Matthew Gutierrez ist in einem kleinen Dorf tief in Texas aufgewachsen. Mittlerweile lebt der 24-Jährige in Austin. An der Wahl hat er 2016 nicht teilgenommen und bereut es. Im Interview erzählt er, was diesmal anders ist.

Bei der US-Wahl 2016 war er Matthew Gutierrez noch Nichtwähler, mittlerweile bezeichnet er sich als Aktivist. Der junge Amerikaner ist im dörflichen Süd-Texas aufgewachsen. Er hat 2019 seinen Master in forensischer Psychologie abgeschlossen. Momentan arbeitet er in einem vom texanischen Gouverneur finanzierten Programm. Hier soll er Menschen in der Strafjustiz helfen, präventiv und aktiv gegen geschlechtsbasierte Straftaten wie sexuelle Belästigung und Gewalt in Familien, aber auch Menschenhandel in der Prostitution vorzugehen. Neben der Arbeit findet man Matthew auf Demonstrationen. Wenn er sich da nicht für Menschen- und Bürgerrechte einsetzt, engagiert er sich online.

FINK.HAMBURG: Wie bist du zu einer politischen Person geworden?

Gutierrez: Ich bin um die letzte Präsidenschaftswahl herum politisch aktiv geworden, da war ich etwa 20 Jahre alt. Vorher war ich in keiner Weise an Politik interessiert und hatte keine Ahnung davon. 2016 habe ich begonnen, Nachrichten zu schauen und zu realisieren, was auf dem Spiel steht. Ich habe im Nachhinein kapiert, wie wichtig die Wahl war. 2016 habe ich den Fehler gemacht, nicht wählen zu gehen und ich bereue es sehr. Da ich nicht gewählt hatte, musste ich einen anderen Weg finden, aktiv zu werden. So bin ich zum Aktivisten geworden.

„Ich habe kapiert, wie wichtig die Wahl 2016 war und mich entschieden, aktiv zu werden“

FINK.HAMBURG: Gab es einen Grund, warum du nicht gewählt hast?

Gutierrez: Eigentlich wäre es sehr leicht für mich gewesen, wählen zu gehen, ich war registriert. Ich habe mich aber einfach nicht genug informiert gefühlt. Durch das, was ich gehört habe, habe ich zwar in eine Richtung tendiert – zu Hillary Clinton. Ich dachte mir aber, meine Stimme ist eh egal. Heute verstehe ich, dass das der falsche Ansatz war. Jetzt weiß ich: Meine Stimme zählt.

Matthews Abschluss-Hut mit politischen Sprüchen. Bei dieser Wahl ist er dabei.
Matthews Abschluss-Hut. Foto: Privat

FINK.HAMBURG: Lag es am amerikanischen Wahlsystem, dass Du nicht gewählt hast?

Gutierrez: In den USA wählen zu gehen, ist schwer. Wie viel deine Stimme zählt, hängt davon ab, wo du lebst. (Anm. der Red.: Stimmen in Kalifornien fallen beispielsweise weniger stark ins Gewicht als solche aus Kansas, dies ist zurückzuführen auf das Wahlmänner/-frauen-System) Außerdem gibt es ja auch noch das Electoral College, (Anm. der Red.: In den USA wird der Präsident durch sogenannte Wahlmänner/-frauen gewählt. Diese ergeben dann das Electoral College) was abgeschafft werden sollte oder zumindest reformiert. Vielleicht hätte ich gewählt, wenn ich in einem anderen Teil der USA gelebt hätte. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass es der Fall gewesen wäre.

„Es ist besonders wichtig, junge Leute zu erreichen. Wir werden die sein, die mit den Folgen leben müssen“

FINK.HAMBURG: Auf Social Media äußerst du deine politische Meinung sehr klar. Tust du das auch im ‚echten Leben‘?

Gutierrez: In den vergangenen Monaten habe ich jede Person um mich herum gefragt, ob sie sich zur Wahl registriert hat. Ich habe jedes Gespräch mit ‚Hey, bevor wir uns unterhalten, bist du zum Wählen registriert?‘  begonnen. Mir ist wichtig, dass alle in meinem Umfeld registriert sind. Falls jemand Informationen zu den Kandidat*innen braucht, helfe ich gern. Social Media spielt aber tatsächlich eine der größten Rollen. Ich denke, die sozialen Medien sind ein sehr guter Weg, um mehr politisches Bewusstsein zu schaffen. Es ist besonders wichtig, junge Leute zu erreichen. Wir werden die sein, die mit den Folgen leben müssen.

