Die Hamburgerin Abina Ntim stärkt mit ihrer Arbeit Menschen mit Afrohaaren. Denn: Natural Hair ist mehr als Locken. Vor allem geht es hierbei um Empowerment.

Foto: Laura von Troschke

Abina Ntim wirkt zufrieden. Sie lacht viel und gestikuliert beim Sprechen mit ihren Händen. Stundenlang könnte man ihr zuhören, wenn sie so von ihrer Arbeit und von ihren Erlebnissen erzählt. Seit 2016 bietet die Hamburgerin Workshops und Haarberatung für Menschen mit Afrohaaren an und schnell wird deutlich, dass es hierbei um mehr als nur um Styling und Pflege geht.

Haare haben Abina schon immer fasziniert: Als junges Mädchen gab sie oft ihr gesamtes Taschengeld für das „Black Hair Magazine“ aus. Dafür fuhr sie extra zum Hamburger Hauptbahnhof. Später schaute sie sich YouTube-Videos an, probierte zusammen mit ihrer älteren Schwester die unterschiedlichsten Styles aus und experimentierte mit Frisuren und Farben.

Die Begriffe „Schwarz“ und „Weiß werden groß geschrieben. Mit diesen Bezeichnungen ist nicht der Hautton einer Person gemeint. Es handelt sich um eine Selbstbezeichnung, die die politische und gesellschaftliche Positionierung einer Person beschreibt. Das Schwarze Subjekt ist gesellschaftspolitisch und strukturell untergeordnet. „Weiß“ bezeichnet eine gesellschaftlich dominante Machtposition, die mit Privilegien verbunden ist.

Abinas Vater ist Schwarzer Ghanaer, ihre Mutter ist Weiße Deutsche. Sie selbst wurde 1988 in Harburg geboren, aufgewachsen ist sie in Wilhelmsburg. Abinas Eltern kamen nicht mit ihrer Haarstruktur zurecht, die so anders war als die eigene. Aus diesem Grund und um ihrem damaligen Schönheitsideal zu entsprechen, glättete Abina ihre Haare damals regelmäßig mit chemischen Relaxern.

„Es ist eine Art Mini-Natural-Hair-Movement entstanden.“

„2011 sind meine Haare dann plötzlich abgebrochen“, erzählt Abina. Ein Erlebnis, das ihr auch heute noch nahegeht. Ihre gefärbten Haare haben damals auf den Relaxer reagiert – die Konsequenz war ein Kurzhaarschnitt. Für Abina war das ein Schock und gleichzeitig der Auslöser für Vieles, was seitdem passiert ist.

Nachdem sie ihre kaputten Haare abgeschnitten hatte, stand für Abina fest, dass sich etwas ändern musste. Sie stellte das Schönheitsideal infrage, dem sie bis dahin gefolgt war, und entschied sich, ihre natürlichen Haare nachwachsen zu lassen – also „natural“ zu werden und keine aggressiven Relaxer zu verwenden.

Das hieß allerdings auch, dass Abina sich mit der Pflege ihrer natürlichen Haare auseinandersetzen musste. Sie recherchierte, las Bücher, nahm an Workshops teil, sah sich Videos an – und probierte Vieles aus. Ihr Wissen teilte sie mit ihren Freund:innen und beobachtete, wie sich Produkte und Pflegeroutinen unterschiedlich auf deren Haare auswirkten. Gemeinsam bestärkten sie sich so darin, ihre Haare natürlich zu tragen.

Die politische Dimension von Afrohaaren

Dass Afrohaare nicht einfach Haare sind, war Abina schon früh bewusst. Afrohaare haben eine politische Dimension, sind häufig Stigmata ausgesetzt. Dass Schwarze Frauen und Women of Color Perücken tragen oder Weaves und ihre Haare mit chemischen Mitteln glätten, ist nicht immer eine freiwillige Entscheidung gegen die eigene Natürlichkeit. Viele Women of Color passen sich auf diese Weise westlichen Schönheitsidealen an, nicht zuletzt um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

Abina erinnert sich an eine Kundin, die von ihren natürlichen Haaren so frustriert war, dass sie ihr gesamtes Geld für eine teure Perücke ausgeben wollte. Sie sei eine gestandene Frau und Mutter gewesen, die keinen anderen Ausweg aus ihrer Situation wusste. Sogar ihr Partner wollte sie mit seinen Ersparnissen unterstützen, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Nach einer Haarberatung bei Abina überlegte sie es sich anders.

Selbst in afrikanischen Friseursalons werden häufig diese Schönheitsideale bedient. „Das Wissen über die natürliche Haarstruktur und Pflege fehlt oft auch in afrikanischen Friseursalons“, erzählt Abina. Styles wie Braids oder Weaves seien kein Problem, der richtige Umgang mit natürlichen Afrohaaren stelle für viele allerdings eine Herausforderung dar.

Weil Abina sich intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen wollte, schrieb sie schließlich ihre Masterarbeit in Kulturanthropologie über „Natural Hair als Wissensphänomen“. Für ihre Recherchen ist sie bis in die USA gereist, hat Interviews geführt und Workshops besucht.

Relaxer sind chemische Mittel, mit denen die Haare dauerhaft geglättet werden. Sie können zu Hautreizungen führen und stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.
Weaves sind Haarverlängerungen, die mit dem eigenen Haar vernäht werden. Hierfür wird das Haar zunächst an die Kopfhaut angeflochten und die Weaves anschließend mithilfe eines Fadens mit den Zöpfen vernäht.
Braids sind geflochtene Zöpfe.

