Darsteller der Kunstaktion
Darsteller der Kunstaktion "1000 Gestalten" "befreien" sich. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Vielen bleibt von G20 vor allem das brennende Schanzenviertel in Erinnerung. Doch in der Woche rund um den Gipfel ist viel mehr passiert. Unsere Reporter haben ihre persönlichen Beobachtungen zusammengetragen.

Öffnen

Sonntag


Camp in Entenwerder

In der Nacht auf den 2. Juli genehmigt das Oberverwaltungsgericht ein Camp im Elbpark Entenwerder – inklusive Schlafzelte. Am Sonntagmorgen will die Gruppe des „Antikapitalistischen Protestcamps“ aus dem Wendland die Grünfläche beziehen. Die Polizei versperrt den Weg, denn die Versammlungsbehörde hatte mündlich mit sofortiger Wirkung verfügt, dass es dort keine Schlafmöglichkeiten, Kochzelte und Duschen geben dürfe. Grund: So entstehe eine „sich verfestigende Infrastruktur“ zur Organisation krimineller Handlungen.

Die Demonstranten wollen nicht weichen. Mehrere hundert sind bereits vor Ort, sitzen auf der Straße, malen Banner, essen, hören Musik und unterhalten sich. Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt um 19:30 Uhr. Plötzlich lässt die Polizei die Demonstranten doch den Platz beziehen. Schlaf- und Workshopzelte werden vor den Augen der gepanzerten Beamten auf den Platz getragen. „Wir haben gewonnen“-Rufe ertönen.

Ungefähr eine Stunde später ist der Aufbau eines riesigen Zirkuszeltes in vollem Gange. Dann fordert die Polizei, dass die Schlafzelte abgebaut werden müssen. Die Demonstranten weigern sich. Die Lautsprecherwagen von Polizei und Campern liefern sich im Minutentakt Wortduelle: Die Polizei droht mit der Räumung, die Camper verweisen auf die Entscheidung des Verwaltungsgerichts. Um 22 Uhr läuft das Ultimatum der Polizei ab. Das Camp wird geräumt. Eine Frau wird mehrmals hintereinander von einem Polizisten zu Boden gestoßen, andere Einsatzkräfte sprühen Reizgas in den Lautsprecherwagen der Demonstranten, aus dem kurz darauf ein hysterischer Mann torkelt und kollabiert. Er wird von einem Rettungswagen abtransportiert. Weitere Camp-Besucher bekommen Atemprobleme und müssen sich die Augen ausspülen. Ein älterer Mann stürzt. Auf dem Rückweg klatschen die Polizeibeamten einander mit lockeren Handschlägen ab. Es ging um elf Schlafzelte.

Im Protestcamp Entenwerder. Foto: Lukas Schepers
Im Protestcamp Entenwerder. Foto: Lukas Schepers

Montag


Der Streit um die Camps geht weiter.

Dienstag


Altona Volkspark

Nach den Räumungen in Entenwerder hat sich innerhalb von 24 Stunden im Altonaer Volkspark die Initiative „Sleep in“ gebildet. Auf Bitte eines Freundes hat TV-Koch Ole Plogstedt seine Prominenz genutzt und das Protest-Camp angemeldet. Als bereits etwa 30 Schlafzelte aufgebaut sind, rückt die Polizei an und will das Übernachten auch hier verbieten. Das Verwaltungsgericht will bis 18 Uhr entscheiden, ob die Camper dort nächtigen dürfen. Die Camper legen sich demonstrativ im Sonnenschein zur Ruhe und protestieren „schlafend gegen Schlafverbot“. Die Polizei bietet an, dass zehn Zelte stehen bleiben dürfen, das lehnt der Veranstalter ab. Am Ende des Tages bleibt es friedlich und die Versammlungsbehörde gestattet 300 Schlafzelte. Alle sind erleichtert, dass sich hier keine Szenen wie in Entenwerder abspielen.

Anmelder Ole Plogstedt im Protestcamp im Altona Volkspark. Foto: Christina Höhnen

Cornern am Grünen Jäger

Am Dienstagabend treffen sich zahlreiche G20-kritische Hamburger, jung und alt, beim Grünen Jäger zum Cornern. Sie trinken Bier und unterhalten sich. Auf einer Bühne spielen Bands. Die Leute sprechen über die Protestcamps und was diese Woche wohl noch so kommen mag. Der Platz und die Straßen sind mittlerweile voll.

