Die Bahnhofskneipe ist ein melancholischer Ort, ein bisschen aus der Zeit gefallen. Seit 23 Jahren zieht sie an der Nordseite des Hamburger Hauptbahnhofs oberhalb von Gleis 6 Pendler, Reisende und Stammgäste an. 

Wie Schlieren ziehen die Leute an der Bahnhofskneipe vorbei. Manche reißen aus dieser Masse aus, werden zufällig an den Tresen gespült, andere steuern zielbewusst das rettende Ufer an. Und dann: trinken sie. Einige bloß ein Bier. Andere bleiben kleben. „Hier versackste ganz schnell“, sagt ein älterer Herr, der seit ein paar Stunden am Tresen sitzt. „Dann werden aus einem Bier auch mal zehn.“

Größtenteils sind es Männer, die hier sitzen. Viele alleine, schweigend am Glas. Es herrscht eine anonyme Stille, trotz des Lärms draußen. Manchmal fällt ein Wort zum Gruß, oft wird auch bloß das Glas gehoben.

Im nächsten Moment schwappt eine Menschenmenge an die Bar. Ein Männerchor bestellt elf Bier. Eine halbe Stunde haben sie, bis ihr Zug kommt. Nach kurzer Zeit ist das Bier getrunken. „Ach komm, dann nehmen wir noch eins.“

Fernweh auf zehn Quadratmetern

Die Bahnhofskneipe „Small Talk“ befindet sich im überdachten Hamburger Hauptbahnhof an der Nordseite. Die Theke ist u-förmig angelegt. Auf zehn Quadratmetern stehen acht Barhocker, sieben Aschenbecher, zwei Spielautomaten und zwei Plastikblumen. Eine Toilette gibt es nicht, aber genug Platz für Melancholie und Fernweh.

Die Bierbar "Smalltalk" im Hamburger Hauptbahnhof. Foto: Max Nölke
Der Blick über den Tresen. Foto: Max Nölke

Da sind die Schwerbepackten auf dem Durchmarsch, die Schlipsträger im Feierabend, die Rentner auf Reisen. Alle warten sie. Auf den nächsten Zug, auf das nächste Bier, darauf, nach Hause zu müssen.

In einzelnen Momenten wird diese Anonymität durchbrochen: Ein junger Mann aus Regensburg kommt an den Tresen: „Ich hätte gern ein typisches Hamburger Bier“, sagt er. „Holsten knallt am dollsten“, ruft einer aus dem Chor und lacht polternd. „Gut, dann nehme ich so eins“, sagt er schüchtern. Darauf wird angestoßen. „Und wie schmeckt’s dir?“, fragt Barfrau Sigrid. „Gut“, sagt der Regensburger. Er war bei der Marine und ist nun auf dem Weg nach Hause, erzählt er noch. Dann wird wieder ins Glas geschwiegen.

Guten Morgen, zwei Bier, bidde

Es gibt Orte, an denen ist das Alkoholtrinken am Morgen noch salonfähig. Die Bahnhofskneipe ist ein solcher Ort. Hier wird nicht lang gefackelt. Es ist halb 10 am Morgen: Weizen oder Pils? Großes oder kleines?

Seit 23 Jahren steht die Kneipe oberhalb von Gleis 6. Sie gehört Klaus-Peter Kohl, dem Boxmanager, der in den 1980ern und 1990ern mit seinem Universum Boxstall Geschichte schrieb. „Der Mann, der die Klitschkos groß machte“, wie das Hamburger Abendblatt schrieb. Kohl ist heute 75 und hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

In seiner Kneipe beschäftigt er knapp 40 Mitarbeiter. Abgeschottet von der hektischen Bahnhofswelt, den daherhetzenden Menschen, dem Lärm der ein- und ausfahrenden Züge sind die Barkeeper*innen eine Art Ruhepol. Sie bilden den stabilen Kern, drumherum wirbeln die Teilchen und strömen nach Wedel, Timmendorf, nach Bremen oder in die weite Welt nach Bielefeld und Regensburg.

Der Konjunkturzyklus der Bahnhofskneipe

Das Treiben in der Bahnhofskneipe ähnelt den vier Phasen eines Konjunkturzyklus: Die expansive Phase kennzeichnet sich durch einen Schwall heranströmender Pendler am späten Nachmittag. Ihr Feierabend steigert die Nachfrage und erhöht die Investitionsbereitschaft. Sie leitet die Hochkonjunktur – den Boom – ein. So steigen zwar nicht die Löhne, Preise oder Zinsen, dafür aber die Stimmung am Glas. In dieser Phase des Aufschwungs tritt häufig das Versacken ein.

Ist die Hochphase wieder verpufft, folgt der Abschwung, die Rezession. Alles ist erzählt, einige Gäste gehen, es kommen kaum neue hinzu. Ruhig wird es um den Tresen, bis hin zum Konjunkturtief, der Depression. Es verbleiben einsame Wölfe, die stur dasitzen.

Die Bierbar "Smalltalk" im Hamburger Hauptbahnhof. Foto: Max Nölke
Prost! Eine dieser Boomphasen in der Bierbar „Smalltalk“. Foto: Max Nölke

Zugegeben, der Vergleich passt nicht immer. Die Uhren ticken in der Bahnhofskneipe etwas anders. Es gibt Zyklen, in denen einzelne Phasen übersprungen werden. Es herrscht Flaute mit einem Mann am Glas. Zwei Schlücke später: Boom. Und es quetscht sich ein ganzer Fußballmob in die Bar.

„Einfach in die Ecke setzen und zuschauen“

Auch aufgrund der Hallenlage bekommt von der Zeit und der Wetterlage draußen im „Small Talk“ nicht jeder etwas mit.

Alles Wichtige, was in diesem Moment auf der Welt geschieht, scheint hier zu geschehen. „Du musst dich einfach in die Ecke setzen und zuschauen“, sagt der Mann, der von Anfang an am Barhocker klebt. Dann hat er genug geschaut. Er bezahlt sein Bier und verschwindet.

Vorheriger ArtikelOttensen ist autofrei: Das sagen die Anwohner und Ladenbesitzer
Nächster ArtikelOlaf, Mein Nazi-Großvater
Harald Schmidt hat 1995 gesagt, dass Kinder nur noch Max, Paul oder Leonard heißen. „Namen wie blank geputzte Holztische“. Zu diesem Zeitpunkt war Max Paul Leonard Nölke seit zwei Monaten auf der Welt. Der Dortmunder Knirps teilt mit seinen Namensvettern Hobbys wie Fußball, Musik hören und Freunde treffen. Soweit, so blank geputzt. Markanter ist Max‘ Schreibe. Der herbe Ruhrpott-Schlag gepaart mit seinem Feingefühl brachten ihn in die Redaktionen der Dortmunder “Ruhr Nachrichten” und der Berliner “taz”. In Marburg hat er Sprache und Kommunikation studiert, kann auf Italienisch einen Ramazzotti bestellen und auf Niederländisch eine Frikandel Speciaal. Am liebsten sind ihm aber die Kohlrouladen von Mama. Irgendwann will er mal mit Olli Schulz ein Fischbrötchen verspeisen. Der ist sowieso lustiger als Harald Schmidt. Kürzel: max

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here