Hamburgs einziges ehrenamtliches Kino sitzt seit 1987 versteckt in einem Innenhof auf St. Pauli und hat Digitalisierung und Pandemie mit Vier-Euro-Tickets überlebt. Für manche ist das
B-Movie ein zweites Wohnzimmer.

Das Wort „Kino“ ist in das glimmende Licht einer gelben Leuchtreklame eingebettet. Die Farben spiegeln sich an der feuchten Fassade des Nachbargebäudes. Die Luft riecht kühl und frisch in einer Samstagnacht auf St. Pauli. Entlang einer Hauswand mit meterhohem Graffiti gelangt man in einen Hinterhof. Eine Neonröhre wirft von oben Licht auf eine rote Tür, in deren
Mitte eine Filmrolle hängt.
Noch sind keine Gäste da. Das leise Surren eines Motors ist zu hören, der in der Mitte des Raumes eine Discokugel dreht. Nach Popcorn riecht es nicht. Das gibt es im B-Movie nicht. „Wegen des Raschelns“, sagt Cornelia Pirsig.
Die 52-jährige Kulturwissenschafterin engagiert sich seit 16 Jahren im B-Movie. Das Kollektiv, das den Laden schmeißt, besteht aus rund 20 Leuten. Die jüngste Person ist 31, ehemaliger IT-ler. Ein anderes Mitglied promoviert gerade in Philosophie. Alle arbeiten hier gleichberechtigt, ehrenamtlich und ohne Ehrenamtspauschale.
„Vier Euro kostet es, und alles darüber ist Spende fürs Kino“
An diesem Samstag arbeiten Simone Spinelli und eine Kollegin. Zwei Herren über 60 kommen herein und stellen sich an den hellen Holztresen, der wie eine Schlangenlinie gebaut ist. Die Wand im Hintergrund ist mit einem Bild tapeziert, das ein Haus bei Nacht zeigt. „Vier Euro kostet es, und alles darüber ist Spende fürs Kino“, erklärt Simone, als die beiden Herren ihre Karten bezahlen wollen. Sie zieht zwei Tickets aus einer analogen Stahlkasse und reicht sie über den Tresen.



In Hamburg ist es keine Ausnahme über zehn Euro für ein Kinoticket zu bezahlen. Sogar 13,50 Euro für normale Vorstellungen und Plätze kommen vor. Kommt dann noch ein Aufschlag für 3D-Filme dazu, können es auch 15 Euro sein. (Berechnet anhand von Tickets im Savoy Hamburg für den Film „Star Wars: The Mandalorian & Grogu“ im Mai 2026.) Für die Königsdisziplin des Kinos, eine IMAX-Vorstellung, können im UCI Wandsbek 22,40 Euro oder 25,40 Euro für IMAX in 3D anfallen. (Berechnet wie oben.) Das günstigste Netlix-Abo mit Werbung kostet 4,99 im Monat (Mai 2026) und ohne Werbung 13,99 Euro.
Eine halbe Stunde vor Filmstart wird es voll. Die Leute verteilen sich im Raum: auf Barhockern, einem Sessel mit Rautenmuster und Holzarmlehnen, zwei roten Cocktailstühlen, einer gepolsterten Sitzgarnitur, einer Bank aus massivem Holz mit zerkratzten Lederbezügen. An einer Wand hängt ein Monatskalender mit „Star Trek“-Zeichnungen. An einer anderen Wand ist ein Gästebuch befestigt.

Gezeigt wird „Die Werckmeisterschen Harmonien“, ein Schwarzweißfilm des ungarischen Regisseurs Béla Tarr über ein Dorf, das wegen eines Wals auf dem Kopf steht. Zufall? Ja! Denn im B-Movie gibt es Monatsprogramme. Und das Programm für den Themenmonat zu Béla Tarr im April war schon Anfang März festgezurrt. Da schwamm „Timmy“ in die Ostsee. Der Wal strandete erst am 23. März am Timmendorfer Strand. Mit der Aufmerksamkeit, die darauf folgte, konnte nun wirklich niemand rechnen, außer vielleicht der Geist des Kinos selbst. Auch eine Zuschauerin weist entschieden aber lachend von sich, dass Timmy bei ihrer Abendplanung eine Rolle gespielt habe.
Eine Glocke bimmelt und unterbricht die Gespräche. Der Einlass beginnt, viel Zeit bleibt nicht. Werbung und Trailer gibt es nämlich nicht, feste Plätze auch nicht. Die Tür zum Saal ist hinter einem roten Samtvorhang versteckt. Die Leinwand, ohne Vorhang, wird von einem blauen und roten Scheinwerfer angestrahlt, bis der Film startet. Der Boden knarzt laut während der Platzsuche. Lichtschläuche rahmen den Gang zu den Reihen ein.

Yaela Gottlieb, 34, ist mit zwei Freundinnen im B-Movie. Sie alle sind Filmemacher*innen und unterhalten sich nach der Vorstellung in schnellem Englisch. Yaela lebt erst seit ein, zwei Jahren in Hamburg und erzählt von ihrem ersten Mal im B-Movie. “Da haben sie Filme vom Khavn De La Cruz gezeigt und er selbst war sogar mit seiner Familie da. Und Vertreter der philippinischen Botschaft, die auch noch umsonst ein Buffet dagelassen haben“, sagt sie. Ein „super schönes Erlebnis“ sei das gewesen.
Eine ihrer Freundinnen ist aus Brasilien zu Besuch und sagt, dass sich das B-Movie wirklich von Kinos in anderen Ländern unterscheide. Sie kenne kein Kino in Brasilien, in dem man so gemütlich Zeit verbringen könne wie im B-Movie. Die drei sitzen noch lange in der Lobby und reden, während Simone schon Kassensturz macht.
Kino, das verbindet
Manchmal bleibt das B-Movie auch fast leer. An einem Donnerstag kommt als einziger Bernard Homann. Er ist Stammgast und schaut sich den Film „Crocodile Tears“ an. Ein indonesischer Coming-of-Age-Thriller über eine Familie, die auf einer Krokodilfarm lebt. Hinterm Tresen stehen diesmal Cornelia Pirsig und Daniel Tomforde mit einem Getränk in der Hand. Es läuft leise Musik. Cornelia begrüßt Bernard mit einer Umarmung. „Ach, wie war denn der Geburtstag?“, fragt sie.