Währenddessen stürmt die Polizei nur wenige hundert Meter entfernt ein Protest-Camp im Wohlerspark. Während die hier errichteten Schlafzelte von den Polizisten abtransportiert werden, beginnt hier eine der ersten Auseinandersetzungen von Polizei und Demonstranten in der Innenstadt. Nachdem sich die Polizei zurückgezogen hat, steuert sie in mehreren Hundertschaften den Pferdemarkt und positionieren sich mit Wasserwerfern. Dann besetzen Beamte die Straße entlang des Grünen Jägers. Sie fordern die Menschen auf, die Straße und die Grünflächen zu verlassen. Die bis 23 Uhr angemeldete Veranstaltung sei nun vorbei.

Bis spät in die Nacht bleiben viele trotzdem – friedlich – am Neuen Pferdemarkt, die Polizei steht mit mehreren Hundertschaften und Wasserwerfern um den Platz herum. Der Verkehr im Viertel kommt rund um den Neuen Pferdemarkt zum Erliegen. Ausschreitungen gibt es nicht. Trotzdem werden die Wasserwerfer einige Male eingesetzt, allerdings eher, um Menschen nasszuspritzen als mit gezieltem Strahl.

"Cornern in der Schanze". Foto: Lukas Schepers
Polizei umstellt den Wohlerspark. Foto: Lukas Schepers

Öffnen

Mittwoch


Lieber tanz‘ ich als G20

„Ihr seid 20, wir sind viele“ steht auf einem der vielen Schilder beim Demo-Rave „Lieber tanz‘ ich als G20„. Rund 20.000 Menschen kommen am Mittwoch, zwei Tage vor Beginn des Gipfels, an den Landungsbrücken zusammen. Aus den geschmückten Musikwagen wummern Bässe, in der Luft liegt der Geruch von Marihuana. An den Kiosken bilden sich lange Schlangen: 20 Minuten Anstehen für ein Bier.

Neben vielen tanzenden Demonstranten stehen auch Zuschauer am Rand und sehen sich das bunte Treiben an. „Wir wollten ja eigentlich nur nach Hamburg, um uns König der Löwen anzuschauen“, sagt ein älteres Ehepaar aus Halle an der Saale. „Dass das jetzt mit G20 zusammenfällt, wussten wir nicht.“ Die gut gelaunte Masse zieht im Rhythmus der Technomusik über die Reeperbahn, durch das Schanzen- bis zum Gängeviertel.

Von einigen Wagen steigen schillernde Seifenblasen und bunter Rauch auf – an diesem Mittwoch nicht aus brennenden Barrikaden sondern aus Nebelmaschinen. Für Stefan, Arzt aus Hamburg, fühlt sich der Rave an wie eine der ersten Loveparades. „Die Grundidee der Liebesparaden in Berlin war ja: Wir sind anders, wir haben bestimmte Themen und wir wollen das ausdrücken. So ist es auch jetzt.“

Auf vielen Schildern sind Parolen zu lesen wie: „Save the Dolphins“, „kein Bass für Nazis“ oder „Kapitalismus abshuffeln“.

Die Polizei hält sich zurück, ist nur in den Seitenstraßen präsent. Die Beamten lassen kleinere Provokationen über sich ergehen und regeln den Verkehr. Als der Demozug durch die Schanze zieht, werden auf dem Dach der Roten Flora Feuerwerksraketen gezündet, die Menge klatscht – und zieht tanzend weiter.

Die Beginner und Samy Deluxe verschaffen dem bunten und friedlichen Protest mit einem Überraschungskonzert zum Abschluss noch einen Höhepunkt. „Man soll uns durch die ganze Stadt sehen. Das ist Protest pur“, sagt Stefan mit glänzenden Augen.

Partyprotest bei "Lieber tanz' ich als G20". Foto: Laura Lagershausen.
Partyprotest bei „Lieber tanz‘ ich als G20“. Foto: Laura Lagershausen.

1000 Gestalten

Mittwoch, 13.30 Uhr in der U-Bahnstation Messberg. Die Mittagsruhe wird von einem monotonen Klicken durchbrochen. Graue, verkrustete Gestalten schleifen sich durch die Gänge. „Klick, klick, klick…“.

Einige bleiben zwischendurch stehen und starren in die Leere. Ihre Blicke sind melancholisch und ausgelaugt. Schweren Schrittes bahnen sie sich langsam den Weg ans Tageslicht. Wie eine Armee aus Untoten zieht der Zug der Kunstaktion „1000 Gestalten“ durch den Hof des Chilehauses auf den Borchardplatz.

