Gaming, Filme, Nerd-Themen: Seit fünf Jahren sendet Rocket Beans TV online selbst produzierte Inhalte. FINK.HAMBURG hat mit Geschäftsführer Heiko Gogolin über Digitalisierung, analoge Arbeit, die Vorteile von Internet-TV und Rocket Beans-Bier gesprochen.

Die Büros und Studios der Hamburger Produktionsfirma Rocket Beans sehen wie eine riesige WG aus. Dabei ist das, was hier entsteht, ein professionelles digitales Produkt: Seit Januar 2015 streamen die Firma mit ihrem Sender Rocket Beans TV 24 Stunden am Tag, an sieben Tagen in der Woche unter anderem auf Youtube und Twitch.

FINK.HAMBURG hat mit Heiko Gogolin, einem der beiden Geschäftsführer, über Digitalisierung gesprochen und was Rocket Beans machen würde, wenn es kein Internet mehr gäbe.

Eine Wand mit Bilder, Zeichnungen.
Eine ganze Wand voll mit Kunstwerken der Community. Foto: Oliver Völling

Heiko Gogolin ist seit 2016 stellvertretender Geschäftsführer von Rocket Beans. Davor war er Chefredakteur des Spielemagazins „Gee“ und Redaktionsleiter der Fernsehsendung „Reload“ auf Eins Plus.

Bekommt ihr bei Rocket Beans viel von der zunehmenden Digitalisierung mit?

Heiko: Unser Produkt ist ja schon per se digital. Unsere Sendungen werden unter anderem auf Youtube, Twitch, Waipu TV und Zattoo digital ausgestrahlt.

Also spürt ihr da keinen Druck?

Heiko: Der große Vorteil von Rocket Beans ist: Wir haben erstmal gemacht und danach richtig darüber nachgedacht. Im Nachhinein haben wir versucht, dieses Chaos zu ordnen. Mittlerweile sind wir in dem Punkt erheblich weiter als zuvor. Aber gerade im Bereich der internen Organisation mussten wir die letzten Jahre viel dazulernen. Vor allem, wie wir die Mitarbeiter führen und wie wir unsere Inhalte arrangieren, produzieren und präsentieren. Denn natürlich gibt es Druck, geile Sachen zu machen.

„Natürlich gibt es Druck, Geile sachen zu machen“

Wie viel Prozent der Arbeit bei Rocket Beans ist digital?

Heiko: Auf jeden Fall ein hoher Prozentsatz. Viel Arbeit findet ganz unromantisch am Rechner statt. Aber da ist es egal, ob du einen Fernsehsender machst, ’ne Gärtnerei managst oder ein Plattenlabel führst — das alles ist letztlich Arbeit mit einem Computer.

Also passiert die meiste Arbeit am Rechner?

Heiko: Die Redakteure gehen mal im Wald spazieren oder setzen sich in den Hof, da kann man schön brainstormen. Aber letztlich ist auch dabei ein digitaler Bezug: Sie greifen auf, was in der Medienbranche passiert. Außerdem zocken wir hier viel. Insofern hängen wir wirklich sehr viel vor dem Bildschirm. Bei größeren Themen versuchen wir ganz bewusst, das Digitale zu vermeiden: Wenn wir strategische Fragen klären, gehen wir aus dem Kontext der Firma raus und emanzipieren uns möglichst von Rechnern und Smartphones.

Gibt es auch analoge Jobs bei euch?

Heiko: Es gibt noch die Requisite und den Setbau. Wir haben klassische Sets für unsere Sendungen, die in ihrem Aufwand variieren. Bei neuen und größeren Shows braucht man richtig krassen Kram. Für die „Flummi Open“, ein altes Game-Show-Revival, haben wir alles intern gebaut. Da wir ein digitales Produkt haben, ist eher die Frage, wie wir es analogisieren. Wir haben eine Merchandise-Abteilung mit entsprechenden Produkten um den Rocket Beans Kosmos herum aufgebaut: Ein richtiges Pen-and-Paper-Rollenspiel, eine eigene Biermarke namens Raketenbräu oder einen Nerd-Quiz-Kalender, mit einer Nerdfrage für jeden Tag. Da fließt viel Gehirnschmalz rein.

Ein Tisch, der wie ein Fußballfeld aussieht mit vier Stühlen darum.
Hier wird jeden Montag die Sendung „Bohndesliga“ live aufgenommen. Bild: Oliver Völling

Angenommen, die Streaming-Plattformen, auf denen ihr vertreten seid, machen morgen dicht. Was würdet ihr machen?

Heiko: Wir würden auf eine andere Streaming-Plattform umsteigen. Das ist eine Herausforderung. Hinter Youtube steht Google, hinter Twitch steht Amazon. Diese Unternehmen haben auch eigene Interessen und wir müssen uns nach ihren Spielregeln richten. Früher waren wir nur auf einer Plattform, jetzt verfolgen wir aber eine Multiplattform-Strategie. Somit sind wir schon jetzt an verschiedenen Orten zu Hause, weil zu unserem Sender dieses Exklusivitätsmodell nicht so gut passt.