Homann ist Rentner, ehemaliger Ausstatter am Film und schwerhörig. Er spricht deshalb sehr deutlich über ein Event, das er mit dem B-Movie verbindet. „Das ist bestimmt zehn Jahre her. Wir haben hier im B-Movie mit dem Arab Filmclub die Filme gezeigt, die wir mit Geflüchteten untertitelt haben, arabische Filme”, sagt er. Das Untertiteln sei auch ein pädagogischer Auftrag gewesen, um Deutsch zu lernen. Auf die Frage, ob er dann schon seit zehn Jahren ins B-Movie komme, antwortet Homann mit einer Gegenfrage:
Laut Filmlexikon der Uni Kiel stammt der Begriff B-Movie aus den 1930er und 40er Jahren des us-amerikanischen Kinos. Zu der Zeit bezeichnete
B-Movie den zweiten Teil eines Doppelprogramms, den B-Film, der im Gegensatz zum A-Film mit weniger Budget produziert wurde. Heute wird der Begriff genutzt, um Filme von geringer Qualität zu beschreiben. Dabei ist die Bewertung nicht immer gerechtfertigt.
“Seit wann gibt es das B-Movie?”
”Seit 1987″, sagt eine Person im Raum.
”Dann komme ich seit 1987“, sagt Homann trocken.
Pirsig nimmt Rücksicht auf die Unterhaltung, aber jetzt soll es losgehen. Sie kraxselt über eine metallene Gittertreppe hinauf in den schmalen Vorführraum, der tiefblau beleuchtet ist. Die Dunkelheit scheint Cornelia nicht zu stören. Die Handgriffe sitzen und durch das Fenster für den Projektor ist zu sehen, wie der Film startet. Bei Vorführungen auf Film sei es ein größerer Aufwand. Den betreibe das B-Movie zwar oft, aber nicht heute. Auch wenn Cornelia die alte Kinokultur vermisst, sagt sie später mit einem leichten Lächeln: „Ich hab ja auch gar nichts gegen digital, nicht dass das so rüberkommt.”
Standhaft durch die Krisen

Während des Films sitzt Pirsig auf der Polstergarnitur im Vorraum. Eine alte Lampe mit Fransenschirm strahlt sie von hinten an. Neben ihr ein Röhrenradio, übersäht mit Flyern und ein meterhohes Western-Filmplakat, das an die Wand tapeziert ist. Sie spricht lieber über das Kino und das Kollektiv als über sich.
„Wir beuten uns halt selber aus, weil es ehrenamtlich ist. Anders geht’s nicht.“
Das B-Movie zeigt durch die Monatsprogramme zu bestimmten Themen oft ältere und nieschige Filme. Dadurch, dass sie sich ehrenamtlich organisaieren, seien sie weniger abhängig von aktuellen Releases. „Wir beuten uns halt selber aus, weil es ehrenamtlich ist. Anders geht’s nicht”, sagt Pirsig.
Einmal die Woche gibt es ein Plenum. Dort werden Verantwortlichkeiten geklärt, die Schichten kommen noch dazu. Geld kommt zum Beispiel durch die Vermietung der Räumlichkeiten, Tickets, Spenden und auch Preisgelder und anlassbezogene Förderungen herein. Eine konstante Förderung gibt es aber nicht. „Das gab es immer wieder mal, dass es knapp war, auf jeden Fall. Zum Beispiel vor der Digitalisierung, hätten wir da kein Geld bekommen, hätten wir nicht digitalisieren können”, erzählt Pirsig. Damals war eine Spendenaktion die Rettung.
Das Wohnzimmer unter den Kinos
Bernard Homann kommt aus dem Saal und lobt den Film. Cornelia beendet die Vorstellung und umarmt ihn zum Abschied. Auf dem Weg aus dem Hinterhof, vorbei am Graffiti und der Leuchtreklame, weht der Wind durch den späten Abend. Auf die Frage, was das B-Movie für ihn ausmache, sagt Homann mit warmer Stimme: „Das ist nicht geleckt oder glamourös, was ein Film eigentlich auch nicht braucht. Und das ist so eine Art Wohnzimmer. Ich würde mich nie so einrichten, aber ich betrete diesen Ort gerne, weil ich mich da willkommen fühle.“
Kaum jemand geht dreimal am Tag ins Kino, doch Hendrik Joachim, geboren 1999 im Sauerland, schafft das mit links. Er liebt politische Filme, schreibt Rezensionen und schwärmt noch immer von seinem Job in einem Berliner Kino. Sein Lieblingsfilm ist eine britische Rom-Com, die niemand kennt. Beim Uni-Radio in Lüneburg berichtete er, parallel zum Studium der Kulturwissenschaften, über geraubte Kunst aus ehemaligen Kolonien. Beim RBB machte er einen Beitrag über ein polnisches Filmfestival, beim Deutschlandfunk Kultur über eine Disney-Animationsserie mit Produktionen aus afrikanischen Ländern. Auf seiner Watchlist steht jetzt erst einmal Kino aus Hamburg: alle Filme von Fatih Akin.
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