Der HVV bringt E-Roller an die Haltestellen und will diese in die App integrieren. Das ist der falsche Weg für Mensch und Umwelt.

Man steigt aus der Bahn, das Ziel liegt aber noch einige Hundert Meter oder gar einen ganzen Kilometer entfernt. So wirklich Lust zu laufen hat man nicht. Schließlich ist es heiß, kalt, regnerisch oder sonst irgendwie gerade nicht ideal. Da nimmt man die paar Euro gerne in Kauf, um bequem auf einem E-Roller zum Ziel zu gleiten. Ein schlechtes Gewissen muss man nicht haben, schließlich heißt es doch immer, die Roller seien eine umweltfreundliche Alternative.

So oder so ähnlich ist es sicherlich schon vielen ergangen, auch mir. Das soll jetzt sogar noch praktischer werden. Die Hamburger Hochbahn will nämlich den Weg zur Bahn vereinfachen. Dafür startet jetzt ein Pilotprojekt im Norden der Stadt. Dabei bekommen Roller des Unternehmens Tier Mobility eigene Stellflächen an U-Bahn-Stationen und dürfen ihren Service in die HVV App integrieren. Ist das umweltfreundlich? Nein. Es ist jedoch ein Triumph für die Faulheit. Und der falsche Weg für die Zukunft der Stadt.

E-Roller sind schön, niemand braucht E-Roller

Seit 2019 wissen wir eigentlich schon, dass die E-Roller eigentlich gar nicht so umweltfreundlich sind. Das zeigte unter anderem eine Studie der University of North Carolina. Diese berechnete nämlich den CO2-Fußabdruck eines Rollers und verglich ihn mit anderen Verkehrsmitteln. Zum Beispiel mit einem durchschnittlichen Auto oder Bus. Dabei stellte sich heraus, dass der Bus das für die Umwelt bessere Verkehrsmittel ist. Zum Vergleich: Ein Rollerfahrer belastet die Umwelt mit 202 Gramm CO2 pro mile, eine Person im Bus kommt auf 82 Gramm CO2 pro mile.

E-Roller auf dem Bürgersteig vor dem Hamburger Rathaus
E-Roller, wie man sie kennt: Mitten auf dem Bürgersteig und im Weg. (Foto: Simon Uhl)

Auch das 6t Bureau de Recherche hat sich mit dem Thema befasst. Das französische Unternehmen forscht zu modernen Stadtkonzepten. Es zeigte in einer Untersuchung, dass E-Roller vor allem als Alternative für umweltfreundliche Fortbewegungsmittel zum Einsatz kommen – also etwa für fahrradfahren oder laufen. Lediglich acht Prozent der Roller Fahrer:innen nahmen stattdessen das Auto, so der Report.

Nächster Kritikpunkt: Die Roller halten auch nicht sonderlich lange. Zwar wirken die einige Kilo schweren Hürden auf den Fußwegen der Nation immer so, als wären sie dort für die Ewigkeit aufgestellt. Das Magazin „Quartz“ hat allerdings berechnet, dass so ein Rollerleben im Durchschnitt lediglich 28,8 Tage andauert.

Zu Fuß oder mit Mietfahrrädern können die E-Roller, wenn es um Umweltschutz geht, gar nicht konkurrieren. Aber auch abseits davon sind sie einfach nervig, denn sie stehen und liegen in der gesamten Innenstadt im Weg. Egal ob in der Schanze, St. Pauli oder an der Alster. Auf jedem Weg steht irgendwo ein Roller. Zurückgelassen, weil er das Ziel erreicht hat. Nicht mehr aus dem Weg geräumt, weil jede extra Sekunde Geld gekostet hätte.

