Bei seinen englischen Kolleg:innen war Udett Schaffrath als der „crazy German“ bekannt. Das trifft es ganz gut, denn es gibt kaum etwas, das er noch nicht ausprobiert hat: vom Betriebsrat über ein Ehrenamt als Weihnachtsmann bis zum Spendensammeln via Livestream.

„Pass auf, ich zeig‘ dir mal was“, sagt Udett Schaffrath, springt von seinem Plastikstuhl auf und verschwindet im Flur seiner Barmbeker Wohnung. Der 53-Jährige kommt mit einem leicht verblichenen, bunten Karton zurück, den er auf seinen weißen Küchentisch stellt. Durch ein Plastikfenster ist eine muskelbepackte Actionfigur zu sehen. „Das ist Big Jim.“ An Udetts Fingern klebt Staub. „Als ich ein Kind war, war das der heiße Scheiß“, sagt er und grinst.

Die Figur ist von 1981, noch originalverpackt. Geschenkt bekommen habe er Big Jim aber nicht in seiner Kindheit, sondern erst im späten Erwachsenenalter, von dem Sohn einer befreundeten Familie. Auspacken werde er die Figur nie, darum ginge es auch gar nicht. Das größte Kapital, das man haben könne, sei nichts Materielles. „Es ist das, was du mitnimmst“, sagt er. „Erfahrungen, Beziehungen. Die Menschen, die dich berührt haben und die du berührt hast.“

Irgendwas ist immer

Für seine älteren Nachbar:innen trägt Udett seit der Pandemie den Abfall raus. Auf der Arbeit engagiert er sich im Betriebsrat, wo er zusammen mit anderen einen Tarifvertrag durchgeboxt hat. Durch seinen Freund Christoph ist er auf die Idee gekommen, über einen Tierverein die Galgo-Hündin Celeste aufzunehmen. Ein anderer Nachbar brachte Udett dazu, als Weihnachtsmann die Feiertage fremder Familien ein Stück bunter zu machen. Und 2020 hat er kostümiert im Livestream Spenden für die Krebshilfe gesammelt. Irgendetwas macht er immer. Er selbst nennt sich daher treffend „Mr. ADHS“.

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Tatsächlich hat er die Diagnose für die Aufmerksamkeitsstörung erst vor Kurzem bekommen – „einer der schönsten Momente in seinem Leben“, sagt er. Seitdem weiß er, warum er so ist, wie er ist. Warum er regelmäßig Unfälle baute, sodass seine Autoversicherung auf 200 Prozent hochgestuft wurde. Und warum ihm einmal im Jahr ein Topf festbrennt – das sei alles typisch für ADHS. Deshalb liebe er seinen Job als Videoredakteur bei einer großen Computerzeitschrift auch: „Man hat so gut wie gar keine Routine.“ Das entspreche seinem Naturell. An keinem Arbeitsplatz ist er länger geblieben als in der Hamburger Redaktion.

Udett Schaffrath: „Ein echtes Arschlochkind“

Bevor er in Hamburg sein Zuhause fand, hüpfte er von einem Job und Ort zum nächsten. Geboren wurde er im tiefsten ostwestfälischen Neuenkirchen, knapp 20 Kilometer von Bielefeld entfernt. In der Gegend wuchs er zusammen mit drei älteren Schwestern auf, machte seinen Realschulabschluss. Damals sei er ganz anders gewesen als heute. Udett zuckt nicht einmal mit den Mundwinkeln, als er sagt: „Ich war ein echtes Arschlochkind. Und ein Bully.“ Wenn er über sich und seine frühen Jugendfreunde spricht, flucht er ordentlich. Sie hätten anderen Kindern Bälle geklaut und diese aufs Dach geworfen, um sie zu ärgern. Einer Klassenkameradin hätten sie das Leben zur Hölle gemacht.

Udetts grauer, bis zum Schlüsselbein reichender Vollbart zuckt von links nach rechts, als er spricht. Er ist als Dorfkind groß geworden. Und sein Eindruck ist: „Je kleiner das Dorf, desto größer die Fremdenfeindlichkeit.“ Zu Beginn seiner Jugend habe ihn das sehr geprägt, das verleugnet Udett nicht. Erst durch einen neuen Freundeskreis habe er sich gewandelt. Durch sie sei er von politisch ganz rechts zu ganz links gewechselt und im Poncho auf Anti-Raketen-Demos in Bonn mitgelaufen. Zusammen gründeten sie eine Punkband: „No Re-sick-nation“. Udett lacht schallend, als er über den Namen redet. „Wie ‚keine Resignation‘, verstehst du?“

Vom Einzelgänger zum Rudeltier

Früher dachte er aber noch, er brauche keine anderen Leute. Deshalb habe er auch ein einsames Wolfstattoo auf dem Oberarm. Udett schiebt den rechten Ärmel seines beigen Nadelstreifenpullovers hoch und zeigt die mittlerweile verschwommenen Konturen der schwarzen Tinte auf seiner Haut.

