Die Zahl der antisemitischen Straftaten steigt wieder in Deutschland. Alte Narrative bilden die Grundlagen für neuen Judenhass. Aber woher kommt eigentlich Antisemitismus?

von Katharina Böhmer und Melissa Hertwig

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle, Juden, die Gewalt erfahren, weil sie eine Kippa tragen oder Demonstrant:innen, die eine Israel-Fahne verbrennen. Alles Beispiele für Antisemitismus aus der heutigen Zeit. Die Feindschaft gegen Jüd:innen wird in Deutschland oft mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht. Aber auch im Jahr 2020 gab es 2351 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund. Eine Steigerung um 15,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie aus einem Bericht zu politisch motivierter Kriminalität des Bundeskriminalamts hervorgeht.

Auch viele Verschwörungsmythen, die in der Corona-Krise entstanden sind, ranken sich um das Judentum. So wird Jüd:innen vorgeworfen, das Virus in die Welt gesetzt oder die Krise erfunden zu haben, damit sie die Weltherrschaft übernehmen können. Diese Verschwörungen und Vorurteile sind aber keinesfalls neu. Sie gehen auf alte Erzählungen zurück. Die historischen Wurzeln für den heutigen Antisemitismus beginnen vor etwa 2000 Jahren. Schon vor der Entstehung des Christentums gab es allerdings Hass gegen Jüd:innen.

Dabei haben Jüd:innen nur in wenigen deutschen Gemeinden, wie beispielsweise in Hamburg, mehr als ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht. Die Feindschaft gegen diese Minderheit geht auf verschiedene Aspekte zurück, die der Antisemitismusbericht des Bundes zu klassifizieren versucht.

Christentum als alleinige Religion

Das Christentum geht aus dem Judentum hervor und beansprucht für sich, die einzig wahre Religion zu sein. Um ihre eigene Macht zu stärken, diffamierten Christ:innen bereits in den ersten zwei Jahrhunderten andere Glaubensrichtungen. Religiös bedingter Antisemitismus ist schon im neuen Testament zu finden. Das Volk Israels wird dort beispielsweise als „Söhne des Teufels“ (1 Thess, 2,15) bezeichnet und ihnen wird vorgeworfen, Jesus an das Kreuz genagelt zu haben. Dieser Gottesmord, der eigentlich durch die römische Besatzungsmacht geschah, bildet die Grundlage für die Feindseligkeiten.

Im Mittelalter kursierten dann die Erzählungen vom „Hostienfrevel.“ Jüd:innen würden geweihte Hostien zerschneiden oder durchbohren, um Jesus Christus so noch einmal umzubringen. Bei den daraus resultierenden Hostienschänderprozessen wurden oft alle ansässigen Jüd:innen enteignet und aus Städten und Regionen vertrieben oder gar ermordet. Vorgeworfen wurden ihnen außerdem Ritualmorde. Demnach würden die Jüd:innen Blut von Christenkindern für ihre Pessachfeier und zu verschiedenen magischen oder medizinischen Zwecken benötigen. Auch aus dieser Verschwörungstheorie resultierten Morde an Jüd:innen.

Antisemitismus: Juden als „Wucherer“

Die Annahme, dass Jüd:innen einen besonderen sozialen Status hätten, bot einen Nährboden für Diskriminierung. Im Mittelalter war ihnen der Zugang zu vielen Berufen verwehrt, weshalb sie oft auf unpopuläre Tätigkeiten im Handel oder als Geldverleiher:innen ausweichen mussten.

Das legten Nicht-Jüd:innen ihnen wiederum negativ aus: Es galt als unehrenhaft, Zinsen zu verlangen. Christen war es sogar durch das kanonische Zinsverbot untersagt. Jüd:innen galten als „Wucherer“. Bis heute hält sich das Bild vom Juden, der die Finanzmärkte lenkt.

Macht und Einflussnahme

Die Vorstellung, alle Jüd:innen seien einflussreich und mächtig, bietet die Grundlage für politischen Antisemitismus. Der Zusammenschluss als Gemeinde sei dazu da, die Weltherrschaft zu übernehmen. Als im Mittelalter viele Menschen an der Pest und anderen Krankheiten starben, mussten Jüd:innen als Sündenböcke herhalten: Ihnen wurde vorgeworfen, Brunnen vergiftet und damit die Epidemie ausgelöst und Menschen ermordet zu haben.

Ausgrenzung der Minderheit

Jüd:innen leben in der Diaspora und hatten somit vor der Gründung Israels keinen eigenen Staat. Sie leben deshalb in verschiedenen Ländern und werden dort von der jeweiligen Nation als ethnisch, kulturell oder sozial nicht dazugehörig angesehen. „Er ist weder das eine noch das andere, weder Inländer, noch Ausländer“, schreibt Klaus Holz in seinem Buch „Die Figur des Dritten in der nationalen Ordnung der Welt.“

Die Diaspora ist die bis heute andauernde Zerstreuung der Juden. Begonnen hat sie mit der Besetzung von Judäa durch die Babylonier im Jahr 597 vor Christus. Damals wurden Jüd:innen aus Jerusalem vertrieben und haben sich so über die ganze Welt verstreut.

