Charlotte - Krankenschwester aus England
Bild: Luisa Werntges

Eigentlich spendet Charlotte, eine englische Krankenschwester, gerne mit einem Lächeln Mut. In Corona-Zeiten sieht das hinter der Maske niemand. FINK.HAMBURG hat sie, von ihrem neuen Alltag auf Station erzählt.

„Hallo, kannst du mich sehen?“, klingt eine Stimme aus dem tiefschwarzen Bildschirm. Sie gehört zu Charlotte, einer jungen Krankenschwester aus England. Eigentlich wollten wir facetimen, doch ihre Kamera funktioniert nicht. Auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet sie mit Zögern: „Mir geht’s so gut, wie es einem gerade gut gehen kann.“ Die 28-Jährige arbeitet seit dreieinhalb Jahren auf der Kinderstation in einem ländlichen Krankenhaus im Südwesten der Inselrepublik. Die nächstgelegene Stadt ist Bristol, aber eigentlich sei sie viel näher an Wales, sagt die Engländerin.

Geschichten einer Krise

FINK.HAMBURG hat 24 Menschen gefragt, wie sich ihr Leben durch die Corona-Krise verändert hat. Geführt haben wir die Gespräche via Skype, Zoom, im engsten Bekanntenkreis, denn wir mussten Abstand halten. Herausgekommen sind dennoch Nahaufnahmen von Hebammen, Lehrkräften, Krankenpfleger*innen, Studierenden. Sie zeigen, wie herausfordernd das Virus für den beruflichen und privaten Alltag ist und wie Neuanfänge gelingen.

Seit der Krise werden Krankenschwestern mehr wertgeschätzt, zumindest empfindet sie das so. Menschen spenden Masken und Essen an die Krankenhäuser.
Auch wenn sie einkaufen geht, merkt Charlotte die neu entstandene Anerkennung: Medizinische Mitarbeiter*innen dürfen sich offiziell in der Supermarktschlange vordrängeln, wenn sie ihre Arbeitsausweise vorzeigen. Richtig ausgenutzt hat die Kinderkrankenschwester diesen Vorteil allerdings noch nicht. Ihr Vater ist momentan in Kurzarbeit, daher geht er für die Familie einkaufen.

Auch in Großbritannien wird für die medizinischen Berufe geklatscht – immer am Donnerstagabend. „Es ist etwas unangenehm“, sagt Charlotte. Sie kann die Geste zwar wertschätzen, würde sich aber viel mehr freuen, wenn die, die klatschen, ihre Stimmen nicht den Konservativen geben würden. Denn die würden seit Jahren den National Health Service (NHS) kaputtsparen. „Vielleicht bringt das Virus die längst fällige Gehaltserhöhung“, sagt Charlotte und lacht. So richtig glaubt sie es offenbar nicht.

Zum Studium nach London

Dass sie in die Fußstapfen ihrer Mutter treten und Kinderkrankenschwester werden würde, war ihr lange nicht klar. Nach ihren A-Levels, dem englischen Abitur, ging es für die junge Britin erst einmal in den Einzelhandel. Knapp fünf Jahre verbrachte sie dort. „Mir haben die Herausforderungen gefehlt“, sagt Charlotte. Regale einräumen und Kunden beraten haben ihr einfach nicht mehr gereicht.

„Als Kind war ich immer schon von Krankenhäusern fasziniert. Ich liebte es, wenn meine Mutter von der Arbeit erzählte“, sagt sie. Da lag die Entscheidung nah. Um in Großbritannien Krankenschwester zu werden, muss man studieren. Dafür zog Charlotte nach London. Finanziell musste sie sich keine Sorgen machen, denn sie erhielt ein Vollstipendium vom NHS. Nachdem sie die Uni abgeschlossen hatte, beschloss sie die Metropole hinter sich zu lassen und zurück aufs Land zu ihren Eltern zu ziehen.

