Ruben Östlund behandelt in seinem neuen Film “Triangle of Sadness” relevante gesellschaftliche Probleme unserer Zeit: Patriachats- und Kapitalismuskritik fasst er in einer zynischen Satire zusammen, bei der selbst das Publikum nicht verschont bleibt.

Die bitterböse Gesellschaftssatire des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund ist seit dem 13. Oktober in deutschen Kinos zu sehen. Der Film gewann bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme, den Preis für den besten Film. Beim Filmfest Hamburg feierte der Film Deutschlandpremiere.

Hochglanzfilm mit Tiefgang

Iris Berben, Woody Harrelson, Sunnyi Melles: Östlunds „Triangle of Sadness“ besticht mit einer hochkarätigen Besetzung. Stilistisch erinnert der Film an Hollywoods Hochglanz-Look. Auch mit dem Produktionsbudget von 15,6 Million US-Dollar und dem Dreh in sechs Ländern spielt der Film mit Hollywood-Produktionen in einer Liga. Damit ist „Triangle of Sadness“ einer der teuersten Filme, die beim diesjährigen Filmfest Hamburg gezeigt wurden.

Die Darstellung und Thematik gehen bei „Triangle of Sadness“ Hand in Hand. Die ironische Kapitalismuskritik, die im Film behandelt wird, ließe sich ohne Weiteres auch auf das Budget der Film-Produktion ausweiten. Wer zynischen und makabren Humor mag, ist hier genau richtig. Die Kritik trifft allerdings nicht nur die karikaturhaft gezeichneten Figuren im Film. Umfassende Gellschaftskritik trifft immer auch das Publikum.

Im Zweifel Botox

Der Film besteht aus drei Akten, die an Pointen und überraschenden Wendungen kaum zu überbieten sind:

Der erste Teil spielt in der klischeebehafteten Modewelt, in der das Pärchen Carl und Yaya zuhause sind. Während Yaya als Model und Influencerin durchstartet, kämpft Carl mit seiner beruflichen und sozialen Rolle als Mann. In der Modebranche wirkt sich der Gender Pay Gap entgegen der Regel zum Nachteil des Mannes aus. Das macht sich vor allem in der Beziehung der beiden bemerkbar. Carls Selbstwert ist im Keller, da er nicht nur Yayas, sondern auch die gesellschaftlichen Standards des versorgenden Alpha-Männchens nicht erfüllen kann.

Schnell wird die Frage, wer die Rechnung nach dem gemeinsamen Abendessen übernimmt, zum kindischen Stellvertreterkrieg, wer in der Beziehung mehr gibt – nicht nur auf finanzieller Ebene. Carls Sorgen spiegeln sich in seinem „Triangle of Sadness“ wider: Eine Stelle zwischen den Augenbrauen, die auf Anraten seiner Modelagent*innen mit ein bisschen Botox wieder glatt zu bekommen wäre. 

Nicht nur die Modebranche ist oberflächlich. Auch ihre Akteur*innen. Mit Carl und Yaya hat der Regisseur Östlund zwei Figuren geschaffen, die in ihrer Art zwar austauschbar sind, männliche Unsicherheiten jedoch gekonnt in den Fokus rücken. „Triangle of Sadness“ fügt sich mit „The Square“ und „Höhere Gewalt“ in die Reihe von Östlunds Filmen ein, die patriarchale Strukturen kritisieren.

Schiff in Schieflage

Der Schauplatz des zweiten Teils ist eine Luxusyacht, die irgendwo zwischen tropischen Urlaubsparadisen auf dem Meer umher schippert. Neben den beiden Schönen, Carl und Yaya, treffen sich dort vor allem die Reichen dieser Gesellschaft. Zu den schillerndsten Persönlichkeiten gehören ein russischer Oligarch, der mit seiner Ehefrau und seiner jüngeren Freundin die Yacht vor dem Kauf inspizieren will, ein britisches Ehepaar, das mit Handgranaten ein Vermögen gemacht hat sowie ein Millionär, der aus lapidarer Dankbarkeit mal eben seine Rolex verschenkt.

