Seit über 40 Jahren gibt es an der Ecke Wohlwill- und Otzenstraße auf St. Pauli die Kleine Pause. Ein Imbiss den es schon seit Jahrzehnten auf dem Kiez gibt. Besonders ist der Laden aber vor allem auch wegen der Menschen, die dort täglich ein- und ausgehen.
Die weiße Masse trifft mit einem Schmatzen auf den Teller. „Zwei Mal Currywurst Pommes Mayo“, ertönt es über den Tresen. Die Holzbeine eines bunten Stuhles kratzen über die Terrakotta Fliesen. In der Kleinen Pause herrscht Selbstbedienung. Am Tresen bestellen, am Tresen abholen, im Laden verweilen. Hier trifft sich ein Querschnitt der Gesellschaft. Ein sozialer Schmelztiegel mit Burger und Bier als Beilage.
Ein großer Mann mit Zopf steht auf und holt die beiden Teller. Er sagt etwas zu der Dame hinter dem Tresen und sie lacht. Zurück an seinen Tisch ist seine Begleitung erstaunt. „Papa, du hast sie zum Lachen gebracht, das hab ich noch nie geschafft“, sagt die junge Frau. In der Kleinen Pause ist der Ton derbe. Immer herzlich, immer ehrlich, aber auch immer ein bisschen ruppig.
Wo der Kiez isst
Der Imbiss am Paulinenplatz auf St. Pauli ist eine Hamburger Institution, auch wegen seiner Öffnungszeiten. Denn warmes Essen und kühle Biere gibt es hier rund um die Uhr. Fast – am frühen morgen zwischen 3 Uhr und 8 Uhr hat der Imbiss geschlossen – am Wochenende zwischen 5 Uhr und 9 Uhr. Pommes kosten 3,30 Euro, Hamburger 4,90 Euro und Mexikaner einen Euro – Preise, die selten sind mittlerweile. Seit über 40 Jahren geben Sabine Clorius und ihr Team von klassischem Imbiss-Essen bis hin zu Karaffen voll Bier alles über den Tresen.
Die roten Tafeln über dem Tresen zeigen das Angebot. Die Strahler an der Decke tauchen den Innenraum der Kleinen Pause in ein gemütliches Licht. An den Wänden hängen bunte Bilderrahmen mit signierten Trikots und Plakaten. Zu Weihnachten ist die Theke mit einer Tannengirlande und Christbaum-Kugeln geschmückt. Dazwischen hängen Biergläser und -karaffen im Gläserhänger. Der Tresen ist unterteilt: links gibt es Kroketten und Krautsalat, rechts Mojito und Mexikaner.

„Ich brauche meinen Nachmittagskaffe“, sagt Sabine, „und was Süßes!“ Ihre Schwiegertochter Katrin steht hinter dem Tresen und macht ihr schnell einen Latte Macchiato. Sie reicht ihr einen Donut aus der süßen Theke neben der Kasse. Die beiden Frauen lachen über etwas, dass ihr Stammkunde Thomas gesagt hat. Ein Generationswechsel bahnt sich in der Kleinen Pause an – nicht nur bei der Kundschaft. Sabine Clorius und ihr Mann wollen sich zurückziehen aus dem Geschäft, das sie so sehr lieben. Zum Glück lieben Schwiegertochter und Sohn den Laden und seine Menschen genau so sehr und übernehmen Stück für Stück von den „Alten“. Die beiden Frauen hinter der Theke, die Männer im Hintergrund – ein System das seit Jahren funktioniert. „Einmal Gastro, immer Gastro“, sagt Katrin.
Mit jungen Menschen kommen neue Impulse
Es kommen inzwischen einige vegetarische und vegane Gerichte auf die Karte der Kleinen Pause. Damit auch alle, die hier einkehren, etwas zu essen finden.
„Es kommen immer neue Menschen und neue Ideen aber die Haltung muss trotzdem immer gleich bleiben.“ – Sabine Clorius
Die Fassade rot gestrichen, neben der Eingangstür ein Graffiti: Ein blauer Kreis mit einer Schale Pommes-Ketchup und in krakeligen Buchstaben der Name des Ladens. Drum herum Tags und kleine Kunstwerke, die wohl eher ungeplant waren. In den bodentiefen Fenstern hängen Leuchtschilder von Skysport und Fritz Kola, die auf die Straße hinaus leuchten. Das Haus auf der Ecke von Wohlwill- und Otzenstraße ist schwer zu übersehen. Der Wintergarten bietet Platz für diejenigen, die zu ihrem Bier eine Zigarette mögen oder frische Luft zu ihren Pommes brauchen.
Für alle, seit 40 Jahren
Die Kleine Pause ist für die Menschen im Viertel eine Anlaufstelle: essen, trinken, schnacken, verweilen. „Wenn du ein offenes Herz hast und den Menschen offen gegenüber trittst, wirst du direkt aufgenommen auf St. Pauli. Dieses Viertel ist wie eine große Familie“, sagt Sabine. Bei ihrer Hochzeit war die Kirche voll, denn schnell sprach sich herum, dass „die Leute aus der Kleinen Pause“ heute im Viertel heiraten.
