Von der Honigfabrik bis zum Dockville-Gelände verläuft der Veringkanal in Wilhelmsburg, von einigen Anrainer*innen liebevoll Kulturkanal genannt. Gemeinsam will man das Areal weiter beleben. Eine der ersten Aktionen: Müllangeln.

Ein Drehkartenständer, ein Trettraktor und ein Kinderwagen werden nach und nach aus dem dunklen Wasser des Veringkanals gezogen. Der Müllberg am Ufer wächst. Aufräumen, anpacken — das ist etwas, dass sich die freiwilligen Helfer*innen an diesem Ort schon lange wünschen. In den letzten Jahren wurde viel über den Wilhelmsburger Kulturkanal diskutiert. Mit dem Streit um die Zukunft der Wilhelmsburger Zinnwerke, der Ende 2018 wieder entfachte, ist erneut Bewegung in die Sache gekommen.

Die Initiative Kulturkanal steht für ein Gebiet im Reiherstiegviertel, das von der Honigfabrik im Norden bis zum Gelände des Dockville-Festivals im Süden verläuft. Ateliers, ein Club, die geschlossene Soulkitchen-Halle, der interkulturelle Garten und das Kreativzentrum Zinnwerke liegen auf dieser Strecke. Einige der Anrainer*innen haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsame Aktionen zu planen. Der Startschuss: „Hamburg räumt auf“.

Die Müllsammelaktion am Veringkanal
Der Müll wird an der Weggabelung zwischen dem Archipel und den Zinnwerken gesammelt. Foto: Kim Staudt

Kulturkanal räumt auf

An diesem Samstag spiegelt das Wasser des Kanals das Grau des Himmels wider. Vor dem Archipel, einer schwimmenden Plattform, auf der Konzerte und Performances stattfinden, umringt eine Gruppe von Menschen um einen Stehtisch. Zwei Kannen Kaffee und mehrere Flaschen Wasser stehen bereit. In einem Karton liegen von der Stadtreinigung gespendete Handschuhe und Mülltüten.

Mit der Aktion „Kulturkanal räumt auf“ wollen die Anrainer*innen zur Verbesserung des ökologischen Zustands des Kanals und seiner Ufer beitragen. Diese und weitere Bekundungen haben die Initiator*innen im Kanalmanifest festgehalten. Hauptsächlich fordern die Mitglieder eine Mitbestimmung an der Zukunft des Gebietes: Sie wollen die Gebäude um den Kanal erhalten und mehr Kultur auf jeglicher Ebene schaffen.

Ein Aufsteller beschreibt die Aufräumaktion.
„Wir säubern am und im Wasser – für einen sauberen Veringkanal! Kanus und Boote machen unsere Wasser-Land-Partie gegen Verschmutzung möglich! Für leckeren Kaffee ist gesorgt! Heute, 23.03. ab 13 Uhr!“ Foto: Kim Staudt

Der Begriff Kulturkanal wurde 2013 von Andy Grote, damaliger Leiter des Bezirksamts Mitte, geprägt. Er hat mit dem Zukunftsbild der Elbinseln 2013+ im Austausch mit Bewohnern Zukunftspläne entwickelt, um beispielsweise ansässige Industrie und Kreativgewerbe verträglich zusammenzubringen. 2015 wurde die Förderung des Areals im Koalitionsvertrag zwischen den Regierungsparteien SPD und Die Grüne festgehalten.

Drei Jahre später, in denen nicht merklich viel passiert ist, haben sich einige der Akteur*innen vor Ort zusammengetan, um in Eigenregie ein Kanalkonzept zu entwickeln. Boxstudio- und Clubbetreiber*innen, Grafikdesigner, Industrielle, Pädagog*innen und Schauspieler wollen ihren Kanal nicht dem Zufall überlassen. Seit September 2018 treffen sie sich jeden ersten Mittwoch des Monats an unterschiedlichen Orten in Wilhelmsburg, um sich auszutauschen.

Kunst und Kultur am Kanal

Die Schauspielerin und Theaterpädagogin Paula Zamora hat ihre Tochter zum Müllsammeln mitgebracht. Immer wieder blickt sie sich nach der Kleinen um, die am Archipel herumturnt. Zamora möchte der lebendigen Kunst am Kanal ein Zuhause zu geben, sagt sie. In Wilhelmsburg gibt es weder ein Kino, noch ein Theater. Mit dem Theater am Kanal möchte sie einen Ort für Künstler*innen aller Art schaffen, die dort proben, aufführen und sich weiterbilden können.

Aus dem Kanal geborgene Gegenstände auf dem Archipel.
Aus dem Veringkanal wurden unter anderem ein Kinderwagen und ein Plastiktisch gefischt. Foto: Kim Staudt

Eine Joggerin fragt, ob in einer Stunde noch aufgeräumt wird. Wenig später sammelt sie geduckt im Gestrüpp mit. Im Laufe des Tages wird die Gruppe immer größer. Beate Kapfenberger, die mit ihrem Designbüro Morgen in den Zinnwerken zu Hause ist, hat das Event mitorganisiert: „Hier laufen so viele Leute am Kanal vorbei, die können wir spontan überzeugen, mitzumachen.“ Auch das gehört zum Konzept des Kulturkanals: Neue Verbindungen und Verbundenheit schaffen.

