Mia ist auf Partnersuche. Die Sterne stehen günstig, aber die Coronakrise trifft die Studentin hart, sind Dates doch tabu. Als sie über eine Dating-App einen Mann kennenlernt, zögert sie nicht lange.

Der Krebs ist ein häusliches Wesen. Das trifft auf Schalentiere und Menschen zu, die im Tierkreiszeichen Krebs zur Welt kommen – behaupten Astrolog*innen. Mia* ist nicht nur Krebs, sondern auch überzeugt, dass die Sterne unseren Charakter formen. Tatsächlich verbringt die 27-Jährige ihre Zeit am liebsten in ihrer Dachgeschosswohnung in Winterhude. Gerade ist sie dort noch häufiger als sonst. Dafür verantwortlich ist aber nicht der Kosmos, sondern ein Virus.

Als der Lockdown kommt, ist Mia schwach und hustet. Ist es COVID-19? Sie ruft beim Amt an, möchte getestet werden. Die Dame am Telefon lehnt das ab: ohne Erkrankte im Bekanntenkreis kein Corona-Test. Die Ungewissheit ängstigt Mia. Sie stellt sich selbst unter Quarantäne. Gegen Einsamkeit und Langeweile helfen Dating-Apps. Achtlos wischt ihr Daumen die Fotos auf dem Screen ins Aus. Männer mit Bärten, Welpen, Cabriolets: nein, nein, nein. Ein tätowierter Skater mit Cap erscheint auf dem Bildschirm. Leo, 28. Sternzeichen Krebs ­– wie sie. Ihr Kopf sagt ja, der  Daumen auch. Ein Banner blinkt: It’s a match! Mia tippt: „Hi.“ Leo antwortet: „Hi Madame.“

OMG! I’m so in love

Geschichten einer Krise

FINK.HAMBURG hat 24 Menschen gefragt, wie sich ihr Leben durch die Coronakrise verändert hat. Geführt haben wir die Gespräche via Skype, Zoom, im engsten Bekanntenkreis, denn wir mussten Abstand halten. Herausgekommen sind dennoch Nahaufnahmen von Hebammen, Lehrkräften, Krankenpfleger*innen, Studierenden. Sie zeigen, wie herausfordernd das Virus für den beruflichen und privaten Alltag ist und wie Neuanfänge gelingen.

Leo und Mia verstehen sich gut, texten viel, erzählen einander, wo sie arbeiten und wohnen. Irgendwann schickt er ein Foto von sich in Boxershorts. Sie sendet ein Bild ihres Popos im Spitzenslip. Mia findet sich zu kurvig, aber ihren Po mag sie. Leo mag ihn auch. Er schreibt: „Ich komme!“ Es herrscht Kontaktverbot und Mia denkt, er scherze. Eine Stunde später klingelt er. „Ich hatte Schiss, weil ich ja vorher krank war. Ich hatte ziemliche Schuldgefühle. Aber dann dachte ich: Scheiß drauf! Ich meine… ich war ewig isoliert und lonely“, sagt sie im Nachhinein. Also lässt sie ihn rein: in ihre Wohnung und in ihr Bett.

Wer Mia auf Instagram folgt, kennt ihr Bett von Fotos und Videos. Unter einem Beitrag betitelt sie das Bett als „Lieblingsort“. In Stories sieht man sie auf der Matratze hocken und mit gesenkten Lidern Songs von Alicia Keys covern. Ihre Stimme pendelt von Sopran zu Tenor, von forte zu pianissimo – wenn sie singt, aber auch wenn sie spricht. Nach dem ersten Date mit Leo schickt sie einer Freundin eine Sprachnachricht. „OMG, I’m so in love. Er ist richtig cute“, kiekst sie. Die Begeisterung eines Kindes, Worte wie aus der „Bravo“. Spricht Mia über ihre Jugend, senkt den Ton. Ihre Stimme wird rau wie ein rostiges Gitter, hinter das sie ihre Emotionen sperrt: „Ich dachte, ich wäre nicht in Ordnung, wie ich bin“.

