Babys kommen trotz Corona zur Welt, doch auch die Arbeit einer Hebamme hat sich verändert. Beratungsgespräche macht Charlotte Rösler momentan nur per Telefon. Wie sieht ihr Alltag aus? Und fühlt sich die 25-Jährige systemrelevant?

In ihrem Badezimmer hängt ein Poster mit der Überschrift „Viva La Vulva“. Darauf sind Fotos von zwölf verschiedenen Vulven – Nahaufnahmen, stolz in die Kamera präsentiert. Was wirkt wie ein feministisches Statement, ist in erster Linie das Abschlussfoto der Hebammenklasse von Charlotte Rösler.

„Wir wollten eine Erinnerung an unsere Ausbildung haben, aber mal was anderes als ein normales Gruppenfoto. Also haben wir alle Fotos von unseren Vulven gemacht.“ Sie grinst, während sie die Geschichte und den Gedanken dahinter erzählt: Die Vulva komme in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor. „Jugendliche zeichnen an die Bushaltestelle irgendwelche Penisse, aber niemand kommt auf die Idee, eine Vulva zu zeichnen“, sagt sie. Immerhin zwölf von diesen sind jetzt für jeden Besucher sichtbar in Charlottes Wohnung ausgestellt.

Kurse zur Geburtsvorbereitung fallen wegen Corona erstmal aus

Geschichten einer Krise

FINK.HAMBURG hat 24 Menschen gefragt, wie sich ihr Leben durch die Coronakrise verändert hat. Geführt haben wir die Gespräche via Skype, Zoom, im engsten Bekanntenkreis, denn wir mussten Abstand halten. Herausgekommen sind dennoch Nahaufnahmen von Hebammen, Lehrkräften, Krankenpfleger*innen, Studierenden. Sie zeigen, wie herausfordernd das Virus für den beruflichen und privaten Alltag ist und wie Neuanfänge gelingen.

Das Interview mit ihr findet über Skype statt. Stichwort: Social Distancing. Charlotte sitzt gemütlich vor dem Schreibtisch ihrer Wohnung und spricht in die Handykamera. Lange, rötliche Haare fallen über ihre rechte Schulter. Nasenpiercing, große Kreolen, T-Shirt mit Blumenmuster. Seit eineinhalb Jahren arbeitet Charlotte als freiberufliche Hebamme in einem Geburtshaus in Hamburg. „Ich betreue Familien in den glücklichsten Phasen ihres Lebens“, sagt sie über ihre Arbeit und spricht dabei ruhig und überzeugt.

Sie bekommt viel Dankbarkeit in ihrem Beruf. Im Geburtshaus kümmert sie sich darum, dass die Kinder gut zur Welt kommen. Vor der Geburt macht sie regelmäßige Check-ups bei den werdenden Müttern und bereitet sie auf den großen Tag vor. Nach der Geburt macht Charlotte auch Hausbesuche und schaut, ob alles in Ordnung ist. Normalerweise würde sie noch Kurse zur Geburtsvorbereitung geben, aber die sind wegen Corona erstmal ausgesetzt. „Ich habe etwas weniger Termine, aber an sich hat Corona auf meine Arbeit und den Alltag wenig Auswirkungen“, sagt sie.

Babys kommen eben auch trotz Corona zur Welt. Auf die Frage, ob sie sich systemrelevant fühlt, antwortet Charlotte: „Hebammen bringen Frauen durch die Schwangerschaft.“ Medizinisch seien sie unabdingbar, aber es gehe genauso um die psychische Unterstützung.