Einige krümmen sich scheinbar vor völliger Erschöpfung auf die Straße und bleiben liegen. Während sich immer mehr Gestalten auf dem Platz versammeln, raubt das Klicken den Passanten den Atem. „Das Klicken ist die Stimme, alle haben die gleiche Stimme“, erklärt eine Ordnerin. Ein Schrei ertönt. Eine der Gestalten beginnt, ihre verkrustete Jacke aufzureißen. Nach und nach schließen sich alle übrigen an.

Mit dem Abschütteln des grauen Schleiers fällt auch die Melancholie und Monotonie von den der Gestalten. Sie brechen aus ihren grauen Fesseln aus und fallen einander bunt bekleidet in die Arme. Ein Fest der Euphorie beginnt. Die Botschaft: „Wir alle müssen aufwachen“.

Nachdem alles vorbei ist, steht eine der Organisatorinnen auf der Straße und weint vor Freude.

Finale der Kunstaktion „1000 Gestalten“. Foto: Christina Höhnen

 

Donnerstag


Ankunft des G20-Sonderzuges aus Basel

Donnerstag, 8:26 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof. Mit einer Verspätung von über zwei Stunden fährt der G20-Sonderzug aus der Schweiz auf Gleis 12 ein. Entstanden ist die Verspätung durch Polizeikontrollen in Basel.

An Bord befinden sich ungefähr 700 Demonstranten. Mehrere Hundert Polizisten und einige Polizeihunde warten am Gleis, innerhalb und außerhalb des Bahnhofes. Durch einen eigens abgesperrten Bereich wird die Menge nach draußen geleitet.

Auf dem großen Platz vor dem Bahnhof in Richtung der Mönckebergstraße werden einzelne Demonstranten von der Polizei kontrolliert. Das sorgt teilweise für ein angespanntes Klima, doch es bleibt friedlich.

Nach den Kontrollen können sich die Reisenden wieder frei bewegen. Fast alle gehen  durch die Wandelhalle in Richtung der S-Bahnen.

Dabei rufen sie immer wieder eine Parole, die man an den kommenden Tagen noch oft hören wird: „A-Anti-Anticapitalista.“

Yoga auf der Brücke

Um sieben Uhr morgens treffen sich am Donnerstag über 600 Menschen an der Alster, um mit dem Yoga-Gipfel ein friedliches Zeichen gegen die Politik der G20-Staaten zu setzen. Unter dem Titel #bridgesofhumanity versammeln sich die gelb gekleideten Teilnehmer auf der Kennedybrücke. Im Schneidersitz lassen sie sich die aufgehende Sonne ins Gesicht scheinen, atmen tief ein und wieder aus. Während der Stunde ist der G20-Gipfel auch inhaltlich Thema. Die Yoga-Lehrerinnen rufen die Teilnehmer dazu auf, ihre Arme auszustrecken und gute Wünsche zu den Botschaftsgebäuden zu schicken, die entlang der Alster liegen.

Friedlicher Protest beim Yoga-Gipfel. Foto: Laura Lagershausen.
Friedlicher Protest beim Yoga-Gipfel. Foto: Laura Lagershausen.

„Welcome to Hell“

Kurz vor 19 Uhr herrscht ausgelassene Stimmung auf dem Fischmarkt. Während auf einer Bühne Antifa-Bands auftreten, sitzt eine Gruppe junger Frauen in Shorts und Kleidern mit Printaufdruck auf dem Boden und unterhält sich. Plötzlich holen sie schwarze Kleidung aus ihren Rucksäcken, kleben die Markennamen auf ihren Sonnenbrillen ab und ziehen sich um. Zielstrebig mischen sie sich unter den Schwarzen Block, der blitzschnell entstanden ist. Die Demonstranten in schwarz bahnen sich den Weg in Richtung Landungsbrücken. Sie rempeln, drängeln und blockieren. Über Lautsprecher werden alle Anwesenden aufgefordert, die Wagen durchzulassen, um die herum die Schwarzgekleideten sich vorwärts bewegen. Weit kommen sie nicht: Die Polizei blockiert mit mehreren Wasserwerfern, unzähligen Polizeiwagen und Ketten von gepanzerten Beamten die Straße St. Pauli Fischmarkt. Als Grund gibt die Polizei über Lautsprecher an, dass Teile des Schwarzen Blocks vermummt seien.

