Jeden Tag landen tonnenweise Lebensmittel im Müll. Die Initiative Foodsharing will das verhindern, um dann irgendwann selbst überflüssig zu werden. So funktioniert die Lebensmittelrettung in Hamburg.

Auf dem Bild sieht man einen Bollerwagen, in dem eine leere blaue IKEA Tüte, leere Metro Tüte und eine leere graue Kiste zu sehen sind.
Noch ist der Bollerwagen leer – das wird sich bald ändern. Foto: Emely Dirks

Zwei vollgepackte Bollerwagen schieben Isabel Werner, 54, und Marissa Bücheler, 32, über den Wochenmarkt. Es sind knapp 30 Grad. Unter den Bäumen suchen Händler*innen und Kund*innen Schatten. Die beiden Frauen transportieren Ikea-Taschen mit Tupperdosen, Stoffbeuteln und Körben. Noch sind sie fast leer. Das soll sich in den nächsten Minuten ändern.

Vor dem ersten Obststand bleiben die beiden stehen. „Wir sind von Foodsharing – habt ihr heute etwas für uns?“, fragt Werner. Der Verkäufer schüttelt den Kopf. Statt Enttäuschung folgt ein Lächeln. „Sehr gut!“, sagt sie. Denn für Foodsharing ist das die beste Antwort: Was gar nicht erst übrig bleibt, muss auch nicht gerettet werden.

Was ist Foodsharing?

Auf dem Bild sieht man Katrin Meyer, sie lächelt in die Kamera.
Katrin Meyer engagiert sich bei Foodsharing in der Presseabteilung. Zuvor war sie Botschafterin. Foto: Henning Angerer

„Das Ziel von Foodsharing ist, uns wieder abzuschaffen”, erklärt Katrin Meyer. Sie ist Teil der Initative in Hamburg. Ehrenamtliche Foodsaver*innen besuchen Betriebe, die überschüssige Lebensmittel abgeben möchten. Die Motivation dahinter: weniger Lebensmittel und Ressourcen zu verschwenden. Foodsharing ist in Hamburg in den letzten Jahren gewachsen. Während 2014 rund 80 Betriebe mit der Initiative zusammenarbeiteten, sind es heute mehr als 400. Für Meyer ein Zeichen, dass das Bewusstsein für Lebensmittelverschwendung wächst – sowohl bei Unternehmen als auch bei Verbraucherinnen und Verbrauchern. In Hamburg sind rund 5000 Menschen bei Foodsharing registriert, etwa 1330 davon engagieren sich regelmäßig. Allein im Juni diesen Jahres wurden mehr als 7600 Abholungen durchgeführt – durchschnittlich rund 165 pro Tag.

Der größte Anteil der Lebensmittelretter*innen sei weiblich, erklärt Katrin Meyer. „Leider sind Lebensmittel oft noch Frauensache.” Von 17 Botschafter*innen sind nur fünf männlich.

Der Unterschied zur Tafel

Anders als die Tafel richtet sich Foodsharing nicht ausschließlich an Menschen mit geringem Einkommen. Die Initiative möchte verhindern, dass genießbare Lebensmittel im Müll landen – Bedürftige haben dabei dennoch Vorrang: „Die Tafel geht immer vor”, erklärt Meyer. Beide Organisationen arbeiten eng zusammen. Häufig übernimmt Foodsharing Lebensmittel, die freitags oder samstags nicht mehr von der Tafel abgeholt werden können oder wenn die Tafel nicht genug Kapazitäten für Rettungen hat.

1.100 Berliner und 600 Schokoladenweihnachtsmänner

Isabel Werner kam durch eine Freundin aus Süddeutschland auf Foodsharing. „Da ist das viel ausgeprägter als hier. In Hamburg finden manche das immer noch etwas merkwürdig“, erzählt die Kommunikationsdesignerin.

Ursprünglich habe sie vor allem der Gedanke, die Umwelt zu schützen, motiviert. „Der soziale Aspekt ist aber in den letzten Jahren immer wichtiger geworden“, sagt sie. Besonders in ärmeren Stadtteilen sehe sie, wie sehr sich Menschen über gerettete Lebensmittel freuen. „Du merkst bei den Betrieben, dass sich etwas verändert. Sie fangen irgendwann selbst an zu überlegen, warum eigentlich so viel übrig bleibt“, sagt Werner. 

Für Marissa Bücheler gehört Foodsharing inzwischen zum Alltag. Große Wocheneinkäufe gibt es kaum noch. „Es ist nicht mehr: Worauf habe ich heute Lust? Sondern: Was habe ich heute gerettet? Und was koche ich daraus?“, sagt die 32-Jährige. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr der Neujahrstag. Mehr als 1.100 Berliner und über 600 Schokoladen-Weihnachtsmänner musste sie innerhalb weniger Stunden unterbringen. „Ich war bei Leben mit Behinderung, im Hospiz, bei der Feuerwehr, im Altenheim – ich war überall” , sagt Bücheler. Auch in ihrer Physiotherapiepraxis bringt sie regelmäßig gerettete Lebensmittel mit. „Manche kommen schon vorbei, wenn sie wissen, dass ich wieder retten war“, so Bücheler.

