Als Protest gegen die sogenannte „Polenaktion“ begeht der jüdische Herschel Grynszpan am 7. November in Paris ein Attentat, welches die NSDAP zum Anlass für großangelegte Gewaltakte gegen Juden und Jüdinnen nimmt – heute sind diese bekannt als Novemberpogrom.

Vor und nach der Progromnacht

Jedes Jahr gedenken Menschen den Opfern der Reichspogromnacht, also jener Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als Synagogen und jüdische Geschäfte überall in Deutschland angegriffen wurden. Was passierte in den Tagen davor und danach? Ein Überblick zur historischen Nachrichtenlage.

Ab 1933 verstärkt die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) mithilfe von Diskriminierung und Entmachtung den Druck auf jüdisch gläubige Menschen. Im Oktober 1938 kommt es schließlich zur sogenannten „Polenaktion“, der ersten großangelegten Deportation: Die NSDAP schiebt in diesem Monat insgesamt 17.000 Juden und Jüdinnen mit polnischer Staatsbürgerschaft von Deutschland nach Polen ab. Unter ihnen zum Beispiel der spätere Hamburger Marcel Reich-Ranicki. Alleine in Hamburg müssen 1000 jüdische Menschen ihr Zuhause verlassen. Diese erste Deportation ist der Auftakt zu den Gräueltaten der Nationalsozialisten.

Deportierte Hamburger:innen berichten

Die Zeitzeugin Rosa Friedfertig aus Hamburg berichtet über die Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1938: Gegen fünf Uhr klingelt die Polizei ihre Familie aus dem Bett. Zwei Polizisten nehmen ihren Mann Koppel Friedfertig mit, sie erhalten keine Informationen darüber wohin. Am nächsten Tag müssen auch sie und ihre kleine Tochter die Koffer packen. Polizisten führen sie zu einem Zug, in dem sie dicht gedrängt mit vielen anderen Richtung polnische Grenze fahren. Die letzten sieben Kilometer müssen sie laufen, berichtet Friedfertig. Hinter der deutschen Grenze steht ein polnischer Wachtposten, er schießt in die Luft, will die Deportierten nicht vorbeilassen. Die NSDAP überlässt sie im Niemandsland hinter der deutschen Grenze sich selbst.

Gewalttaten nach dem Attentat im November

Ausschreitungen gegen nationale, religiöse oder ethnische Minderheiten nennt man Pogrom.

Unter den 17.000 Juden und Jüdinnen, die im Oktober deportiert wurden sind auch die Eltern des 17-Jährigen Herschel Grynszpan. Grynszpan spielt wenige Wochen später eine zentrale Rolle für das Novemberpogrom. Die Nachricht von der Deportation seiner Eltern erreicht den 17-Jährigen in Paris. Wenige Tage später, am 7. November 1938, begeht er in dort in der deutschen Botschaft ein Attentat. Am Montagvormittag gelangt Grynszpan zum Botschaftssekretär Ernst vom Rath, auf den er fünf Mal mit einem Revolver schießt. Mit seiner Tat will er international auf die Deportation von jüdisch gläubigen Menschen in Deutschland aufmerksam machen.

Zwei Schüsse verletzen vom Raths schwer, er wird sofort in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert und operiert. Die Nationalsozialisten nutzen das Attentat politisch aus: Deutsche Zeitungen berichten zwar erst am 8. November davon, doch es kommt beispielsweise in Nordhessen schon am 7. November zu ersten Unruhen. Synagogen, Wohnungen und Geschäfte werden verwüstet und Menschen jüdischen Glaubens angegriffen. Von Übergriffen in Hamburg am 7. November 1938 ist nichts bekannt. Allerdings wurden in der Hansestadt viele Akten über diese Zeit vernichtet.

Illustration: Laurenz Gottstein

Quellen:

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Lilly Brosowsky, 1994 ist im Schatten der Zugspitze aufgewachsen: in Garmisch-Partenkirchen. Der Höhenlage ist sie lange treu geblieben, hat mal auf 3.640 Meter Höhe in La Paz als Barkeeperin gearbeitet, mal Waliser Schwarznasenschafen auf einer Hochhausalm in München die Klauen geschnitten. Nach sieben Jahren in München musste sie im flachen Hamburg erst einmal lernen, dass sie in einer Bäckerei fragend angeschaut wird, wenn sie Fleischpflanzerlsemmeln bestellt. Dabei ist sie kulinarisch durchaus aufgeschlossen: Als Volontärin kostete sie für „Mit Vergnügen“ bereits kandierte Heuschrecken. Für das Stadtmagazin schrieb sie unter anderem über die Münchner Szene. Als sie den Hype eines Clubs kritisch kommentierte, wurde sie von der „Süddeutschen Zeitung“ auf Instagram zitiert. Vor ihrem Volontariat hat Lilly einen Bachelor in Literaturwissenschaften und einen in Philosophie gemacht. Sie wünscht sich für die Zukunft Feminist:innen wie Sophie Passmann wegen ihrer progressiven Ansichten zu interviewen. (Kürzel: bros)

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