Geschichten einer Krise

FINK.HAMBURG hat 24 Menschen gefragt, wie sich ihr Leben durch die Corona-Krise verändert hat. Geführt haben wir die Gespräche via Skype, Zoom, im engsten Bekanntenkreis, denn wir mussten Abstand halten. Herausgekommen sind dennoch Nahaufnahmen von Hebammen, Lehrkräften, Krankenpfleger*innen, Studierenden. Sie zeigen, wie herausfordernd das Virus für den beruflichen und privaten Alltag ist und wie Neuanfänge gelingen.

Was macht ein Hamburger Schauspieler, wenn die Theater geschlossen sind? Er spielt trotzdem, im Internet, und wertet die Herzen im Chat als virtuellen Applaus. Trotzdem: Enrique Fiß ist es leid, an Corona stets das Gute zu suchen.

Enrique sitzt auf einer Holzbank im Ohlsdorfer Friedhofspark. Er dreht sich eine Zigarette und trinkt einen Schluck Alsterwasser. Eigentlich sollte er ganz woanders sein – in Bayern für einige Drehtage. Und danach sollten in Wien die Proben für das Stück „Fluss, stromaufwärts“ beginnen. Stattdessen sitzt Enrique in der Sonne. Theater und Kinos sind seit Mitte März geschlossen. Vor der Corona-Krise ist der 26-jährige Schauspieler für Vorstellungen und Filmdrehs durch die gesamte Republik bis nach Österreich oder in die Schweiz gefahren. Jetzt hat er viel Zeit.

Spielplan: Der Corona-Alltag einer Familie

Enriques Freundin arbeitet auch als Schauspielerin. Nach seinem Festengagement am Theater Erlangen sind sie letztes Jahr mit dem gemeinsamen Sohn zurück in Enriques Heimatstadt gezogen. Seitdem waren sie nie länger als zwei Wochen am Stück in Hamburg – vor allem nicht alle zusammen. Seit Corona sitzen sie fest und der Spielplan ist ein ganz anderer: Auf dem Programm stehen Spaziergänge zum Kiosk um die Ecke, ausgiebige Fahrradtouren und Ausflüge mit dem Laufrad.

Und trotzdem: Ausgelastet ist Enrique gerade nicht. „Ich bin wie alle Anderen in einer riesengroßen Wartesituation und das macht mich ganz unruhig. Ich kann noch so viel Sport machen, ich kann trotzdem nachts nicht schlafen. Nicht weil ich besorgt bin, sondern weil ich keine Ruhe finde.“ Er schläft momentan zwischen vier und fünf Uhr morgens ein.

Kulturschaffende werden nicht als systemrelevant eingestuft. Für Enrique ist das okay: „Ich kann in diesem System gar nicht relevant sein, weil mir alles genommen wurde, um zu arbeiten. Wir können uns nicht anfassen, wir können uns nicht frei bewegen. Wie soll denn da Kunst möglich sein?“ Statt auf der Bühne zu stehen, kümmert er sich um „sein kleines System“: seine Familie.

Vertane Chancen der Schauspielhäuser

Enrique geht es nicht schlecht. Das weiß er auch selbst. Er lebt mit seiner Familie in einer großen Wohnung mit Balkon. Andere haben viel größere Probleme und das beschäftigt ihn. Zum Beispiel weiß er von Städten, in denen die Tafeln keine Räume für die Essensausgabe finden. „Warum werden die Theaterinnenhöfe nicht dafür genutzt?“, fragt sich Enrique, „die Probebühnen sind jetzt frei, wieso werden sie nicht anders eingesetzt?“

Vielleicht, weil die Häuser gerade mit eigenen Herausforderungen beschäftigt sind. Sie versuchen den Betrieb irgendwie aufrecht zu erhalten und bespielen ihre Online-Portale: Alte Vorstellungen werden gezeigt und Schauspieler*innen sprechen Gedichte in die Kamera. Das klingt wie ein Aufschrei, meint Enrique: „Vergesst uns nicht!“ Nachvollziehen kann er das nicht. „Das Theater gibt es seit Jahrtausenden, das wird nicht vergessen.“ Sein Wunsch: Theaterbetriebe sollten ihre Reichweite für die soziopolitischen Aspekte der Krise nutzen und zum Beispiel „Informationen weitergeben oder Kolumnen besprechen.“

