Auf dem Filmfest Hamburg war Regisseurin Ruth Mader gleich mit vier Filmen vertreten. FINK.HAMBURG traf sie, um mit ihr über „Serviam – Ich will dienen“ zu sprechen – ihrem Thriller über radikal gläubige Kinder im  katholischen Internat.

Ein Interview von Maria Gassner und Sarah Lindebner
Foto: Sarah Lindebner

„Ihr seid ja urjung“, sagt Ruth Mader zur Begrüßung. Die Wienerin ist schon lange in der Filmbranche tätig. 1992 erhielt sie als Schülerin eine Auszeichnung für ihren ersten Film „Endstation Obdachlos“. Mehrere Kurz- und Langfilmprojekte folgten. Erst kürzlich präsentierte sie ihre neueste Produktion „Serviam – Ich will dienen“ auf dem Filmfest Hamburg.

Der Thriller zeigt eine junge Nonne in einem katholischen Mädcheninternat, die gegen den Untergang des Glaubens kämpft und dabei den religiösen Fanatismus ihrer Schülerinnen nährt. Im Interview mit FINK.HAMBURG spricht Ruth Mader über ihre eigene Zeit als Internatsschülerin, die Herausforderungen beim Drehen mit Kindern und warum sie als Filmemacherin keine Kompromisse eingeht.

FINK.HAMBURG: Wie kamen Sie auf die Idee zu „Serviam – Ich will dienen“?

Ruth Mader: Ich hatte die Idee schon lange. Ich wollte das Projekt schon viel früher realisieren. Ich war selbst in einem katholischen Mädcheninternat und das hat mich nie losgelassen. In der Zusammenarbeit mit Martin Leidenfrost (Co-Autor) hat sich herauskristallisiert, dass es ein Film über radikalen Glauben sein soll. Das wollten wir in einen Thriller verpacken.

Also ist „Serviam“ autobiografisch?

Mader: Ich habe in der Schule gedreht, die ich selbst als Kind besucht habe. Der gezeigte alte Klostertrakt liegt aber ganz woanders. Bestimmte Figuren, bestimmte Situationen, zum Beispiel dieses kollektive Duschen, dieser riesige Speisesaal mit dem dampfenden Essen, das Sportfest, das habe ich alles selber erlebt.

Was haben Sie noch selbst erlebt?

Mader: Bei uns war der fünfte Stock auch leer und tabu, da hatten die Kinder nicht raufzugehen. Wir hatten auch Zehn-Bett-Zimmer. Und bei uns gab es immer die Drohung, dass wenn wir schlimm sind in der Nacht, dann kommen wir in den fünften Stock rauf. Die oberen Stockwerke waren leer, weil das Internat schon im Niedergang war. Die Schule hat floriert, es wurden immer mehr Schülerinnen – aber immer weniger Internatsbesucherinnen.

Die Mädchen erfahren im Film viel Negatives: Martha trägt einen Bußgürtel, Alexandra wird von den Schwestern kaum geduldet. Haben Sie etwas Derartiges auch erlebt?

Mader: Nein, überhaupt nicht. Es waren andere Dinge negativ. Die Sache mit dem Bußgürtel ist völlig frei erfunden.

Kritik am System, aber nicht am Glauben

Warum spielt der Film in den 1980ern?

Mader: Heute sind geschlechtergetrennte Internate verboten. Deswegen musste ich diesen Film in die Achtzigerjahre transferieren. Die Jetztzeit wäre auch nicht gegangen wegen der Handys. Es ist ganz wichtig, dass es im Film keine Handys gibt. Weil sonst könnten die Eltern andauernd anrufen oder Nachrichten schicken. Es wären auch ganz andere Kinder, die dann zu sehen wären.

Ist „Serviam“ Religionskritik?

Mader: „Serviam“ ist ein Film Pro-Glaube. Es ist Kritik an den Teilen der Institution, zum Beispiel in Form der Internatsleitung, die immer alles vertuschen will. Ich wollte den Film genauso erzählen, weil es ein Plädoyer für den Glauben ist. Mit der Oberflächlichkeit der Eltern und der Institution, die sich nur für Geld interessieren, wollte ich das Gegenteil zeigen. Die Antagonisten der Schwester und dieser Glaubenswelt sind die, die das Katholische nur als Dekor benutzen. Die junge Schwester ist das positive Gegenbeispiel für mich.

Aber man erfährt nie ihren Namen. Warum?

Mader: Weil sie so universell ist.

Kinder müssen am Set wissen, was los ist

Im Film werden ja ganz viele Hintergrundgeschichten der Charaktere nur angedeutet. Wissen Sie genau, was alles hinter den Charakteren steckt?

Mader: Ja, das weiß ich.

Warum behalten Sie das Wissen für sich?

Mader: Na ja, das ist die dramaturgische Arbeit im Zuge der Drehbucharbeit. Wir Autoren kennen alle Hintergrundgeschichten, aber entscheiden uns nur einen Teil zu zeigen. Das macht den Film viel spannender. Aber wir kennen die Biografie jeder einzelnen Figur – das ist auch wichtig für die Besetzung und für die Regie. Ich muss wissen, welche Schuhe die Figur trägt, wie sie sich schminkt und ob sie in der Nase bohrt.

In „Serviam“ spielen Kinder eine wichtige Rolle. Viele der Szenen sind problematisch – zum Beispiel wegen Gewalt oder Nacktheit. Wie filmt man solche Szenen mit Kindern?

