Männer beten und lehren, Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder – der traditionelle jüdische Glauben trennt strikt die Geschlechterrollen. Doch dieses Rollenbild ist längst veraltet, finden jüdische Feministinnen. Sie wollen ihren Glauben gleichberechtigt ausüben.

Im jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, werden Frauen niedriger eingestuft als Männer. Der Grund: Das Gesetz beschreibt die Frau nicht als Individuum, sondern als „Geschlechtswesen“. Deshalb rebellieren jüdische Frauen weltweit für die Emanzipation und die Gleichberechtigung in den Synagogen, wie auch in anderen Bereichen innerhalb des jüdischen Gemeindelebens.

Unter den zeitgenössischen Feministinnen sind Dr. Ulrike Offenberg, Rabbinerin der jüdisch-liberalen Gemeinde in Hameln, und die jüdische Publizistin Viola Roggenkamp aus Hamburg. Zwei Frauen, die sich für die Gleichberechtigung stark machen. Damit stehen sie in einer langen Tradition: Schon seit dem 19. Jahrhundert setzen sich jüdische Frauen für mehr Rechte in ihrer Religion ein. FINK.HAMBURG hat mit Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg gesprochen. Viola Roggenkamp verwies auf ihren Aufsatz „Jüdinnen der Moderne“.

Die Rolle der Frau im traditionellen jüdischen Glauben

Im traditionellen, orthodoxen Judentum sind die Geschlechterrollen strikt getrennt. So sind Frauen von religiösen Gesetzen, wie zum Beispiel zeitgebundenen Gebeten, ausgeschlossen oder „befreit“ – je nach Blickwinkel: Wie auch für die Männer bestimmt die Tora, dass jüdische Frauen die Gebote und Verbote ihrer Religion beachten müssen.

Trotzdem gelten für Frauen Ausnahmen: Die jüdische Religion sieht vor, dass keine Person zu Sünder:innen gemacht werden sollte, die aufgrund ihrer Lebensumstände die Gesetze nicht erfüllen könne. Bei Frauen heißt das in diesem Fall, dass sie die Gesetze nicht immer erfüllen können, da sie sich zum Beispiel um Kinder und den Haushalt kümmern sollen.

Doch neben den Gesetzen gibt es für Frauen auch noch andere religiöse Verpflichtungen: die Einhaltung der Kashrut (Reinheit der Lebensmittel), die Beachtung der Nidda (körperliche und sexuelle Reinhaltung) sowie die Vorbereitung des Shabbats (wöchentlicher Ruhetag).

Das liberale Judentum: Frauen als Rabbinerin

Hinter der Person 

Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg liest aus der Tora.
Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg liest aus der Tora.
Foto: Wolfgang Truchseß

Dr. Ulrike Offenberg ist seit 2016 Rabbinerin in der liberalen jüdischen Gemeinde Hameln. Sie studierte als einzige deutsche Frau an der Universität in Jerusalem. Offenberg ist Mutter von drei Kindern und in Ost-Berlin geboren. Sie wuchs in der DDR auf. Während ihres Studiums engagierte sie sich bei der Frauenrechtsorganisation „Women of the Wall“ und ist heute im Vorstand von „Bet Debora“, einem Netzwerk jüdisch-feministischer Frauen.

„Es gibt eine traditionelle Erwartung, dass ein Rabbiner einen langen Bart hat, einen Hut und einen schwarzen Anzug trägt“, sagt Dr. Ulrike Offenberg. „Ich als Rabbinerin sprenge sämtliche Rollenbilder.“

Lediglich das liberale Judentum ordiniert Rabbinerinnen. Das liberale Judentum verknüpfe sowohl die religiösen Traditionen wie auch das „bürgerliche Leben“ und gehe auf die individuelle Freiheit, die soziale Verantwortung und die Gleichwertigkeit aller Menschen ein, sagt die Rabbinerin. Bis heute lehnt die Orthodoxie Frauen als Lehrende sowie die Reformbewegung des jüdischen Glaubens ab.
Auf der Seite der „Allgemeine Rabbinerkonferenz“  sind in Deutschland nur acht Rabbinerinnen gelistet – darunter auch Offenberg.

