Jährlich landen rund 120 Millionen Tonnen Kleidung weltweit im Müll. Der Kauf von Fast Fashion ist ein Umweltproblem. Eine nachhaltigere Alternative? Kleidertauschpartys. 

In dem Gebäude in der Armgartstraße 24 finden sonst eigentlich Vorlesungen für Studierende statt. An diesem Dienstag Mitte Mai ist eine Party. Der DJ spielt House mit elektronischen Beats – doch zum Feiern ist niemand hier. Am Empfang geben die Besuchenden mitgebrachte Kleidungsstücke ab. Manchmal ist es nur ein einziges Teil, mal sind es fünf oder mehr. Die Kleider sind auf zahlreichen Tischen ausgebreitet. Auch einzelne Schneiderpuppen stehen im Raum und sind mit Kleidung bestückt.

Neben Studierenden sind auch viele ältere Menschen zur Party gekommen und wuseln zwischen den Tischen umher. Schließlich geht es darum, die besten Teile zu erwischen.

Viele Menschen besuchen die Kleidertauschparty der HAW Hamburg. Sie stehen um die Tische mit Kleidung herum.
Die Kleidertauschparty der HAW Hamburg fand im Rahmen der Climate Week statt. Foto: Olivia Schork

Kleidung zum Tauschen

Margret Wilken ist 75 Jahre alt und großer Fan von Kleidertauschpartys. Sie ist heute mit ihrem Mann Richard zu dem Event in der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg gekommen. Fünf Kleidungsstücke hat sie bereits ergattert. Mitgebracht hat die Rentnerin vier. „Eigentlich will ich gar nicht so viel mitnehmen, mein Kleiderschrank ist voll“, sagt sie.

Bei einer Kleidertauschparty bringen die Besuchenden alte Kleidungsstücke mit und können daraufhin neue mitnehmen. Im Gegensatz zu einem Flohmarkt findet kein Verkauf statt. Das Konzept basiert auf einem kostenlosen Tausch. Ziel ist es, übermäßigem Konsum entgegenzuwirken und die Kleidung nachhaltig weiterzuverwenden.

Jährlich landen rund 120 Millionen Tonnen Kleidung weltweit im Müll. Das geht aus einer Analyse zur Textilwirtschaft der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) aus dem Jahr 2025 hervor. Laut der BCG wird ein Kleidungsstück nur sieben- bis zehnmal getragen, bevor es weggeschmissen wird. Der Kleidermüll hat hierbei eine geringe Recyclingquote: Gemäß der Analyse landete 80 Prozent des gesamten Kleidermülls im Jahr 2024 auf Deponien oder wurde direkt verbrannt. Nur zwölf Prozent wurde wiederverwendet – und nur ein Prozent zu neuen Fasern recycelt.

Fashion für die Tonne

Den Trend zur Kurzlebigkeit bestätigt auch eine Umfrage von Greenpeace zum Kleiderkonsum aus dem Jahr 2025. Die Ergebnisse zeigen: Kleidung wird schneller aussortiert als in den vergangenen Jahren. Laut der Umfrage wird etwa jedes dritte Kleidungsstück zudem nie getragen. Im Schnitt besitzt ein Mensch in Deutschland 90 Kleidungsstücke – und benutzt etwa 36 davon kaum.

Ein zentrales Problem ist auch die Fast-Fashion-Industrie. „Jedes Jahr werden schätzungsweise 180 Milliarden Kleidungsstücke produziert. Das ist mehr, als die Welt je tragen kann“, sagt Moritz Jäger-Roschko aus dem Konsumwende-Team von Greenpeace. Laut dem Experten für Plastik und Kreislaufwirtschaft produziert die Fast-Fashion-Industrie direkt für die Müllkippe.

Fast-Fashion besteht zum Großteil aus synthetischen Fasern – also Öl und Plastik. Oft sind die Stoffe auch mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Chemikalien versetzt. Wenn sich die Fasern beim Waschen lösen, trägt dies dazu bei, die Meere durch Mikroplastik zu vermüllen. Neben der umweltschädlichen Produktion von Textilien sind auch die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken ein großes Problem.

Fast Fashion sei jedoch wegen seiner unschlagbar günstigen Preise weiterhin sehr beliebt. „Die schnelle Mode erscheint nur auf dem Preisschild günstig, die wahren Kosten tragen Umwelt, Arbeiter*innen und kommende Generationen“, sagt Jäger-Roschko. 

