Ein Schild mit der Aufschrift:
Seit Anfang November heißt es in vielen Läden wieder: "Wir sind momentan geschlossen"

Erneuter Lockdown in Deutschland: Sind die neuen, alten Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus sinnvoll? FINK.HAMBURG diskutiert. 

Seit dem 2. November gelten auch in Hamburg zusätzliche Corona-Beschränkungen: Bars und Restaurants sind geschlossen, Kulturveranstaltungen verboten und der Amateursport pausiert ebenfalls. Kitas und Schulen sind geöffnet und auch Gottesdienste weiter erlaubt. Grund für die Corona-Maßnahmen sind die hohen Zahlen an Neuinfektionen. Die Bundesregierungen will diese senken und das Gesundheitssystem entlasten. Eine Bilanz der ersten Woche zeigt: Noch hat sich nichts getan. Sind die Maßnahmen zum neuen Lockdown sinnvoll?

FINK.HAMBURG-Redakteurin Aylin Ergin kann die neuen Corona-Beschränkungen nicht nachvollziehen. Ihr Kollege Patrick Nägele glaubt hingegen, dass die Regierung richtig handelt.

Pro: Die Regierung musste handeln

Kommentar von Patrick Nägele

Die Situation ist ernst. Auch in Deutschland stiegen die Fallzahlen der mit Covid-19 erkrankten Menschen immer weiter an. In der Woche vor den neuen Beschlüssen gab es neue Rekordwerte. Und das, obwohl die Bundesregierung – allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel – immer wieder an die Leute appellierte, sich weiter an Hygiene- und Abstandsregeln zu halten.

Der erneute Lockdown ist sinnvoll

Die oft gepredigte Eigenverantwortung der Deutschen scheint nicht allzu groß zu sein. Deshalb befindet sich Deutschland seit dem 2. November wieder im Lockdown. Eine gute Entscheidung: Wenn die Menschen nicht freiwillig auf Kontakte verzichten können, muss die Regierung eben Maßnahmen ergreifen. Die Gesundheitsämter sind überfordert, 75 Prozent der Fälle können nicht zurückgeführt werden. Die Intensivstationen werden voller und es sterben wieder mehr Menschen an den Folgen einer Infektion mit SARS-CoV-2. Ja, die Zahlen sind noch nicht gesunken, aber die Neuinfektionen steigen auch nicht drastisch an. Das ist ein erster Erfolg. Auch beim ersten Lockdown im Frühjahr gingen die Zahlen nicht vom einen auf den anderen Tag runter. Die Welle muss erstmal gebrochen werden.

Bildung ist wichtiger als Bundesliga

Es ist eine gute Entscheidung, dass die Schulen und Kitas weiter geöffnet bleiben. Kinder und Jugendliche mussten in diesem Jahr schon viel mitmachen. Die Bildung unserer Zukunft sollte eher im Vordergrund stehen als Bundesligaspiele, über die immer wieder lautstark öffentlich diskutiert wird. Berlins regierender Bürgermeister Müller erklärt einen weiteren wichtigen Punkt bei der Abwägung, was geschlossen wird und was geöffnet bleibt: „Im März und April haben wir gesehen, was für dramatische soziale Folgen es hat, wenn die Kinder nicht in die Schule können. Die Gewaltübergriffe gegen Frauen und Kinder sind in einer dramatischen Zahl nach oben gegangen“.

Der erneute Lockdown hat dramatische Folgen für die Gastro-, Kultur- und Sportszene, keine Frage. Aber: Je disziplinierter wir alle wieder werden und bleiben, desto schneller können die größtenteils funktionierenden Hygienekonzepte wieder angewendet werden. An aller erster Stelle steht momentan, die Infektionszahlen zu senken und damit Menschenleben zu retten. Für Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) ist es die letzte Möglichkeit, einen kompletten Lockdown zu verhindern. Damit wir in eineinhalb Monaten zusammen mit unseren Liebsten Weihnachten feiern können, auch wenn es ein besonderes Fest wird.

Kontra: Ein Experiment mit schweren Folgen

Kommentar von Aylin Ergin

Sporteinrichtungen, die Gastronomie und die Veranstaltungsbranche durften unter Auflagen nach dem ersten Corona-Lockdown wieder öffnen. In Restaurants wurden Gäste dazu aufgefordert Masken zu tragen, Tische wurden weiter auseinander gestellt und Spuckschutzscheiben an Kassen und Ausgaben angebracht. Auch in den Fitnessstudios und Amateurvereinen wurden Konzepte ausgearbeitet und umgesetzt. Die Einrichtungen wurden immer professioneller, doch nun müssen sie schließen. Aber was bringt das? Es gab kaum Berichte über Restaurants oder Sportstunden, die zu Superspreader-Events wurden.