Pflegeroutinen und Selbstakzeptanz

Nach ihrem Masterabschluss befasste Abina sich weiter mit Natural Hair und begann 2016 Workshops für Menschen mit Afrohaaren zu geben. Dann beschloss sie, sich selbstständig zu machen und gründetete 2018 Jona curly hair care.

Mit ihrer Haarberatung wollte sie Menschen mit Afrohaaren auch hier in Deutschland die Möglichkeit bieten, sich mit ihrer Haarstruktur und der passenden Pflege auseinanderzusetzen. Und sich im besten Fall auch von schädlichen Schönheitsidealen zu befreien. Jona steht für „Join Our Natural Association“ – und für Abinas vollen Namen: Jennifer Abina Owusuah Ntim.

Ein Großteil von Abinas Kund:innen sind afrodeutsche Frauen. „Das sind toughe, gebildete Frauen, die mit beiden Beinen im Leben stehen“, sagt die Hamburgerin. Doch auch sie fühlten sich häufig unsicher im Umgang mit ihren eigenen Haaren. Mit ihrer Beratung möchte Abina ihnen einen Raum für mehr Selbstakzeptanz bieten. In den Gesprächen gehe es nicht nur um Pflege und Routinen, vielmehr seien Haare für viele der Frauen ein intimes Thema, mit dem oftmals auch tiefe Wunden aus der Vergangenheit verbunden sein können.

„Wenn man ein Schwarzer Mensch in einer weißen Mehrheitsgesellschaft ist, dann macht das was mit einem.“

Der Prozess hin zu mehr Selbstliebe kann ein ganzes Leben andauern. Die Frauen, die Abina berät, hätten sich bewusst dazu entschieden, ihr Selbstbild umzudeuten. „Und das eröffnet ihnen eine ganz neue Welt“, sagt sie und macht dabei eine ausladende Bewegung mit ihren Armen.

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Die Beratung beginnt mit der Frage nach dem Warum: „Warum hast du die Beratung gebucht?“ und „Was ist dein Anliegen?“. Die Antworten fallen ganz unterschiedlich aus. „Manchmal hört man raus, dass jemand empowert werden möchte und manchen fehlt vor allem der Austausch mit dem eigenen Umfeld“, sagt Abina. Und so unterschiedlich die Beweggründe sind, so unterschiedlich kann dann auch die Beratung ausfallen.

Mit ihrer Arbeit möchte Abina das Selbstbild der Menschen stärken, weg von übermäßigem Perfektionismus und reiner Selbstoptimierung. Die Haarberatung könne dazu führen, dass man sich mit weiteren Themen auseinandersetzt – zum Beispiel mit der eigenen Identität, Body Positivity oder Persönlichkeitsentwicklung. Im Zentrum steht aber vor allem eines: „Mein Ziel ist, dass die Leute ihre eigenen Expert:innen werden“, sagt Abina. Sie geht diesen Weg mit ihren Kund:innen und hilft ihnen dabei, ihre Haare so zu akzeptieren, wie sie sind. „Wir können die perfekten Produkte für dich ermitteln, du musst aber akzeptieren, dass deine Haare nie auf eine bestimmte Art fallen werden.“

„Wir waren immer auf der Suche nach dem Schlüssel.“

Heute trägt Abina ihre Locken schulterlang – und ganz natürlich. Mittlerweile weiß sie, dass nicht irgendein Produkt oder eine Pflegeroutine der Schlüssel zu perfekten Haaren ist. Vielmehr gehe es um die eigene Selbstwahrnehmung und darum, sich selbst zumindest ein Stück weit so zu akzeptieren, wie man ist.

Sechs Frauen mit Afrohaaren, die an einem Haarworkshop von Abina teilnehmen. Sie sitzen in zwei Reihen. Eine Teilnehmerin spricht, die Köpfe der anderen sind ihr zugewandt.
Abina wird für Workshops für Menschen mit Afrohaaren gebucht. Foto: Anissa Carrington

Wenn Abina Workshops gibt, ist der Austausch zwischen den Teilnehmer:innen ein wichtiger Bestandteil. Sie schafft einen geschützten Raum, in dem sich die Menschen öffnen und verstanden fühlen können. Man müsse sich dort nicht erklären, wenn es beispielsweise um das beklemmende Gefühl geht, wenn die eigenen Haare ungefragt angefasst werden.

„Der Mangel ist mein Antrieb.“

Laut Abina ist ihre Haarberatung in Deutschland einzigartig, der Bedarf aber deutschlandweit vorhanden. „Ich nehme wahr, dass das Bewusstsein dafür, sich etwas zu gönnen, bei Schwarzen Frauen in Deutschland derzeit stark zunimmt“, sagt sie.
Die Herausforderungen sind dabei oft so verschieden wie die Menschen selbst.

Abina ist zufrieden, wie es ist. Wenn sie erzählt, merkt man, dass ihre Arbeit sie erfüllt. Und das obwohl – oder gerade weil – sie ihr ein hohes Maß an Empathie abverlangt. Eine bestimmte Vision hat sie zwar nicht, aber eine Vorstellung von der Zukunft: „Wenn man mich in ein paar Jahren auf der Straße trifft und fragt: Abina, was machst du, dann möchte ich antworten: Ich mache immer noch Jona, ich habe einen Laden und der Onlineshop ist richtig groß geworden. Man bekommt dort alles, was man braucht.“ Lachend fügt sie hinzu: „Und ich habe mehrere Mitarbeiter:innen.“

car