Um 19:30 Uhr kündigt die Polizei an, dass sie die Demonstration räumen werde, wenn die Anwesenden nicht „aufhören Straftaten zu begehen.“ Alle Unbeteiligten werden gebeten, sich klar von Gewalt zu distanzieren. Nach der dritten Aufforderung der Polizei wird den Aktivisten eine Frist von zehn Minuten gesetzt. Danach würden „polizeiliche Maßnahmen eingeleitet“. Von all dem unbeeindruckt ist ein Pizzabote, der sich mit seinem Roller den Weg zwischen den Wasserwerfern zu den Demonstranten bahnt.

"Welcome to Hell"-Demo am Fischmarkt. Foto: Dominik Schacht.
„Welcome to Hell“-Demo am Fischmarkt. Foto: Dominik Schacht

 

Um kurz vor acht eskaliert die Situation. Auf einmal stürmt eine Zweierreihe Polizisten in die Mitte der Menge. Menschen springen hoch auf den Hochwasserschutzwall, ziehen sich gegenseitig aus dem engen Tal, in das sich die Straße verwandelt hat. Es fliegen Steine und Flaschen. Pfefferspray kommt zum Einsatz. Roter Qualm steigt auf. Einzelne Züge der Polizei ziehen sich zunächst zurück und rennen dann mit Anlauf in die Menge, bahnen sich einen Weg durch die dichtgedrängten Demonstranten. Aus der Menge werden einzelne Demonstranten isoliert, herausgezogen und abgeführt.

Es ist, das ist schon zu diesem Zeitpunkt klar abzusehen, der Beginn einer langen Nacht in Hamburg. Später werden überall in der Stadt Müllcontainer und Autos brennen, immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Dabei hat der G20-Gipfel noch nicht einmal begonnen.

"Welcome to Hell"-Demo am Fischmarkt. Foto: Boris Rössler/dpa.
„Welcome to Hell“-Demo am Fischmarkt. Foto: Boris Rössler/dpa

Abendessen nach Welcome to Hell

Die „Welcome To Hell“ Demo ist von der Polizei zerstreut worden, die Demonstranten haben sich über die Stadt verteilt. In St. Pauli brennen die ersten Autos. Es ist der Anfang der großen Zerstörungswut. Davon ist jedoch nichts zu merken in dem Lokal, in das sich drei Reporter von FINK.HAMBURG auf dem Weg von der Reeperbahn zur Sternschanze setzen, um eine Essenspause zu machen. Solange, bis mehrere Polizeibeamte in voller Montur in den Laden stürmen. Sie greifen einen unserer Reporter an den Armen, wollen ihn offensichtlich festnehmen. Dabei ignorieren sie die „Haut-ab!“-Rufe der umstehenden Restaurantgäste, aber auch den Hinweis, dass es sich bei dem Festgehaltenen um einen Journalisten handelt. Sie schlagen ihm den Presseausweis aus der Hand, ziehen ihn aus dem Laden. Die Menschen vor der Tür reagieren sofort. Sie werfen Stühle und Flaschen auf die Polizisten – eine gefährliche Situation für unseren Reporter, der immer noch von Polizisten umstellt ist, und für die Kollegin, die versucht, der Polizei ihren Irrtum verständlich zu machen. Irgendwann wird den Beamten dann doch klar: Sie haben den Falschen. Und geben ihn frei. Nun kommt die Straßenschlacht erst richtig in Gang. Eine Anwohnerin öffnet dem FINK.HAMBURG-Team die Tür und lässt es in ihre Wohnung, bis der Krawall auf der Straße vorbei ist.

Global Citizen – Konfetti fürs Volk

„Das ist schon ne geile Nummer hier“, sagt Sigmar Gabriel auf der riesigen Bühne in der Barclaycard Arena. Die Menge lacht. Der Außenminister ist Überraschungsgast beim „Global Citizen Festival„. „Zum Glück habe ich meine Krawatte heute zu Hause gelassen, sonst wäre es das erste Mal, dass man mich auf einem Rockkonzert mit Schlips sieht.“ Einige Minuten vorher haben Coldplay gespielt, die Stimmung ist gelöst. Die Menschen hüpfen und klatschen mit bunten, im Takt blinkenden Armbändern. Zwischen den Popstars sprechen Aktivisten aus aller Welt für Frauenrechte, sauberes Trinkwasser, Gerechtigkeit und gegen Armut. Währenddessen holen sich die Zuschauer frisches Bier, pünktlich zum Auftritt von Pharrell Williams sind sie wieder vor der Bühne und feiern. Andreas Bourani singt: „Ein hoch auf uns, auf dieses Le-e-eben!“ Olaf Scholz spricht davon, dass man die Probleme der Welt nur gemeinsam lösen könne. Währenddessen prügelt sich bei „Welcome to Hell“ die Polizei mit Demonstranten, setzt Pfefferspray und Schlagstöcke ein. Es gibt Verletzte.