Im Gemeindealltag seien die öffentlichen Rollen ausschließlich den Männern vorbehalten, sagt sie: „Dazu gehört auch die religiöse Ausübung im Sinne eines Gottesdiensts. Nach traditioneller Halacha sind Männer dreimal am Tag verpflichtet zu beten. Möglichst in einem Minjan (Anm. d. Red.: einer Gruppe von mindestens zehn Männern), also als Gemeindegebet. Die Ämter in einer Synagoge sind ebenfalls den Männern vorbehalten: das Vorbeten, das religiöse Rechtssprechen und das Lehren.“

Offenberg ist Rabbinerin einer liberalen Gemeinde. Das liberale Judentum besagt, wenn sich die Rolle im bürgerlichen Leben verändert, verändern sich auch die Umstände in der Religion. Rabbinerin Offenberg ist emanzipiert, versucht dennoch auch die traditionellen Rituale, Gesetze und Gebete in ihrer Religion beizubehalten – wenn auch der Moderne angepasst und vor allem: gleichberechtigt.

Wider das Klischee

Doch auch im liberalen Judentum hat die Rabbinerin Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt. Sie berichtet, dass nicht immer über ihre Qualität als Rabbinerin gesprochen, sondern sie auch gefragt werde: „Warum siehst du nicht aus wie das Klischee?“ Und solche Vorbehalte erlebt Offenberg nach eigenen Angaben nicht nur auf jüdisch-institutioneller Ebene: „Das erlebe ich auch von säkularen, christlichen oder muslimischen Institutionen im interreligiösen Dialog, die diesen Dialog als nicht authentisch und schwergewichtig genug erleben, wenn er mit einer Frau geführt wird.“

Offenberg ist nicht die Erste, die ihre Rolle als Frau in der jüdischen Religion hinterfragt. Die Publizistin und Feministin Viola Roggenkamp schreibt in ihrem Aufsatz „Jüdinnen der Moderne“ über drei historische Feministinnen, die bereits die Geschlechterrollen des Judentums im 19. Jahrhundert anprangerten.

Die Anfänge des jüdischen Feminismus in Deutschland

Eine von diesen drei Frauen war Hedwig Dohm. Roggenkamp schreibt, Dohm habe sich durch folgende Sätze provoziert gefühlt: „Man lehre die Mädchen nicht zu viel. Wie liebenswürdig ist ihre Unwissenheit. Wie viel tägliches Vergnügen raubt man dem Manne, wenn man Mädchen zu Gelehrten macht.“ Wie keine Zweite prangerte Schriftstellerin Dohm im 19. Jahrhundert die gesellschaftlichen Rechte und Unterordnung der Frau an: Wort für Wort nahm die damals 40-Jährige die Schriften von Geistlichen auseinander, nannte sie „trivial und verlogen, asozial und zynisch“ und veröffentlichte im Zuge dessen ihre erste politische Schrift.

Hinter der Person

Viola Roggenkamp wurde 1948 in Hamburg geboren und ist Schriftstellerin sowie Publizistin. Sie widmet sich hauptsächlich jüdischen und feministischen Themen. Roggenkamp schrieb über 25 Jahre für die „Zeit“ und gehört zu den Mitgründerinnen des feministischen Magazins „Emma“.  Sie ist Jüdin, jedoch kein Mitglied einer jüdischen Gemeinde.

Sie wurde zur radikalen Streiterin für die Selbstbestimmung der Frau. Viola Roggenkamp schreibt, dass Dohm die „männliche Wissenschaft“ hinterfragte. Hedwig Dohm entdeckte, dass in den Frauen der Feminismus schlummerte. Sie wünschten sich materielle und geistige Unabhängigkeit von sämtlichen Männern in ihrem Umfeld; sei es von ihren Vätern, Brüdern oder Ehemännern. Dohm sei davon überzeugt gewesen, dass Frauen ihre Unabhängigkeit nur mit ökonomischer Selbstständigkeit erreichen können – also dem Recht auf Bildung, Beruf und eine angemessene Bezahlung. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts war es Frauen und Jüd:innen in Deutschland erlaubt zu studieren.

