Hamburg wächst, bis 2030 werden circa 100.000 neue Bewohner erwartet. Oberbaudirektor Franz-Josef Höing ist der wichtigste Entscheider, wenn es um das Stadtbild geht. Mit FINK.HAMBURG sprach er über den neuen Stadtteil, der auf dem Kleinen Grasbrook entsteht.

Nahezu überall in der Stadt entstehen neue Quartiere. Seit Jahren wird darüber diskutiert, den Kleinen Grasbrook – zwischen Innenstadt, Veddel und Hafen – neu zu bebauen. Vieles wurde in den letzten 15 Jahren diskutiert, darunter ein Viertel für die Olympischen Spiele 2024 und ein Universitätscampus.

Jetzt sind die Pläne für einen neuen Stadtteil so konkret wie nie zuvor: 6000 Menschen sollen auf dem Areal leben und bis zu 16.000 Menschen arbeiten. Im kommenden Jahr beginnt der städtebauliche Wettbewerb für den Kleinen Grasbrook. Die städtische Projektentwicklungsgesellschaft HafenCity Hamburg GmbH ist für die Planungen verantwortlich. Der wichtigste Entscheider heißt Franz-Josef Höing und ist Oberbaudirektor.

Oberbaudirektor Franz-Josef Höing im Gespräch mit FINK.HAMBURG über die Entwicklungen auf dem Kleinen Grasbrook. Foto: Martin Kunze, Hamburg
Oberbaudirektor Franz-Josef Höing im Gespräch mit FINK.HAMBURG über die Entwicklungen auf dem Kleinen Grasbrook. Foto: Martin Kunze

Franz-Josef Höing

Franz-Josef Höing ist seit 01.11.2017 Oberbaudirektor in Hamburg. Zuvor war für fünf Jahre Baudezernent in Köln und zwischen 2000 und 2004 persönlicher Referent des vorherigen Hamburger Oberbaudirektors Jörn Walter. Auch Egbert Kossak, Werner Hebebrand oder Fritz Schumacher waren in der Vergangenheit bekannte Oberbaudirektoren der Stadt.

FINK.HAMBURG: Herr Höing, was zeichnet den Kleinen Grasbrook als Ort aus?

Franz-Josef Höing: Es ist aus vielerlei Hinsicht sinnvoll, den Kleinen Grasbrook zu entwickeln: Da die Flächen von der Hafenwirtschaft in dieser Form nicht mehr genutzt werden müssen, schafft das viele Möglichkeiten nicht nur auf dem Kleinen Grasbrook, sondern auch im unmittelbaren Umfeld. Der Anfang hat jetzt allerdings ziemlich lange gedauert.

Mit den Olympischen Spielen 2024 hätte ein deutlich größerer Stadtteil entstehen können, als es jetzt der Plan ist. Sind die verbleibenden Hafenflächen im Weg?

Ich bin an der Stelle ein ganz braver, solider Beamter. Es gibt eine sehr deutliche Vereinbarung mit der Hafenwirtschaft, wo die Linie zwischen Gewerbe und künftiger Stadt verläuft. Und damit beschäftigen wir uns gerade.

„Über die Frage, wann man die Hafenwirtschaft von der nächsten Insel vertreiben kann, denken wir nicht nach“

Also reicht die „kleine Lösung“, ohne den südlichen Teil des Kleinen Grasbrooks, für den Erfolg des Projektes?

Wenn man über Stadtentwicklung nachdenkt, dann muss man in ganz, ganz langen Zeiträumen denken. Da geht es nicht um die laufende Legislaturperiode oder meine Amtszeit. Klar, man muss alle Optionen aufrechterhalten. Aber über die Frage, einmal salopp gesprochen, wann man die Hafenwirtschaft von der nächsten Insel vertreiben kann, denken wir nicht nach.

Das sind die aktuellen Pläne:

Stadtteilkümmerer Klaus Lübke von der Veddel wünscht sich, dass der neue Stadtteil auch von Süden aus betrachtet und geplant wird. Hätte statt der HafenCity Hamburg GmbH nicht eine andere Gesellschaft das Projekt planen können, um das zu garantieren?

Wir haben den Anspruch, nicht nur einen in sich stimmigen Stadtteil zu entwickeln, sondern ihn auch mit der Veddel zu verknüpfen. Die Veddel, die seit Jahrzehnten zwischen Bahndamm und Autobahnen geklemmt ist, ist in sich ein sehr kluges, stimmiges Quartier mit einer hohen räumlichen Qualität. Und nichtsdestotrotz: Der Stadtteil liegt an der Elbe und hat kaum das Wasser gesehen. Das zu ändern, ist gar kein leichtes Unterfangen. Trotzdem ist es klug, die HafenCity Hamburg GmbH damit zu betrauen, denn die kennen auch das Milieu.

