Fünf Tote und mindestens 50 Festnahmen: Am US-Parlamentssitz herrschte stundenlang Chaos, nachdem Trump-Anhänger*innen das Kapitol gestürmt hatten. Was sagen Amerikaner in Hamburg zu den Bildern?

Proteste von wütenden Anhänger*innen des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump eskalierten am vergangenen Mittwochabend in Washington, D.C. und endeten mit dem Sturm auf das Kapitol, dem Sitz des US-Parlaments. Der Grund: Im Kapitol wurden die Präsidentschafts-Wahlergebnisse zertifiziert. Bei den Unruhen kamen nach Polizeiangaben fünf Menschen ums Leben, mindestens 50 Festnahmen erfolgten.

Sitzung musste unterbrochen werden

Gewaltbereite Randalierer*innen stürmten am 6. Januar 2021 das Kongressgebäude. Laut „Tagesschau“ mussten beide Kongresskammern ihre Sitzungen unterbrechen, Parlamentssäle geräumt und Abgeordnete in Sicherheit gebracht werden. Erst Stunden später konnte der Kongress die Sitzung abhalten und Trumps Niederlage bei der US-Wahl besiegeln.

In Washington trat am Abend eine Ausgangssperre bis zum frühen Donnerstagmorgen in Kraft. Bewaffnete Sicherheitskräfte stellten die Unruhestifter*innen. Bürgermeisterin Muriel Bowser verlängerte anschließend den Ausnahmezustand für die Hauptstadt um zwei Wochen – bis zur Amtseinführung von Joe Biden.

Trump verantwortlich für die Ausschreitungen?

Seit der US-Wahl im November 2020 behauptet Trump, dass die Wahl nicht rechtmäßig vonstatten ging. Auf Twitter behauptete der scheidende Präsident, dass es einen Wahlbetrug durch die Demokraten gegeben hätte. Diese Anschuldigungen wurden von amerikanischen Gerichten geprüft und für falsch erklärt.

Der Republikaner Donald Trump hatte die Wahl deutlich gegen seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden verloren, die Wahlniederlage wollte er aber nicht anerkennen. Weiterhin behauptete Trump auf Twitter, dass er aufgrund eines Wahlbetrugs um seinen Sieg gebracht worden sei. Twitter hat viele seiner Tweets als irreführend markiert – und sogar vorübergehend den Account gesperrt. Facebook und Instagram haben seinen Account sogar mindestens für zwei Wochen beziehungsweise bis zur Machtübergabe an Joe Biden gesperrt.

Kurz vor dem Start der Kongresssitzung hatte Trump vor seinen Anhänger*innen unbelegte Wahlbetrugsbehauptungen wiederholt und dazu aufgerufen, zum Kapitol zu ziehen. Sie dürften sich den „Diebstahl“ der Wahl nicht gefallen lassen.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von The New York Times (@nytimes)

Was sagen Amerikaner aus Hamburg zu den Bildern aus Washington, D.C.?

Marlon Bradke, 28, ist in New York City geboren und hat in Hamburg Medizin studiert.
Marlon Bradtke, 28, ist in New York City geboren und hat in Hamburg Medizin studiert.

„Meine Eltern riefen mich an, ich solle schnell CNN einschalten. Die ersten Szenen, die ich sah, hätten auch aus einem Hollywood-Film sein können. Natürlich war ich entsetzt, was dort am Kapitol geschah, doch nach den vergangenen vier Jahren überrascht es mich bedauerlicherweise kaum noch. Die Leichtigkeit, mit der ein Haufen „brainwashed“ Chaoten ungehindert in das Kapitol eindringen konnten, ist jedoch unglaublich. Ich kann nur hoffen, dass dies der letzte Akt der Trump-Ära war, der mit dem Präsidentenwechsel ein für alle Mal endet.“

Fabian Kleinschmidt
Fabian, 31, hat zwölf Jahre in Michigan gelebt und studiert mittlerweile in Hamburg Politics, Economics and Philosophy.

„Ich habe die Ereignisse in Washington live auf Youtube verfolgt. Die Bilder haben mich nicht überrascht. Im Gegenteil: Ich habe sogar noch mehr Gewalt erwartet. In den USA ist das politische Klima extrem angespannt. Es nur auf Donald Trump zu schieben, ist zu einfach. Die Bürger müssen auch vor ihrer eigenen Haustür kehren. Mir ist aber wichtig zu sagen, dass die Demokratie in den USA in der Vergangenheit schon einige Krisen überwunden hat – und auch bisher halten die Institutionen und Organe stand.“

Andre Avila Alves, 35, in New Jersey aufgewachsen, studiert an der HAW Information Engineering
Andre Avila Alves, 35, in New Jersey aufgewachsen, studiert an der HAW Hamburg Information Engineering.