Aber ihr würdet dann nicht wieder ins Fernsehen gehen?

Heiko: Was ist Fernsehen denn aktuell? Findet es nicht ohnehin im Internet statt? Im Kabelnetz gibt es sehr hohe Einspeisungskosten, die Rocket Beans nicht aus der Portokasse zahlen könnte. Wir wären dann auch ein ganz klassischer Fernsehsender neben vielen anderen. Eine Zeit lang dachten wir: Das wäre schon cool. Aber wir brauchen das nicht. Klassische Sender machen uns eher nach, als wir die.

Und wenn es morgen kein Internet mehr gäbe, würdet ihr eure Shows dann im Theater vor Publikum abhalten?

Heiko: Irgendwas in dieser Art. Rocket Beans hat nach dem Ende von „Game One“ schonmal bewiesen, dass es sich neu erfinden kann. Uns würde sicherlich was Verrücktes einfallen.

Ein Raum mit Kostümen und Bildern an der Wand.
In der Requisite wird noch handwerklich gearbeitet. Foto: Oliver Völling

Welche Vorteile bringt der Austauscht mit der Community über digitale Kanäle wie den Chat, Social Media oder euer Forum?

Heiko: Transparenz ist für uns ein Wert. Wir wollen auf Augenhöhe mit der Community sein. Wir kommunizieren etwa, inwiefern der Markenpartner uns inhaltlich reinreden darf oder nicht. Das ist heutzutage total wichtig.

Transparenz ist uns wichtig

Das Digitale ermöglicht es, sich schnell mit der Community auszutauschen. Die Moderatoren können während der Sendung Umfragen machen, welches Spiel als nächstes gespielt wird. Dann gibt es interaktive Formate wie „Chat Duell“, bei dem Leute digital mitspielen können.

Ist es für euch wichtig, dass eure Mitarbeiter*innen digitale Kompetenzen haben?

Heiko: Wir brauchen Leute, die ein gewisses Gefühl für Digitalität haben, die wissen, wie man ein modernes Medienprodukt macht und wie man mit der Community kommuniziert. Das setzt digitale Kompetenz oder auch digitale Erfahrung voraus. Das mag ein subjektives Gefühl sein, aber man bekommt  schon mit, ob Leute dem entsprechen.

Seht ihr euch selbst als Best Practise für ein digitales Unternehmen?

Heiko: Ich würde sagen, Best Practise und Worst Practise zugleich. Best Practise sicherlich, weil wir auf Augenhöhe mit den Zuschauern agieren und moderne Tools nutzen, um kreativ zu sein. Worst Practise, weil dieses autodidaktische Herangehen zu Problemen geführt hat. So haben wir etwa geschaut, wie wir unsere Firmenprozesse verständlich machen und mühsam Kommunikationswege definiert. Bei mehr als 30 Mitarbeitern ist das irgendwann notwendig. Die Formulierung Worst Practise ist vielleicht übertrieben, aber wir mussten Lehrgeld zahlen und sind jetzt langsam da, wo wir hinwollen.

„Ich würde sagen, wir sind ein Beispiel für Best Practise und Worst Practise zugleich“

Eine Regie mit vielen Monitoren und Muschpulten.
So sieht ein Arbeitsplatz in der Regie von Rocket Beans TV aus. Foto: Oliver Völling

Besuchen andere Unternehmen euch, um von euch zu lernen?

Heiko: Ja, tatsächlich regelmäßig. Es kommen Leute vom NDR oder von Tageszeitungen. Sie wollen hören, wie wir mit Digitalisierung umgehen. Es gibt auch Kooperationen mit verschiedenen Unis und Ausbildungsbetrieben. Wir finden es auch gut, wenn unsere Mitarbeiter woanders reinschauen. Es ist toll zu wissen, wie „richtiges Fernsehen“ gemacht wird. Insofern kann der NDR von uns profitieren, aber wir können auch vom NDR profitieren.

„Wir haben Bock, dass in Hamburg eine lebendige Szene entsteht“

Unterstützt die Stadt Hamburg digitale Unternehmen wie Rocket Beans?

Heiko: Wir sind aktuell im guten Dialog mit Vertretern der Stadt, wie zum Beispiel der Hamburg Kreativ Gesellschaft. Rocket Beans ist auch Mitglied des „Game„, des Bundesverbandes der deutschen Spieleentwickler. Wir engagieren uns, dass Hamburg als Gamesstandort vorankommt. Dabei denken wir nicht immer: Was hat das für einen konkreten Nutzen für Rocket Beans? Wir haben Bock, dass in Hamburg eine lebendige Szene entsteht. Davon profitieren wir auf jeden Fall.

Titelfoto: Oliver Völling

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