Die Mahnwache anlässlich der Novemberpogrome fand dieses Jahr auch in Gedenken an Esther Bejarano statt, die im Juli 2021 mit 96 Jahren in Hamburg verstarb. Bald soll ein Ort nach der Holocaust-Überlebenden und Widerstandskämpferin benannt werden.

Ein Artikel von Elisabeth Birkner und Lilly Brosowsky.

Auf dem Joseph-Carlebach-Platz verstreut stehen Menschengruppen, die sich unterhalten und Kerzen anzünden. Die letzte Rede im Rahmen der Mahnwache anlässlich der Reichsprogromnacht ist vorbei. Trotz der Schwere des Themas ist die Stimmung auf dem Platz gelöst. Passant:innen stehen Schlange, um durch Virtual-Reality-Brillen die ehemalige Bornplatzsynagoge in voller Pracht zu sehen. Auch die Polizist:innen am Rande des Platzes wirken entspannt.

Die Mahnwache fand statt, um allen Opfern des Holocausts zu gedenken. Dieses Jahr wurde auch an Esther Bejarano, Holocaust-Überlebende erinnert. Die 96-Jährige Aktivistin verstarb am 10. Juli 2021 in Hamburg. Sie setzte sich bis ins hohe Alter gegen Faschismus ein und erinnerte an dessen schreckliche Folgen.

Norma van der Walde von der VVN-BdA.
Norma van der Walde von der VVN-BdA. Foto: Jan-Timo Schaube.

Diese Aufgabe führen nun andere fort. Zum Beispiel Norma van der Walde und Christiane Chodinski, die wie Bejarano in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (kurz VVN-BdA) aktiv sind. Die VVN-BdA hatte die Mahnwache mit organisiert. Auf dem mit Kerzen beleuchteten Platz erinnern sich die beiden Frauen an Esther Bejarano als lebensfrohe und starke Frau, die zu politischen Themen auf den Punkt sprach: „Für Menschen, die auf der Suche sind, war sie so etwas wie ein Leuchtturm“, sagt van der Walde.

Norma van der Walde erinnert sich an Esther Bejarano

.

Mahnwache zur Reichspogromnach auf dem Joseph-Carlebach-Platz (Grindelhof).
Mahnwache zur Reichspogromnacht auf dem Joseph-Carlebach-Platz (Grindelhof). Foto: Lilly Brosowsky

Wer war Esther Bejarano?

Esther Bejarano wurde 1943 in das Konzentrationslager Ausschwitz deportiert. Sie überlebte, weil sie im Mädchenorchester Akkordeon spielte. Später kam sie als Zwangsarbeiterin nach Ravensbrück, wo sie bei Siemens Schalter für Unterseeboote baute. Unauffällig manipulierte sie diese und leistete so Widerstand.

Bejarano überlebte den Holocaust und zog nach Israel. Ihre Eltern und eine Schwester starben im Konzentrationslager. „Sie hat, wie uns alle, die Verpflichtung den Eltern gegenüber nicht losgelassen. Die Eltern sind gestorben und sie hat überlebt. Das hat sie sicherlich angetrieben“, sagt van der Walde, deren Familie ebenfalls verfolgt wurde.

Erst 1960 kehrte Bejarano nach Deutschland zurück und ließ sich mit ihrer Familie in Hamburg nieder. Hier schrieb sie mehrere Bücher über das Erlebte, wurde Sängerin in der Rap-Gruppe Microphone Mafia und war Vorsitzende des Ausschwitz-Komitees. In dieser Position kommentierte sie den Wiederaufbau der Synagoge am Bornplatz: Ein Symbolbau würde den Antisemitismus nicht beenden.

Sie hat überlebt. Die anderen nicht. Das hat sie sicherlich angetrieben. – Norma van der Walde (VNN-BdA)

Bejarano engagierte sie sich bis an ihr Lebensende politisch. In ihrer Funktion als Ehrenvorsitzende der VVN-BdA geriet sie 2019 mit Olaf Scholz aneinander, der damals noch Finanzminister war. Er hatte der VVN-BdA den Status der Gemeinnützigkeit entzogen. Sie schrieb darauf in einem offenen Brief: „Das Haus brennt und sie sperren die Feuerwehr aus!“ Eine Erinnerung daran, dass die rechte Szene in Deutschland weiter wachsen würde. Sich selbst und andere Überlebende des Holocaust bezeichnet sie in diesem Brief als „unbequeme Mahner“.

Esther Bejarano – eine unbequeme Mahnerin

Christiane Chodinski von der VVN-BdA.
Christiane Chodinski von der VVN-BdA. Foto: Jan-Timo Schaube.

Bejarano sprach noch bis ins hohe Alter in Schulen über ihre Erlebnisse. „Sie hat es besonders gut geschafft zu jungen Leuten durchzudringen“, erinnert sich Chodinski. Dass der Senat einen Ort nach Bejarano benennen will, befürworten beide Frauen. Dieser Ort solle daran erinnern, wachsam zu sein, so van der Walde. Und an den Mut „den Mund aufzumachen“, fügt Chodinski hinzu. Sabine Boeddinghaus von der Partei Die Linke, hatte kurz nach Bejaranos Ableben im Senat dafür plädiert, eine Straße oder Schule nach der politischen Aktivistin zu benennen.