In der Erwartung auf üppiges Trinkgeld tut das Bordpersonal alles, um den Gästen die absurdesten Wünsche zu erfüllen. Ein Badetag für die Angestellten? Kein Problem. Auf einmal müssen Putzkräfte und Mechaniker*innen alles stehen und liegen lassen und zur Bespaßung der Gäste ins Wasser springen. Das unterwürfige und anbiedernde Personal verhindert auch nur die kleinste Sympathie mit ihnen. 

Das Kapitänsdinner endet in einer Kotzorgie, deren Darstellung an die Grenzen des guten Geschmacks kommt. Toiletten laufen über, das Putzpersonal kommt kaum noch hinterher. Wenn das Östlunds Art ist, dem Publikum zu zeigen, dass auch Reichtum vor Seekrankheit nicht Halt macht, ist es ihm gelungen. Subtil ist das eher nicht.

Etwas zu deutlich wird klar: Reiche scheißen kein Geld. In den schlimmsten Momenten sind alle Menschen gleich. Während sich die Passagiere in der apokalyptischen Szene die Seele aus dem Leib kotzen – und mehr – diskutieren der volltrunkene Kapitän, gespielt von Hollywoodstar Woody Harrelson, und der russische Oligarch angeregt über Marx und Lenin. 

Als sich der Sturm gelegt hat, platzt die nächste Bombe – und zwar in Form einer Handgranate auf der Yacht. Die findet natürlich das britische Waffenhändler-Paar, das sich mit dem Erlös ihres Topseller Produkts, der Handgranate, die Kreuzfahrt ironischerweise finanziert hat. Der Zynismus dieser Szene ist kaum zu übertreffen.

Patriarchat über Bord

Im dritten und letzten Teil ist die Yacht untergegangen. Eigentlich könnte der Film hier schon zu Ende sein, doch Östlund setzt noch einen drauf: Ein paar wenige Schiffbrüchige finden sich auf einer verlassenen Insel wieder, ohne Aussicht auf baldige Rettung. Im Kampf ums Überleben stellt sich schnell heraus, dass Reichtum keine Hilfe ist. Im Gegenteil – die Gestrandeten sind auf die Überlebenskünste der Toilettenfrau Abigail angewiesen. Die weiß als einzige, wie man Feuer macht oder nach Essen sucht.

Bestehende gesellschaftliche Strukturen werden buchstäblich über Bord geworfen und Abigail führt ein striktes Matriarchat, mit all den Vorzügen, die ihr als Anführerin zustehen. Sie schläft nun als einzige im Rettungsboot, vorzugsweise mit Carl, während die anderen das Feuer bewachen. Die neue Währung ist Nahrung und sexuelle Gefälligkeiten. Am Ende des Films überrascht Östlund mit einer unerwartetenden Wendung und genau hier schließt sich der Kreis.

Fazit „Triangle of Sadness“: Das Problem mit Zynismus

In Östlunds zynischer Abrechnung mit den Schönen und Reichen kommt niemand gut weg. Klar, wer 2022 noch auf Luxuskreuzfahrt geht, hat es nicht anders verdient. Wer Geld hat, hat Macht. Durch Macht entstehen Hierarchien. So funktioniert unser System. Östlunds Figuren sind überzeichnet, die Szenen sketchhaft. Sie sind substituierbar und deshalb erkennen wir in ihnen die Wahrheit unserer Realität wieder.

Der Film hält dem Publikum vor Augen, dass die Grenzen der Moral in der Realität schnell verschwimmen. Denn im bebenden Kinosaal fällt auf: Kritik übt sich immer leichter an Anderen. Mit beißendem Spott kann zwar auf offensichtliche und unterhaltsame Weise auf ein tieflegendes Problem in unserer Gesellschaft aufmerksam gemacht werden, um es zu lösen, wäre eine andere Nummer nötig.

Weitere spannende Rezensionen unserer Redaktion rund um das Filmfest Hamburg findet ihr hier.

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here