Öffnen

Freitag


Colorful Mass

Radeln gegen G20: An der Moorweide versammeln sich gegen 19 Uhr rund 1000 friedliche Fahrraddemonstranten, die mit ihrer umweltfreundlichen Tour gegen den Gipfel und den Klimawandel protestieren wollen. Allerlei bunte und ausgefallene Kostüme wurden dafür entworfen. Teilnehmer verteilen Süßigkeiten, haben ihre Fahrradkörbe mit Blumen geschmückt. Neben vereinzelten privaten Musikboxen wird die Tour von einem andauernden Klingelkonzert begleitet.

Mareike und ihre Mutter Dörte verteilen in der Moorheide Süßigkeiten um an diesen Tagen gute Laune zu verbreiten. Foto: Johanna Klug

Bildungsstreik – Jugend gegen G20

Mitten auf dem Deichtorplatz versammeln sich junge Leute der Protestveranstaltung „Jugend gegen G20“. Auch viele ältere Menschen sind dabei. Sie sitzen auf einer Wiese und genießen den Sonnenschein. Mittendrin steht ein umgebauter Kleinlaster, an dem ein riesiges Plakat hängt: „Die Jugend wird sich nie mit dem Existierenden zufrieden geben“. Vom Wagen spricht eine junge Frau mit lila gefärbten Haaren: „Wir wollen unsere Zukunft selbst bestimmen, und nicht diesen Arschlöchern überlassen.“ Die Menge jubelt. Dann laufen die Black Eyed Peas mit „Where is the love“. Überall Luftballons und Seifenblasen. Auf einem Protestschild steht: „Wenn ich groß bin, will ich kein Banker werden“. Oft ist auch der Gesang „A-Anti-Anticapitalista“ zu hören. Ein junges Mädchen in Calvin-Klein-BH singt lauthals mit.

Alle sind entspannt und grooven zum Bass, der aus den Boxen kommt. Die Szene sieht aus wie auf einer Festivalwiese. Ein paar Leute schwingen Fahnen auf denen das Antifa Logo steht, auch eine Fahne von den Grünen ist dabei.
Plötzlich fahren mehrere Mannschaftswagen der Polizei vor, eine Hundertschaft steigt müde heraus. Sie haben Helme auf und tragen dicke dunkle Uniformen und Schlagstöcke. Dann nehmen sie die Helme ab, atmen durch und schreiten voran. Sie scheinen die Sonne und die Popmusik auch ein bisschen zu genießen.

Bildungsstreik "Jugend gegen G20"
Foto: Catalina Langer, Agata Strausa

Block G20 – Roter Finger

Sieben Uhr morgens, Berliner Tor: Über 100 Aktivisten wollen G20-Gipfel blockieren. Friedlich, nicht mit Gewalt. Die Polizei weiß von dem Vorhaben und ist vor Ort, entfernt ihre Einsatzwagen jedoch nach einigen Minuten. Das ist das Signal zum Aufbruch: Die Gruppe setzt sich in Bewegung. Zügiges Schritttempo, die Demonstranten wollen in die blaue Zone Richtung Alster. Immer schneller bewegt sich die Menge, manche ziehen sich im Laufen rote Hüte und Overalls an. Dann hört man von hinten Sirenen. Die Menge beginnt zu rennen. Auf der nächsten großen Kreuzung versuchen die Mannschaftswagen der Polizei den Teilnehmern den Weg abzuschneiden.

Die Polizisten springen aus den Autos und hechten wie Fußballtorhüter nach den rennenden Demonstranten. Eine Aktivistin wird von einem Mannschaftswagen angefahren, wird verletzt. Die Polizei sprüht Pfefferspray. Der Großteil der Demonstranten kommt dennoch durch, wird dann aber einige hundert Meter später von einer Straßensperre gestoppt. Von hinten kommt noch mehr Polizei. Die Gruppe ist eingekesselt.

