Wer heute eine Fernbeziehung führt, hat es einfacher, das Internet hilft dabei, Nähe herzustellen. Doch wie verändert sich eine Beziehung unter dem Einfluss der sozialen Medien? Paartherapeutin Christine Geschke im Interview.

Immer mehr Paare lernen sich nicht nur über das Internet kennen, sondern nutzen es als hauptsächliches Mittel zur Kommunikation — insbesondere in einer Fernbeziehung. Wie verändert das die Kommunikation eines Paares und wie sieht es mit dem Vertrauen aus? Diese und weitere Fragen beantwortet Diplompsychologin und Paartherapeutin Christine Geschke.

Portrait von Paartherapeutin Christine Geschke.
Christine Geschke ist Paartherapeutin und hat in Hamburg-Eppendorf die Praxis Psychologicum. Zu ihren Kunden zählen auch Paare, die in Fernbeziehungen leben. Foto: Paul Schirnhofer

Frau Geschke, durch die Digitalisierung und die sozialen Medien ist es in den vergangenen Jahren einfacher geworden, über große Distanzen Kontakt zu halten. Was ist der größte Vorteil?

Geschke: Da gibt es vielleicht nicht den einen größten Vorteil, sondern ganz viele unterschiedliche. Zum einen ist es so viel besser möglich, eine Fernbeziehung zu führen. Normalerweise tritt ein Entfremdungsprozess ein, wenn man sich über eine lange Zeit kaum sieht und kaum spricht. Aber durch Facetime oder Skype ist es möglich, sich mit dem Partner verbunden zu fühlen und ihm nah zu sein — trotz der Distanz.

In einer Fernbeziehung bieten soziale Medien die große Chance den/die Partner*in auf verschiedenen Kanälen am alltäglichen Leben teilhaben zu lassen, aber inwieweit kann man dadurch Nähe ersetzen? 

Geschke: Man ersetzt ja die physische Nähe. Whatsapp zum Beispiel ist eine sehr private Art der Kommunikation, über Twitter lesen andere mit und über Instagram sieht man Bilder. Das heißt, über verschiedene Kanäle bekommt man unterschiedliche Informationen aus dem Leben des anderen mit. Man nimmt auf eine etwas umfangreichere Art teil am Leben, an den Gedanken, an dem, was dem anderen etwas bedeutet.

Laut einer diesjährigen Studie lernten 18 Prozent aller Ehepaare ihren Partner über das Internet oder eine Datingapp kennen.

Denken Sie, dass Paare, die sich über das Internet oder soziale Medien kennengelernt haben, eher bereit sind eine Fernbeziehung zu führen?

Geschke: Nutzer dieser Medien sind es gewohnt, virtuell zu kommunizieren. Die Fähigkeit über diese Medien kommunizieren zu können, begünstigt eine Fernbeziehung. Insofern, eine Tendenz zum „Ja“.

Ist Vertrauen in einer Fernbeziehung wichtiger als in einer Nahbeziehung?

Geschke: Vertrauen ist immer die grundlegende Voraussetzung für eine Beziehung. Das gilt in nahen wie in fernen Beziehungen. Aber es hat nochmal mehr Bedeutung in Fernbeziehungen. Für jemanden, der nicht gut vertrauen kann, ist eine Fernbeziehung wahrscheinlich schwieriger als für jemanden, der bislang vertrauensvolle Beziehungserfahrungen gemacht hat. Für den kann auch eine Fernbeziehung eine gute Beziehung sein. 

In einer Studie der Datingplattform eDarling haben 35 Prozent der Befragten erklärt, dass sie ihrer/m Partner*in durch die Nutzung von sozialen Medien weniger vertrauen. Sind da Fernbeziehungen nochmal stärker belastet? 

Geschke: Über die sozialen Medien kann man sich heute rund um die Uhr für andere Partner interessieren. In einer Fernbeziehung hat man vielleicht  nicht unmittelbar die Möglichkeit, sich nach einem Streit zu versöhnen und sich in den Arm zu nehmen, wenn man sich gestritten hat, um sich wieder nah zu sein. Und damit ist dann eventuell die Verführung groß, die Frustration abzuleiten, indem man in den Medien eben mal guckt: Was gibt es da sonst noch? Und das macht es für Partner natürlich nicht leicht zu vertrauen.

Das Phänomen des Micro-Cheatings ist eng verknüpft mit den sozialen Medien, da es überwiegend auf virtueller Ebene stattfindet. Denken Sie, dass Fernbeziehungen hierfür anfälliger sind, weil man weniger Zeit mit dem/der Partner*in verbringt? 

Micro-Cheating findet fast ausschließlich auf virtueller Ebene statt. Mit seinem Handeln bewegt man sich in einer Grauzone, bei der man den/die Partner*in nicht wirklich betrügt, aber fast. Beispielsweise bleibt man trotz der Beziehung auf Datingplattformen aktiv.