Welches Milieu meinen Sie?

Auf dem Kleinen Grasbrook muss zum Beispiel hochwassersicher geplant werden. Außerdem haben wir dort Lärmquellen von der Bahnstrecke oder aus dem Hafen. Da gibt es bei der HafenCity Hamburg GmbH ein großes Know-how, wie man in derartigen Standorten mit all diesen technischen Schwierigkeiten vorgeht. Insofern wäre es fatal, wenn das jemand anders machen würde, oder eine vermeintliche neutrale Instanz. Man kann gar nicht neutral sein, wenn man für Hamburg plant. Das muss man mit Leidenschaft und Engagement machen.

Was ist Ihre Rolle bei den Planungen?

Ich selbst sitze einer Lenkungsgruppe vor, wo alle wesentlichen Akteure zusammengefasst sind. So können wir einen strukturierten Arbeitsprozess garantieren und auch Knackpunkte behandeln, von denen es einige gibt. Ansonsten entwerfen wir auch den Planungsprozess. Dann ist es natürlich unsere Aufgabe, die richtigen Planer auszusuchen. Es müssen Fragen geklärt werden wie: Wer soll wo ein neues Zuhause finden, wie sieht es mit den Freiräumen aus und in welcher Dichte soll sich die Stadt an der Stelle weiterentwickeln? Das sind Themen mit denen wir uns beschäftigen.

Zeichnen Sie selbst auch manchmal was?

Manchmal sitzt ein Oberbaudirektor auch am Tisch und zeichnet noch Striche. Das traut man dem gar nicht zu, aber das ist schon so. Man braucht selbst auch eine räumliche Vorstellung von den Dingen, die da entstehen sollen.

Der Oberbaudirektor in Hamburg

Der Oberbaudirektor ist der oberste Baubeamte der Stadt Hamburg und muss bei bedeutsamen Fragen des Stadtbildes, der Stadtgestaltung und größeren Bauvorhaben beteiligt werden. Der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) zufolge hat er „Koordinierungsfunktion in allen planerischen, baulichen, gestalterischen und verkehrlichen Angelegenheiten für die Bereiche Innenstadt, Messe, HafenCity, nördlicher und südlicher Hafenrand”. Der Oberbaudirektor gehört zur Leitung der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen. Die Stelle wird öffentlich ausgeschrieben, eine Kommission aus Fachleuten wählt unter den Bewerben aus. Der Oberbaudirektor wird für neun Jahre gewählt.

Der Kleine Grasbrook soll ein innovativer Stadtteil werden. Erwarten uns dort neue Mobilitätskonzepte?

Wenn von innovativer Mobilität gesprochen wird, dann ist das häufig ein Geschwurbel, ohne dass jemand sagen könnte, was das wirklich ist. In jedem Fall zählt beim Kleinen Grasbrook mehr dazu, als nur die Mobilität. Es stellt sich auch die Frage: Wie wohnt man da? Wie sehen Gebäudestrukturen für unterschiedliche Lebensformen in einer Großstadt aus?

Alle, die mitarbeiten, sollten Dinge infrage stellen, ohne sie krampfhaft anders machen zu wollen. Es muss in sich stimmig und sinnvoll sein. Es muss bezahlbar bleiben. Es muss eine lokale Bedeutung haben. Und der Standort muss perspektivisch eine internationale Ausstrahlungskraft haben. Er muss sich an Unternehmen adressieren, die heute noch nicht in Hamburg sind. Wir reden ja nicht nur über das Wohnen, sondern auch über 16.000 Arbeitsplätze, die entstehen können.

Die Bürogebäude sollen den Lärm aus dem Hafen abschirmen. Wie soll denn mit den Störfallbetrieben im Hafen umgegangen werden? In nächster Nähe werden schließlich regelmäßig radioaktive Stoffe umgeschlagen.

An diesen Themen sind wir mit den Kollegen der Umweltbehörde, der Hamburg Port Authority und mit den Firmen, die dort arbeiten, dran. Das man dort jetzt keine Lösung auf Knopfdruck produziert, ist auch klar. Aber wenn wir ein Stadtwachstum im Inneren organisieren wollen, dann müssen wir diese Dinge lösen.

Die Historie des Kleinen Grasbrook

Es gab auch schon die Idee einer bewohnten Brücke über die Elbe. Wäre die Living Bridge nicht die perfekte Lösung, um den Kleinen Grasbrook mit der Hafencity zu verbinden?

Ich brauche keine Living Bridge. Wenn Sie einmal auf den Elbbrücken gestanden und auf diese Stadt geschaut haben, dann fänden sie jedes Bauwerk, das sich da irgendwie quer über die Elbe zieht, ziemlich lästig. Ich finde es fantastisch, dass man an der Stelle einen weiten Blick in die Hafenlandschaft und auf die prägnante Silhouette dieser Stadt hat.

