Wie viel Weimarer Republik steckt in der Gegenwart? In Eimsbüttel analysieren Politiker und Experten Parallelen zum Aufstieg der NSDAP und AfD – und diskutierten, wann ein AfD-Parteiverbot geprüft werden sollte.
Während draußen Kinder über den Spielplatz toben, blickt drinnen eine ältere Generation auf die Vergangenheit – und die Gegenwart. Der Saal ist voll. Vor allem ältere Frauen sind gekommen, viele engagieren sich bei den Omas gegen Rechts. Vereinzelt sitzen auch ältere Männer in den Reihen und eine Hand voll Menschen um die 30. An diesem milden Maiabend geht es um eine Frage, die alle Generationen verbindet: Wiederholt sich die rechte Vergangenheit?

Am 28. Mai findet in Eimsbüttel unter dem Titel „Geschichte wiederholt sich… nicht!?“ im Rahmen des Monats des Gedenkens (20. April bis 14. Juni) eine Paneldiskussion statt. Organisiert von den Omas gegen Rechts, „Hamburg Vernetzt gegen Rechts“ und dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ unterstützt.
Der Omas gegen Rechts Deutschland e.V. ist ein deutschlandweiter Verein, der 2019 gegründet wurde und sich laut eigenen Angaben für den Schutz der Demokratie einsetzt. Seit Mitte Juni 2025 gibt es auch eine Ortsgruppe in Eimsbüttel.
Vor Ort sind Deniz Celik (Die Linke), Sina Imhof (Die Grünen), Irene Appiah (SPD) und Andreas Grutzeck (CDU). Sie diskutieren über die Parallelen zwischen dem Aufstieg des Nationalsozialismus und der heutigen Zeit. Außerdem geht es an dem Abend um den richtigen Zeitpunkt eines AfD-Verbotsverfahrens. Hintergrund: Im Januar 2026 hat Hamburgs Bürgerschaft sich mehrheitlich dafür eingesetzt, mit einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe prüfen zu lassen, ob ein AfD-Verbotsverfahren möglich ist. Einordnende und warnende Worte kamen zudem von Historiker Lennart Onken und Andreas Speit, Journalist und Experte für Rechtsextremismus.
„Wenn das Gefühl entsteht, dass die Regierung die notwendigen gesellschaftlichen Transformationsprozesse nicht mehr bewältigen kann, dann verlieren Menschen das Vertrauen in die Politik.“

Lehren aus der Vergangenheit
Auch, wenn wir noch weit von den Zuständen der Weimarer Republik entfernt seien und sich die Geschichte nicht genau so wiederhole, könne man Sachen aus der Vergangenheit lernen, sagt der Historiker Lennard Onken. Gegenüber FINK.HAMBURG erwähnt er, dass der Blick auf die Geschichte dabei helfen kann Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Analogien herauszuarbeiten.
Als Beispiel für eine Parallele zur Weimarer Republik nennt er die individuellen Abstiegsängste der Bevölkerung: „Wenn das Gefühl entsteht, dass die Regierung die notwendigen gesellschaftlichen Transformationsprozesse nicht mehr bewältigen kann, dann verlieren Menschen das Vertrauen in die Politik. Und die Gefahr besteht, dass dieser Vertrauensverlust mit antidemokratischen Ressentiments aufgeladen wird“. Wenn Menschen unzufrieden mit den politischen Parteien seien, so Onken weiter, schätzen sie die Demokratie deutlich stärker als zur Weimarer Zeit. Auch das Parlament sei heute deutlich gefestigter und die Parteien kompromissbereiter.
Dennoch betont Onken, dass die NSDAP ohne Koalition nie an die Macht gekommen wäre: „Die NSDAP erzielte damals keine absolute Mehrheit“, für die Regierungsbildung war sie auf andere Parteien angewiesen. Eine Regierungsbeteiligung der AfD ist für ihn der falsche Weg.
„Blau ist das neue rot“

