Palo Alto, Silicon Valley, USA. Kein Setting, bei dem man sofort an Antisemitismus denkt. Und doch besteht die Bedrohung auch hier – gut versteckt zwischen Highschool, Start-up-Welt und Familienidylle. Mit ihrem Roman „Wo der Wolf lauert“ hat Ayelet Gundar-Goshen jüdische Identität in einen hochemotionalen Thriller gepackt.

Darum geht’s

Mit „Wo der Wolf lauert“ holt die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen die Lesenden in den kulturellen Schmelztiegel des Silicon Valley. Der 2021 erschienene Roman gewährt Einblicke in den Familienalltag von Lilach Schuster, die mit ihrem Mann Michael und dem gemeinsamen Sohn Adam ein ruhiges, gut situiertes Leben in Palo Alto führt: Michael ist als erfolgreicher Geschäftsmann in der IT-Branche tätig, der introvertierte Adam besucht eine amerikanische Highschool und Lilach selbst arbeitet in einem Altenheim.

Buchcover "Wo der Wolf lauert"
Buchcover: Tal Shahar

Jahre nach ihrer Übersiedlung aus Israel scheint die jüdische Familie die ständige Bedrohung ihres Heimatlandes hinter sich gelassen zu haben und voll und ganz in Amerika angekommen zu sein – bis sich die Ereignisse überschlagen: In einer Synagoge kommt es zu einem Anschlag, kurze Zeit später stirbt Adams Mitschüler Jamal Jones auf einer Highschoolparty an einer Überdosis Meth. Doch die Hintergründe zum Todesfall werfen Fragen auf – auch bei Lilach selbst.

Nach Jamals Tod wirkt Adam wesensverändert, findet in einem Selbstverteidigungskurs neue Freunde. Seinem Trainer, dem charismatischen Uri Ziv, begegnet er mit unterwürfiger Hochachtung. Bald schon wird deutlich, dass das Verhältnis von Jamal und Adam von religiösen Spannungen überlagert wurde. Daraufhin kommt es in der Nachbarschaft wiederholt zu antisemitischen Anfeindungen gegen die Schusters, die im Tod des Familienhundes gipfeln. Nach und nach wächst ein schrecklicher Verdacht im Kopf der Mutter heran: Könnte Adam etwas mit Jamals Tod zutun haben? Im Zuge des spannungsgeladenen Plots wird Lilach selbst zur Ermittlerin und sieht sich nicht nur mit ihrem Selbstverständnis als Mutter und Ehefrau, sondern auch mit ihrer jüdisch-amerikanischen Identität konfrontiert.

Von Unbehagen und Faszination

Schon der erste Satz in „Wo der Wolf lauert“ zeigt eine der bezeichnendsten Merkmale des Romans: Die Lesenden verfolgen die Geschehnisse durch die Augen von Lilach, die  gefangen ist zwischen Mutterliebe und Verunsicherung.

Ich sehe im Geist diese winzigen Fingerchen, die eines Neugeborenen, und versuche zu begreifen, wie sie zu den Fingern eines Mörders heranwachsen konnten.

(Aus „Wo der Wolf lauert“, Kapitel 1, S. 9)

Porträt der Autorin Ayelet Gundar-Goshen
Autorin Ayelet Gundar-Goshen. Foto: Tal Shahar

Gundar-Goshen, die in Israel Psychologie studierte, lässt ihren akademischen Hintergrund immer wieder aus den Zeilen sprechen, wo er vor allem in der Vielschichtigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen zum Tragen kommt: Respekt und Vertrauen treffen auf Machthierarchien und Manipulation, gehen dabei beinahe nahtlos ineinander über. Besonders deutlich werden diese verschwimmenden Grenzen im Zusammenspiel der Hauptcharaktere mit Uri Ziv. Gerade Lilach misstraut dem Selbstverteidigungstrainer ihres Sohnes zutiefst, fühlt sich jedoch gleichzeitig stark von ihm angezogen. Gänsehaut ist garantiert – mal aus Rührung, mal aus Beklemmung.