Simon Wahlers und Christoph Kleinstück beim Müllsammeln
Simon Wahlers (l.) und Christoph Kleinstück (r.) vor einem gefundenen Einkaufswagen. Foto: Kim Staudt

Wenn man am Ufer in der Erde gräbt, findet man Feuerzeuge, kleine Schnapsflaschen und Bierdeckel — so tief, dass man fast meinen könnte, sie wären ein Teil des Geländes. Jeglichen Müll zu entfernen, scheint eine unmögliche Aufgabe. Aber darum geht es auch nicht. Marco Antonio Reyes-Loredo, Geschäftsführer der Produktionsfirma Hirn und Wanst GmbH in den Zinnwerken, betont: „Die Verseuchung des Kanals bekommen wir nicht damit gelöst, dass wir mit Handschuhen und Plastiktüten Müll einsammeln. Ich glaube, fast noch wichtiger ist, dass man was zusammen macht. Dass man Leute kennenlernt, die man hier noch nie gesehen hat.“

Verseuchung des Kanals?

Der Veringkanal liegt dort, wo Fabriken und Lagerhallen auf Wohnhäuser treffen. Der Hafen ist gleich nebenan und ein Ölwerk bläst stinkenden Qualm in die Luft. Und trotzdem: Peter Flecke, 77, glaubt nicht, dass die Wasserqualität des Kanals so schlecht ist, wie von vielen angenommen. Schließlich würden Fische darin leben. Flecke ist Angler, engagiert sich seit 18 Jahren in der Stadtteilpflegegruppe und hat schon oft bei „Hamburg räumt auf“ mitgewirkt.

Die Wassergenossenschaft der Anlieger*innen des Veringkanals beauftragte 2016 das Analyselabor Eurofins mit einer Gütekontrolle der Wasserqualität. Aus dieser geht hervor, dass das Oberflächengewässer des Kanals überwiegend der Gewässergüteklasse II zuzuordnen ist und damit mäßig belastet. Es gebe keinen akuten Handlungsbedarf.

„Ich denke nur in vor der Flut und nach der Flut“

Monika Flecke, seine Frau, ist Wilhelmsburgerin in der dritten Generation und erinnert sich gut daran, wie sich die Elbinsel im Laufe der Zeit entwickelt hat. Früher habe es fünf Kinos und fünf Diskotheken gegeben. Sie winkt ab. „Wir brauchten nicht weg. Wir hatten hier alles.“ Das war vor der Sturmflut 1962. Wilhelmsburg versank im Wasser. Mehr als 300 Menschen starben. Viele Gebäude wurden zerstört, die meisten Läden blieben geschlossen. Für Monika Flecke beginnt ab da eine neue Zeitrechnung. Ihr Wilhelmsburg, so wie es mal war, hat es nie wieder gegeben, sagt sie. „Das, was jetzt kommt, ist gut für Wilhelmsburg, aber künstlich herangezogen.“

Vor dem Gelände der Zinnwerke türmt sich ein beachtlicher Müllberg, der am Montag von der Stadtreinigung abgeholt wird. Daniel Springer, Grafikdesigner, betrachtet die vielen Mülltüten. „Man kann ja nur hoffen, dass die Hemmschwelle jetzt größer ist, den Kanal wieder zu vermüllen.“ Wie auf Kommando kommt die Sonne heraus und das Wasser schimmert nicht mehr schwarz, sondern grün.

Das Ergebnis der Müllsammelaktion
Der gesammelte Müll vor den Zinnwerken. Foto: Kim Staudt

Titelfoto: Simon Wahlers

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Kim Staudt, Jahrgang 1996, hasst Hasskommentare. Als Werkstudentin in der Online-Redaktion der “FAZ” moderierte sie Leserkommentare und las dabei mehr Scheußlichkeiten als ihr lieb war. Es war ein harter Wechsel: Kurz davor hatte sie in der Redaktion von “InStyle” noch Kisten voller Designerstücke aus Mailand, Paris und New York durchwühlt und beim Onlinemagazin “GQ” live über die Wahl zum “Mann des Jahres” gebloggt. Ihr Lieblingsroman ist “Das Bildnis des Dorian Gray” von Oscar Wilde, “Die Leiden des jungen Werthers” las sie im Garten des Goethe-Hauses in Frankfurt. Natürlich durfte es auch für das Germanistik- und Amerikanistikstudium nur die dortige Goethe-Universität werden. Am liebsten mag sie Filme mit Plot Twist - und Serien mit F: “Fargo”, “Friends” und modern “Family”. Kürzel: kis