Beim Umgang mit der AfD identifiziert der Journalist Andreas Speit folgende Dynamiken in Hamburg: Die AfD lag bei der Bürgerschaftswahl 2025 bei zehn Prozent (Anm. d. Red.: 7,5 Prozent) – im Vergleich zum Rest von Deutschland sei das nicht hoch. Das sei aber kein Grund sich zurückzulehnen, erklärt der Journalist. „Da ist leider Luft nach oben.“ Statt dort hinzuschauen, wo die AfD bereits stark sei, müsse man dort hinschauen, wo sie es noch nicht sei: in den Westen Deutschlands und in die konservative Mitte.
Das bestätigt auch die Wähler*innenwanderung der letzten Hamburger Bürgerschaftswahl. Demnach wanderten hier im Jahr 2025 4000 Wähler*innen der SPD zur AfD. Nach den Nichtwähler*innen ist das die zweitgrößte Gruppe der Neuwähler*innen der AfD – „blau ist das neue rot“, so Speit. Auch in Hamburg sei deswegen ein stärkerer Zuwachs der AfD in den kommenden Jahren zu erwarten. Er erkennt dabei weitere Parallelen zur NSDAP: Auch sie habe eine Mittelstands-Bauch gehabt. Die AfD-Wählenden entsprechen eben nicht dem Klischee des „dummen gewaltbereiten Alkoholisierten“.
Wie die Parteien zu einem AfD-Verbot stehen
„Wann wird juristisch geprüft, ob ein AfD-Parteiverbot möglich wäre?“ Die Antworten auf die Frage der Moderatorin Manizhe Jahani lösen Unruhe, Fragen und Zwischenrufe im Publikum aus. „Ich glaube, das wird noch lange dauern“, antwortet Andreas Grutzeck von der CDU. Man könne ein Verbot nur dann prüfen, wenn es mit einer nahezu hundertprozentigen Wahrscheinlichkeit vor dem Bundesverfassungsgericht durchkäme. Es bestehe sonst die Gefahr, dass es „noch schlimmer wird“. Die AfD könne sich sonst für immer auf diesen Freispruch ausruhen. „Im Innenministerium wird es geprüft, aber die Belege reichen bisher einfach nicht aus“, so Grutzeck. Zwar sei die Mehrheit in seiner Partei mittelfristig für die Prüfung des AfD-Parteiverbots, aber nur wenn die Voraussetzungen stimmen. Bis dahin heiße es: abwarten. Das Publikum ist nicht zufrieden mit der Antwort, viele winken ab oder lachen ungläubig.
Bürgerschaftsabgeordnete Irene Appiah (SPD) schließt sich an. Dass so lange gewartet wurde, finde sie persönlich nicht richtig, aber auch sie teilt Grutzecks Gedanken. Wenn das schiefgehe, hätten sie überhaupt keinen Hebel mehr. Sina Imhof, Grünen-Fraktionsvorsitzende, hält sich kurz und sagt zum Parteiverbotsverfahren: „Für mich persönlich morgen, dafür gab es keine Mehrheit.“ Die Linke, repräsentiert von Deniz Celik, ist für ein schnelles Parteiverbotsverfahren. Im Januar äußerte er sich in einem Videobeitrag im NDR bereits dazu: „Es ist viel zu lange gezögert worden, wertvolle Zeit ist verloren gegangen. Wir warnen deswegen eindringlich davor, ein Verbotsverfahren auf die lange Bank zu schieben.“
AfD-Verbotsverfahren in Hamburg
Januar 2026
Auf Grund einer Mehrheit im Hamburger Senat will die Rot-Grüne Koalition zusammen mit Bund und Ländern ein Verbotsverfahren der AfD prüfen. Allerdings nur, wenn das Verwaltungsgericht Köln die AfD als gesichert rechtsextrem einstuft.Auch CDU und Linke stimmen dafür.
März 2026
Das Verwaltungsgericht Köln hat die AfD bis zum Abschluss des Hauptsacheverfahrens in erster Instanz nicht als „gesichert rechtsextremistisch” eingestuft.
Mai 2026
Bei einer Demo für ein AfD-Verbot des Bündnis „AfD-Verbot jetzt“ erscheinen laut NDR 350 Menschen.Juni 2026
„PRÜF HAMBURG, PRÜF” hat über 28.000 Unterschriften.
Warnende Worte zum Schluss
Tosenden Applaus erntet keine dieser Positionen. Ein verbindliches Datum, an dem mit oder ohne Urteil vom Verwaltungsgericht Köln ein Verbotsverfahren voran getrieben werden soll, nennt niemand auf dem Podium. In der Fragerunde teilen die Teilnehmenden ihre Sorge, dass nicht mit dem nötigen Druck an einem Verbotsverfahren gearbeitet werde. Für die Position der CDU und SPD oder gegen ein sofortiges AfD-Verbotverfahren spricht sich niemand aus der Menge laut aus.
Ob und wann ein AfD-Verbotsverfahren kommt, bleibt offen. Die Meinungen auf dem Podium gingen auseinander – nicht jedoch die Einschätzung, dass die Entwicklung der Partei ernst genommen werden muss. „Was haben wir zu verlieren, wenn wir das prüfen lassen? Nichts, denn es ist jetzt schon schlimm“, so der Rechtsextremismus-Experte Speit.
Historiker Lennart Onken erinnerte zum Abschluss an eine Lehre aus der Geschichte: „Wenn die Rechten erstmal an der Macht sind, geben sie sie nicht wieder ab.“






