Die deutsche Filmwirtschaft verliert das Rennen um internationale Produktionen. Den Schaden tragen Filmschaffende und letztlich auch die hiesige Wirtschaft. Dabei gibt es politische Maßnahmen, die den nötigen Push geben könnten.

Beitragsbild: Le Minh/ Pexels

Die deutsche Filmwirtschaft steht unter Druck: Fachkräfte fehlen, Produktionskapazitäten sind ausgereizt, der starke Wettbewerb zwischen Produzent*innen verdrängt zunehmend kleine Player. Das gefährdet die kreative Vielfalt. Außerdem dominieren ausländische Video-On-Demand-Dienste (VoD-Dienste) wie Netflix oder Amazon Prime den Markt und allerorts schließen Kinos.

Konkurrenz aus dem Ausland

Im internationalen Vergleich der Produktionsstandorte schneidet der deutsche Filmmarkt nicht besonders gut ab, wie eine Studie der Wirtschaftsberatung Deloitte für den Branchenverband Bitkom e.V. zeigt. Die Gründe daür lägen in den unattraktiven Rahmenbedingungen. Besonders die finanzielle Förderung sei veraltet, intransparent und viel zu bürokratisch. Schon für deutsche Produktionen sei es eine Herausforderung, die Filmförderungen zu erhalten. Internationale Akteure würden Deutschland als Drehort oft gar nicht erst in Betracht ziehen und stattdessen beispielsweise in Tschechien oder Ungarn drehen. Die Verlierer? Deutsche Filmschaffende und ergo auch die deutsche Wirtschaft.

Die daraus resultierende Frage lautet: Wie kann der deutsche Filmmarkt wettbewerbsfähig werden? Sind steuerliche Anreizmodelle der geeignete Hebel? Oder sollten ausländische Streamingdienste lieber zu mehr Investitionen in den deutschen Markt verpflichtet werden?

Mehr Verantwortung für Streamingdienste?

Die Instrumente unterscheiden sich sehr voneinander. In steuerlichen Anreizmodellen kommt das Geld vom Staat, beispielsweise in Form einer Steuergutschrift. Die Hoffnung: mehr in Deutschland produzierte Filme, mehr Beschäftigte und damit eine insgesamt gestärkte deutsche Filmwirtschaft. Davon profitieren wiederum auch vor- und nachgelagerte Märkte – etwa Hoteliere, Gatronomie oder Zulieferer.

Mit einer Investitionsverpflichtung will die Politik VoD-Dienste stärker zur Verantwortung ziehen. Auch ausländische Player, die auf dem deutschen Markt zwar große Gewinne einfahren, hier aber keine Steuern zahlen, sollen in nationale Produktionen investieren müssen.

Mehr „Dark“, statt „Stranger Things“

Streamingdienste sollen also dazu verpflichtet werden, einen bestimmten Prozentsatz ihrer Umstätze in deutsche Produktionen zu stecken und aktiv am Markt teilzunehmen, anstatt nur davon zu profitieren. Denn laut einer Studie von Goldmedia für die Filmförderungsanstalt generiert der Streaminganbieter Netflix aktuell rund 3,8 Prozent seiner Umsätze in Deutschland. Davon wird aber nur ein Bruchteil in den deutschen Markt investiert – rund 0,5 Prozent.

Ganz konkret heißt das: Wenn Netflix mit der Serie „Stranger Things“ in Deutschland Umsätze macht, muss das Unternehmen mehr Geld in deutsche Produktionen mit lokalen FIlmschaffenden stecken – etwa in eine Serie wie „Dark“.

Das EU-Ausland macht es vor

Frankreich, Italien und Spanien haben solche Investitionsverpflichtungen bereits eingeführt, andere Länder – etwa die Niederlande oder Rumänien – ziehen dies ebenfalls in Erwägung, wie die Goldmedia-Studie zeigt. Das Fazit fällt positiv zugunsten der Maßnahme aus: Eine Investitionsverpflichtung würde die deutsche Filmindustrie stärken und dabei helfen, Vielfalt und Unabhängigkeit zu erhalten – wenn sie richtig ausgestaltet ist.

