Im zweiten Teil der Wolkenbruch-Reihe versucht sich Autor Thomas Meyer an einem satirischen Roman über Nazis mit Ufos, die jüdische Weltverschwörung und die Gefahren der Digitalisierung. Leider gelingt das nur in Teilen. 

Buchcover: Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin

Der erste Teil der Wolkenbruch-Reihe, in dem es um den jüdischen Studenten Motti geht, der sich in eine Schickse verliebt, war ein Schweizer Bestseller und ist momentan als Film auf Netflix zu sehen.

Im zweiten Teil der Wolkenbruch-Reihe „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ wird es satirisch. Freundin weg, Familie weg, Religion weg. Der jüdische Student Motti steht an einem Scheideweg. Dann taucht auf einmal Herr Hirsch von den Verlorenen Söhnen Israels vor seiner Tür auf. Die beiden fliegen nach Israel, wo Motti auf seiner Orangenplantage arbeitet. Nach einigen Wochen stellt sich jedoch heraus: Der Verein und die Plantage sind nur Fassade. Die Gruppe um Herrn Hirsch hat die Weltherrschaft im Sinn. Allerdings stellen sich dabei alles andere als klug an:

„Ich arbeite zudem daran, Facebook zu übernehmen“, meldet sich Benjamin zu Wort. „Wie das?“, fragt Motti. […] „Ich versuche, Mark Bergzucker für unsere Sache zu gewinnen. Er ist ja auch Jude.“ – „Und, was meint er?“ – „Nun, er…“ – Benjamin windet sich – „er hat meine Freundschaftsanfrage noch nicht beantwortet“.

Zur gleichen Zeit hat eine Gruppe Nazis in einer Berghöhle in den Alpen sich ebenfalls die Weltherrschaft in den Kopf gesetzt. Die Gruppe besteht aus deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs, die die Niederlage nicht hinnehmen wollen und seitdem ihre eigene „judenfreie“ Zivilisation aufbauen. Ihr erster Ansatz: Ein Ufo, um damit sämtliche Lufträume der Welt zu erobern.

Distanz zu den Charakteren, unklare Erzählstränge

Der Nazi-Erzählstrang beginnt direkt nach Ende des Zweiten Weltkriegs. In kurzen Kapiteln wird abwechselnd diese „historische“ Storyline und die von Motti im 21. Jahrhundert erzählt. Gerade am Anfang stört das den Lesefluss extrem. Man fragt sich als Leser:in, was das jetzt alles mit Motti im 21. Jahrhundert zu tun haben soll. Vor allem, da man diese historischen Zwischenstorys aus dem ersten Teil nicht kennt.

Schade ist auch, dass sich Meyer für eine neue Erzählperspektive entschieden hat: Im ersten Teil wurde aus der Ich-Perspektive und teilweise in Jiddisch erzählt. Das machte das Ganze nahbar und charmant. In „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ wird ausschließlich in der dritten Person berichtet und auch das Jiddisch fehlt fast komplett. Dadurch ist alles sehr viel distanzierter. Man fühlt nicht mehr mit den Figuren, hat weder das Gefühl, einen Einblick in jüdisches Leben, noch in die Beziehungsdynamiken der neuen Figuren zu bekommen. Die Figuren bleiben oberflächlich, die Nazis wirken (durchaus bewusst) wie Karikaturen und auch die Dialoge sind unauthentisch und nicht lebendig.

Das Ding mit Thomas Meyer und der Satire

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Natürlich sind Karikaturen Ausdrucksmittel von Satire. Doch der satirische Aspekt des Romans gelingt dem Autor leider nur in Ansätzen. In der Vergangenheit wurde viel über die Frage geredet: Was darf Satire? An dieser Stelle steht jedoch die Frage: Was soll Satire? Satire übertreibt, ist grotesk und unterhaltsam, um eine Meinung oder Kritik zu äußern. Ersteres kann man Meyer wirklich nicht absprechen: An Übertreibungen und Groteskem ist das Buch kaum zu übertreffen. Es gibt Untergrundnazis, die in einem Berg wohnen und ein Ufo bauen wollen, um einen Dritten Weltkrieg gewinnen zu können. Als das nicht funktioniert, bauen sie stattdessen den „Volksrechner“ und das „Volksrechnerlein“, die sie unter dem Decknamen „Smartphones“ in der Welt verbreiten.

„Stellen Sie sich vor, […] wenn jeder mit jedem verbunden wäre, wenn nicht die Führung dem Volk mitteilt, dass Juden alles Verbrecher sind, sondern das Volk dem Volk!“ – „Dann könnte jeder in jedem den Zorn wecken“.

