Die "1000 Gestalten" beenden ihre Performance mit einem Bad in der Elbe Foto:Kinok

Der G20-Gipfel ist vorbei. Die Aufarbeitung ist auch drei Monate später noch im Gange. Mit “Der Gipfel – Performing G20” versucht Regisseur Rasmus Gerlach ein differenziertes Bild der Dinge zu liefern. Zwischen brennenden Autos und geplündertem Budni bekommen kreative Protestaktionen und Polizeigewalt die nötige Aufmerksamkeit.

“Achtung, Achtung hier spricht die Polizei”, tönt aus den den Lautsprechern eines Wasserwerfer irgendwo auf Sankt Pauli. Es folgt eine Fahrradfahrt des Filmemachers durch das frisch verwüstete Schulterblatt in der Nacht des 7. Juli. Ungekürzt und in Echtzeit. Einige der Barrikaden brennen noch, die Budnikowsky und Rewe Filialen sind schon leer geräumt. Die Wasserwerfer stehen still. Untermalt wird das Ganze mit Musik von Laurie Anderson:

“Cause, in a hole it’s so dark

You can’t see a thing

It’s easy to lose sight of your goals

It’s not the bullet, not the bullet that kills, you know

It’s the hole, it’s the hole, it’s the hole…”

Das besungene „Loch” sind in diesem Fall die Bilder von brennenden Barrikaden, schwarz vermummeten Randaliern und Molotowcocktails, die sich in die Köpfe der Mehrheit gebrannt haben. Rasmus Gerlach will diese – von den Medien mitkonstruierte – Erinnerung mit den Bilder der kreativen Protestaktionen ergänzen. Denn diese Aktionen haben Hamburg vor und während dem Gipfel der 20 mächtigsten Wirtschaftsnationen auch in einen Ausnahmezustand der positiven Art versetzt.

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Aufnahmen von Wasserwerfer werden in der Dokumentation mit Schnittbildern der pink gekleideten Truppe “Alles allen” gebrochen. Der Fahrradkorso „Colorful Mass“ bahnt sich den Weg vorbei an Hundertschaften der Polizei und Jimmy Hendriks Songs tönen von Booten Richtung Elbphilharmonie, um das Konzerterlebnis der G20-Chefs zu stören. Zwischen „Massencornern“ und „Demorave“ kommen Aktivisten, Anwohner, Journalisten und auch der Filmemacher selbst zu Wort. Ständiger Begleiter des Films sind die Frauen des „Megaphon-Chors“. Sie tröten lautstark ihre politischen Statements am Rande der zahlreichen Demonstrationen. Neben der Kritik an der Politik der G20-Staaten, thematisieren sie auch Themen wie Gentrifizierung in Hamburg: „Mit dem Abriss der Esso-Häuser ist das letzte bisschen Sankt Pauli gestorben. Da wird bald ein Disneyland drausgemacht. Wir brauchen noch so ein doofes Riesenrad.“

Es gab auch Polizeigewalt – nur nicht auf dem Papier

Diesen kreativen und friedlichen Protestformen kontrahieren in der Doku wie auch in der Realität mit den vielen Konflikten während der Gipfeltage. Der gezielte Stopp der „Welcome to hell“-Demonstration war einer der entscheidenden Konfrontationen zwischen Polizei und dem schwarzen Block und nimmt daher auch in der Doku großen Raum ein.

Wasserwerfer und Pfefferspray werden eingesetzt während Polizisten auf Demonstranten losstürmen. Zeitgleich brennen in Altona etliche Fahrzeuge aus. „Wo war zu diesem Zeitpunkt die Polizei?“,  ist eine der Fragen, die der Film aufwirft.

Offen bleibt auch die Frage nach der Zahl der durch Polizeigewalt Verletzten. Regisseur Rasmus Gerlach wurde bei den Dreharbeiten von einem Polizisten so hart zur Seite geschoben, dass ihm dabei eine Rippe gebrochen wurde. Seine Verletzung melden konnte er nicht, denn die Stadt erfasste nicht, wie viele Demonstranten ärztlich versorgt werden mussten. Dagegen sind die Zahlen der verletzten Polizisten klar: In der „heißen“ Einsatzphase zwischen dem 6. und 9. Juli seien laut dem Bayerischen Innenministerium 231 Beamte verletzt worden.

Aufklärung kann auch Polizeisprecher Timo Zill in der Dokumentation nicht schaffen. Dafür spricht er von Anfeindungen gegen seine Person und sorgte damit in der Premierenvorführung am Sonntag im Metropolis Kino für Lacher im Publikum. Er sei während der “Welcome to hell”-Demo als “Lügenschwein” beschimpft und derart bedroht worden, dass er sich in einen Krankenwagen retten musste. Während er diese „lebensbedrohliche Situation“ – in der Demonstranten versucht hätten die Scheiben einzuschlagen – schildert, werden Originalaufnahmen dieses Vorfalls gezeigt. Dabei sind Demonstranten zu sehen, die nur leicht auf den Krankenwagen klopfen und nach einigen Rufen weiterschlendern. Eine Szene mit Slapstick-Potenzial.

“Wir leben in einer Zivilgesellschaft”

"1000 Gestalten" G20-Protest
Befreiung der „1000 Gestalten“ Foto: Christina Höhnen

Die visuell wohl stärkste Performance hat sich Gerlach für das Ende seiner Dokumentation aufgespart. Die grau bemalten Teilnehmer der Aktion „1000 Gestalten“ reißen sich die verkrusteten Kleider vom Laib, erwachen aus ihrer Lethargie und feiern euphorisch ihre innere Befreiung. Die endet für viele mit einem Bad in der Elbe. Gerlach gelingt es diesen erleichternden Moment einzufangen: “Wir leben in einer Zivilgesellschaft. Ich bin der Meinung, dass die Entscheidungen der G20 von wenigen getroffen werden. Die Mehrheit ist dagegen,” sagt ein komplett nasser, aber strahlender Teilnehmer. Das macht Mut.

Rasmus Gerlach hat einen Film geschaffen, der auf dem Weg ist ein authentisches Dokument der Zeitgeschichte zu werden. Ein Werk für Hamburger zur eigenen Aufarbeitung und für die ganze Welt, um ein differenziertes Bild zu zeigen. Neben der Kritik am Verhalten der Polizei thematisiert die Doku auch die sinnlose Zerstörungswut und Bedrohung, die von vielen G20-Randalierern ausging. 

High-End-Aufnahmen sucht man bei dieser Dokumentation vergebens, wird aber mit Authentizität belohnt. Laut Gerlach war der Film zur Premiere im Oktober erst zu „95 Prozent fertig“. Das machte sich in der Dramaturgie oder in der Tonmischung etwas bemerkbar. Doch schon in dieser Fassung kann die Dokumentation ein wichtiger Baustein in der Aufarbeitung der Geschehnisse rund um den G20-Gipfel werden.

RASMUS GERLACH, geboren 1963 in Hamburg, studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Der Gipfel – Performing G20 wird am 12.11 im Knust gezeigt.