Theater aus dem privaten Wohnzimmer: Ein Trauerspiel

Trotz Kontaktverbot probt Enrique seit knapp drei Wochen für ein neues Stück – über ein Videokonferenztool. Seine Spielpartnerin hat er noch nie gesehen. Die Kamera an ihrem Laptop funktioniert nicht. Unterm Strich ist er davon genervt: „Was ist denn das für ein Arbeiten miteinander? Da geht wirklich was Wichtiges flöten.“

Mit dem Theaterkollektiv sisu&company zeigten Enrique und drei weitere Schauspieler*innen das Theaterstück „SISU“ via Zoom und Livestream im Internet. Insgesamt schauten etwa 300 Leute zu. Für Enrique war das ein unsichtbares Publikum. Im Nachhinein konnte er sich im Livechat durchlesen, in welcher Sekunde die Leute „ihre Herzchen“ hinterlassen haben – den virtuellen Applaus. Statt sich nach der Vorstellung zu verbeugen, drückte Enrique auf den roten Knopf: Meeting verlassen.

Er hat gehört, dass sich einige Leute eine Suppe gekocht oder aufgeräumt haben, während der Stream auf dem Bildschirm ihres Handys, Laptops oder Tablets lief. Das findet er nicht schlimm. Er habe schließlich auch schon Theaterstücke online geschaut und währenddessen mit seinem Sohn gespielt.

Trotzdem macht ihn die aktuelle Situation traurig. „Theater funktioniert nicht digital. Das Existenzielle geht verloren und da scheitert das Theater ganz klar an Corona“, so der Schauspieler.

Nach dem Live-Auftritt traf sich Enrique mit seinen Kolleg*innen in einem virtuellen Konferenzraum. Normalerweise wären sie jetzt verschwitzt und die Schminke würde an ihnen herunterlaufen. Diesmal brauchte Enrique kein Handtuch. Er saß fast die ganze Zeit auf einem Stuhl vor dem Laptop. „Na, wie war’s für euch?“, habe er in die Gruppe gefragt und nachdenkliche Stille geerntet. Es habe keine Feier, kein gemeinsames Bier und keine Umarmung gegeben.

Ein großes Kulturfest nach Corona

Enrique ist es leid, zu versuchen, das Positive an Corona zu sehen. Erst, wenn alles vorbei ist: „Dann richtig, heidewitzka, machen alle Kulturinstitutionen, alle Theater, alle Clubs und Kinos ein riesiges Feuerwerk.“ Enriques Augen leuchten bei dieser Vorstellung, endlich lacht er. Er freut sich auf den großen Run und hofft, dass das Kulturangebot dann mehr wertgeschätzt wird.

Auch Enrique hat sich durch die Corona-Krise verändert. Er hat einen neuen Haarschnitt. Jetzt sieht er ein bisschen aus wie Thomas Shelby aus der englischen Gangsterserie Peaky Blinders. Mit seiner Freundin hat er alle fünf Staffeln ruckzuck durchgeguckt. „Ich mag jetzt Whiskey, das ist neu“, sagt er. Außerdem sucht er im Internet nach gebrauchten Tweed-Anzügen. Enrique hat jetzt viel Zeit.

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Marie Filine Abel, geboren 1992 in Hamburg, diskutiert leidenschaftlich gern: Mit einem Verschwörungstheoretiker im Flugzeug über Aliens, mit Margarete Stokowski via Instagram über die feministischen Implikationen jungfräulicher Cocktails, oder beim Kartenspiel am Küchentisch. Zwischen den Zeilen zu lesen hat sie während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg gelernt. Sie hospitierte am Hamburger Schauspielhaus in der Regie und interviewte für das Stadtmagazin „Szene Hamburg“ Künstler, Krippensammler und Klimaaktivisten. Da war klar: Marie will als Journalistin Anderen Raum für ihre Geschichten geben. Eine sein, die den Mund aufmacht und auf Missstände hinweist - ganz so, wie sie es in ihrer Kindheit aus Musikkassetten von Hannes Wader oder Fredrik Vahle gelernt hat. Kürzel: mfa

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