Persönliche Beratungsgespräche kann Charlotte jetzt einzig über Telefon anbieten, Hausbesuche macht sie nur noch in den ersten Tagen nach der Geburt. „Eine umfangreiche Betreuung und Beratung ist so natürlich schwierig“, sagt sie. Grundsätzlich laufen die Geburten im Geburtshaus aber ganz normal weiter, auch die Väter dürfen dabei sein. Die schwangeren Frauen freuen sich auch darüber, erzählt Charlotte: „Die sagen, bei uns herrscht immerhin noch Normalität.“

Das Diensthandy, ein alter Knochen, „aber perfekt“

Das Skype-Interview wird mehrmals kurz unterbrochen, weil Charlotte auf dem Handy angerufen wird. Das sei ihr Privat- und Diensthandy, entschuldigt sie sich. Eigentlich bräuchte sie drei Handys, das dritte ist ihr Rufbereitschaftshandy. Sie hält es in die Kamera: Ein alter Knochen, ein Tastenhandy, über das man Nokia-Witze machen könnte. „Aber es ist perfekt! Der Akku hält super lange und es muss nur telefonieren können.“

Wenn sie Rufbereitschaft hat und dieses Handy klingelt, steht eine Geburt kurz bevor und Charlotte muss sofort zur Arbeit. Egal, wo sie gerade ist: Auf einer Party, in der U-Bahn oder zuhause im Bett. Klar kann das auch mal stören: „Ich war mal in einem Restaurant, hab gerade Essen bestellt, dann hat das Handy geklingelt. Dann musste ich sofort gehen.“

Die Geburt: ein gesunder Prozess des Körpers

Die heute 25-Jährige wollte früher immer Ärztin werden. Nach ihrem Abitur in Greifswald an der Ostsee war sie für ein Freiwilligenjahr in Indien. Dort hat sie in einem Internat Kinder und Jugendliche betreut. Während dieser Zeit hat sich Charlottes Berufswunsch geändert, sagt sie: „Ärzte konzentrieren sich nur auf das Fehlerhafte, Krankhafte am Menschen. Eine Hebamme arbeitet an einem gesunden, normalen Prozess des Körpers.“

Natürlich fällt Charlotte ihre Arbeit nicht immer leicht. „Seien wir ehrlich: Es ist ein sozialer Beruf und Menschen können manchmal anstrengend sein.“  Sie schmunzelt ein bisschen, wird dann aber wieder ernst, als sie erzählt, dass es auch traurige Momente geben kann. „Wenn ein Kind krank oder tot zur Welt kommt, ist das großes Leid, und dieses Leid kann einen sehr mitnehmen“, sagt sie. Da kann sie nicht sofort abschalten, das begleitet auch mit nach Hause. Wichtig ist, dass dieses Gefühl irgendwann wieder weggeht, und wenn nicht, dass man sich Hilfe holt.

Sowas mitzuerleben macht Charlotte aber keine Angst vor einer eigenen Schwangerschaft. Sie weiß, dass die allermeisten Geburten normal und natürlich ablaufen. „Ich will auf jeden Fall Kinder. Ich freue mich darüber, dass ich eine Frau bin und ein Kind gebären darf.“ Durch ihre Arbeit und ihr Wissen hat sie jetzt noch mehr Vertrauen, dass ihr Körper das kann. Für Charlotte ist das Erfüllende an ihrem Job als Hebamme, anderen Menschen zu helfen. Wenn ein neues Leben zur Welt kommt, ist das immer ein besonderer Moment.

Titelfoto: Georg Bagdenand

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Lucas Rudolf, Jahrgang 1995, ist ein Mann der Gegensätze: In seiner Freizeit headbangt er am liebsten zu den Klängen von Metal-Bands wie Caliban, Amon Amarth und Cypecore – oder tanzt Rumba, Walzer, Tango. Obwohl im Schwabenland geboren, zog es ihn für ein Studium im Bereich Multimediajournalismus zu den „verfeindeten“ Badenern nach Karlsruhe. Richtiger Lokalpatriotismus ist ihm als überzeugter Europäer aber trotzdem fremd. Als Interrail-Backpacker hat Lucas mittlerweile fast jedes Land des Kontinents bereist – ohne dabei jedoch auch nur ein Bild seiner Reisen auf Instagram geteilt zu haben. Lieber berichtete er als freiberuflicher Reporter über seine Reisen im SWR-Radio, seinem ersten Job nach dem Bachelorabschluss. Seiner Vorliebe für Europa ging er als Freiberufler und Filmemacher nach: Für ein Europe Direct Informationszentrum produzierte er Dokus über Europapolitik und hielt Vorträge. Jetzt will er noch herausfinden, wo er in Hamburg headbangen und tanzen kann. Kürzel: lur

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