Mader: Es ist nicht der erste Film, in dem ich mit Kindern gedreht habe. Es ist wichtig, dass die Kinder geschützt sind. Ich will immer, dass man im Film und am Set nichts sieht: Wenn das Kind zum Beispiel die Unterhose runterziehen muss, hat es zwei an.

Und die Kinder müssen wissen, was Sache ist. Ich gebe ihnen die Drehbücher komplett. Sie können mich befragen und ich erkläre ihnen alles. Wir reden über alles, sie werden auch sehr gut vorbereitet. Man muss ein Gespür dafür haben, was die Kinder brauchen: Die einen wollen sehr viel darüber reden, auch über die Bedeutung, die anderen einfach nur machen. Da muss man spüren, was für die Kinder richtig ist und sie nicht mit seinem Coaching überzustrapazieren. Ein Kind bringt ja auch wahnsinnig viel mit.

16 Jahre später: Von der Idee zum fertigen Film

Sie haben das Drehbuch bereits 2005 geschrieben. Warum haben Sie den Film erst 2021 gedreht?

Mader: Ich hatte damals 1,8 Millionen zusammen, das war einfach zu wenig. Damit kann ich nur einen trashigen Film machen. Dann muss man ihn zur Seite legen und sagen: Okay, es geht einfach nicht. Ich habe dann andere Filme gemacht. Als ich das Gefühl hatte, ich kann den Film jetzt finanzieren, habe ich kiloweise Mappen und Ordner aus dem Lager geholt.

Was hat Ihnen geholfen, die Hoffnung auf den Film nicht aufzugeben?

Mader: Man fängt schon an zu zweifeln. Ich war am Boden zerstört, als ich „Serviam“ nicht produzieren konnte – und auch pleite. Es war eine harte Zeit. Da muss man eben durchtauchen und von vorne beginnen.

Die österreichische Branche hat mich sehr unterstützt. Viele haben mir gesagt, ich soll unbedingt weitermachen und sie haben mir Jobs gegeben. Nach so einer gescheiterten Finanzierung hatte ich Schulden. Zwar nur 20.000 Euro, das ist eigentlich nicht viel Geld für eine Produktion. Aber für mich war das wahnsinnig viel.

Wir können künstlerisch machen, was wir wollen

Konnten Sie 2021 „Serviam“ so umsetzen, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Mader: Ich bin sehr privilegiert. Ich musste keine Szenen streichen oder Kompromisse eingehen. Das muss ich eigentlich nie bei meinen Filmen. Die Förderungsinstitutionen in Österreich und der ORF mischen sich nicht ein. Wir können künstlerisch machen, was wir wollen. Und dadurch entstehen auch tolle radikale Filme, die in der ganzen Welt Interesse auslösen.

Wie sind Sie zu diesem Privileg gekommen?

Mader: Das erarbeitet man sich, indem man versucht, nie Kompromisse einzugehen – zum Beispiel des Geldes wegen. Nach dem Motto: „Jetzt mache ich mal einen beschissenen Film, dann kauf ich mir ein Haus und danach mache ich einen guten Film.“ Ich wollte immer gute Filme machen. Deshalb habe ich vielleicht einen bescheideneren Lebensstil, aber das stört mich nicht. Ich bin frei. Da muss man sich entscheiden: Zaster oder Kunst. Aber ich habe genug Zaster, man muss ja nicht so gierig sein.

Überregionale Themen, regional erzählt

Für wen haben Sie den Film gemacht?

Mader: Für die Menschen in aller Welt. Aber es ist lustig, wo der Film überall gezeigt wird. In Locarno war ja die Weltpremiere. Der Film war in Sarajevo, jetzt ist er in Hamburg, dann fliegen wir nach Japan. Im arabischen Raum wird er gestreamt. Ich versuche eigentlich immer, dass ich ein überregionales Thema habe, aber regional erzähle. Dann aber kann man den Film in der ganzen Welt zeigen.

Also wollten sie den Film von Anfang an nicht nur für katholisch Glaubende machen?

Mader: Ja. Aber, dass es funktioniert, weiß man vorher nicht. Da muss das Genre, der Thriller, auch funktionieren. Die Asienpremiere ist am 31. Oktober, da will ich herausfinden, was die Menschen dort an dem Thema interessiert.

„Serviam – Ich will dienen“ läuft ab 2.12.2022 in den Kinos. FINK.HAMBURG hat den Film schon vorab gesehen und für euch rezensiert.

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Sarah Lindebner, 1998 in Innsbruck geboren, scheint Heimweh nicht zu kennen: Für Workaways zog es sie bereits nach England, Island, Norwegen und Portugal, für ihr Bachelorstudium in Kommunikationswissenschaft nach München. Bei einer Produktionsfirma für Werbefilme räumte sie als Praktikantin Keller aus und wirkte bei einem Kurzfilm über eine Entführung mit. Technisches Knowhow erwarb sie während eines weiteren Praktikums in einer Dokumentarfilmproduktion. Bei einem halbjährigen Videojournalismus-Stipendium nahm sie die Kamera selbst in die Hand, um Nachtschichten in Bäckereien, Hotels und Krankenhäusern zu begleiten. Jetzt verbringt sie ihre Tage in den Redaktionsräumen von FINK.HAMBURG, wo die nächsten Filmprojekte auf sie warten. Lange wird es sicher nicht dauern, bis Sarah wieder die Koffer packt. Next Stop: die Mongolei. Kürzel: lin

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