Dabei gab und gibt es in Udetts Leben viele Menschen. Wenn er ausschweifend von seiner Geschichte erzählt, fallen dutzende Namen. Er erinnert sich an jede Person. Wie er sie kennenlernte, wo sie heute sind. Die meisten seiner Jobs bekam er durch Bekannte und Freunde. Oder durch sein Talent: „Andere Leute volllabern.“

So hätte er seine Ausbildung zum Ver- und Entsorger im Klärwerk durch viel Überzeugungsarbeit bekommen, trotz Fünfen in Mathe und Chemie im Abschlusszeugnis. Auch seinen Job im Customer Service beim Spieleentwickler Electronic Arts in Gütersloh bekam er über einen Freund. Dabei hatte er keine Ahnung von Computern. Stattdessen habe er immer wieder bei den Kolleg:innen in England angerufen und sich alle nötigen Infos bei ihnen geholt. Vielleicht spricht Udett deshalb fließendes Denglisch.

Nichts, was bleibt

So sei er beruflich erst in Aachen und dann in London gelandet. Überhaupt scheint es ihn nirgendwo lang gehalten zu haben: Er wohnte in Hattingen, im Dorf Rottenmann in Österreich. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Berlin ging es dann nach Villingen-Schwenningen im Schwarzwald. Auch da riss Mr. ADHS schnell wieder die Zelte ab – und zog schließlich nach Hamburg. Udett arbeitete als Producer, Produktmanager, PR-Verantwortlicher und als Community Manager, bevor er Videoredakteur wurde.

Er zieht sein rechtes Bein an, stellt es auf den Plastikstuhl, auf dem er sitzt. Die Wände hinter ihm sind blank. Kein einziges Foto hängt dort, das seine Lebensgeschichte bezeugen könnte. Nur am Kühlschrank sind ein paar bunte Schnipsel angebracht: mehrere Super Marios, die eine Faust in die Luft strecken, ein Sticker vom Videospiel „Risen 3“ und Coupons von zwei Pizzerien. Eine davon gibt es seit über vier Jahren nicht mehr.

Mit echtem Weihnachtsmannbart

Vor etwa vier Jahren, erzählt er, habe er sich auch seinen Bart wachsen lassen. Das veranlasste seinen Nachbarn dazu, ihm zur Karriere als Weihnachtsmann zu raten. Eine Hamburger Familienagentur vermittelt jedes Jahr „Männer mit Santa-Potenzial“ an Familien, die ihren Kindern ein authentisches Fest bieten wollen. Und wie immer sagte Udett dazu: „Warum nicht?“

Mit passendem Kostüm und goldenem Weihnachtsbuch besucht er seit 2017, wenn nicht gerade Corona-Pandemie ist, sieben bis acht Familien an den Feiertagen. Da ist er dann der Star: „Du bist bei dem Peek dabei, bei dem, was für die Kinder das Wichtigste ist.“ Damit meint er die Bescherung, die er als Weihnachtsmann für die Eltern übernimmt. Er bringt die Geschenke, die Freude bereiten – wie Big Jim. Und „die Freude ist fucking real“.

Udett Schaffrath verkleidet als Weihnachtsmann
Im Corona-Jahr 2020 hat Udett Spenden per Livestream gesammelt. Foto: Udett Schaffrath

Für die Besuche bekommt er Geld. Aber was Udett antreibt, ist die echte, kindliche Freude an Weihnachten, die Erwachsene meist nicht mehr haben. Bei seiner ersten Weihnachtsfamilie habe er den zwölfjährigen Sohn, der nicht an den Weihnachtsmann geglaubt hat, doch von seiner Existenz überzeugt: Wäre er ein falscher Weihnachtsmann, müsste er doch einen falschen Bart haben.

Zuletzt hatte Udett über eine Bekannte von einem krebskranken Jungen in ihrer Nachbarschaft gehört. Eine Geschichte, die den 53-Jährigen sichtlich bewegt. Seine Ohren glühen rot. Normalerweise könne er darüber nicht reden, ohne zu weinen, sagt er. Er bot der Familie an, am Krankenbett des Sohnes den ehrenamtlichen Weihnachtsmann zu spielen. Udett schüttelt leicht den Kopf. An den Tag denke er oft noch zurück. „Dieses Jahr möchte ich einmal in Kinderkrankenhäusern anfragen, ob sie einen Weihnachtsmann brauchen.“

Tierisch menschlich

Während er erzählt, kommt seine Hündin Celeste jaulend rein. Erst vor knapp zwei Wochen holte er das zehn Jahre alte Tier zu sich. Udett setzt sich im Schneidersitz auf den Schachbrettboden seiner Küche. Seine Stirn legt sich in exakt vier Falten, als er seine Zähne zum Lächeln entblößt. Seine Stimme rutscht zwei Oktaven höher: „Was hast du denn, Celeste?“

Vor einem Jahr hätte er nie daran gedacht, einen Windhund aufzunehmen. Dann hätte er von seinem Kumpel Christoph von dem Leid der Tiere gehört, die zur Jagd gezüchtet werden. Denen die Züchter das Laufen beibrächten, indem sie die Hunde an die Stoßstange vom Auto binden und losfahren. „Läuft der Hund nicht mit, kommt er in den Müll.“

Mit kreisenden Bewegungen krault er die knochige Windhündin hinter den Ohren, das Glöckchen an ihrem Schädelhalsband klingelt. Seine eisblauen Iriden sind zwar das Gegenteil von Celestes riesigen, dunkelbrauen Kulleraugen, aber es sind Kontraste wie diese – wie die Actionfigur „Big Jim“ in den Händen des 53-Jährigen – die Udett ausmachen.