Nach etwa 20 Minuten hebt die Polizei die Umzingelung auf und zieht ab. Es gibt einige Verletzte, die Stimmung ist gedrückt. Aufgegeben hat der rote Finger noch lange nicht, doch es muss eine neue Taktik her: Um bis in die blaue Zone vorzudringen, splitten sich die Verbliebenen in kleine Grüppchen. Nach etwa einer Stunde finden sich immer mehr Grüppchen am Schwanenwik in der Nähe der Alster zusammen. Sie bilden eine Sitzblockade auf der Straße, kein Auto kommt mehr durch. Weitere Unterstützer finden sich ein. Die Polizei lässt ebenfalls nicht lange auf sich warten: Mehrere Mannschaftswagen und ein Wasserwerfer sind angerückt und umstellen die Sitzblockaden.

Die Stimmung unter den Demonstranten ist dennoch ausgelassen: Sie singen, klatschen und machen Witze. Ihr Vorhaben ist geglückt: Eine G20-Delegation ein paar hundert Meter weiter sitzt vor ihrem Hotel fest. Die Einsatzkräfte fordern die Demonstranten auf, zu gehen. Die wollen aber nicht. Nach dreifachem Hinweis setzt die Polizei den Wasserwerfer ein. Die Demonstranten haben sich mit Regenschirmen und -jacken darauf vorbereitet und singen: „Hamburger Wetter, das ist das Hamburger Wetter“.

Minute für Minute wird der Wasserstrahl härter, einzelne Blockierende werden vom Wasser weggeschoben. Einige Augenblicke später beginnen die Beamten die Sitzblockade aufzulösen und tragen die Demonstranten wenig zimperlich weg. Gegenwehr gibt es keine. Die Aktivisten werden in einer Seitenstraße umzingelt und in Freiluftgewahrsam gehalten. Nach etwa einer Stunde dürfen auch sie gehen. Die Menge klatscht und braucht erst einmal eine Pause.

Block G20 – Lila Finger

Parallel zum roten Finger ist auch der lila Finger der Block-G20-Aktion unterwegs. Von den Landungsbrücken laufen die Aktivisten in Richtung St. Pauli. Auf der Helgoländer Allee wartet bereits die Polizei. Die Demonstranten versuchen, die Blockade zu durchbrechen, die Polizisten können sie aber davon abhalten. Daraufhin rennen die Aktivisten nach oben in den Alten Elbpark, die Polizisten hinterher. Im Park beruhigt sich die Lage wieder, und die Gruppe geht zur Rothesoodstraße. Dort blockieren die Teilnehmer die Straße und werden kurz darauf von der Polizei umkreist. Nachdem ein Eilantrag auf Zulassung der Demo abgelehnt wird, fordert die Polizei alle Versammelten auf, langsam und friedlich den Platz zu verlassen. Die Leute setzten sich Bewegung und es kommt erneut zu Handgreiflichkeiten. Die Polizei setzt Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Den Einsatzkräften gelingt es, die Demonstration zu beenden.

Eskalation Landungsbrücken

Eine Gruppe Demonstranten erreichen die Landungsbrücken. Ein großer Bereich Richtung St. Pauli wird frühzeitig gesperrt. Auch Journalisten wird kein Zutritt mehr gewährt. Grund: Polizeiliche Maßnahmen. Vor den Wasserwerfern beginnen Autonome Stücke aus dem Asphalt zu brechen, um sie als Wurfgeschosse zu verwenden. Diesmal sind auch viele Schaulustige dabei. In unmittelbarer Nähe der Wasserwerfer stehen 15-jährige Schülerinnen. Daneben machen sich zwei Autonome zum Steinwurf bereit. Die Wasserwerfer kommen zum Einsatz. Das Wasser wird auch gegen Menschen auf den Aussichtsplattformen eingesetzt. Viele flüchten immer weiter den Hang hinauf. Vor den Landungsbrücken stürmt die Polizei auf Teile des schwarzen Blocks und andere Demonstranten zu.

Polizei stürmt in Höhe Landungsbrücken auf Menge zu. Foto: Christina Höhnen

Baby-Trump auf der Elbe

Kevin McElvaney sitzt in seiner Wohnung in Uhlenhorst und wirkt erschöpft. Er trinkt Wasser aus einer recycelten Flensburger-Flasche, als er
von der G20-Protestaktion von Greenpeace erzählt. Er war als Fotograf auf einem Aktivistenboot dabei.