Lebensmittelrettung bei Supermärkten

Auf dem Foto erkennt man Nina, sie lächelt in die Kamera.
Nina rettet seit 2024 regelmäßig bei Supermärkten. Foto: Franziska Schwarz

Seit 2024 versucht Nina jede Woche Lebensmittel aus Supermärkten abzuholen. Sie arbeitet in der Unternehmenskommunikation. Auf Grund ihres zusätzlichen politischen Engegaments möchte sie in diesem Text nur mit Vornamen genannt werden. Mit Foodsharing angefangen, hat die 50-Jährige, als sie erfuhr, wie viel weggeschmissen wird: „Die Zahlen zu hören, was weggeschmissen wird und aus welchen Gründen, fand ich echt schwer aushaltbar”, sagt Nina. Im Handel landen in Deutschland jedes Jahr 800.000 Tonnen Lebensmittel im Müll. Ein umweltbewusstes Nutzen von Ressourcen ist ihr wichtig, doch auch der soziale Aspekt motiviert sie: Sie rettet für „Mit Laib und Seele”, einer Lebensmittelausgabe in der Hauptkirche St. Nikolai. Hier kommen wöchentlich über 140 Personen zusammen, um Lebensmittel abzuholen. 

Auch Nina hatte in der Vergangenheit eine besondere Rettung: „Da bin ich durch Hamburg gefahren mit ungefähr 500 Litern Eis. Und das war eine solche Freude, das zu verteilen”, erzählt Nina. 

Wie viele Lebensmittel werden weggeworfen?

Laut dem Umweltbundesamt landeten in Deutschland 2022 knapp 10,8 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Dazu zählen übrig gebliebene Speisereste, nicht verkaufte Lebensmittel und nicht essbare Bestandteile wie Knochen oder Nussschalen. 7 Prozent der Abfälle stammen aus dem Handel. Der Großteil der Lebensmittelabfälle entsteht mit 58 Prozent bei den privaten Haushalten – es werden 74,5 Kilogramm pro Person im Jahr weggeworfen.

Was retten die Foodsaver*innen?

Auf dem Bild sieht man eine große Menge an Gebäck in einer großen Tüte. Die Tüte ist in einem Bollerwagen.
Besonders Brot und Gebäck bleibt bei den Supermärkten in Hamburg oft übrig. Foto: Franziska Schwarz

Die geretteten Lebensmittel landen bei Nachbar*innen, Freund*innen, in öffentlichen Fairteilern oder werden privat verbraucht. Gerettet wird alles, was bei Supermärkten abgelaufen ist. Was genau, unterscheidet sich je nach Laden. Bei dem Supermarkt, bei dem Nina öfter rettet, bleiben vor allem viele Backwaren über. „Da fragt man sich, warum das nicht einfach irgendwann mal angepasst wird. Auch in anderen Läden ist Brot immer eine große Sache“, sagt Nina. 

Nur Fleisch und Fisch dürfen nicht über die öffentlichen Stellen weitergegeben werden, weil die Kühlkette unterbrochen wird. Die Verantwortung für die Lebensmittel haben immer die Verteiler*innen, „Gerade wenn man was weitergibt, muss man natürlich besonders aufpassen“, so Nina.

Angemeldete Abholung statt Containern

Wichtig ist Nina, den Unterschied zum Containern deutlich zu machen. Denn während das Containern heimlich und illegal abläuft, ist sie bei den Betrieben zum Retten angemeldet: „Die Mitarbeitenden wissen, welche Personen wann kommen. Und wir unterschreiben am Ende auf dem Zettel, wie viele Mengen wir abgeholt haben”, sagt Nina. Dennoch gehen die Supermärkte nicht offen damit um, ob bei ihnen Lebensmittel gerettet werden oder nicht. Die Namen der Betriebe dürfen nicht öffentlich genannt werden. Nina sagt, es könne daran liegen, dass Supermärkte die Sorge haben, Kund*innen würden dann dort weniger einkaufen.

