Brandgefährlich: Kein Platz für Retter

Hamburger Feuerwehr

Ein Feuerwehr-Zufahrt-Schild wurd mit schwarzer Sprühfarbe unkenntlich gemacht.
Jemand hat versucht, das Schild der Feuerwehrzufahrt mit schwarzer Farbe unkenntlich zu machen. Foto: Melina Deschke

Oft passen Einsatzwagen nicht durch enge Straßen, weil Falschparker sie behindern. Die Konsequenz: Menschenleben werden gefährdet. Die Hamburger Feuerwehr will das verhindern. FINK.HAMBURG hat sie bei der Aktion „Platz für Retter“ begleitet.

Durch eine schmale Straße schiebt sich eine Karawane aus Feuerwehrwagen und Polizeiautos. Abrupt kommt sie zum Stehen. Der große rote Einsatzwagen mit der Drehleiter passt nicht um die Kurve. Eine Situation, die Brandoberinspektor Torsten Wesselly immer wieder erlebt. Man stelle sich vor, hinter der nächsten Ecke steigt dichter Qualm auf, aber die Flammen bleiben für den Löschwagen unerreichbar. Zum Glück sind diesmal keine Menschenleben in Gefahr.

Torsten Wesselly will „Platz für Retter“ schaffen: Im Rahmen der Aktion fahren Einsatzkräfte der Feuerwehr und Polizei mit ihren großen Fahrzeugen durch ein Viertel, sprechen mit Anwohnerinnen und Anwohnern, die falsch parken – und schleppen manchmal auch Autos ab.

Nicht nur die Feuerwehr braucht Platz

„Wir wollen die Bevölkerung dafür sensibilisieren, ihre Fahrzeuge so abzustellen, dass sie Rettungsfahrzeuge nicht blockieren“, so Wesselly. Mehrmals im Jahr führt die Feuerwehr diese Aktion durch, immer in Absprache mit der Polizei. Wenn sie das Gefühl haben, dass Bedarf besteht, planen sie eine neue Route.

Und der Bedarf ist groß. „Wir könnten eigentlich täglich unterwegs sein“, sagt Torsten Wesselly. In einigen Stadtteilen komme es besonders oft zu Verzögerungen und Behinderungen der Rettungswege. Die engen Gassen Eimsbüttels sind beispielsweise eine besondere Herausforderung.

 

Heute führt die Route durch Bergedorf und berücksichtigt laut Wesselly auch die kritischen Stellen: Es geht über die Sanmannreihe durch die Hofweide, den Brüdtweg und durch die enge Wachsbleiche und Wetteringe oder die Rektor-Ritter-Straße.

Das erste Hindernis: ein schwarzer Kleinwagen. Neben ihm ein kleines blaues Schild mit einem „P“. Was aussieht wie ein Parkplatz, ist keiner. Denn: Laut Paragraph 12 der Straßenverkehrsordnung (StVO) dürfen Autos fünf Meter vor und hinter Kreuzungen nicht parken. Außerhalb dieses Bereiches beginnt erst die ausgeschilderte Parkzone.

Sensibilisieren statt Abschleppen

Die Polizisten Heinrich Löding und Andreas Meyer suchen heute das Gespräch und schleppen nicht sofort ab. Sie ermitteln den Halter über die Leitstelle. Nach wenigen Minuten kommt dieser angehetzt. Er zeigt sich einsichtig und parkt sein Auto um. Post von der Bußgeldstelle wird er trotzdem bekommen. „Das wird um die 30 Euro kosten“, schätzt Löding.

Ein Feuerwehrmann markiert mit Kreide den Abstand eines geparkten Autos zum Feuerwehrwagen.
Ein Polizeibeamter misst den Abstand. Foto: Melina Deschke

An der Straßenecke ist es immer noch eng, ein Auto parkt in zweiter Reihe. Meyer zückt den Zollstock und misst die Fahrbahnbreite. „3,20 Meter“, sagt er zu seinem Kollegen Löding. Das entspricht der gesetzlichen Vorgabe. Autos müssen so geparkt sein, dass die Fahrbahn noch mindestens drei Meter breit ist, sagt die Straßenverkehrsordnung. Für die großen Einsatzfahrzeuge reiche das trotzdem nicht immer, erklärt Torsten Wesselly.