Die Frage nach dem Ich

Auch in Sachen Charakterentwicklung wird in „Wo der Wolf lauert“ nicht gegeizt. Ausnahmslos alle Hauptcharaktere durchlaufen direkt (Lilach) oder indirekt (Michael, Adam, Uri) Entwicklungen. Grundsätzlich kann Identität als das große Thema des Romans verstanden werden – sowohl in Bezug auf Mutterschaft als auch jüdisches Selbstverständnis. Die Protagonist:innen stecken tief in einem jüdisch-amerikanischen Identitätszwiespalt, den die Autorin gleich zu Beginn des Buches am simplen Beispiel des eigenen Namens eingänglich verdeutlicht:

Ich heiße nicht Lila. Die Amerikaner haben Mühe, Lilach zu sagen, deshalb nennen mich hier alle Lila. Aber ich heiße nicht Lila. Mit Michael ist es leicht. Sie sprechen seinen Namen einfach Maikel aus. Er korrigiert sie nie.

(Aus „Wo der Wolf lauert“, Kapitel 2, S.9)

Mit ihren alten Namen legen Lilach und Michael ihr jüdisches Ich-Verständnis ab, schlüpfen in eine neue, amerikanische Rolle. Doch schnell müssen sie feststellen, dass eine Identität kein Kleidungsstück ist, das man so einfach abstreifen kann. So sagt Lila/Lilach zum Beispiel an einer Stelle: „Mein Englisch war gut, aber meine innere Sprache war Hebräisch, über mich selbst konnte ich in keiner anderen Sprache reden“, während ihre Therapeutin schonungslos erwidert:

Ihr wahres Problem liegt darin, dass Sie gar keine Sprache haben, um mit sich selbst zu sprechen, denn mir scheint, Lila, Sie fühlen sich überall ein bisschen fremd, nicht nur in Amerika.

(Aus „Wo der Wolf lauert“, Kapitel 23, S. 291)

Gone Girl trifft Coming of Age

Zuletzt gründet die Faszination des Romans in der Tatsache, dass Gundar-Goshen die Lesenden unnachgiebig im Dunkeln tappen lässt. Die Frage „War es denn nun Mord?“ schwebt unbeantwortet über jeder Zeile. Gemeinsam mit Lilach hangelt man sich von Hinweis zu Hinweis, schwankt zwischen Sympathie und Misstrauen. So spricht man Adam im einen Kapitel schuldig und ist im nächsten wieder von seiner Unschuld überzeugt. Eine Dynamik, die an Thriller-Erfolge wie „Gone Girl“ erinnert.

Gundar-Goshen kombiniert diese mit einem Highschool-Setting, das sich nach „Coming of Age“ anfühlt, der jüdischen Subkultur des Silicon Valleys und schließlich Israel als mystisches Element der Ferne. Durch das entstehende Misch-Genre setzt die Autorin die gesellschaftspolitischen Spannungsfelder Rassismus und Antisemitismus in einen unüblichen und doch nahbaren Kontext.

Wo der Wolf lauert? Gundar-Goshen weiß: überall. Mit der Geschichte von Lilach, Michael und Adam zeigt sie, dass auch Tausende von Kilometern eine jüdische Identität nicht verschwinden lassen können.

Unser Fazit:

„Wo der Wolf lauert“ ist Thriller und Gesellschaftsroman in einem und perfekt für alle, die nach einer sowohl spannungs- als auch emotionsgeladenen Lektüre suchen. Gundar-Goshen hält der Hightech-Welt des Silicon Valley schonungslos den Spiegel vor und beweist: Antisemitismus ist kein Thema der Vergangenheit. Nervenaufreibend und zart erzählt zugleich.

Vorheriger ArtikelLiteraturtipps: Von Fleischbällchen und jüdischen Detektiven
Nächster ArtikelWoher kommt Antisemitismus?
Elena Bock geht nie ohne Vorfreude auf ihr Müsli am nächsten Morgen schlafen. Über ihr Lieblingsfrühstück unterhielt sie sich auch schon mal zehn Minuten mit dem Musiker Harry Styles, als er einen Kaffee bei ihr bestellte. Geboren ist Elena 1995 in Karlsruhe. Für ihren Bachelor in Kommunikations- und Multimediamanagement verschlug es sie zunächst nach Düsseldorf. Dort hat sie neben dem Studium in einer Presseagentur gearbeitet und unter anderem ein Onlinemagazin für Immobilien, Kultur sowie Nachhaltigkeit betreut. In Hamburg entdeckte sie durch Praktika – beim Emotion Verlag und „Women‘s Health“ – das journalistische Arbeiten für sich. Wenn Elena mal eine Auszeit braucht, geht sie alleine ins Programmkino oder liest ein Buch. Ihre Lieblingsautorin war schon immer Cornelia Funke, auch die hat übrigens an der HAW studiert. Kürzel: ebo

1 KOMMENTAR

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here