Kritik kommt von Christian Sommer von der Motion Picture Association (MPA), dem Verband der größten US-amerikanischen Filmproduktionsgesellschaften bei dem auch VoD-Gigant Netflix Mitglied ist. Das Hauptproblem sei nicht, dass den VoD-Diensten der Wille fehle, in Deutschland zu produzieren, sondern dass nicht verlässlich und planbar produziert werden könne. „Es wird sehr viel investiert gerade, nicht nur von Netflix, sondern von vielen internationalen Produzenten, und zwar nicht wegen der Rahmenbedingungen, sondern trotz der Rahmenbedingungen. Die sind nämlich weiß Gott nicht ideal“, so Sommer. Deutschland müsse Anreize schaffen statt Unternehmen zu zwingen, hier Filme und Serien zu produzieren.

Diskussionsrunde auf dem Filmfest Hamburg

Sommer nimmt an der Diskussionsrunde „All you need is law“ des Filmfest Hamburg 2022 teil. Das diesjährige Thema: Vor- und Nachteile von Tax Credits und einer Investitionsverpflichtung für Streaming-Anbieter. Mit ihm diskutieren Katharina Hiersemenzel von dem Filmunternehmen Constantin Film und Malte Grunert, der die Perspektive der mittelständischen Produzent*innen vertritt.

Die Diskussionsrunde auf dem Hamburger Filmfest.

Deutsche Produzenten in Not

Dass das deutsche Fördersystem für Produzent*innen unattraktiv ist, könne man laut einem anonymen Mitarbeiter der Film Comission auch daran erkennen, dass größere Firmen oft extra Mitarbeiter*innen einstellen, nur um die Förderungen zu beantragenn.  Denn es gibt in Deutschland aktuell rund elf große staatliche Förderungen – zwei bundesweite und acht regionale Filmförderungen. Spielt ein Film also in beispielsweise vier verschiedenen Regionen, können sechs verschiedene Förderungen beantragt werden. Dazu müssen dann sechs verschiedene Anträge zu unterschiedlichen Fristen eingereicht werden. Allein für den Antrag der Filmförderung Bayern gibt es rund sechs Seiten an Merkblättern und 24 Seiten an Richtlinien.

Zudem seien die Fördermittel gedeckelt und die Töpfe oft schon Mitte des Jahres leer: „Wenn man mittendrin feststellt, dass der Film doch nicht vollfinanziert ist, bringt das Produzenten in größte Not und sorgt für Wochen schlafloser Nächte“, so Malte Grunert, Produzent von Amusement Park Films.

Die Filmförderung soll überarbeitet werden

Die Forderung nach zeitgemäßen Filmförderungen ist nicht neu. 2021 hat sie es sogar in den Koalitionsvertrag der Ampelregierung geschafft. Konkretes ist von der angekündigten so genannten Filmförderungsnovelle nicht bekannt, lediglich dass die Rahmenbedingungen und die Förderinstrumente reformiert werden sollen. Dafür würden die bereits erwähnten steuerliche Anreizmodelle und die Einführung von Investitionsverpflichtungen geprüft.

„Der Koalitionsvertrag gibt der Bundesregierung die Neuordnung und Vereinfachung der Rahmenbedingungen des Filmmarktes auf“, so ein Sprecher von Kulturstaatsministerin Claudia Roth auf Anfrage von FINK.HAMBURG. Um den deutschen Filmmarkt zukunftsfähig zu machen, erfordere es einen umfassenden Reformprozess. Die diskutierten Instrumente würden aktuell noch geprüft, heißt es weiter.

Auch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg schreibt: „Derzeit läuft auch mit der Branche die Debatte darüber, welches Modell der unabhängigen Produzentenlandschaft besser den Rücken stärkt. Dieser Debatte wollen wir nicht vorgreifen.“

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Wäre sie ein Gericht, dann wäre Lina Gunstmann eine Spargelcremesuppe, sagen ihre Freunde. Das sei schließlich ein elegantes Gemüse. Solange die vegan ist, passt das für die 1997 geborene Kielerin, denn die Umwelt ist ihr wichtig – sie ist sogar Mitglied beim Nabu. Ihren Bachelor in Kommunikationswissenschaft hat Lina in Münster abgeschlossen und zu den Auswirkungen von Greenwashing auf das Image von Unternehmen geforscht. Neben dem Studium arbeitete sie als Model in Japan, China und Europa. Immer mit dabei: ein spannender Politik-Podcast, etwa zur Lage der Nation – und ihre Stricknadeln. Die Ergebnisse sind auf Instagram zu finden, wo sie den Strick-Blog „Linas Masche“ betreibt. Und nicht nur das: Für das Ballett Kiel betreute Lina zuletzt die Social-Media-Kanäle. Kürzel: lig