Rabbiner Arye Merkhasin vom Chabad Hamburg sitzt vor einer Wand aus Büchern.
Arye Merkhasin in seinem "Wohnzimmer": der Raum des Rabbinerseminars im Chabad Hamburg. Foto: Wyn Matthiesen.

Die orthodoxe Chabad-Community bildet Rabbiner aus, ist Anlaufstelle für Tourist:innen aus der ganzen Welt und prägt das jüdische Leben in Hamburg. Doch es gibt auch Kritik. Für was steht die Bewegung?

„Wo es Coca-Cola gibt, da gibt es auch Chabad“, sagt der Rabbiner Arye Merkhasin. Ein bekanntes Sprichwort innerhalb der Community. So ganz falsch liegt er damit nicht, denn Chabad, eine Bewegung innerhalb des orthodoxen Judentums, hat mehr als 3300 Häuser weltweit – auch hier in Hamburg. Doch während jede:r schon einmal mit der schwarzbraunen Zuckerbrause in Kontakt gekommen ist, gehen beim Wort „Chabad Lubawitsch“ wohl nur bei wenigen Menschen die Lichter an. Dabei hat sie einen großen Einfluss auf das jüdische Leben in Hamburg.

Was ist Chabad?

Chabad (lang: Chabad Lubawitsch) ist die größte internationale Bewegung innerhalb des Judentums – und nicht umunstritten. In ihrer Ausrichtung ist sie chassidisch-orthodox. Jüdische Traditionen und Regeln werden innerhalb der Community streng befolgt und auch Nichtanhänger:innen vorgelebt. Niedergeschrieben wurden sie in der Tora: Kosher essen, den 613 Verboten und Geboten folgen und täglich beten. Gegründet wurde die Bewegung vor 250 Jahren im russischen Ort Ljubawitschi im Westen Russlands an der Grenze zu Belarus. Heute hat sie ihren Hauptsitz in einem altehrwürdigen Backsteinhauses im New Yorker Stadtteil Brooklyn und zählt insgesamt rund 4000 Familien in mehr als 3300 Häusern weltweit.

„Ganz Chabad ist eine große Familie“, sagt Arye Merkhasin. Er ist einer von drei Rabbinern im Chabad Hamburg. Nach Überzeugung der Bewegung dürfen nur Männer Rabbiner werden. Das Jüdische Bildungszentrum Chabad Lubawitisch Hamburg liegt in der Rothenbaumchausse zwischen dem Bahnhof Dammtor und dem Grindelviertel. Das Haus ist eins von vielen Altbauten der Prachtstraße, die meisten sind weiß gestrichen. Säulen schmücken die Eingangshalle. Die hohen Decken der anderen Räume sind teils holzvertäfelt, teils stuckverziert, die Wände zieren Bilder oder lange Bücherregale. Nur auf dem Boden liegt im Moment Staub und Putz, denn es wird renoviert. „Nächstes Jahr hat hier alles wieder den alten Glanz“, so Merkhasin.

Welche Rolle spielt Chabad in Hamburg?

1. Chanukka-Leuchter

Das wohl sichtbarste Zeichen der Chabad-Bewegung ist der Chanukka-Leuchter, die Menora, die in diesem Dezember am Jungfernstieg aufgestellt werden soll. Damit will die jüdische Gemeinschaft ihr achttägiges Lichterfest mit allen Hamburger:innen feiern. In der Vergangenheit hatte der Leuchter Position an anderen Stellen des Alsterufers Stellung bezogen.

Chabad Hamburg kümmert sich um die Organisation und Finanzierung – in diesem Jahr mit hohen Zielen: Weil die bisherige Menora renovierungsbedürftig sei, soll nun die modernste Menora der Welt entstehen, inklusive eingebautem Bildschirm mit Informationen zum Judentum. Dafür sammelt der Verein Spendengelder über ein Crowdfunding.

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Chabad
Die alte Menora ist 'alt und müde', eine neue soll her. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2019. Foto: Patrick Becker

2. Tourist:inneninformation

Seit der Eröffnung vor achtzehn Jahren wächst die Chabad-Bewegung in Hamburg und dient auch als Anlaufstelle für gläubige Besucher:innen der Stadt. In einer unbekannten Umgebung die Regeln des Judentums einzuhalten ist für Rabbiner Merkhasin eine Frage des Willens. „Wir wissen ja, wofür wir es machen“, sagt er. Für ihn ist die Einhaltung der Vorschriften keine Bürde, sondern ein Weg, um Gott zu ehren und mit ihm in Kontakt zu kommen.

Chabad gibt Besucher:innen Informationen zu kosheren Lebensmittelläden, bietet Stadtführungen an und gibt Hinweise zu Hotels und deren Laufdistanz zur Synagoge. Denn: Am Schabbat (Sonnenuntergang am Freitag bis Sonnenuntergang am Samstag) dürfen gläubige Jüd:innen keine motorisierten Verkehrsmittel nutzen.