Auf dem Bild sieht man, wie Nina eine Kiste voller Obst zum Bollerwagen trägt.
Das Obst verteilt Nina an „Mit Laib und Seele” und verbraucht es auch privat. Foto: Franziska Schwarz

Der Weg, um Foodsaver*in zu werden

Auf dem Bild sieht man viel Obst und Gemüse in drei Kisten. Die Kisten stehen auf einer Palette.
Bei den Supermärkten bleibt Obst und Gemüse zurück, das die Foodsaver*innen retten. Foto: Franziska Schwarz

Damit eine Person retten darf, muss sie einen Prozess durchlaufen. Der Initiative Foodsharing ist es wichtig, „dass alle Menschen, die Lebensmittel abholen, auch eine Ahnung davon haben, was sie machen”, erzählt Nina. Sie legen ein Profil an. Dann müssen sie online ein Quiz zu Hygiene- und Verhaltensregeln absolvieren. Wer das Quiz besteht, muss daraufhin mindestens drei Einführungs-Abholungen mit Botschafter*innen von Foodsharing durchlaufen. Abschließend wird ein Foodsaver-Ausweis ausgehändigt, der die Saver*innen bei den Betrieben zum Retten legitimiert.

Für den Ablauf der Lebensmittelrettung gibt es außerdem feste Regeln. Es gibt zum Beispiel eine Höchstzahl an Terminen pro Monat, an denen Ehrenamtliche Lebensmittel abholen können. Über eine Online-Plattform können die Retter*innen ihre Abholungen buchen. Für jeden Betrieb gibt es ein kleines Team aus der Umgebung, damit die Wege kurz bleiben. In manchen Betrieben wird auch gefordert, die Lebensmittel emissionsarm zu retten. Sei es mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem ÖPNV.

„Nichts, was produziert wurde, wurde umsonst produziert“

Auf dem Bild sieht man einen vollgefüllten Bollerwagen. Gefüllt ist er mit Obst und Gemüse.
Isabel und Marissa haben Obst und Gemüse vom Markt gerettet. Foto: Emely Dirks

Viele Lebensmittel, die Nina rettet, verbraucht sie auch privat. „Das Ziel ist einfach, das Essen vor der Tonne zu retten.“ Sie erzählt, dass nicht nur sie, sondern auch ihre Familie durch Foodsharing bewusster mit Lebensmitteln umgehen – auch ihre Söhne: „Die Jungs kennen das seit sie sieben sind. Und die gehen ganz anders mit Lebensmitteln um. Sie sagen immer, ‘das kann man nicht wegschmeißen, man muss aufpassen’”. 

Auch für Isabel Werner und Marissa Bücheler geht es längst nicht nur darum, ein paar Kisten Obst vor der Mülltonne zu bewahren. Jedes gerettete Lebensmittel steht für Ressourcen, die bereits verbraucht wurden: Wasser, Energie, Transport, Arbeitszeit. „Nichts, was produziert wurde, wurde umsonst produziert“, sagen die beiden.

Als die Bollerwagen den Wochenmarkt wieder verlassen, sind die Ikea-Taschen deutlich schwerer als zu Beginn. Für die beiden ist der Arbeitstag damit aber noch nicht vorbei. Jetzt beginnt der zweite Teil: Verteilen, weitergeben, dafür sorgen, dass aus überschüssigen Lebensmitteln am Ende doch noch eine Mahlzeit wird. Isabels Ausbeute wird am Folgetag bei einer Fairteiler-Aktion von Foodsharing in Winterhude verteilt.

Franziska Schwarz, geboren 2003 in Bamberg, interessiert das, was Menschen nahe geht. Damit ist nicht ihr ungewollter Auftritt auf einem Selfie von Markus Söder gemeint – da ist sie auf einem Volksfest in Passau so reingerutscht – sondern das, worüber niemand gern spricht: In einer BR-Reportage hat sie über den Alltag in einem Tageshospiz berichtet, für ihren Beitrag “Wenn junge Eltern sterben müssen”, den sie während ihres Journalistik- und PR-Studiums produzierte, gewann sie einen Uni-Preis. In einem Podcast namens “Blank” behandelte sie unter anderem Tabuthemen wie Einsamkeit. In Zukunft würde sie gerne auch mal etwas Leichteres machen: Mensa-Memes zum Beispiel. Kürzel: fan

Emely Sophie Dirks, geboren 2001 in Paderborn, aufgewachsen in Lippstadt, wollte schon als Kind ein Publikum erreichen. Auch wenn es beim Casting für Schloss Einstein nicht klappte, blieb sie ihrem Traum treu und ging, inspiriert von Carrie Bradshaw, in den Journalismus. Während ihres Studiums der Kommunikationswissenschaft und Ökonomik machte sie Beiträge fürs Uniradio in Münster und sammelte Erfahrungen bei Caren Miosga und bigFM. Am liebsten würde sie irgendetwas tun, das in der Mitte zwischen diesen beiden Stationen liegt: Weder Söder und Gabriel, noch Fragen über Matratzen. Eine eigene Kolumne kann sich Emely immer noch vorstellen, vielleicht sogar über Sex in der Stadt. Nur statt mit einem Cosmopolitan lieber mit einem Espresso aus der eigenen Siebträgermaschine. Kürzel: ems

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