Da stehen sie dann einsam und verlassen, weil die Orte wie Bahnsteige oder Parkplätze, an denen nach ihnen gesucht wird, ein gutes Stückchen weg sind. Oft so lange, bis der Akku so leer ist, dass es sich nicht mehr lohnt, mit dem Roller zurück in die viel frequentierten Zonen zu fahren. Der einzige Weg zurück führt dann über einen Lime Juicer:innen, Tier Ranger:innen, Voi Hunter:innen oder Bird Charger:innen, die hoffen, sich ein wenig dazu verdienen zu können, indem sie die Roller einsammeln und bei sich wieder aufladen. Ein Ausbeuterjob, der deutlich weniger als den Mindestlohn einbringt.

Don’t drink and E-Roller

Auch im Hinblick auf die Verkehrssicherheit sind die Roller ein Albtraum. Selbst im Pandemiejahr 2020 gab es bundesweit 2155 bei der Polizei gemeldete Unfälle. Und das, obwohl die Betreiber den Betrieb während der Pandemie zeitweise eingeschränkt oder sogar ausgesetzt hatten.

Schwere E-Roller Unfälle nach Bundesland
Schwere E-Roller Unfälle im Jahr 2020 nach Bundesland (Karte: mapchart.net)

Immerhin positiv: In den allermeisten Fällen ziehen die E-Roller Fahrer:innen niemand anderen in Mitleidenschaft. Fast die Hälfte fielen nämlich ohne Beteiligung eines anderen Verkehrsteilnehmers hin.

Die Hamburger:innen scheinen allerdings ganz gut mit den E-Rollern klarzukommen. Zwar gab es in der Hansestadt mit 142 Unfällen im vergangenen Jahr etwa genauso viele Unfälle wie in ganz Hessen, aber nur zehn davon führten zu schweren Verletzungen und keiner endete tödlich. Ein guter Teil der Unfälle ist auf Alkohol zurückführen. Bundesweit sind insgesamt 18,3 Prozent der verunglückten Rollerfahrer:innen betrunken gewesen. Das ist noch vor der Benutzung des Bürgersteigs und der falschen Benutzung des Gefährts die häufigste Ursache für Unfälle. Im gleichen Zeitraum war das lediglich bei 7,1 Prozent der Fahrradfahrenden der Fall, so das Statistische Bundesamt.

Grünes Gewissen ein Marketinggag

Fazit: Klar, es macht schon Spaß, so mühelos und schnell durch die Innenstadt zu kommen. Aber mit dem oft versprochenen Umweltschutz hat es dann am Ende des Tages doch nichts zu tun. Will man tatsächlich etwas für das grüne Gewissen und den Planeten tun, sollte man sich Zeit nehmen und laufen, Fahrrad fahren oder den Bus nehmen.

Wenn die Hamburger Hochbahn der Meinung ist, die Wege zu ihren Bahnen vereinfachen zu wollen, sollten sie das umweltgerecht und sicher tun. Mehr Busse, mehr Stellplätze für Fahrräder. So etwas gibt es in anderen Städten wie der südspanischen Metropole Sevilla schon seit Jahren. Vielleicht sollte man das auch mal hier versuchen, bevor man Kund:innen dazu verleitet, mit falschem grünem Gewissen den E-Roller zu wählen.

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1997 bekam Google seinen Namen – so auch Simon Uhl. Eine weitere Gemeinsamkeit: die Informatik. Aber Google liebt Big Data, Simon setzt sich aktiv dagegen ein. Seine Bachelorarbeit schrieb der gebürtige Stuttgarter über Datenjournalismus und baute ein Google-Street-View für das Stuttgart im Jahr 1942. Die schwäbische Kehrwoche lässt der selbsternannte Chaosmensch lieber ausfallen. Er versichert, dass sein Chaos einer eigenen Ordnung folgt. Simon liebt internationale Filme und geht mehrmals in der Woche ins Kino – für Film- und Musikfestivals reist er überall hin. Seinen Namen konnte er auch schon einmal auf der Leinwand bewundern: Bei einer Fußball-Dokumentation, für die er Kamera und Schnitt gemacht sowie zahlreiche Interviews geführt hat. Sonst schreibt er für nischige Online-Magazine über In-Vitro-Fleisch, Start-ups oder Computer-Hardware. (Kürzel: uhl)

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