Insgesamt sind am Freitag 16 Schlauchboote, eine Barkasse und ein Segelboot unterwegs. Diese schippern eine sieben Meter große Trump-Figur und eine Freiheitsstatue über die Elbe, die vor der Elbphilharmonie auf einem Ponton aufgerichtet wird – während die Staatschefs darin zum Konzert eintrudelen. Die beiden Kunstwerke wurden einem Düsseldorfer Karnevals-Wagenbauer hergestellt, um gegen den Ausstieg der USA aus dem Klimaschutzabkommen zu demonstrieren.

Greenpeace erreicht seine Ziele: Die Skulpturen können hin zur Elbphilharmonie gedreht werden. Möglicherweise kann Trump seinem Skulptur-Ich in die Augen sehen.
Alles verläuft sehr friedlich – wozu auch die Polizei ihren Teil beiträgt. Zwar werden kurz Wasserwerfer eingesetzt, es gibt Bootjagden und Aktivisten werden festgenommen, aber selbst als Greenpeace-Leute schwimmend in die Sicherheitszone eindringen, bleibt die Situation friedlich.

Doch die Aufmerksamkeit für die Aktion fällt klein aus: „Wenn man heute die Leute fragt, was war gestern los, kann sich jeder nur an die Krawalle des schwarzen Blocks erinnern“, sagt Kevin.

 

Shut down the harbour

Am Freitag, um acht Uhr startet am Hafenmuseum Veddel die Demo „Shut down the Harbour“. Das Ziel: „Die Logistik des Kapitals lahmlegen“. Dafür sammeln sich die Aktivisten auf dem Veddeler Damm und blockieren den Verkehr. Kurz vor der Köhlbrandbrücke kommt es zu einer längeren Pause. Vom Lautsprecherwagen kommt die Ansage, dass der Plan aufgegangen ist: Der Hafen sei lahmgelegt worden, es käme zu Staus im Hafengebiet. Ein Sprecher bentont, dass es nicht das Ziel der Aktion gewesen sei, Polizei oder Hafenarbeitern zu schaden, sondern eben „der Logistik des Kapitalismus“. Ein Demonstrant mit bayrischem Akzent beschwert sich bei seinem Kumpel darüber, dass es die schlechteste Demo ist, auf der er je gewesen sei: „Hier läuft Rihanna und es geht gar nichts.“

 

Klangaktion an den Messehallen

Sven Meyer ist Klangkünstler und hat anlässlich des G20-Gipfels und der Proteste eine ganz eigene Idee. Er möchte die Stadt in eine entspannte Soundwelle hüllen. Um Punkt 14.00 Uhr schlägt Meyer die Gongs. Sie hängen an einer Stahlkonstruktion direkt neben den Messehallen und erzeugen die „Frequenz der Erde“. Meyer möchte so „für eine entspannte und ausgeglichene Stimmung sorgen“. Die Polizisten vor den Messehallen begrüßen die Aktion. Anscheinend können sie ein paar entspannte Laute gut vertragen.

Klangkünstler Sven Meyer schlägt im Karoviertel den Gong. Foto: Laura Lagershausen
Klangkünstler Sven Meyer schlägt im Karoviertel den Gong. Foto: Laura Lagershausen

 

Randale in der Schanze

Hier sagen Bilder mehr als tausend Worte:

Samstag


Orangener Block räumt auf

„Orange is the new black“ lautet das Motto nach den brutalen Krawallen von Freitagnacht. Auf dem Schulterblatt sieht man überall Zerstörung, herausgerissene Pflastersteine, Ruß, eingeschlagene Scheiben, verwüstete und geplünderte Läden. Die Stadtreinigung rückt als „orangener Block“ an, um das Chaos in der Schanze zu beseitigen.

