The Killing of a sacred Deer
Foto: Screenshot via YouTube (A24)

„The Killing of a Sacred Deer“ holt einen griechischen Mythos in die Gegenwart: Eine ganze Familie muss für die Taten des Vaters büßen – die Konsequenzen sind schrecklich.

Grelles Licht erhellt den langen, weißen Flur eines Krankenhauses, der fast menschenleer ist – nur ein Arzt ist von hinten zu sehen. Er schiebt jemanden im Rollstuhl durch den engen Flur. Über den beiden hängen in regelmäßigen Abständen kleine Schilder, auf denen in dunklem Rot die Buchstaben EXIT leuchten. Sie verkünden einen nahen Ausweg in dieser beklemmenden Stimmung, immer und immer wieder.

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Steven ist der Name des Arztes und im Rollstuhl sitzt sein kleiner Sohn Bob. Sie gehören zur Familie Murphy, die in Giorgos Lanthimos’ Drama „The Killing of a Sacred Deer“ im Zentrum der Handlung steht. Auf den ersten Blick führt die Familie ein Bilderbuchleben: Steven (Colin Farrell) ist ein erfolgreicher Herzchirurg, seine Frau Anna (Nicole Kidman) arbeitet als Augenärztin. Zusammen mit ihren Kindern Bob und Kim sowie einem Hund leben sie in einem schönen Haus mit großer Küche und Rosen im Vorgarten. Doch als der 16-jährige Martin in ihr Leben tritt, wird diese Idylle bedroht.

Kein Entrinnen vor dem Schicksal

Herzchirurg Steven ist für den Tod von Martins Vater verantwortlich, der bei einem Routineeingriff vor ein paar Jahre verstorben ist. Nun tritt der Junge immer häufiger ins Leben von Steven, er ruft ihn an, besucht ihn im Krankenhaus, lauert ihm am Auto auf und versucht, ihn mit seiner Mutter zu verkuppeln. Was wie die Suche nach einem Vaterersatz und nach emotionalem Halt wirkt, ist in Wahrheit der Beginn einer schrecklichen Rache.

Diese große Bedrohung ist in „The Killing of a Sacred Deer“ durchweg spürbar. Auch akustisch, wenn dunkle Chorgesänge oder düstere Bläserakkorde erklingen, die sich zu einer tiefschwarzen Klangwolke verdichten. Immer wieder fühlt man, dass etwas abgrundtief Böses seinen Anfang genommen hat, dem niemand entrinnen kann.

Auch Familie Murphy wirkt nur auf den ersten Blick wie die ideale Familie. Ihre Mitglieder verhalten sich merkwürdig, sind emotional total abgestumpft. Vater Steven erzählt seinen Kollegen unverblühmt von der ersten Menstruation seiner Tochter. Wenn er mit seiner Frau schläft, dann ohne Leidenschaft. Kim legt sich regungslos aufs Bett, lässt den Kopf über die Bettkante hängen und sich von Steven befühlen und küssen. Sie nennen den Zustand Vollnarkose.

Ein mythisches Drama

„The Killing of a Sacred Deer“ ist die zweite internationale Regiearbeit von Giorgos Lanthimos. Der Film holt den griechischen Iphigenie-Mythos in die Gegenwart und damit eine gottgleiche Rache. In der antiken Geschichte tötet Agamemnon eine heiligen Hirschkuh und wird von der Göttin Artemis damit bestraft, seine eigene Tochter töten zu müssen. Mit dem Drehbuch für diese archetypische Geschichte haben Giorgos Lanthimos und Efthymis Filippou in Cannes den Preis für das beste Drehbuch gewonnen.

Die beklemmende Spannung in „The Killing of a Sacred Deer“ fasziniert und ist gleichzeitig schwer auszuhalten. Die fehlenden emotionalen Beziehungen der Menschen untereinander wirken jedoch etwas zu konstruiert: Einem Vater, der zur Rettung seiner Familie entscheiden muss, welches Kind er opfert, kann nicht so gelassen mit dieser Bürde umgehen, wie Steven Murphy es tut. Vor allem dann nicht, wenn die Entscheidung auf der eigenen Schuld beruht.

„The Killing of a Sacred Deer“ ist ab 11.1.2018 in deutschen Kinos zu sehen.