760 Schlafplätze, 351 Abgewiesene, sechs Tote: Für viele Obdachlose war der vergangene Winter trotz Winternotprogramms eine Qual. Die Diakonie bemängelt, die Hürden seien zu hoch. Die Stadt hält dagegen. Zum 1. November öffnen die beiden Standorte erneut.

Die Stadt hat aufgestockt: Insgesamt 780 Schlafplätze bietet die Sozialbehörde im Rahmen des diesjährigen Winternotprogramms bis Ende März an. Hilfesuchende können neben Betten auch Kleider, Essen, Hygieneangebote und verschließbare Schränke anfragen. Die Teilnahme an der sozialen Beratung ist ebenfalls erwünscht. Die Unterkünfte an der Kollaustraße und der Friesenstraße sind zwischen 17 Uhr und 9.30 Uhr geöffnet.

Zuletzt stand das Winternotprogramm wegen der eingeschränkten Öffnungszeiten und den zahlreichen Abweisungen von osteuropäischen Obdachlosen in der Kritik: Die Linke warf der Stadt „eine diskriminierende Politik gegenüber zugewanderten Obdachlosen“ vor. Auch die CDU bemängelte, dass die Stadt zu wenig tue.

„Es macht keinen Unterschied, ob die Person aus Deutschland oder dem Ausland kommt: Beim Zugang zum Winternotprogramm wird nicht diskriminiert“, sagt Martin Helfrich, Pressesprecher der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI), auf Anfrage von FINK.HAMBURG. „Jede und jeder bekommt ein Bett – auf Wunsch sogar, ohne den Ausweis zu zeigen.“

Hilfe mit Einschränkungen

Wer einen Schlafplatz in Anspruch nimmt, müsse jedoch den gesetzlichen Voraussetzungen entsprechen. „Wenn Menschen Möglichkeiten haben, sich selbst zu helfen, ist das Winternotprogramm für sie unter Umständen nicht der richtige Ort. Denn die Plätze sollen denjenigen zur Verfügung stehen, die in Hamburg obdachlos sind“, so Helfrich. Menschen, die eigene vorhandene Wohnungen oder Sozialleistungen nicht nutzten, würden vom Winternotprogramm ausgeschlossen. Auch bei Problemen wie häuslicher Gewalt gebe es Hilfe. Das müsse aber angesprochen werden.

„Die Behörde macht es für immer mehr Menschen immer schwerer, hineinzukommen“, kritisiert Dirk Hauer, Leiter des Fachbereichs Migration und Existenzsicherung bei der Diakonie, in einem aktuellen Artikel der Obdachlosenzeitung „Hinz und Kunzt“. Er bemängelt, dass die Hürden bei der Schlafplatzvergabe zu hoch seien.

Wer schlafen will, muss reden

Helfrich hält dagegen. Eine reine Übernachtungsmöglichkeit, sagt er, sei das Winternotprogramm nicht. „Unser primäres Ziel ist es, Menschen dabei zu helfen, Perspektiven zu finden und sie aus der Obdachlosigkeit zu holen. Etwa, indem wir auf staatliche Sozialleistungen hinweisen und eine soziale Beratung anbieten. Wir arbeiten auf langfristige Lösungen hin.“

Wichtig sei auch, dass Hilfesuchende bei der Aufnahme bereit sind, über ihre finanzielle und soziale Situation zu sprechen. Dies schreibt die Stadt mit der sogenannten „Mitwirkungspflicht“ vor. Bei mangelnder Informationslage leiste das Winternotprogramm keine Hilfe.

Die Betroffenen würden an die Wärmestube Hohenfelde verwiesen werden. Dort gibt es nur Stühle, keine Betten. „Das hat eine abschreckende Wirkung“, sagt Hauer. Die Diakonie bezeichnet die Mitwirkungspflicht als „rechtlich höchst fragwürdig“.

Im vergangenen Jahr waren die Schlafplätze an der Kollaustraße und der Friesenstraße im Durchschnitt nur zu 67 Prozent belegt – ein Rückgang von zehn Prozent verglichen zum Vorjahr. Trotzdem wurden 351 Menschen abgewiesen, etwa da sie der Mitwirkungspflicht nicht nachkamen. Rund 2.000 Menschen leben nach einer Befragung der Stadt auf Hamburgs Straßen.

kil/dpa