Sieben Monate sahen alle Hamburger Bars gleich aus: Türen zu, irgendwo der Aushang: „Vorübergehend geschlossen“. Jetzt durften die Bars wieder ihre Pforten öffnen – zumindest die Außenbereiche. Lohnt sich das überhaupt? Halten die Leute sich an die Auflagen und wie gut haben die Bars die Covid-Monate überstanden?

Dienstag, 15 Uhr in einer kleinen Bar am Mühlenkamp. Vor einer Woche war hier noch alles ruhig, jetzt herrscht rege Betriebsamkeit. Abdeckungen werden von Tischen und Stühlen geräumt, Aschenbecher verteilt und die Wärmelampen für den Abend getestet. Seit Samstag fließt hier wieder jeden Tag das Bier.

Viele Plätze haben sie nicht. Nur eine Terrasse am Wasser und eine Handvoll Tische vor der Tür. Der bequeme Innenbereich bleibt nach wie vor verwaist. Trotzdem sieht man den Angestellten an, dass sie sich freuen: Endlich wieder Gäste empfangen, Bier zapfen und Speisen servieren. Auch Betriebsleiter Torben Andersen grinst, während er die zu Barhockern umfunktionierten Bierfässer mit Kissen bestückt.

Die letzten sieben Monate war die Ratsherrn Bar Mühlenkamp meistens geschlossen. „Wir haben es immer mal wieder versucht, je nach Wetterlage. Außerdem haben wir einen Pop-up-Store aufgebaut mit Merch von der Brauerei und Flaschenbier verkauft. Einfach um Flagge zu zeigen und den Leuten wenigstens mal zwei Minuten in der Woche was anderes zu bieten als die eigenen vier Wände. Trotzdem waren wir grundsätzlich geschlossen und die Küche stand still, bis auf Bratwurst auf die Hand“, erzählt Torben.

Für seine Bar war das möglich, weil er eng mit der Brauerei zusammenarbeitet. Trotzdem blieb jede kleine Aktion mit viel Planung verbunden. Normalerweise kann Torben innerhalb von zwei Tagen auf Situationen reagieren, zurzeit muss eigentlich alles zwei Wochen im Voraus geplant werden. Schließlich sind nicht nur die Gastronom:innen, sondern auch deren Zuliefer:innen von der Pandemie betroffen und entsprechend in Kurzarbeit.

Dennoch gelang es Torben und seinem Team, die Bar nach der kurzfristigen Entscheidung der Stadt zu öffnen. „Auf der einen Seite sieht man, dass im Senat niemand weiß, welchen Aufwand es bedeutet eine Gastronomie wieder ans laufen zu bringen, von daher kein absolut cooler Move, auf der anderen freuen wir uns riesig, dass es wieder los geht.“

Die Bierhähne sind nach der Spontanen Bar öffnung noch nicht wieder alle am laufen
Noch fließen am Mühlenkamp nicht wieder alle Biersorten.

Lohnt es sich denn, wieder offen zu haben? Für die Ratsherrn Bar Mühlenkamp ja, aber nur weil der Laden durchweg voll besetzt ist und weniger Personal als gewöhnlich im Einsatz ist. Für viele kleinere Bars, die auch weniger Außenbereich haben, wohl weniger.

Den Gästen merkt man die Freude an, wieder in eine Bar gehen zu können. Obwohl es immer wieder regnet und die Karte noch Lücken aufweist, ist jeder Tisch besetzt. Wer keinen Platz unter der Markise und den Wärmelampen bekommt, zieht sich eben eine dicke Jacke mit Mütze an oder bringt einen Schirm mit. Hauptsache man kann wieder ein Bier mit Freund:innen trinken.

Der Enthusiasmus verleitet aber nicht dazu, alle Vorsicht außer Acht zu lassen. Die Gäste melden sich alle zur Nachverfolgung an, die meisten sogar digital mit der Luca-App. Dass das so problemlos gehen würde, war lange nicht klar. Erst am Freitagabend vor der Öffnung beantwortete die Sozialbehörde dem Barkombinat Hamburg e.V. die wichtigsten Fragen. Unter anderem die danach, ob man zum Nutzen der Gastronomie einen negativen Covid-Test brauchen würde.

Nach der Bar Öffnung sitzen schin wieder Gäste an allen Tischen. Der Bar Alltag wirkt beinahe normal
Bier und Essen gibt es schon wieder – der Bar-Alltag wirkt beinahe normal.

„Mittlerweile halten sich die Leute auch alle an die Maskenpflicht, wenn sie aufs Klo gehen und desinfizieren sich die Hände“, erzählt Torben. „Das war in der erste Lockdown-Pause noch anders.“ Auch in der Bar sind sowohl Angestellte als auch Gäste bemüht, alle Regeln einzuhalten. Nur an eines müssen die Kellner:innen die Gäste hin und wieder erinnern: An ihren Tischen zu bleiben und sich nicht mit anderen zu unterhalten.

Dass der Betrieb so gut funktioniert, liegt wahrscheinlich an der gemeinsamen Motivation: Die Bars sollen offenbleiben. Den Mitarbeiter:innen wurde über die Pandemie einiges abverlangt. Die meisten waren in Kurzarbeit, einige hatten gehen müssen. Wenn die Bar offen war, dann nur zwei Tage die Woche für fünf oder sechs Stunden. Diese Zeiten wurden unter den Angestellten so fair wie möglich verteilt, viel ist dabei aber nicht rumgekommen. Alle die wollten und konnten, haben sich vorübergehend Arbeit an anderer Stelle gesucht.

Eine erneute Schließung wäre in vielerlei Hinsicht schmerzhaft. Allein der Wert an Waren, die weggeworfen werden müssten, würde im mittleren vierstelligen Bereich liegen. „Die Angst, dass man wieder zumachen muss, ist gerade der Euphorie gewichen“, sagt Torben. „Bedenken sind zwar da, Angst aber keine.“


Fotos: Ratsherrn Bar Mühlenkamp

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1997 bekam Google seinen Namen – so auch Simon Uhl. Eine weitere Gemeinsamkeit: die Informatik. Aber Google liebt Big Data, Simon setzt sich aktiv dagegen ein. Seine Bachelorarbeit schrieb der gebürtige Stuttgarter über Datenjournalismus und baute ein Google-Street-View für das Stuttgart im Jahr 1942. Die schwäbische Kehrwoche lässt der selbsternannte Chaosmensch lieber ausfallen. Er versichert, dass sein Chaos einer eigenen Ordnung folgt. Simon liebt internationale Filme und geht mehrmals in der Woche ins Kino – für Film- und Musikfestivals reist er überall hin. Seinen Namen konnte er auch schon einmal auf der Leinwand bewundern: Bei einer Fußball-Dokumentation, für die er Kamera und Schnitt gemacht sowie zahlreiche Interviews geführt hat. Sonst schreibt er für nischige Online-Magazine über In-Vitro-Fleisch, Start-ups oder Computer-Hardware. (Kürzel: uhl)

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