„Ich habe es erst mittags erfahren, als ich mir die Schlagzeilen angehört habe. Ich bin tief enttäuscht darüber, was da passiert ist. Aber ich bin schon seit ein paar Jahren enttäuscht über die Spaltung in den USA. Bis 2018 habe ich selbst als Diplomat für die Regierung gearbeitet. Dann bin ich gegangen, weil ich nicht mehr einverstanden war, in welche Richtung sich das entwickelt. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich Bürger sehe, die eine Säule unserer Demokratie überrennen. Aber ich bin nicht naiv: Ich weiß genug über Politik, um zu wissen, dass so etwas nie unmöglich ist.“

Titelbild: Unsplash

Vorheriger ArtikelWusstest du das über „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“?
Nächster ArtikelDrohendes Verkehrschaos: Elbchaussee wird saniert
Lucas Rudolf, Jahrgang 1995, ist ein Mann der Gegensätze: In seiner Freizeit headbangt er am liebsten zu den Klängen von Metal-Bands wie Caliban, Amon Amarth und Cypecore – oder tanzt Rumba, Walzer, Tango. Obwohl im Schwabenland geboren, zog es ihn für ein Studium im Bereich Multimediajournalismus zu den „verfeindeten“ Badenern nach Karlsruhe. Richtiger Lokalpatriotismus ist ihm als überzeugter Europäer aber trotzdem fremd. Als Interrail-Backpacker hat Lucas mittlerweile fast jedes Land des Kontinents bereist – ohne dabei jedoch auch nur ein Bild seiner Reisen auf Instagram geteilt zu haben. Lieber berichtete er als freiberuflicher Reporter über seine Reisen im SWR-Radio, seinem ersten Job nach dem Bachelorabschluss. Seiner Vorliebe für Europa ging er als Freiberufler und Filmemacher nach: Für ein Europe Direct Informationszentrum produzierte er Dokus über Europapolitik und hielt Vorträge. Jetzt will er noch herausfinden, wo er in Hamburg headbangen und tanzen kann. Kürzel: lur
Bennet Möller, Jahrgang 1995, stand schon mal im Finale einer Deutschen Meisterschaft – im Futsal, einer besonders schnellen Form des Hallenfußballs. Das war 2019, als Bennet noch mit dem Studium der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg beschäftigt war. Beim Unternehmen Jungheinrich, berühmt für seine Lagertechnik, arbeitete er in der Kommunikationsabteilung – er saß auch schon mal selbst auf einem Gabelstapler. Für das politische Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte er Veranstaltungen mit Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsleuten. Yuval Noah Hararis „Kurze Geschichte der Menschheit“ ist sein Lieblingssachbuch, und überhaupt liest er lieber, als Fernzusehen. Auch Fußball spielt er lieber selbst, als es auf einem Bildschirm zu verfolgen. Kürzel: bem
Freudenstadt behauptet von sich, den größten Marktplatz Deutschlands zu haben, genau wie Stade. Was Stade definitiv fehlt: Es war nicht seit 1997 das Zuhause von Lorenz Jeric. Er liebt die Ćevapčići seines slowenischen Großvaters, kocht selbst aber am liebsten Käsespätzle. Nach 13 Jahren Waldorfschule zog er nach Hamburg, um einen Bachelor in Medien- und Kommunikationswissenschaft zu machen. Dabei lernte er, dass er es nicht leiden kann, Filme wissenschaftlich zu betrachten, obwohl er sie liebt. Wenn er nicht grade für eine kleine Kommunikationsagentur textet, spielt er gerne am Grindelhof Tischtennis oder fährt mit seinem Campervan Richtung Norden, möglichst ans Wasser. Zusammen mit Freunden produziert er schon seit 2017 den Podcast „Unfertig“, in dem wenig über Gott und viel über die Welt gesprochen wird. Kürzel: loc
Marie Filine Abel, geboren 1992 in Hamburg, diskutiert leidenschaftlich gern: Mit einem Verschwörungstheoretiker im Flugzeug über Aliens, mit Margarete Stokowski via Instagram über die feministischen Implikationen jungfräulicher Cocktails, oder beim Kartenspiel am Küchentisch. Zwischen den Zeilen zu lesen hat sie während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg gelernt. Sie hospitierte am Hamburger Schauspielhaus in der Regie und interviewte für das Stadtmagazin „Szene Hamburg“ Künstler, Krippensammler und Klimaaktivisten. Da war klar: Marie will als Journalistin Anderen Raum für ihre Geschichten geben. Eine sein, die den Mund aufmacht und auf Missstände hinweist - ganz so, wie sie es in ihrer Kindheit aus Musikkassetten von Hannes Wader oder Fredrik Vahle gelernt hat. Kürzel: mfa

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here