Die „jüdische Rasse“

Die Rassenlehre bewertete alle Juden von Natur aus negativ. Grundlage für diese Ideologie ist die seit Anfang der 1870er-Jahre bekannte völkische Bewegung. Sie verknüpft rassistische pseudo-biologische Argumente mit einer sozialdarwinistischen Ideologie, um Jüd:innen und auch andere Gruppen als Menschen zweiter Klasse zu diskreditieren. Lange bevor es Deutschland, so wie wir es heute kennen, gab, kursierten schon Behauptungen, dass Germanen und Juden um die Vorherrschaft kämpfen. Die Rassenlehre, die auch als Grundlage für den Holocaust gilt, behauptete beispielsweise, dass die weiße, arische Rasse die überlegene sei.

Neuer Antisemitismus

Der sogenannte „Antisemitismus wegen Auschwitz“ ist ein neueres Phänomen. Die deutsche Geschichte und die Gräueltaten der Nazizeit lasten schwer. Wegen dieser Verbrechen und der Schuldgefühle, die damit einhergehen, eignen sich Beleidigungen, Witze und Angriffe gegen Jüd:innen besonders gut zur Tabuverletzung und Provokation.

Menschen jüdischen Glaubens werden bei dieser Form des Antisemitismus als schlecht angesehen, weil sie Deutsche immer an ihre Verbrechen erinnern. Hierbei wird der Holocaust häufig geleugnet und als Erfindung des Judentums betrachtet, um „die Deutschen“ zu diskreditieren. Aus den Opfern werden so Täter inszeniert.

Israel: Kritik oder Hass?

Um Antisemitismus von berechtigter Kritk an der israelischen Politk zu unterscheiden, hat  Natan Sharansk, der von 2009 bis 2018 Vorsitzender der Jewish Agency for Israel war, den 3-D-Test entwickelt. Demnach gibt es drei Kernelemente des israelbezogenen Antisemitismus: Die Dämonisierung: Israel wird als Teufel und als Haupt- oder einziger Verantwortlicher für den Nah-Ost-Konflikt dargestellt. Die Delegitimierung: Das Infragestellen der Existenzberechtigung des Staates Israel. Außerdem Doppelstandards: Die Behauptung Israel würde bevorzugt behandelt im Vergleich zu Gegnern Israels oder anderen Staaten.

Heutzutage ist der sogenannte Antizionismus weit verbreitet. Er richtet sich gegen den Staat Israel und spricht ihm seine Existenzberechtigung ab. Der israelbezogene Antisemitismus ist davon gekennzeichnet, dass Israel als „Kollektivjude“ dargestellt wird. Den Jüd:innen unterstellte Eigenschaften wie Geldgier oder das Streben nach Weltherrschaft wird dann über den Umweg über Israel geäußert. Das findet sich beispielsweise in der Vorstellung einer „Israel-Lobby“ wieder. Verteidigt werden solche Ansichten und Aussagen häufig damit, dass sie nicht judenfeindlich seien, sondern lediglich Kritik am Staat Israel selbst.
„Seriöse Kritiker:innen [der Politik der israelischen Regierung, Anm. d. Redaktion], von denen es viele gibt, greifen nicht auf Schlagwörter von Hasssprache und judeophobe Topoi zurück“, schreibt dazu Antisemitismus-Forscherin Monika Schwarz-Friesel. Rationale, sachliche und dementsprechend faktenorientierte Kritik habe nichts mit antisemitischer Kritik gemein. Die oft geäußerte Annahme, jede kritische Äußerung über Israel werde als Antisemitismus gewertet, ist Schwarz-Friesel zufolge Teil des Standardreportoires der Antisemitismus-Leugnung.

Antizionismus ist nicht automatisch Antisemitismus

Aber: Nicht jede antizionistische Haltung ist automatisch antisemitisch. Es gibt auch orthodoxe Juden, die sich gegen Israel aussprechen, weil sie sagen, nur Gott könne die Jüd:innen aus der Diaspora befreien. Aber deutlich häufiger sind antizionistische Haltungen auch antisemitisch.

„Judenhass ist ein Chamäleon“, schreibt dazu Schwarz-Friesel. Verschwörungstheorien, egal ob politisch oder religiös bedingt, sind bis heute Ursachen für Antisemitismus.

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Katharina Böhmer ist das Chamäleon unserer Redaktion. Geboren im Jahr 1998 im großen Nichts von Geseke in Nordrhein-Westfalen, hat sie sich entschieden, nicht nur eine Sache zu machen, sondern einfach mal alle: Sport? Mal Fitnessstudio, mal kiten. Einfach ausprobieren und machen. Musik? Von Metal über Pop bis Schlager, alles dabei. Arbeit? Sat 1 oder auch ThyssenKrupp. Katharina stieg ganz klassisch im Lokaljournalismus ein – berichtete über Schützenfeste und Schultheater. Dem Schreiben ist sie treugeblieben, auch wenn sich mittlerweile noch Video und Audio zu ihren Kompetenzen hinzugesellt haben. Ihre liebsten Themen sind Menschen und ihre Geschichten – so schrieb sie etwa über einen Sammler, der sein Haus zu einem DDR-Museum umgebaut hat. Nächstes Ziel: eine eigene Politik-Talkshow. (kab)

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