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Die Protestaktion der ehemaligen AStA-Vorsitzenden der Uni Hamburg bleibt bis heute Sinnbild für studentischen Protest. Foto: dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Ein Foto, das Geschichte machte: In den 1960er Jahren haben Hamburger Studierende mit einer Protestaktion die Hochschulpolitik der BRD in Bewegung gebracht. Heute jährt sich der Tag zum fünfzigsten Mal.

Heute vor 50 Jahren wurde im Audimax der Hamburger Universität ein Foto gemacht, dass in die bundesdeutsche Geschichte eingehen sollte. Und das kam so:

Übrigens: Talare sind die weitärmligen, knöchellangen Roben, die von Absolventen und Professoren, aber auch von Geistlichen und Juristen getragen werden.

Am 9. November 1967 sollte Karl-Heinz Schäfer, der ehemalige Rektor der Universität Hamburg, sein Amt feierlich an Werner Ehrlich übergeben. Während die in Talaren gekleideten Professoren zu einer Bach-Ouvertüre in den Saal schritten, setzen sich die beiden damaligen AStA-Vorsitzenden Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer vor den Zug und entrollten ein Transparent mit der Aufschrift „Unter den Talaren – Muff von Tausend Jahren“. Die 350 Studierenden im hinteren Teil des Saales johlten, die Ehrengäste schwiegen betreten. Einer der Professoren, der Orientalist Bertolt Spuler, rief den Studierenden wütend entgegen: „Ihr gehört alle ins KZ“ – der Skandal war perfekt.

Mit ihrem Spruch spielten die Studenten auf den nationalsozialistischen Propagandabegriff des „1000-jährigen Reiches“ an und kritisierten die mangelnde Aufarbeitung innerhalb universitärer Strukturen. Damals ahnten sie nicht, dass ihre Aktion bis heute Sinnbild für die 68er-Bewegung und studentische Proteste bleiben würde.

Detlev Albers (l.) und Gert Hinnerk Behlmer stellten vor 20 Jahren die ikonische Szene im Audimax nach. Foto: dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++

„Die Aktion war sicher erforderlich und geeignet, verkrustete Strukturen in Universität und Gesellschaft aufzubrechen. Sie war frech, gewaltlos, nicht ohne persönliches Risiko und im besten Sinne antiautoritär“, sagt Behlmer rückblickend laut Uni-Mitteilung.

Noch heute ranken sich unterschiedliche Legenden darum, was sich damals bei der feierlichen Übergabe des Rektorats zugetragen hat. „Es gibt 1700 Plätze im Audimax, aber ich kenne inzwischen mehr als 1700 Leute, die damals dabei waren“, sagt der Leiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte, Rainer Nicolaysen.

Eine besondere Geschichte hinter dem Banner

Eine weitere spannende Geschichte steckt hinter dem berühmten Foto: Der Schriftzug wurde mit weißen Leukoplaststreifen auf ein Stück Trauerflor geklebt, das Gert Hinnerk Behlmer von der Beerdigung Benno Ohnesorgs aufgehoben hatte. Der Student wurde am 2. Juni 1967 während einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des iranischen Schahs von einem Polizisten getötet. Sein Tod hatte große Auswirkungen auf die Generation. Viele RAF-Mitglieder gaben diesen Vorfall als Grund für ihre Radikalisierung an. Das Banner wird heute im Hamburger Staatsarchiv aufbewahrt.

Die Auswirkungen bis heute

In Hamburg trat eineinhalb Jahre nach der Banner-Aktion das Universitätsgesetz in Kraft, das als erstes Hochschulreformgesetz der Bundesrepublik mit den alten Strukturen bricht.

Für die aktuelle Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Universität Hamburg, Franziska Hildebrandt, haben die damaligen Studenten eine „Basis geschaffen, auf der wir bis heute agieren und leben“. Das Jubiläum der Aktion könnten die Studierenden zum Anlass nehmen, aus den Kämpfen von früher zu lernen, um sie zu aktualisieren. „Das muss man wieder neu schaffen, diese treffende Kritik“, sagt Hildebrandt.

dpa/lus

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Lukas Schepers, Jahrgang 1992, arbeitet als freier Journalist unter anderem für das Stadtmagazin Szene Hamburg. Außerdem ist er Mitherausgeber des Literaturmagazins Nous, für das er Lyrik und Prosa schreibt und illustriert. Nach dem Journalismus- und PR-Studium an der Westfälischen Hochschule in seiner Geburtsstadt Gelsenkirchen zog es ihn zusammen mit seinem Hund, der einem Fuchs zum Verwechseln ähnlich sieht, nach Hamburg. Es folgten Praktika und eine Dramaturgie-Hospitanz am Thalia Theater. Wenn Lukas nicht gerade Schallplatten hört, rollt er auch gerne mal mit dem Skateboard durch seine neue Heimat.