Und wie sollen die Leute den neuen Stadtteil erreichen oder verlassen können?

Ich würde auch nicht behaupten wollen, dass das nicht toll wäre, wenn man vom Jungfernstieg entlang des Magdeburger Hafens in der HafenCity über eine wunderbar gebaute Brücke auf die Südseite der Elbe käme und den Kleinen Grasbrook fußläufig oder mit dem Rad erreichen könnte. Und trotzdem sind wir gut beraten, jetzt nicht Versprechungen zu machen, die morgen zurecht eingefordert werden. Dann müssten wir mit den Schultern zucken und sagen: Lässt sich nicht finanzieren oder andere Dinge sind noch wichtiger. Da bin ich auch ein bisschen nüchtern und sage damit ja nicht, dass ich mich für solche Ideen nicht begeistern könnte.

„Stadtplanung ist ein Thema, bei dem es in einer Großstadt unterschiedliche Meinungen gibt und auch geben darf“

Da reden wir über eine neue Elbbrücke und da reden wir über eine neue U-Bahn-Haltestelle. Das muss man auch ein bisschen im Zusammenhang aller anderen Verkehrsprojekten betrachten: Erweiterung der U4 auf die Horner Geest, den Bau der U5 von West nach Ost und die Diskussion um eine neue S-Bahn-Linie. Wir haben da ein ziemliches Aufgabenspektrum vor uns. Zu welchem Zeitpunkt eine Verlängerung der U4 auf den Kleinen Grasbrook auch realistisch finanzierbar ist, können wir jetzt noch nicht abschließend klären.

Franz-Josef Höing vor dem Stadtplan Hamburgs in seinem Büro in Wilhelmsburg. Foto: Martin Kunze

Protest gehört bei Bauprojekten mittlerweile dazu. Was für Einwände erwarten sie beim Kleinen Grasbrook?

Ich nehme durchaus wahr, dass das Konzept „Wachsende Stadt“ nach 20 bis 25 Jahren einige Schleifspuren bekommen hat. Das es da auch eine gewisse Sorge gibt, dass wir diese Stadt bis zur Unkenntlichkeit verändern und den Charakterzug der Stadt – als grüne, offene Metropole – infrage stellen. Das ist nicht so, aber trotzdem glaube ich, müssen wir das auch ernst nehmen.

Soll die frühzeitige Bürgerbeteiligung, wie sie jetzt mit der Grasbrook-Werkstatt stattfindet, spätere Einwände und Verzögerungen bei dem Projekt verhindern?

Bürgerbeteiligung ist kein Instrument, um am Ende alles in Harmonie zu ertränken. Beteiligungsprozesse dienen erst einmal dazu, die Dinge transparent zu machen, sich gemeinsam schlau zu machen, die Komplexität dieser Themen zu identifizieren. Ich mache mir da gar nichts vor, auch wenn ein Oberbaudirektor immer ein harmoniebedürftiger Mensch sein mag. Das sind Themenfelder, bei denen es in einer Großstadt auch unterschiedliche Meinungen gibt und auch geben darf.

Die Grasbrook-Werkstätten – Bürgerbeteiligung

“Zukunft Arbeit und Innovation”
Montag, 21.01.2019, 18:30 Uhr
Bürgerhaus Wilhelmsburg, Mengestraße 20, 21107 Hamburg

“Grasbrook bauen – Freiräume gestalten”
Donnerstag, 7.02.2019, 18:00 Uhr
Patriotische Gesellschaft, Trostbrücke 4-6, 20457 Hamburg

“Grasbrook nachhaltig und mobil”
Mittwoch: 20.02.2019, 18:00 Uhr
Hamburg Cruise Center HafenCity,  Großer Grasbrook 19, 20457 Hamburg

Weitere Informationen dazu, gibt es auf der Website der  „Grasbrook-Werkstätten“.
Auch online ist eine Beteiligung möglich.

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Lennart Albrecht, Jahrgang 1991, hat Olaf Scholz schon einmal drei Monate lang fast täglich auf Schritt und Tritt verfolgt – mit dessen Einverständnis, im Rahmen eines Praktikums beim Hamburger Senat. Auch Hamburgs Herz kennt er besser als die meisten: Im Nebenjob moderiert er Bustouren durch das Hafengelände, und sogar bei einem Praktikum in Hongkong warb er schon für die Vorzüge der Hansestadt. Bei der Reederei Hamburg Süd schrieb er für das Mitarbeitermagazin und half, Messen zu organisieren. Seinen Bachelor in Media Acting und Rhetorik machte er an der Hamburger Medienakademie. Für die Dokumentation „Die Norm“ begleitete Lennart Spitzensportler auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. Er selbst fährt gern Rennrad – zum Mediencampus Finkenau aber kann er von zu Hause aus zu Fuß gehen. Kürzel: la