Der jüdische Feminismus: Die erste Rabbinerin der Welt

Eine weitere nennenswerte Feministin, die Roggenkamp ebenfalls in ihrem Aufsatz beschreibt, ist Bertha Pappenheim. Bertha Pappenheim war religiös, empfand die Stellung der Frau in der Bibel jedoch als ungerecht. Sie war 1912 die Gründerin und Präsidentin der „International Council of Jewish Women“, einer Organisation, die sich für Frauenrechte und gegen Rassismus und Antisemitismus einsetzt. Ebenso war sie zwei Jahrzehnte die Vorsitzende des jüdischen Frauenbundes Deutschland. Zu dieser Zeit traten 50.000 Jüdinnen der Bewegung bei.

Pappenheim prangerte das Frauenbild des orthodoxen Judentums an. Einige der Frauen der Bewegung hatten nicht nur den Wunsch, ihre Religion gleichberechtigt ausleben zu dürfen, sondern auch religiös zu lehren – so wie die deutsche Jüdin Regina Jonas. Sie wurde im Jahr 1935 als erste Rabbinerin der Welt ordiniert.

Die Jüdinnen der Moderne

Zwar gibt es seit 2004 in Hamburg wieder eine progressive jüdische Gemeinde, doch der Großteil der Jüd:innen in Hamburg ist noch immer jüdisch-orthodox geprägt. Eine jüdisch-feministische Bewegung gibt es hier nicht. Dass sich Frauen wie Rabbinerin Offenberg für den jüdischen Feminismus einsetzen, ist ein Randphänomen. Sie erklärt sich das so: „Feministinnen sagen oft, Religion im Allgemeinen ist so patriarchal geprägt, dass man gar nichts mehr machen könnte.“ Deshalb hätten viele das Gefühl, eine Religion nicht richtig ausleben zu können oder gar die Einstellung, eine Religion ganz abzuschaffen.

„Die Leute sagen, ihr bürgerliches, feministisches Leben passt mit der Religion nicht zusammen. Sie verstehen sich dann meistens in einem kulturellen oder historischen Sinne als jüdisch aber nicht als religiöse Jüdin. Das ist leider kein seltenes Phänomen.“ Dabei sei es durchaus möglich, emanzipiert, gleichberechtigt und trotzdem religiös zu sein.

Während sich Rabbinerin Offenberg als religiöse Jüdin versteht, schreibt Viola Roggenkamp, dass sie in keiner jüdischen Gemeinde aktiv sei. Für sie steht die Gleichberechtigung im Vordergrund: „Gesetze können geändert werden. Rechte können einem genommen werden. Wer wüsste das besser als wir Juden“, heißt es in ihrem Aufsatz.

„Ich wünsche mir, dass Leute Vorurteile hinterfragen“

Mit Frauenrechtsorganisationen wie „Bet Debora“ oder auch „Women of the Wall“ entstanden Netzwerke von jüdischen Frauen, die vor allem für ihre Gebetsgleichberechtigung einstehen, also für das Recht darauf, wie Männer beten zu können, ganz ohne Befreiungen. Auch Rabbinerin Offenberg hat eine Vision: „Ich würde mir wünschen, dass Leute ihre eigenen Vorurteile und Klisschees hinterfragen. Es gibt unterschiedliche Zugänge zur jüdischen Tradition und zum Religionsgesetz.“

Sie erwartet vor allem Akzeptanz: „Der Pluralismus geht in alle Richtungen: Ich muss akzeptieren, dass sich Menschen eine religiöse Richtung aussuchen, die das moderne Leben abgrenzt“, sagt sie. „Andererseits müssen Orthodoxe erkennen, dass liberale Juden eine andere Art von Menschen erreichen und ihnen damit einen anderen Zugang zum Judentum eröffnen.“


Illustration: Julia Rupf.

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