen Ende der Leitung flüstert in den Hörer, sie ist kaum zu verstehen. Daneben soll man über einen Bildschirm das richtige Gate am Flughafen finden. Der Finger irrt über die vielen digitalen Anzeigen auf dem Bildschirm, gleich soll der Flieger abheben. „Falsche Eingabe, bitte nochmal.“

Neben der runden Bank in der Mitte des Raumes können die Besucherinnen und Besucher die Einwirkungen von Demenz nacherleben. Dafür setzt man sich einen gelben Helm auf, durch den man das Umfeld nur noch verzerrt wahrnimmt. Der Helm erinnert von außen an eine historische Taucherausrüstung. Bereit dazu, in einsame Welten abzutauchen.

Vom Banker zum Lesepaten

Auf einer Leinwand ist ein männlicher Körper im Anzug gezeichnet. Der Kopf des Mannes ist digital darauf projiziert und spricht.
Hans Peter erzählt seine persönliche Erfolgsgeschichte im späten Lebensabschnitt. Foto: Max Schulte

In einer der Kabinen im roten Teil des Raumes wartet Hans Peter darauf, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Nur, wenn man sich direkt in die Kabine begibt, fängt er an zu sprechen. 40 Jahre habe Hans Peter als Banker gearbeitet und sei dabei nie wirklich glücklich gewesen. Erst in seinem Dasein als Rentner habe er einen Sinn gefunden: Heute arbeitet er als Lesepate in Schulen. Die Körper der fünf Seniorinnen und Senioren sind auf den Wänden der Kabinen jeweils nur durch schwarze Striche angedeutet. Ihre Köpfe werden digital darauf projiziert. Alle fünf Charaktere erzählen von neuen Aufgaben und Chancen, sie alle erzählen Erfolgsgeschichten.

„Wir wollen wie in all unseren Ausstellungen auf spielerische Weise ein differenziertes Bild vom Alter und vom Altern vermitteln und laden unsere Besucher ein, einen tieferen Blick in die Lebenswelt älterer Menschen zu riskieren“, sagt Geschäftsführerin Elke Theede.

Ein „drittes Leben“ mit 80

Ute Zäpernick erzählt in einem Nebenraum der Ausstellung davon, wie sehr sie es nerve, dass alle immer nur von „den Alten“ sprächen. Sie ist ebenfalls Senior-Guide und fühle sich bei dieser Aufgabe sehr lebendig. „Ich bin jetzt im dritten Leben. Das erste Leben war meine eigene Kinder- und Schulzeit und die Erziehung meiner Kinder. Das zweite war, mein Abitur nachzuholen und mit 45 zu studieren. Und jetzt mit 80 habe ich mein drittes Leben als Senior-Guide.“

Die beiden Senior-Guides Barbara Greulich und Ute Zäpernick stehen in der Ausstellung vor einer Wand mit dem Schriftzug "It's never too late".
Barbara Greulich (rechts) und Ute Zäpernick sind Senior-Guides im Dialoghaus – und beide über 70. Foto: Max Schulte

Die Besuchergruppe ist weg, im großen Raum herrscht Stille. Stellt man sich zwischen die Kabinen im roten Bereich und blickt von dort aus auf die gelben Stationen, schmerzt die gelbe Farbe kaum noch in den Augen.

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Max Schulte, Jahrgang 1993, steht auf komplexe Zusammenhänge. Seine Lieblingsserie ist “Mad Men” - trotzdem gendert er seine Texte und raucht nicht. Bei einem Besuch in Bologna entdeckte der gebürtige Hammer seine Vorliebe für ungewöhnliche Arrangements, als er die Eiscremesorten Erdnuss-Karamell mit Pistazie kombinierte. Dieser Neigung blieb er bei seinem Bachelor treu und studierte Journalismus und Unternehmenskommunikation in Köln. Nebenbei arbeitete er in der PR-Abteilung des psychologischen Marktforschungsinstituts Rheingold und pendelte für ein Praktikum bei der Deutschen Post DHL Group nach Bonn. Dort brachte er ITlerinnen und ITlern das Kommunizieren bei. Das Studium der Digitalen Kommunikation an der HAW Hamburg ist da doch nur logische Konsequenz. Kürzel: mas

1 KOMMENTAR

  1. das alter erleben und erst 26 sein. geht das? ja, das geht. wie oft hör ich den satz: eh alter… und das nur von jungen leuten.
    fast jeder satz endet mit diesem schnack. und inzwischen fass ich das als kompliment auf. wie schön, dass ich in aller munde bin. und das mit über 70. das leben ist schön!
    bernd greulich

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