Das Fahrzeug mit Drehleiter ist etwa 2,50 Meter breit und hat einen großen Wendekreis. Dazu kommen die ausfahrbaren Stützen auf beiden Seiten mit je 50 Zentimetern. Die sind wichtig, um den Wagen zu stabilisieren. In so engen Straßen ist es aber gar nicht möglich, die auszufahren. „Wir müssen im Notfall dann mobile Leitern benutzen“, sagt Thorsten Bellon, Wachführer der Feuerwehr Bergedorf.

Manchmal müssen die Feuerwehrleute mehrmals vor- und zurücksetzen, um durch Kurven zu kommen. Das kostet Zeit, in der man keine Leben retten kann. „Im Ernstfall dürften wir auch parkende Fahrzeuge beschädigen, die den Rettungsweg blockieren“, sagt Feuerwehrmann Klaver. Das bedeutet aber auch Papierkram. Außerdem könnten hinterher Gerichte prüfen, ob sie nicht eine andere Route hätten nehmen können. „Wir reden hier von Entscheidungen, die wir in Bruchteilen einer Sekunde treffen müssen – mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es brennt und Menschen in Gefahr sind“, so Klaver.

Die Feuerwehr Hamburg steht in einer Kurve und kommt nicht an den geparkten Autos vorbei.
Im Ernstfall wäre der Feuerwehrwagen nicht um die Kurve gekommen, ohne Autos zu beschädigen. Foto: Melina Deschke

„Sie werden nicht glauben, wo ich jetzt hinfahre…“

Weiter geht es in den engen Gassen Wetteringe, Wachsbleiche und Dietrich-Schreyge-Straße. „Hier ist es schon eng, wenn gar keine Autos parken“, sagt Thorsten Bellon. Am Ende der Wetteringe parkt ein weißes Auto viel zu dicht an der Kreuzung. Löding und Meyer kontaktieren den Halter. Es dauert nur wenige Minuten, da kommt er um die Ecke gelaufen.

„Ich bin schon da!“, ruft er und klimpert mit seinem Schlüsselbund. Er trägt T-Shirt und Shorts, hat sich die Sandalen nur halb über die Socken gestreift. Man sieht ihm den Feierabend an. „Sie werden nicht glauben, wo ich jetzt hinfahre“, sagt er breit grinsend zu den Beamten, „in meine Garage!“

Doch Humor bewahrt auch ihn nicht vor dem Bußgeldbescheid, der in den kommenden Wochen eintreffen wird. Auf der anderen Seite der Kreuzung steht das Fahrzeug eines Handwerkers. Auch dessen Besitzer wird kontaktiert, auch er parkt um. Fast will er sich an die Stelle des weißen Wagens von vorhin stellen.

Feuerwehrmänner warten auf den Abschleppwagen bei der Aktion "Platz für Retter".
Feuerwehrmänner stehen im Regen. Foto: Melina Deschke

Doch abschleppen?

In der Dietrich-Schreyge-Straße legt der Feuerwehrwagen den nächsten außerplanmäßigen Stopp ein. Ein silberner Wagen steht im Weg. Löding und Meyer beauftragen schon ein Abschleppunternehmen, weil sie den Halter des Fahrzeugs nicht erreichen. Die Beamten warten, es regnet. Fünfzehn Minuten später kommt der Halter mit seiner Freundin um die Ecke. Sie sind Mitte 20, tragen Sporttaschen – und sind sichtlich erleichtert, dass sie noch einmal glimpflich davonkommen.

Auf dem Weg zur nächsten Station steigt Löding immer wieder aus, um einigen Autos Flyer unter die Scheibenwischer zu klemmen. Sie halten zwar die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände ein, könnten die Drehleiter mit dem großen Wendekreis trotzdem behindern.