Eine Branche bangt um ihre Existenz

Der Bund stellt zehn Milliarden Euro als Hilfspaket zur Verfügung, aber wie sehr wird es den betroffenen Branchen wirklich helfen? Betriebe sollen 75 Prozent ihres Umsatzes des Vorjahresmonats zurückerstattet bekommen. Dies kann jedoch dauern. Die Betriebskosten laufen aber jetzt schon weiter.

Das sorgt für große Existenzängste. Genau die Branchen, die es im ersten Lockdown sowieso schon mit am schwersten hatten, trifft es jetzt nochmal. Viele haben sich an die Hygienemaßnahmen gehalten und viel Geld in Schutzmaßnahmen investiert. Vereinzelt wurde gegen Auflagen verstoßen – aufgrund weniger schwarzer Schafe aber jetzt zahlreiche Menschen in Existenzangst zu versetzen? Ein so rigoroses Eingreifen ist nicht nachvollziehbar.

Ein Hilferuf

Die Veranstaltungswirtschaft ist der sechsgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands, sie steht kurz vor dem Untergang, wie die Initiative #AlarmStufeRot beschreibt. Die Dimension scheint vielen nicht bewusst: Über eine Millionen Arbeitsplätze in der Veranstaltungswirtschaft sind betroffen. Was helfen könnte: Events mit strengen Hygienkonzepten. So behalten Beschäftige ihre Jobs und Besucher*innen werden geschützt. Denn aktuell soll die Bevölkerung im privaten Wohnraum bleiben. Kontrollen sind dort aber kaum möglich.

Die neuen Maßnahmen sollen ja nur für einen Monat gelten. Bringt diese Art Lockdown denn etwas? In Einkaufszentren oder Kirchen können sich Menschenmassen immer noch treffen. Seit dem 2. November sieht man keine großen Erfolge: Die neuen Infektionszahlen betrugen laut RKI zu Beginn des Lockdowns 12.097 pro Tag. Eine Woche später waren es 13.363 neue Fälle pro Tag. Aber was ist wenn Ende November die Zahlen immer noch nicht weiter gesunken sind? Sollen Gastronomie, Kulturveranstaltungen und Sporteinrichtungen weiterhin verschlossen bleiben? Das würden die Branchen nicht überleben.

Beitragsbild: Unsplash

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Patrick Nägele, 1995 geboren, turnte, bevor er laufen konnte – seine sehr sportlichen Eltern nahmen ihn schon als Baby mit in die Halle. Die erste ernsthafte Verletzung zog er sich jedoch erst viel später zu, als Student beim Action-Verstecken in Norwegen: Er stolperte über das Bein eines Mitspielers und riss sich das Kreuzband. Zum Glück konnte er sein Studium der Sportpublizistik in Tübingen trotzdem fortsetzen. Für die Sportschau interviewte er später unter anderem die Ausnahmeturnerin Simone Biles. In seine Heimat, eine Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart, würde er für die Maultaschen seines Opas jederzeit zurückkehren. Kürzel: pan
Aylin Ergin, Jahrgang 1996, packt regelmäßig die Fluglust - je länger die Strecke, desto besser. Australien wäre noch ein Traumziel. In den USA hat sie fast alle Staaten schon abgeklappert. Auch für die Ausbildung war sie dort und kam mit zwei Bachelorabschlüssen wieder zurück: einen in Broadcasting und einen in Communications. Beim hochschuleigenen TV- und Radiosender war sie unter anderem als Graphic Designer sowie in der Regie tätig und war Mitherausgeberin der Campuszeitung. Ist die Globetrotterin in ihrer Heimat Hamburg, zieht es sie an den Hafen, der Blick auf die Wellen inspiriert sie. Ihre Zukunft sieht Aylin in der PR-Abteilung eines internationalen Industrieunternehmens, am besten eines, das etwas mit Fliegen zu tun hat. Wo auch immer sie landet, Hauptsache ihr Schreibtisch ist aufgeräumt. Bei Chaos kann sie nicht arbeiten. Kürzel: erg

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