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Szene aus "Meine fremde Freundin": Judith Lorenz fühlt sich befreit. Foto: NDR/Sandra Hoever

Auf wessen Seite stehst du? Der ARD-Spielfilm „Meine fremde Freundin“ zwingt den Zuschauer zur Selbstreflexion und trifft den Nerv der Zeit. Mit einem ungewohnten Blick auf das Thema sexuelle Gewalt heizt er die aktuelle Debatte weiter an. 

Fast jede siebte Frau wird in Deutschland vergewaltigt oder sexuell belästigt. Das zeigt eine Untersuchung des Bundesfamilienministeriums. Meistens geschieht dies im häuslichen Bereich durch Partner oder Ex-Partner. Doch auch auf der Arbeit, in Clubs, auf dem Nachhauseweg und im Internet werden Frauen herabgewürdigt, bedrängt, unsittlich berührt oder missbraucht. Besonders gravierend: Nur rund jede zehnte Frau erlebt die Verurteilung des Täters.

Seit US-Schauspielerin Alyssa Milano im Oktober Frauen dazu aufgerufen hat, sich auf Twitter unter dem Hashtag #metoo als Opfer sexueller Gewalt zu bekennen, erhält das Thema endlich die mediale Aufmerksamkeit, die es verdient. Das Erste beleuchtet es nun an diesem Mittwoch einen ganzen Abend lang. Allerdings, und das mag viele Fernsehzuschauer überraschen, von einer ungewohnten Seite. Der Spielfilm „Meine fremde Freundin“ lässt den Zuschauer lange zweifeln: Wer ist Täter, wer das Opfer?

„Meine fremde Freundin“ wagt Perspektivwechsel

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In einem kleinen Raum der JVA Sehnde treffen der verurteilte Vergewaltiger Volker Lehmann und das Opfer Judith Lorenz aufeinander. Lehmann will nicht viele Worte verlieren. Er weiß, dass er sich schwer unter Kontrolle halten kann. Deshalb schiebt er mit dem rechten Arm nur einen Brief über den Tisch – leicht vorgebeugt, beinahe flehend. Die Zeit in Haft hat Spuren hinterlassen: Seine Haare sind dünn und ergraut, das Gesicht eingefallen, die Augen sehen müde aus. Judith Lorenz nimmt den Brief unsicher entgegen. Ihre nervösen Augen huschen über die wenigen Zeilen, die ihr Lehmann geschrieben hat. Dann bricht sie in Tränen aus und hämmert gegen die Eingangstür. Auch Lehmann wird laut, schreit Lorenz an. Die Verzweiflung der beiden Figuren wird in dieser Situation so spür- und sichtbar, wie an keiner anderen Stelle des Films.

„Wer trägt Schuld?“

Sitzt Volker Lehmann unschuldig hinter Gittern? Dieser Gedanke, mit dem der Zuschauer in jeder Szene konfrontiert wird, ist beunruhigend. Er bedeutet, eine Frau der man im Film durchaus Sympathie entgegenbringt, der Lüge zu bezichtigen. Und gleichzeitig einem Prototypen des Chauvinismus, der im Büro seine Kolleginnen mit anzüglichen Sprüchen malträtiert, von der Schuld freizusprechen. Diese sich entwickelnde Unsicherheit wird bestärkt durch die schauspielerische Leistung der Darsteller. Hannes Jaenicke gelingt es als Volker Lehmann, die Ambivalenz zwischen dem Sexisten und dem Familienvater zu inszenieren, ohne dass die Figur an Glaubwürdigkeit einbüßt. Die Österreicherin Ursula Strauss spielt das Vergewaltigungsopfer Judith Lorenz mit einer derartigen Wucht, das man ihr kaum zu widersprechen wagt. Durch den Film führt Valerie Niehaus, die sich in ihrer Rolle als Andrea Bredow fragen muss, wie gut sie ihre „fremde Freundin“ Judith wirklich kennt. Auch sie spielt ihre Rolle authentisch, nachvollziehbar und einfühlsam.

Der Film beruht auf echten Fällen

„Meine fremde Freundin“ ist kontrovers: Verharmlost er sexuelle Gewalt und stilisiert Täter zu Opfern? Auch die Schauspieler hatten vor Beginn der Dreharbeiten ihre Zweifel. Hannes Jaenicke sagt: „Ich war zunächst skeptisch, ob man ein Vergewaltigungsdrama so erzählen darf. Aber schon bei den Castings war die Arbeit mit Stefan Krohmer (Anmerk. d. Red.: Regisseur) so intelligent, so spannend und angenehm, dass ich mich auf diesen heiklen Stoff eingelassen habe.“ Und auch Ursula Strauss hofft, dass sich Frauen, die Opfer von Sexualstraftaten wurden, nicht missverstanden fühlen: „Natürlich ist es schlimm, wenn diese Menschen nicht zu ihrem Recht kommen. Und es ist schlimm, dass man als Frau überhaupt Übergriffen ausgesetzt ist. Aber es wäre sehr schade, wenn man die Rolle der Judith so verstünde, dass hier versucht wird, die Glaubwürdigkeit von echten Opfern zu unterminieren.“

Beim Filmfest Hamburg wurde der Film vorab gezeigt und gewann den Produzentenpreis für Deutsche Filmproduktionen. Der vom NDR produzierte Film ist auch deshalb so glaubwürdig, weil er auf echten Fällen beruht. Die Drehbuchautoren haben sich beispielsweise vom Justizirrtum um Ralf Witte inspirieren lassen. Witte wurde 2004 zu zwölf Jahren und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Ein 15-jähriges Mädchen hatte ihm Vergewaltigung vorgeworfen – zu unrecht, wie sich später herausgestellte. Das Erste widmet dem Themenkomplex nun einen ganzen Abend mit dem Titel „Sexuelle Nötigung, Lügen und Vorurteile“. Im Angesicht der aktuellen Debatte um sexuelle Gewalt in Hollywood und #metoo haben die Programmverantwortlichen mit dieser Entscheidung Weitblick bewiesen. Nach dem Spielfilm diskutieren Gäste, unter anderem Schauspieler Hannes Jaenicke, in der Talk-Sendung „Maischberger“ über das Thema. Das Hinterfragen der Schuld wird sicherlich auch hier eine entscheidende Rolle spielen.

Meine fremde Freundin, Mittwoch 8. November 2017, 20:15 Uhr, Das Erste