"Sowas habe ich noch nicht erlebt"
Michael (48) ist Entsorger bei der Stadtreinigung Hamburg und säubert mit seinen Kollegen das Schulterblatt. Foto: Johanna Felde

Hamburg zeigt Haltung

Es ist Samstag und die Demonstration „Hamburg zeigt Haltung“ startet um 12:30 Uhr von der Hauptkirche St. Katharinen zum Fischmarkt. Vor der Kirche spricht Hamburgs zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank und fordert die Demonstranten auf, dem „Protest wieder ein friedliches Gesicht“ zu geben. In mitten der Menge wird ein großer Schal getragen, der aus den Flaggen aller Länder besteht. Die Demonstranten nennen ihn „Weltenschal“. Unterwegs wird Musik gespielt, was die ohnehin gute Stimmung der Demonstranten weiter verbessert. Angeführt wird die Demo von Hamburger Politikern. Die Polizisten haben wenig zu tun und beobachten die friedliche Demonstration. Am Fischmarkt angekommen, nehmen neben den 10.000 Demonstranten auch viele Schaulustige an der Abschlusskundgebung teil. Auf der Bühne spricht unter anderem Bill de Blasio, der Bürgermeister von New York.

Nazis in town

Am Abend, gegen Mitternacht, ist die Lage rund um die Schanze wieder angespannt. Nicht sehr weit entfernt, im Gängeviertel ist die Stimmung ganz anders. Die Engagierten und Aktiven der letzten Tage sitzen gemütlich in den Gängen und reden über das, was diese Woche geschehen ist. Es gibt Essen aus der „Volksküche“ und Bier, ein kleine Band spielt Jazz. Gegen ein Uhr schlägt die Stimmung abrupt um. Bereits vor ein paar Minuten ist durchgesickert, dass die Polizei erneut die Schanze stürmt. Nun kommt über Lautsprecher eine Durchsage: Erstens: Die Polizei stürmt die Schanze und den Pferdemarkt mit Sondereinheiten. Zweitens: Am Hauptbahnhof werden Reisende des G20-Sonderzugs und andere Demonstranten erkennungsdienstlich erfasst. Drittens: In der Stadt seien Nazigruppen unterwegs. Eventuell sogar auf dem Weg hierher. In der Vornacht hätten sie bereits einzelnen Passanten in der Umgebung aufgelauert und sie attackiert. Es werden Nachtwachen gesucht, um das Gängeviertel zu bewachen. Es wird kein Alkohol mehr ausgeschenkt. Ende der Durchsage: „Passt auf euch auf“. Stille. Fast alle sammeln sich in Grüppchen und machen sich auf den Heimweg, keiner soll alleine gehen.

Sonntag


Hamburg räumt auf – in der Schanze wird diskutiert

Es ist der Tag nach G20. In Hamburg scheint die Sonne, das Thermometer zeigt 24 Grad. Statt in Schockstarre zu verfallen, haben sich die Hamburger mobilisiert. Mit Besen, Putzeimern und Reinigungsmitteln machen sie sich am Sonntag auf den Weg in die Sternschanze, zum Schlump und nach Altona. Um 13 Uhr geht es los. In der Sternschanze verteilen sich die Menschen mit Putzgerät in den Straßen. Auch die Stadtreinigung Hamburg ist vor Ort.

Während die Aufräumarbeiten im Gange sind, wird an jeder Ecke über die vergangenen Ereignisse diskutiert. Viele geben Olaf Scholz und Angela Merkel die Schuld an den Ausschreitungen. Einige fordern den Abriss der Roten Flora, andere dagegen verteidigen vehement das Kollektiv rund um das autonome Zentrum. Der Kritik an dem Vorgehen der Polizei stehen Danksagungen an Polizisten gegenüber. Einige Einsatzwagen stehen auf dem Schulterblatt. Die Polizisten haben ihre Helme abgesetzt und wirken erleichtert. Sie sprechen mit Passanten oder schauen sich die Zettelbotschaften an, die Bürger auf einer Leine aufgehängt haben.

Es werden Sonnenblumen auf den Gehwegen gepflanzt, Peace-Zeichen aus Kreide auf die ausgebrannten Löcher gemalt und mit Hammer und Meißel der letzte Ruß von der Straße gekratzt.

Bunte, statt brennende Schanzen einen Tag nach G20. Foto: Christina Höhnen

Die Beiträge wurden rückblickend von unseren Reportern zusammengetragen, um die Erlebnisse vor und nach dem G20-Gipfel noch einmal in einen größeren Zusammenhang zu setzen. Texte von: Agata Strausa, Catalina Langer, Christina Höhnen, Harriet Dohmeyer, Jan Siemers, Joachim Plingen, Johanna Felde, Johanna Klug, Johanna Röhr, Julian Kornacker, Laura Lagershausen, Lesley Ann-Jahn, Lukas Schepers, Marie Vorbrodt, Martin Tege, Robert Bauguitte.