.

Christiane Chodinski und Norma van der Walde über Esther Bejaranos Erbe

Faschismus sei nicht nur ein dunkles Kapitel deutscher Vergangenheit, sondern existiere im Hier und Jetzt, so Boeddinghaus gegenüber FINK.HAMBURG. Bejarano wäre eine Inspiration gewesen, „ob es darum ging, Nazis auf der Straße entgegenzutreten, die Aufklärung der NSU-Morde einzufordern oder im Parlament für antifaschistische Politik zu streiten“, sagt sie, um ihren Antrag zu erklären. Noch ist es zu keiner Benennung gekommen.

Wie kommt eine Straße zu ihrem Namen?

Soll eine neue Straße benannt werden, können die sieben Bezirke Hamburgs eigene Vorschläge entwickeln oder Bürger:innen reichen Ideen ein. In der Bezirksversammlung werden die Vorschläge besprochen und abgestimmt. Wenn eine politische Mehrheit dafür ist, prüft das Staatsarchiv den Benennungsantrag. Dieser wird der Senatskommission für die Benennung von Verkehrsflächen vorgelegt und die Kommission berät über den Vorschlag. Nach Zustimmung setzt das Bezirksamt den Antrag um. Schließlich wird ein Straßenschild angebracht.

Unterstützung hätte eine Esther-Bejarano-Straße vielerorts. Auch Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher würdigt Bejaranos Erbe und schrieb nach ihrem Tod auf Twitter, ihre Botschaft weitertragen zu wollen.

Grundsätzlich ist eine Straßenbennunng erst zwei Jahre nach Ableben einer Person möglich. Das heißt, eine entsprechende Esther-Bejarano-Straße würde es frühstens ab 2023 geben.

Aktivist:innen benennen Straße um

Die Bismarckstraße wurde vor einiger Zeit von Aktivist:innen in E.Bejarano-Straße umgetauft. Eine großartige Aktion, finden van der Walde und Chodinski. Eine offizielle Umbenennung ist aber komplizierter, denn es gilt grundsätzlich: Eine Verkehrsfläche, die schon benannt ist, darf nicht mehr umbenannt werden.

Zu Besuch im koscheren Supermarkt, unterwegs mit Stolpersteinputzer:innen und zu Gast im Chabad: FINK.HAMBURG nähert sich in einer Themenwoche mit Reportagen, Interviews und Rückblicken dem jüdischen Leben in Hamburg.

Es sein denn, der Name verletzt erheblich das heutige Wertesystem. Auch darüber wird in der Bezirksversammlung abgestimmt. Wenn eine politische Mehrheit zusammenkommt, beantragt das Bezirksamt eine Umbenennung. Im Falle der Bismarckstraße ist bis jetzt bei der Behörde für Kultur und Medien kein Antrag eingegangen. Otto von Bismarck gilt als Begründer des deutschen Kolonialreiches. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung hinterfragten Demonstrierende etwa 2020 die städtische Ehrung von Kolonialherrschern durch Denkmäler, Orts- oder Straßennamen. Aktivist:innen hatten 2020 ein Straßenschild der Bismarckstraße mit „Black-Lives-Matter-Straße“ übermalt.

Das Schild der Bismarkstraße wurde mit Esther Bejaranos Namen überklebt.
Das Schild der Bismarkstraße wurde mit Esther Bejaranos Namen überklebt. Foto: Lilly Brosowsky

Die Esther-Bejarano-Schule

Auch eine Esther-Bejarano-Schule könnte es bald in Hamburg geben. Ihr Name steht auf einer Liste für neue Schulnamen. Bildungssenator Thies Rabe rief im vergangenen Jahr Bürger:innen dazu auf, Vorschläge einzureichen. In den nächsten zehn Jahren sollen 44 neue staatliche Schulen in Hamburg entstehen. Ob es dann eine Esther-Bejarano-Schule geben wird, entscheiden verschiedene Stellen: die Gründungsschulleitung, die Rechtsabteilung der Schulbehörde, der jeweilige Bezirk und die Landeszentrale für politische Bildung. Das letzte Wort hat aber die Schulbehörde.

Boeddinghaus fasst mit passenden Worten zusammen: „Sie war im Herzen so vieler Hamburger:innen. Jetzt muss ihr Name ins Herz der Stadt rücken.“

Anmerkung: In einer ersten Version des Textes stand, dass die Mahnwache in Gedenken an Esther Bejarano stattfand. Das ist nicht korrekt, sondern die Mahnwache war für die Opfer des Holocausts, aber dieses Jahr auch in Gedenken an Esther Bejarano. Wir bitte um Entschuldigung für das Versehen und haben dies geändert.

Quellen:

  • „Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Ausschwitz zur Rap-Band gegen rechts“, Esther Bejarano (2013)
  • „Wir leben trotzdem. Esther Bejarano – vom Mädchenorchester in Ausschwitz zur Künstlerin für den Frieden“, Esther Bejarano und Birgit Gärtner (2005)

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here