„Es muss super gruselig für die kleinen Patienten sein“

Seither arbeitet sie seit dreieinhalb Jahren auf derselben Station. Durch die Corona-Pandemie hat sich aber einiges verändert. Vor der Krise gab es viele  Besucher*innen auf Station. „Meistens kam die ganze Familie, Eltern, Geschwister und Großeltern.“ Mittlerweile geht das nicht mehr. Es darf nur noch ein Elternteil als Begleitung mit und diese Person muss die ganze Behandlungszeit über auch im Krankenhaus bleiben. „Einmal hat ein Vater seiner Tochter neue Kleidung gebracht, durfte aber nicht zu ihr. Stattdessen standen das Mädchen und seine Mutter am Fenster und haben dem Vater auf dem Parkplatz zugewunken, die Kleine war ganz traurig“, erzählt Charlotte.

Momentan ist die Kinderstation in zwei Bereiche aufgeteilt, einen roten für die Verdachtsfälle und einen grünen für alle anderen Patienten. Bis jetzt gab es auf der Station noch keine bekannten Fälle, im Krankenhaus jedoch schon.

Die Kinderstation wirkt wie eine Parallelwelt, kaum einer der Patient*innen gehört zur Risikogruppe. Trotzdem fehlt Material. Sogenannte FFP2 und FFP3 Masken, die den Träger vor kleinen Tröpfchen, Rauch und Feinstaub in der Atemluft schützen, sind Mangelware. Lieferengpässe zwingen zum häufigen Herstellerwechsel. Die Schwestern werden deshalb regelmäßig für ihre Masken vermessen und wenn ihre Größe grade nicht da ist, dann können sie nicht zu den Patient*innen.

„Eigentlich sollten für den Fall Atemhauben auf der Station sein, nur ist das leider nicht so“, sagt Charlotte. Sie hat Glück, ihre Maskengröße ist noch vorrätig. Normalerweise kann sie mit ihrem Lächeln etwas Mut schenken, grade nicht. Charlotte geht fast komplett vermummt zu den kleinen Patient*innen. „Es muss super gruselig für sie sein, sie verstehen ja nicht, was passiert“, so Charlotte.

Viel zu wenige Tests für Gesundheitspersonal

Den ersten Plan der Regierung, es mit dem Aufbau einer Herdenimmunität zu versuchen, hielt Charlotte nie für eine gute Idee. Das Virus sei viel zu unbekannt, als dass man Menschenleben riskieren sollte. Zudem: Risikogruppe sind aus ihrer Sicht schon viele. „Ich habe eine 60-jährige Kollegin auf der Station, die kommt immer noch zur Arbeit, außerdem ist mein Vater über 60 und gehört somit auch zur Risikogruppe.“ Was sie ärgert: die Corona-Test-Politik in England. Nur 15 Prozent der Tests sind für NHS-Mitarbeiter*innen vorgesehen. Bei einem möglichen Kontakt mit Covid-19 Erkrankten sollen sie zu Hause bleiben, nur wenige werden getestet. Dadurch entsteht ein Mangel an gesundem medizinischem Personal. Wie unverständlich sie das findet hört man ihrer Stimme an. „Das ist verrückt“, sagt sie.

Eigentlich reist Charlotte sehr gerne. Im März wäre sie zwischen sonnigen Reisfeldern in Kambodscha, Vietnam und Thailand spazieren gegangen und hätte mit einer frischen Kokosnuss am Strand gesessen. Selbst am Wochenende eine Freundin in Oxford zu besuchen, ist nicht mehr möglich. Auch ihre geplante Kalifornien-Reise im September steht in den Sternen. Sie wird sich wohl mit dem englischen Sommer zufriedengeben müssen. Auf die Frage, ob sie wenigstens eine Rückerstattung bekommen hat, antwortet sie auf die höflich britische Art: „Ich habe nach einer gefragt.“