3. Treffpunkt für die jüdische Gemeinde

Im Chabad-Haus trifft sich die jüdische Gemeinde Hamburgs. So unterrichten die Frauen der drei Rabbiner jeden Sonntag die Kinder in Hebräisch, basteln und lehren die Traditionen des Glaubens. „Das ist wichtig, um der nächsten Generation die Regeln der Tora näher zu bringen“, erzählt Merkhasin. Auch Sommercamps und eine Kinderbibliothek zählen zum Reportoire der Organisation.

Wie ist das Verhältnis zu liberalen Jüd:innen?

„Für mich ist Chabad die einzig richtige Sicht auf den jüdischen Glauben“, sagt Merkhasin. Gleichzeitig äußert er Verständnis für all diejenigen, die liberaler denken. Viele Sichten auf einen Gegenstand können richtig sein. Als Geistlicher und studierter Physiker habe er diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht.

Dennoch ist der Einfluss der Bewegung auf die gesamte jüdische Community groß. Shlomo Bistritzky etwa ist Chabad-Mitglied und Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinde. Galina Jarkova, Vorsitzende der Liberalen Gemeinde, findet das problematisch: „Grundsätzlich arbeitet Bistritzky nicht mit uns zusammen. Wenn wir ihn einladen, kommt er nicht. Auf Fotos darf er nach Vorschriften des Chabad nicht mit liberalen Rabbinern zu sehen sein“, sagt. Bistritzky weist das auf schriftliche Anfrage von FINK.HAMBURG zurück: „Die angeblichen Vorschriften, die Frau Jarkova im Namen von Chabad mitteilt, existieren nicht.“

Solidarität trotz Meinungsverschiedenheiten

Noch in anderen Angelegenheit zeigt sich die Liberale Gemeinde verstimmt: Sie hätten sich mehr Unterstützung in der Debatte um die Nutzung zweier ehemaliger liberaler Synagogen gewünscht – eine in der Hamburger Neustadt und eine in Harvestehude. Das Gebäude in der Poolstraße wurde 1944 durch eine Bombe größtenteils zerstört, heute werden die Ruinen teilweise gewerblich genutzt oder verfallen weiter. Die Synagoge in der Oberstraße ist 1938 bei den Novemberpogromen verwüstet worden, hauptsächlich im Inneren.

Jarkova hätte sich gewünscht, dass der einflussreiche Landesrabbiner Bistritzky ihre Gemeinde mehr unterstützt, damit an den zwei Orten ein ordentliches Gedenken entsteht: „Die Würde des Hauses soll zurückgegeben werden“, sagt sie. Um eine konkrete Form gehe es ihr nicht, doch im Moment sei da „noch nicht mal eine Plakette.“ Hierzu äußerte sich Bistritzky nicht.

Trotz ihrer Kritik sieht Jarkova keinen Streit zwischen liberalen und orthodoxen Jüd:innen in Hamburg. „Wir sind solidarisch“, sagt Jarkova. „Unsere Kinder gehen gerne ins Chabad, sie lernen dort die Traditionen und Rezepte“. Und das, obwohl jüdische Gesetze dort anders ausgelegt werden – beispielsweise bei der Übersetzung von Gebeten oder bei der Frage, was Frauen erlaubt und was ihnen verboten ist.

Die Rolle der Frau

Im liberalen Judentum gibt es auch Rabbinerinnen. Für den Rabbiner Merkhasin ist das nicht mit orthodoxen Werten vereinbar. Frauen seien von Geburt an mit einem reinen Glauben geboren und müssten sich diesen nicht durch das Tora-Studium erarbeiten. Der Rabbiner merkt an: „In unserer modernen Welt, die geprägt ist vom Feminismus, klingt das vielleicht merkwürdig“. Eine weitere Regel besagt, dass verheiratete Frauen fremden Männern nicht die Hand reichen dürfen (und umgekehrt).

Im Talmud heißt es, dass die Frau den Haushalt führen und sich um die Kinder kümmern sollte. „Man kann es so sehen, dass die bösen Männer die spannenden Sachen für sich behalten, aber wenn wir über echte Erziehung nachdenken, dann sind es die Frauen, die den Kindern die Moral und Religion mitgeben“, beschreibt Merkhasin seine Sicht auf das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Das Lernen und Verstehen würde daher den Männern überlassen.

Was passiert im Rabbinerseminar?

Die Rabbinerausbildung bei Chabad unterscheidet sich von der an einer staatlichen Hochschule. Chabads bilden im Gegensatz zu Universitäten nicht wissenschaftlich aus, sondern ausschließlich religiös. Das Studium ist sehr streng und traditionell.

