Heimliche Blicke und wachsendes Begehren – Céline Sciammas vierter Spielfilm zeigt, wie subtil und wunderschön sich eine Liebesgeschichte zweier Frauen fernab männlicher Autorität entfalten kann. 

Eine einsame bretonische Insel im Jahr 1770. Die Pariser Malerin Marianne (Noémie Merlant) nimmt den Weg über das Meer für einen mehr als ungewöhnlichen Auftrag auf sich: Heimlich soll sie ein Vermählungsgemälde von Héloïse (Adèle Haenel) anfertigen, die nach dem Suizid ihrer Schwester deren Platz einnehmen und mit einem adeligen Mailänder verheiratet werden soll. Héloïse widerstrebt diese arrangierte Ehe und ebenso sträubt sie sich gegen das Porträt. Marianne wird deshalb offiziell als Gefährtin für Spaziergänge eingestellt, malt aber im Geheimen in den Abendstunden ein Porträt Héloïses aus der Erinnerung.

Die französische Regisseurin Céline Sciamma zeichnet mit „Porträt einer jungen Frau ein Flammen“ eine wunderschöne, zarte Liebesgeschichte — hier verfällt niemand hoffnungslos einer Vorstellung davon, wie Liebe auszusehen hat. Die Spannung zwischen Héloïse und Marianne entwickelt sich sanft und unendlich subtil. Wir werden Zeug*innen, wie sie sich immer intensiver wahrnehmen, aus neugierigen Blicken wachsendes Begehren spricht und das Verlangen nach dem Verbotenen immer größer wird. Wo endet der künstlerische Blick, wo beginnt das erotische Verlangen?

Das weibliche Auge sieht anders

In der Kunst wird gerne auf Frauen geschaut, aber selten durch die Augen einer Frau. Sciamma beschäftigte sich in der Vorbereitung für „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ lange mit der Künstlerinnenbewegung des 18. Jahrhunderts. Es gab weibliche Kunstkritikerinnen und Frauen, die ihr Geld mit Auftragsmalereien verdienten. In zeitgenössischen Berichten werden ihre Geschichten jedoch häufig ausgespart. 

Frau in langem, barocken Kleid steht am Strand. Filmstill aus "Portrait einer jungen Frau in Flammen"
Héloïse am Strand der bretonischen Insel. Foto: Alamode Film

Im Sciammas Film sind manche Bildausschnitte so künstlerisch, als seien sie selbst Gemälden der Romantik entliehen. Héloïse lehnt sich an die Felsen vor der Küste, den Blick auf das offene Meer gerichtet. Ihr langes, grünes Kleid steht im Kontrast zum hellblau des Meeres, die Gischt taucht alles in einen sanften, matten Ton — ein Bild das an Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ erinnert.

„Es ist nicht fröhlich, aber es ist lebendig“

Héloïses Leben ist vorbestimmt: Auf Zwangsheirat folgen Kinder, folgt ein sittsames Leben. Aber ist sie neugierig, intelligent und will die Welt mit ihren eigenen Sinnen entdecken. „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist nicht nur ein Film über Liebe, sondern auch über Freundschaft. Héloïse und Marianne schließen sich mit der Zofe Sophie (Luàna Bajrami) zusammen und bilden eine weibliche Solidargemeinschaft gegen das Patriarchat. Völlig losgelöst von jeglicher Klassenzugehörigkeit finden sie ihren Humor, lassen los und sind so anders, so viel mehr, als es die Konventionen von ihnen erwarten.

Das Szenenbild ist spärlich und folgt dem Prinzip von Tscheschows Gewehr: Jeder Gegenstand erfüllt seinen Zweck, überflüssige Elemente tauchen gar nicht erst auf. Auch die Garderobe der Protagonistinnen ist überschaubar. Marianne und Héloïse tragen jeweils nur zwei Kleider. Der Fokus liegt auf den Menschen, den Beziehungen und dem, was unausgesprochen in der Luft hängt.

Bis auf zwei Stücke, wird im Film keine Musik gespielt. Jeder kratzige Pinselstrich, jeder rauschende Atemzug, jedes krachende Wellenbrechen gewinnt so an Gewicht. Für Sciammas Protagonistinnen ist Musik etwas Wertvolles und Seltenes. Auch im Kinosessel ergreift einen diese Ehrfurcht und versetzt die Zuschauer*innen in den gleichen Zustand.

Von Frau zu Frau

Die gleichgeschlechtliche Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen siedelt die Regisseurin in der Vergangenheit an — was das Thema keineswegs weniger aktuell macht. Geschichten von Frauen über Frauen werden im Kino viel zu selten erzählt. Sciamma zeigt zwar erotische Bilder, ihre Darstellung von weiblicher Sexualität unterscheidet sich aber von der ihrer männlichen Kollegen. 

Marianne und Héloïse sind Herrinnen ihrer Körper und keine passiven Lustobjekte. Sie sind zwei Frauen, die von gesellschaftlichen Konventionen getrennt und durch eine tragische Liebesgeschichte verbunden werden.

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ wurde im Rahmen des Filmfest Hamburg gezeigt. Am 31. Oktober 2019 startet der Film in den deutschen Kinos.

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