Dabei wirken jedoch viele der aufgegriffenen Metaphern plump und oberflächlich. Teilweise sind sie so nah an der Realität, dass man sich fragt: „Wo ist jetzt die Übertreibung?“. Ein Beispiel:

„Der Dritte Weltkrieg […] ist ein Propagandakrieg! Aber er wird nicht mehr über die Radios geführt, sondern über die Volksrechner. […] Sieg digital!“

Ersetzt man in diesem Zitat „Propaganda“ durch den Euphemismus „Information“, liest man einen der Schlüsselbegriffe rechtsextremer Organisationen wie der Identitären Bewegung heraus. Trollfabriken, in denen Menschen mit rechtem Gedankengut das Internet mit Hasskommentaren überfluten, wurden bereits mehrfach aufgedeckt. Sogar eine Anleitung für den „Infokrieg“ der Rechten kann man online finden. Auch die Digitalisierungskritik geht nicht in die Tiefe: Es scheint so, als hätte Thomas Meyer sein Buch für ein Publikum geschreiben, für das das Internet Neuland ist.

Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin: Kein kluges Buch

Überhaupt: Was genau ist die Kritik, auf die sich diese Satire bezieht? Es entsteht der Eindruck, dass Smartphones, Alexa und das Internet das zentrale Feindbild des Romans darstellen. Aber warum dann die jüdische Weltverschwörung und die Untergrund-Nazis? Sie wirken bloß wie eine Kulisse, in der die Digitalkritik geäußert wird – dadurch kann aber keines der drei Elemente in Tiefe behandelt werden. Man könnte argumentieren, dass nicht jedes Buch ein kluges Buch sein muss. Für eine Satire wäre es allerdings schön, wenn Meyer nicht nur die offensichtlichsten Aspekte bespielt und dem Publikum mehr zugetraut hätte.

Thomas Meyer sorgt für viele Fragezeichen

Am Ende der Lektüre bleiben viele Fragezeichen: Warum genau ist dies nun Teil zwei eines Buches, in dem es um die Identitätsfindung eines jüdischen jungen Mannes ging? Davon ist in „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ nichts mehr übrig. Es könnte eine beliebige andere Figur als Protagonist instituiert werden und es hätte keinen Unterschied gemacht. Stellenweise ist das Buch in seiner Groteske ganz amüsant, in den meisten Fällen wirkt es allerdings albern und wenig intellektuell.


Illustration: Marina Schünemann

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Es gibt keinen Gedanken, den Marina Schünemann, Jahrgang 1997, nicht jederzeit notieren kann: Sie besitzt 25 Notizbücher, thematisch geordnet. Neben ihrer Liebe zum Schreiben zeichnet sie gerne berühmte Frauen wie Amalie Sieveking, die Mutter der ersten Sozialhäuser in Hamburg. Marina liebt das Theater, sie näht dafür sogar selbst Kostüme. Weil es in ihrer Heimatstadt Salzgitter keine größeren Bühnen gibt, zog die Kulturliebhaberin nach Hamburg, um hier Medien- und Kommunikationswissenschaft zu studieren. Für ihre Bachelorarbeit beobachtete sie ein Jahr lang, wie rechte Influencerinnen auf Instagram Gleichgesinnte rekrutieren. Neben dem Studium arbeitete sie für das Hamburger Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“. Gerade setzt sie sich als Vizepräsidentin von Golden Z, einem jungen Netzwerk für Frauen, etwa für Geschlechtergerechtigkeit in der Politik ein. Kürzel: mar

1 KOMMENTAR

  1. […] Motti Wolkenbruch ist 25 Jahre alt und orthodoxer Jude. Alt genug, um endlich zu heiraten, findet seine mame. Deshalb organisiert sie mehrere schidechs pro Woche für ihren Sohn, bei denen sie ihn mit geeigneten jüdischen Frauen verkuppeln möchte. Ohne Erfolg, denn Motti ist in seine Kommilitonin Laura verliebt – eine schickse, also Nicht-Jüdin. Nach und nach entfernt sich Motti von den jüdischen Bräuchen und Traditionen und muss sich entscheiden, welche Art von Leben er künftig führen möchte. Das Buch ist ein humorvoller Einblick in eine jüdische Familie im 21. Jahrhundert und dem Spannungsverhältnis zwischen Glauben und Individualismus. Die Fortsetzung, „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“ hat FINK.HAMBURG-Redakteurin Marina Schünemann für euch rezensiert. […]

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