„Egal was ein Jude macht, irgendwo steht ein Buch, in dem steht, wie er es richtig machen soll“, sagt Merkhasin und wenn man sich im Raum des Rabbinerseminars umsieht, glaubt man das sofort. Unzählige Bände mit aufwändig verzierten Buchrücken reihen sich aneinander: verschiedene Ausgaben des Talmud auf Hebräisch und Russisch, Interpretationen davon und wiederum Kommentare dazu. Und natürlich die Tora, verborgen in einem Schrein hinter einem dicken Vorhang aus rotem Samt. Nur wenn mindestens zehn jüdische Männer anwesend sind, darf sie herausgeholt und daraus gelesen werden.

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Was ist erlaubt, was ist verboten im Judentum? Antworten auf diese Fragen findet Rabbiner Arye Merkhasin in den vielen Schriften im Chabad Hamburg. Foto: Wyn Matthiesen.
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Da trifft es sich gut, dass das aktuelle Rabbinerseminar, das Arye Merkhasin leitet, genau aus zehn Männern besteht. Heute sitzt nur ein Schüler hier und liest. Die anderen sind unterwegs und besuchen Lebensmittelunternehmen, um mehr über die Kaschrut, also die jüdischen Speisegesetze, zu lernen. Ansonsten treffen sie sich in den Räumen des Chabad, um Tanach, Tora und Talmud zu studieren, darüber zu diskutieren und über die Anwendung auf den Alltag zu beraten.

„Amtssprachen“ im Rabbinerseminar des Chabad Hamburg sind Hebräisch und Russisch sagt Merkhasin. Viele Studenten stammen aus Spätaussiedler-Familien, die in den 1980er und 1990er Jahren aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland emigriert sind oder kommen direkt aus osteuropäischen Staaten. So auch Rabbiner Merkhasin, der in der Ukraine aufgewachsen ist, dort Physik studiert hat und im Anschluss nach Israel gezogen ist, um dort seine Rabbinerausbildung zu absolvieren. „Für mich war es eine Ehre, tiefer in die Welten der Tora einzusteigen“, sagt Merkhasin.

Shlomo Bistritzky, Gründer des Chabad Hamburg, holte Merkhasin mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern nach der Ausbildung nach Deutschland und übertrug ihm die Leitung des 2014 gegründeten Rabbinerseminars.

Die Jüdische Gemeinde Hamburgs äußert sich positiv über das Rabbinerseminar. „Für uns und das jüdische Leben der Stadt ist das Rabbinerseminar eine Bereicherung“, sagt David Rubinstein, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde. Und auch die jüdische Community in Deutschland profitiere davon, berichtet Rubinstein: Drei Absolventen des Seminars sind bereits in anderen deutschen Orten als Gemeinderabbiner aktiv.

Was hat es mit dem siebten Rebbe auf sich?

Zentrale Figur im Chabad ist Rabbiner Menachem Mendel Schnerson, den auch Merkhasin immer wieder zitiert und von ihm als „Der Rebbe“ spricht. Er war der siebte und letzte Vertreter einer Rabbiner-Dynastie, die auf den Gründer des Chabad, Schneur Salman von Ljadi, zurückgeht. Unübersehbar hängt auch im Eingangsbereich des Chabad Hamburg ein Porträt des 1994 verstorbenen Rabbiners. Für einige Anhänger:innen wird in Mendel Schnerson der Messias erscheinen, so Merkhasin. Diese These ist aber umstritten.

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Chabad
Im Zeichen des siebten Rebbe. Arye Merkhasin steht vor dem Portrait eines der einflussreichsten Personen innerhalb der Chabad-Bewegung. Foto: Wyn Matthiesen.
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Benedikt Scherm, Jahrgang 1998, hat eine Katze überfahren. Damals, in der 5. Klasse auf dem Fahrrad, in einer Gemeinde in der Nähe von Bayreuth. Zu Schaden kam dabei aber nur er selbst. Heute präsentiert Benedikt gemeinsam mit einem Freund seine Erfolge aus der Küche auf Instagram, und auch dabei gibt es gelegentlich Unfälle: Hin und wieder brennt etwas an. Musikalisch interessiert ihn eine ganze Menge, von Deutschrap bis Lo-Fi und Techno, aber beim Klavierspielen ist er nie besonders weit gekommen, und wenn er im Auto mitsingt, sagen ihm seine Freunde, dass er bitte still sein soll. Er arbeitete unter anderem für den Nordbayerischen Kurier, den Bayrischen Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung, in Passau studierte er Journalistik und strategische Kommunikation. Ob es für ihn am Ende Schreiben, Audio oder Video wird, muss er noch herausfinden – Journalismus muss es in jedem Fall sein. (Kürzel: ikt)

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