Kein Mittel gegen den Schmerz

Mia wächst auf in einer Kleinstadt am Rhein. Mit 13 bekommt sie ihren ersten Kuss. Im gleichen Jahr trennen sich ihre Eltern. Der Vater gibt ihr die Schuld. Dass er die Mutter monatelang betrogen hat, verschweigt er: „Papa meinte, sie hätten zu oft meinetwegen gestritten. Da haben bei mir die krassen Issues angefangen.“ Mia erkrankt an Depressionen. Mit 21 verlässt sie die Heimat und zieht für ein Designstudium nach Hamburg. Distanz, Therapie und Medikamente lindern den Schmerz, stillen ihn aber nicht. Im Kampf gegen die lähmende Traurigkeit herrscht nie Waffenruhe. Sie steht dazu: „Es hat ewig gedauert, aber ich habe verstanden, dass ich mich für nichts schämen muss. Ich rede offen, wenn ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber respektvoll damit umgehen kann.“

Bei Leo hat sie dieses Gefühl. Begraben unter Kissen und Decken küssen, lachen und unterhalten sie sich. Ganze Tage verbringen sie so. Mias Faible für Astrologie teilt Leo nicht: „Ich habe ihn gefragt, ob ich unser Horoskop vorlesen soll. Er ist darauf nicht eingegangen.“ Dafür hört er ihr zu, wenn sie von vergangenen Männergeschichten berichtet: „Er judged nicht.“

Sex beim zweiten Date

Sex hat Mia das erste Mal mit 23. Im Heimaturlaub trifft sie Till: „Ich wollte nicht irgendeinen Lauch. Mit ihm hat es sich richtig angefühlte. Da habe ich direkt beim zweiten Date mit ihm gebumst.“ Zurück in Hamburg feiert sie Wochenenden durch, schläft mit Fremden: „Ich arbeitete in einem Kiez-Club, war immer besoffen.“ Zwischen ihren Augenbrauen bilden sich senkrechte Furchen. Trotz Tattookette und Slang wirkt sie plötzlich alt: „Ich lache mir immer die gleichen an: Boys, mit denen ich mich nicht unterhalten kann und die nicht wirklich an mir interessiert sind“. Unvermittelt bügelt ein Grinsen ihre Stirn glatt. „Bei Leo ist es anders. Ich muss ihn nicht festhalten. Ich spüre, der rennt nicht weg.“ Ihre Sommersprossen tanzen als sie gackert.

Mia sagt, sie sei verknallt. „Es war nicht richtig ihn trotz Corona zu treffen. Aber ich bereue es nicht.“ Leo mag ihre Engelslocken, bewundert ihre grünen Augen und lobt ihren grünen Daumen. Ihre Wohnung ist zugewuchert: Palmen auf antiken Hockern, Efeu, der von Bücherregalen hängt. Mia kümmert sich gern um ihre Pflanzen – und um Leo. Sie mixt ihm grüne Säfte, um sein Immunsystem zu stärken und backt ihm „Pannekuchen“. Das Bedürfnis andere zu umsorgen, komme vom Mond. Der dominiere ihr Sternzeichen und stimuliere Mutterinstinkte. Sie sei halt „typisch Krebs“.

*Name geändert

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Mali Paede, Jahrgang 1993, streitet oft mit ihrem Vater über Feminismus-Themen. Zum Beispiel bei der gendergerechten Sprache sind die beiden völlig unterschiedlicher Meinung. Ansonsten hat sie von ihm aber auch durchaus wertvolle Dinge gelernt – etwa das Licht nicht unnötig lange brennen zu lassen und den Kühlschrank schnell wieder zu schließen. Die gebürtige Hamburgerin studierte Nachhaltigkeitshumanwissenschaften und Kulturwissenschaften in Lüneburg. Zurück in ihrer Heimatstadt interviewt sie für die Hamburg Kreativ Gesellschaft gerade am liebsten bildende Künstler, Theaterbetreiber und neulich auch den Inhaber eines Indieverlags. Ausgleich findet sie beim Vinyasa Yoga. Das hilft ihr auch, ihre Tollpatschigkeit in den Griff zu kriegen: Mali fällt oft etwas aus der Hand. Ihre Teetasse fängt sie mittlerweile schon wieder auf. Kürzel: maj

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