Olaf Scholz wird heftig in der ganzen Stadt kritisiert. Foto: Christina Höhnen

Nach den Aufräumarbeiten beginnt langsam wieder der Alltag in der Schanze. Allerdings: Der G20-Gipfel ist unter Besuchern und Anwohnern immer noch Thema – und spaltet tief.

Schanze 13 Uhr, Tag eins nach G20. Am Neuen Pferdemarkt führt der Weg in das Schulterblatt nur an einem abgesperrten Krater vorbei. Die brennenden Barrikaden hatten hier den Asphalt zum Schmelzen gebracht. Die Straße ist belebt. Viele machen Fotos der demolierten Ladenfronten. Hier und da sind freiwillige Helfer der Aktion “Hamburg räumt auf” immer noch dabei, die Zeichen der Krawalle zu beseitigen. Glasscherben, lose Steine und Graffiti an den Wänden und Scheiben sind bereits größtenteils verschwunden. Mittlerweile sind die Holzplatten vor den Läden Pinnwände der Hamburger geworden. Es wurden sogar separate Wände dazu gestellt, damit weitere Passanten ihre Meinung zu den Randalen der letzten beiden Tage niederschreiben können.

Überwiegend wird auf den Wänden der Zusammenhalt der Hamburger, insbesondere der Anwohner der Schanze betont. Einige nutzen diese auch, um die Frage nach dem „Warum“ zu stellen. Andere haben eine Antwort darauf und klagen die verantwortlichen Politiker an: Olaf Scholz (SPD) und Innensenator Andy Grote (SPD) sollen Verantwortung tragen und gehen. „Scholz hat uns alle ins offene Messer laufen lassen, seine Zeit ist abgelaufen“, sagt eine Mutter, die mit ihrem Kinderwagen neben dem Essensstand vor den zerstörten Geldautomaten steht.

Drei Tage gegen den Kapitalismus… und am Ende putzt ihr die Deutsche Bank

Vor dem „Haus 73“ überblickt eine junge Frau das gelassene Treiben auf dem Schulterblatt: „Unglaublich, wie sie alle jetzt wieder seelenruhig ihren Kaffee trinken, als wäre nichts gewesen. Da waren bestimmt einige gestern noch gegen den Kapitalismus demonstrieren. Die meisten sind einfach so lange links, so lange es noch Instagram-tauglich ist.“ In eine ähnliche Richtung geht folgende Botschaft auf Papier: „Drei Tage gegen den Kapitalismus… und am Ende putzt ihr die Deutsche Bank“.

Währenddessen stehen zwei Einsatzwagen vor der Roten Flora. Die Polizisten haben ihre Helme abgesetzt. Die Polizei hat nun wieder ein Gesicht. Einige führen Gespräche mit Passanten. Sie wirken erleichtert. Viele erhalten Lob für ihren Einsatz. Das spiegelt sich auch auf Zetteln deutlich, die gegenüber auf einer Leine befestigt sind. Einzelne Ausdrücke wie „Polizeigewalt“ sind da zu lesen, viele Botschaften zeigen aber auch Solidarisierung mit der Polizei und anderen Einsatzkräften. Während sich einige der Polizisten die Botschaften der Hamburger anschauen, versorgt sie ein Junge mit Süßigkeiten.

Dominant ist auch die Botschaft „Nein zu Gewalt“. Die Randale des Schwarzen Blocks werden von vielen als „unnötiger Krawall“ zutiefst verurteilt. „Die zeigen mahnend auf Kriegsgebiete wie Syrien und errichten hier ein zweites Aleppo, wo ist da der Sinn?“, fragt ein Mann Ende zwanzig sein Gegenüber, beide sitzen auf einer Bierbank.

Aber die Autonomen erhalten auch Unterstützung:“Black Bloc you are the best sons and daugthers of Europe“, geschrieben von Menschen aus dem Ausland. Im Hintergrund thront die Rote Flora als Zentrum Hamburgs Autonomer. Viele stellen einen unmittelbaren Zusammenhang des Gebäudes und der Ausschreitungen her. Die CDU fordert sogar die Schließung.

„Ein Schandfleck ist das. Man hätte die Flora schon vor Langem abreißen sollen“, sagt eine Frau Ende Fünfzig. Ihre Freundin nickt ihr bestätigend zu. „Das kann nicht sein, dass die Leute von der Flora hier militante Autonome wüten lassen und sich von den Taten nicht wirklich distanzieren,“ sagt ein Passant Anfang Vierzig. Ein Mann im etwa gleichen Alter dreht sich zu ihm um: „Das ist doch totaler Quatsch, eine Rechtfertigung zu fordern. Konservative müssten sich ja auch nicht von jeder Pegida-Demo abgrenzen.“ Die beiden diskutieren weiter. Dann erhält der eine einen Anruf und erklärt, er sei noch eine Weile hier, um den Leute der Flora argumentativ beizustehen. Es sei mühsam, aber interessant: „Ein politischer Diskurs eben.“ Daneben weht ein Zettel mit der Aufschrift: „Wäre G20 in Hamburg im Winter genauso abgelaufen? Oder bei Regen?“ Eine interessante Frage.

Vorheriger ArtikelRaumschiffe, Mythen und Mordfälle
Nächster ArtikelUnternehmer zieht Petition zurück
Christina Höhnen, Jahrgang 1992, hat schon einmal den echten Weihnachtsmann getroffen. Der wohnt in Lappland, wohin sie während ihres Auslandssemesters in Finnland reiste. Die restliche Studienzeit verbrachte sie in Mittweida. Dort machte sie ihren Bachelor in Medienmanagement und leitete ein Jahr lang Deutschlands einzigen von Studenten geführten Lokalradiosender. Für den Umzug nach Sachsen tauschte sie Riesling gegen Pfeffi ein – Christina wuchs umgeben von Weinbergen in einem Moseldorf nahe Trier auf. Für Praktika bei einer Shopping-Vergleichs-App und bei fischerAppelt, relations zog sie nach Hamburg. Hier joggt sie am Liebsten durch Planten un Blomen und hört dabei Trash der 90er.