Aber es sind nicht immer nur Autos, die den Feuerwehrwagen den Weg versperren. In der Soltaustraße hat jemand sein Fahrrad an eine Laterne gekettet und blockiert so die Fahrbahn. „So parkt man doch nicht, hier macht die Straße einen Schlenker!“, ruft eine Anwohnerin. Sie lehnt sich aus dem Fenster ihrer Erdgeschoss-Wohnung und beobachtet die Szenerie. Bellon und seine Kollegen erklären ihr, was es mit der Aktion auf sich hat.

Ein Feuerwehrwagen steht sehr nah neben einem geparkten Auto und kommt nicht vorbei.
Bei einem echten Einsatz wäre es hier eng geworden. Foto: Melina Deschke

„Das nächste Problem kommt an der nächsten Ecke“, sagt sie noch – und behält Recht. In einer engen Gasse, die von der Soltaustraße abgeht, sind mehrere Bäume gepflanzt, Pflanzenkübel aus Stein säumen den Fahrbahnrand. „Es ist schön, dass die Bäume da sind“, sagt Bellon, „aber dann müssen sie auch gepflegt und beschnitten werden.“ Zudem stört er sich am Einbahnstraßen-Schild. Im Brandfall sehen Wesselly und Bellon nur zwei Möglichkeiten: umfahren oder absägen. „Sonst haben wir keine Chance“, sagt Wesselly.

Nachts ist es noch schlimmer

Zurück in der Feuerwehrwache ziehen sie Bilanz der zweistündigen Aktion. Fünfmal wäre es im Ernstfall eng geworden, weitere fünfmal wäre der Feuerwehrwagen gar nicht durchgekommen. Die Hälfte der Halter konnten direkt vor Ort belehrt werden, alle bekommen Post von der Bußgeldstelle. Wesselly ist mit der Aktion zufrieden.

Ein Fahrrad steht quer auf der Fahrbahn und blockiert den Feuerwehrwagen.
Auch Fahrräder können den Einsatz behindern. Foto: Melina Deschke

„Zu einer anderen Uhrzeit hätte es noch schlimmer aussehen können“, sagt Wesselly. Wenn gegen 22 Uhr auch die letzten Anwohner aus dem Feierabend zurückkommen, seien viele Straßen komplett zugeparkt.

Vorheriger ArtikelHalloween: „This movie is about trauma“
Nächster ArtikelFrauenmörder Honka und Kiezkiller Mucki im Dachgeschoss
Vivien Valentiner, Jahrgang 1993, hält es selten lange im Sitzen aus: Dann drückt nämlich ihr Extra-Rückenwirbel und die ihr ebenfalls angeborene Neugierde. „Irgendwas mit Medien“ wollte Vivien deswegen schon als Jugendliche machen. Nach ersten journalistischen Gehversuchen bei Lokalzeitungen hospitierte sie beim NDR und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und saß im Bundesvorstand der Jugendpresse Deutschland. Vivien stammt aus Lübeck, in Lüneburg hat sie Wirtschaftspsychologie und Digitale Medien studiert. Mit ihrem Umzug nach Hamburg bleibt sie Hansestädten treu, probiert aber darüber hinaus gerne unterschiedliche Dinge aus: Sie hat schon Ballett und Rock’n‘Roll getanzt, Schlagzeug und Theater gespielt. Kürzel: viva
Melina Deschke, geboren 1992, kommt aus dem Pott. In Hamburg hat sie sich schon 2013 verliebt, während einer Hospitanz bei der Gaming-Sendung „Reload“, die vom ARD-Digitalkanal „Einsplus“ ausgestrahlt wurde. Dort sammelte sie ihre ersten Erfahrungen im Videoschnitt. Bereits zuvor spielte sie bei einem Praktikum in der Redaktion von „Vorzocker“ beruflich Videospiele. In Düsseldorf studierte sie Kommunikationsdesign und fand heraus, dass sie lieber kommuniziert als designt. Für den Hochschulsender „Paradise Park“ berichtete sie von Kunst- und Kulturveranstaltungen. Im Falle einer Zombie-Apokalypse wird Melina zu den wenigen Überlebenden gehören: Für ihre Bachelorarbeit schaute sie mehr als 100 Zombie-Filme. Kürzel: meld

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here