Junge Menschen tauschen lieber

„Die Qualität der Klamotten lässt sehr stark nach. Hochwertige Sachen zu finden, ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt Wilken. Auf den „Mädchenpartys“, wie sie sie nennt, nimmt die 75-Jährige aber trotzdem immer etwas mit. Auch Joshua Memmer und Marek Blanke besuchen die Kleidertauschparty der HAW Hamburg. Gefunden haben die beiden noch nichts. Memmer ist großer Fan von Kleidertauschpartys und versucht in seinem Alltag auf Nachhaltigkeit zu achten. „Wenn es nicht unbedingt sein muss, versuche ich meine Klamotten nicht neu zu kaufen“, sagt der 23-Jährige.

Marek Blanke und Joshua Memmer stehen vor einem Tisch mit Kleidung.
Marek Blanke und Joshua Memmer haben auf der Kleidertauschparty noch nichts gefunden. Foto: Sarah Tietz

Dass vor allem junge Menschen wesentlich engagierter beim Tauschen, Verleihen, Ausleihen und Teilen von Kleidung sind, zeigen die Ergebnisse der Greenpeace-Umfrage. Auch der Kauf gebrauchter Kleidung ist dabei im Jahr 2025 vor allem in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen gestiegen. „Jüngere Menschen sind meist offener für Alternativen zum klassischen Neukauf und insgesamt experimentierfreudiger“, mutmaßt Jäger-Roschko. Ebenfalls hätten Studierende und Auszubildende meist weniger Budget für teure Kleidung.

Laut der Greenpeace-Umfrage bleiben Tauschaktivitäten jedoch insgesamt selten. Jäger-Roschko begründet dies damit, dass Alternativen wie Kleidertauschpartys immer noch unbekannt und im Vergleich zum Neukauf meist auch deutlich aufwändiger in der Organisation seien. „Kleidertauschpartys sind ein starkes Zeichen gegen den Fast-Fashion-Mainstream, weil sie zeigen, dass Mode auch ohne die ressourcenintensive Neuproduktion Spaß machen kann“, sagt der Experte.

„Brauche ich das wirklich?“ 

Daha Yeo von den Students for Future steht im Vordergrund. Im Hintergrund sieht man die Kleidertauschparty.
Daha Yeo von den Students for Future hat die Kleidertauschparty organisiert. Foto: Sarah Tietz

Daha Yeo von den Students for Future hat die Kleidertauschparty im Rahmen der Climate Week an der HAW Hamburg organisiert. Zurzeit wird die Tauschaktivität dreimal im Jahr veranstaltet und von Spenden finanziert. „Wenn Kleidung übrigbleibt, dient diese als Reserve für die nächste Party“, sagt Yeo. Falle zu viel Kleidung an, würde diese an den Verein Hanseatic Help gespendet oder an den Altkleider-Abholservice Textiltiger abgegeben werden.

Auf der Kleidertauschparty kann jedoch nicht nur getauscht werden. Auch eine Repair-Station mit Nähmaschine und ein Siebdruck-Stand stehen den Besuchenden zur Verfügung. „Die Party vorzubereiten, hat ungefähr zwei Monate gedauert“, sagt Yeo. 

Die Climate Week für Hamburger Studierende und Auszubildende gibt es seit 2020. Die Woche zum Thema Klimagerechtigkeit wird von den Students for Future organisiert, einer hochschulübergreifenden Gruppe Studierender und Auszubildender von Fridays for Future. Während der Climate Week finden jedes Jahr zahlreiche kostenlose Veranstaltungen an verschiedenen Universitäts-Standorten in Hamburg statt.

Laut Jäger-Roschko haben zirkuläre Alternativen, wie Kleidertauschpartys, das Potenzial, die klimaschädliche und ressourcenfressende Überproduktion der Fast-Fashion-Industrie einzudämmen. Statt neue Kleidung zu kaufen, könne man seine Teile auch einfach reparieren lassen oder Second-Hand tragen. „Vor jedem Kauf sollten wir uns die Frage stellen: Brauche ich das wirklich?“

Sarah Tietz

Sarah Tietz, geboren 2001 in Langenhagen, hat ein bisschen Höhenangst, wäre für die "Hannoversche Allgemeine" aber trotzdem fast einmal mit einem Heißluftballon gefahren. In Köln studierte sie Online-Redaktion und lernte dort, Social-Media-Content zu produzieren und zu programmieren. Für die "HAZ" hat Sarah als freie Mitarbeiterin seitdem unter anderem eine Selbstbedienungs-Hundewaschanlage besucht und ganz investigativ die Clubs der Landeshauptstadt getestet. Die nächste
Angst, der sie sich für FINK stellen will, ist die vor dem Telefonieren. Kürzel: tiz

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