Das es für sie St. Pauli geworden ist, war aber eher Zufall. Begonnen hat die Geschichte der gelernten Floristin auf dem Kiez als Mitarbeiterin in einem Blumenladen. Dieser befand sich dort, wo heute ihr Imbiss ist. Schließlich übernhamen Sabine und ihr Mann den Laden, der bald schon kein Floristikbetrieb mehr sein sollte. Denn nach der Übernahme des Ladens plagte Sabines Mann ein Problem: „Er hatte Hunger“, sagt sie und so teilte er vor fast genau 40 Jahren die Räumlichkeiten und baute eine Imbisstheke. Aus der Theke wurde ein stetiger wachsender Laden mit stetig wachsender Karte und aus dem einstigen Blumenladen ein vollwertiger Imbiss. Drei Umbauten später feierte die Kleine Pause im März ihr Jubiläum und zur Geburtstagsparty des Ladens war der 50 Quadratmeter große Raum voll.
Geburtstagsparty im März
Ende März ist die Kleine Pause 40 Jahre alt geworden. Gefeiert wurde dies mit einer Geburtstagsparty: bunte Luftballons, Girlanden mit glitzernden Zahlen und allen Menschen, die die Kleine Pause lieben. „Ohne unsere Kunden wäre wie auch nie 40 geworden“, sagt Katrin Clorius. An der Wand hängt noch der Bilderrahmen mit Fotos von Kund*innen und Teammitgliedern an diesem besonderen Tag.
Vier Gerichte standen an diesem Tag auf der Karte des Ladens. Darunter eins für Vegetarier*innen, eins Veganer*innen und eins für Menschen die kein Schweinefleisch essen – für alle. Von zwölf bis zwölf war die gesamte Verpflegung umsonst – für alle. Denn genau das ist es was die Kleine Pause seit 40 Jahren ist – für alle.
Ein Nicken reicht. Die Bestellungen der Stammkunden kennen die Mitarbeiter*innen hinter dem Tresen häufig schon auswendig. Vorausgesetzt sie bestellen immer das Gleiche. Manche von ihnen kommen drei bis vier Mal in der Woche. Vorgedrängelt wird sich aber trotzdem nicht.

Fritten und Fußballfrust
Das Publikum wechselt. Vormittags verbringen Arbeitskolleg*innen hier ihre Mittagspause. Gen Nachmittag versammeln sich Familien und Freundesgruppen in der Kleinen Pause. Der Junge am Nebentisch erklärt seinem Vater gerade was heute in der Schule passiert ist, bevor das kleine Mädchen neben ihm ihre Traubenschorle umkippt.
Einen Tisch weiter sitzen zwei junge Frauen. Sie tragen Jogginghose und Schlappen als wären sie nur kurz aus ihrem Wohnzimmer in die Kleine Pause gestolpert. Auf ihren Tellern liegen die Überreste von Hamburgern mit Pommes und Gesprächen über ihre Ex-Freunde. Der Aperol kostet hier nur 4,80 Euro. Die Blonde steht auf und holt noch eine Runde, dann besprechen sie ihre Plänen für das Wochenende.
Am Abend ist es voll. Der FC St. Pauli hat gerade am nahegelegenen Millerntor gespielt. Rechts, Links und dann kurz geradeaus – der Weg zwischen der Südkurve und der Kleinen Pause dauert ungefähr fünf Minuten. Um 22.30 Uhr wurde das Spiel abgepfiffen. Um 22.38 Uhr ist die Kleine Pause rappelvoll. Auf dem Fernseher in der Ecke laufen die Highlights des gerade beendeten Spiels. Der FC St. Pauli hat unentschieden gespielt, 1:1 gegen den 1. FC Köln. „Das reicht doch nicht man.“ Zwei junge Typen schauen zwischen dem große Bildschirm und dem Tabellenrechner der Kicker-App auf ihrem Handy hin und her. Die Worte „desaströs“ und „Abstieg“ vermischen sich mit dem Geruch von Frittierfett und frisch gezapftem Astra.
„Die Emotionen faszinieren mich. Die St. Pauli Fans leiden und fiebern so sehr mit.“ – Katrin Clorius
Mittlerweile ist klar: Der FC St. Pauli spielt in der nächsten Saison nicht mehr in der 1. Liga. Was aber auch klar ist: In der neuen Saison wird es nach Abpfiff Pommes, Currywurst, Mayo in der Kleinen Pause bei Sabine, Katrin und ihrem Team geben .
Wer wissen will, wo es den besten Kuchen Hamburgs gibt, fragt am besten Mara Mennekes, geboren 2001 in Moers: Ein Jahr lang war sie als Social-Media-Redakteurin für das Stadtmagazin „Mit Vergnügen“ in der Gastroszene unterwegs. Ihren Bachelor in Modejournalismus machte sie in Düsseldorf, parallel gab sie geflüchteten Kindern Deutschunterricht. Mara fotografiert professionell, derzeit vor allem die „Rabauken“ vom Kids Club des FC St. Pauli, wo sie zuvor ein Social-Media-Praktikum gemacht hat. Mit den „Rabauken“ verbindet sie noch etwas anderes: Mara ist schon seit ihrer Kindheit St.-Pauli-Fan. Jetzt ist sie mit ihrer Kamera bei jedem Heimspiel dabei. Kürzel: mim