Geschke: Das sehe ich nicht so. Eine Fernbeziehung hat ja etwas durchaus Anspruchsvolles: Man kann sich nicht einfach sehen, sondern man muss Nähe auf eine etwas kompliziertere Art und Weise herstellen. Man verzichtet auf einen physischen Kontakt, der dann aber auf eine Art ausgeglichen werden möchte: Indem man wenigstens am Abend miteinander spricht und so Nähe herstellt. Das heißt, zwei Partner investieren ganz viel in eine Fernbeziehung und ich glaube nicht, dass man diese dann so ohne Weiteres riskiert. Ich könnte mir vorstellen, dass man einen bewussteren und einen fürsorglicheren Umgang pflegen muss, wenn eine Fernbeziehung Bestand haben soll.

„Die Kommunikation über die Medien – das ist der Kit aus dem Fernbeziehungen bestehen“

Die Digitalisierung bringt mit sich, dass man immer erreichbar ist. Kann eine Fernbeziehung darunter auch leiden?

Geschke: Wenn diese permanente Erreichbarkeit vom Partner missbraucht wird, ja. Indem ständig nach Aufmerksamkeit gefordert wird: „Geht’s dir gut? Denkst du an mich? Vermisst du mich? Lass uns doch mal wieder reden!“ Die Kommunikation über die Medien – das ist der Kit, aus dem Fernbeziehungen bestehen. Wenn allerdings ein Partner dazu neigt, unabhängig von den abgesprochenen Zeitfenstern ständig hinterherzufragen, könnte es sein, dass der andere sich überfordert fühlt. Er könnte das Gefühl haben, nicht mehr zu den eigenen Themen zu kommen.

Kann man als Paar auch zu lange in einer Fernbeziehung leben? Ist man irgendwann vielleicht so in den Mustern gefangen, dass ein Zusammenziehen nicht mehr möglich ist? 

Geschke: Es kann sein, dass man den Absprung aus der Fernbeziehung nicht mehr schafft, wenn man die Fernbeziehung allzulange kultiviert. Dann entstehen Routinen und es ist unglaublich schwierig, die später wieder zu verändern. Die Frage ist: Was möchte man? Ist das Ziel überhaupt, die Fernbeziehung in eine Nahbeziehung umzuwandeln, oder kann man es vielleicht so aufrechterhalten, wie es ist? Heutzutage gibt es keine Vorgaben mehr. Was ist eine gute Beziehung? Eine gute Beziehung kann aus meiner Sicht auch eine lebenslange Fernbeziehung sein.

Warum haben sich Fernbeziehungen verändert?

Geschke: Das Phänomen der Fernbeziehung ist noch relativ neu. Also es gab sie früher auch vereinzelt, aber sie standen immer unter dem gesellschaftlichen Druck: Das sind gar keine richtigen Beziehungen. Das hat sich heutzutage geändert.

Was würden Sie Paaren im Zeitalter der sozialen Medien empfehlen?

Geschke: Es ist wichtig in einer Fernbeziehung ein „Wir“ zu kultivieren. Dieses „Wir“ sieht in einer Fernbeziehung natürlich ganz anders aus als in einer Nahbeziehung. Hierfür sind Rituale wichtig: Man verabredet sich und man tauscht sich aus. In einem bestimmten Zeitfenster gibt man dem anderen die volle Aufmerksamkeit, nimmt ihn wahr und ist interessiert. Der Vorteil einer Fernbeziehung ist, dass keine langweiligen Routinen entstehen können. Diese Gefahr droht in Nahbeziehungen, weil man den Partner jeden Tag sieht und man glaubt ihn in- und auswendig zu kennen. Das kann dann dazu führen, dass irgendwann die Spannung fehlt.

Das kann in Fernbeziehungen nicht passieren?

Geschke: Nicht so ohne Weiteres. Der Partner in einer Fernbeziehung bleibt spannend. Man ist neugierig darauf, ihn wiederzusehen: Wie sieht er aus? Ist er verändert? Der Partner wird nicht zu einer Routine. In einer Fernbeziehung entsteht das Gefühl des Vermissens und das ist unheimlich wichtig, denn es zeigt einem, wie viel der Partner einem bedeutet.

Kann man dieses Bewusstsein und diese Rituale aus einer Fernbeziehung in eine Nahbeziehung mitnehmen?

Geschke: Ich befürchte, eine ehemalige Fernbeziehung, die zu einer Nahbeziehung geworden ist, wird auch diesem Phänomen unterliegen. Wichtig ist, dass das Paar sich bewusst macht, was die Fernbeziehung getragen hat, dann kann es sich das erhalten.

Titelbild: Unsplash

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Kim Staudt, Jahrgang 1996, hasst Hasskommentare. Als Werkstudentin in der Online-Redaktion der “FAZ” moderierte sie Leserkommentare und las dabei mehr Scheußlichkeiten als ihr lieb war. Es war ein harter Wechsel: Kurz davor hatte sie in der Redaktion von “InStyle” noch Kisten voller Designerstücke aus Mailand, Paris und New York durchwühlt und beim Onlinemagazin “GQ” live über die Wahl zum “Mann des Jahres” gebloggt. Ihr Lieblingsroman ist “Das Bildnis des Dorian Gray” von Oscar Wilde, “Die Leiden des jungen Werthers” las sie im Garten des Goethe-Hauses in Frankfurt. Natürlich durfte es auch für das Germanistik- und Amerikanistikstudium nur die dortige Goethe-Universität werden. Am liebsten mag sie Filme mit Plot Twist - und Serien mit F: “Fargo”, “Friends” und modern “Family”. Kürzel: kis

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