Black Lives Matter Proteste im Vorfeld der Wahl
Black Lives Matter Proteste. Foto: Privat


FINK.HAMBURG: In wieweit spielen ethnischer und sozialer Hintergrund oder das Alter eine Rolle bei der Wahlentscheidung?  Lassen sich Trump Wähler*innen einer Gruppe zuordnen?

Gutierrez: Das Alter spielt, soweit ich das erlebe, keine Rolle. Es gibt Trump Unterstützer*innen in meinem Alter, genauso wie es ältere Trump Wähler*innen gibt. Ich denke aber insgesamt, dass mehr ältere weiße Personen ihn wählen, auch wenn es nicht auf diese demografische Gruppe beschränkt ist. Ich habe einige Hispanics getroffen, wie ich selbst einer bin, die Trump unterstützen und das schockiert mich zutiefst. Wir sind eine Minderheit und manchmal fühlt es sich an, als würden wir persönlich vom Präsidenten attackiert.

Lage zur US-Wahl 2020
Extrem unterschiedliche Kandidaten, ein tief gespaltenes Land und ein Kongress, der in großen Teilen neu gewählt wird: Die US-Wahl 2020 ist in jeder Hinsicht historisch. Wie wichtig ist die Briefwahl? Was passiert in den kommenden Tagen? Und wird die Wahlbeteiligung so hoch ausfallen wie seit einem Jahrhundert nicht mehr? FINK.HAMBURG verfolgt für euch die Wahl und liefert Hintergründe, Erklärungen und Neuigkeiten, wenn es heißt: Trump oder Biden?

FINK.HAMBURG: Würdest du dich als Demokrat oder als Anti-Trump bezeichnen?

Gutierrez:  Ich bin Demokrat, aber kein Anti-Republikaner. Ich habe viele republikanische Freunde und Familienmitglieder und bin immer offen für Diskussionen mit Republikaner*innen. Es gibt sogar einige Vorschläge, die ich unterstütze. Trump Unterstützer*innen sind für mich nicht wirklich Republikaner*innen. Das ist eine spezielle Gruppe. Ich würde sagen, ich bin Demokrat und Anti-Trump.

FINK.HAMBURG: Gibt es etwas, was du an Biden nicht magst?

Gutierrez: Bei Biden mag ich seine Vergangenheit nicht, zumindest einen Teil davon. Er hat den „Violence against Women Act“ (Anm. der Red.: VAWA, so die Abkürzung, ist ein Programm, welches Initiativen gegen Gewalt an Frauen finanziell unterstützt) mitfinanziert, dadurch wird meine Stelle finanziert. Ich bin zwar froh darüber, aber es entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Er wird auch dafür kritisiert, dass er mitunter unangemessen, wie wir sagen, ‚touchy‘ ist . Außerdem hat er sich in der Vergangenheit politisch durchaus umstritten geäußert, etwa zum „Defense of Marriage Act“ (Anm. der Red.: Der Entschluss definiert die Ehe als eine Union zwischen Mann und Frau).

FINK.HAMBURG: Und was magst du an Trump?

Gutierrez: Oh, das ist nicht einfach, da muss ich überlegen. Seinem Wahlprogramm stimme ich nicht zu. Ich mag es nicht, wie er Menschen behandelt. Um ehrlich zu sein, gibt es nichts, was ich an ihm mag.

„Ich habe Freunde verloren, mit denen ich politisch nicht einer Meinung bin“

FINK.HAMBURG: Du bezeichnest dich mittlerweile als Aktivist. Hast du Freunde dadurch verloren, dass du so klare Kante zeigst?

Gutierrez: Ja, ich habe sowohl Freunde als auch Familienmitglieder durch meinen Aktivismus verloren. Vor allem in den letzten drei Monaten. Die Stimmung wird hierzulande immer angespannter. Ich war aber auch deutlich lauter und direkter jetzt, da die Wahl näher rückt.  Ich habe Freunde verloren, mit denen ich politisch nicht einer Meinung bin. Normalerweise wäre das kein Grund für mich, eine Freundschaft zu beenden. In diesem Fall ist es aber nicht mehr rein politisch für mich. Es geht darum, dass sie meiner Meinung nach jemanden unterstützen, der rassistisch, sexistisch und engstirnig ist.

Facebook Post von Matthew im Vorfeld der Wahl
Facebook Post. Foto: Privat

FINK.HAMBURG: Und das passiert auch in deiner Familie?

Gutierrez: Ich habe vor Kurzem aufgehört, mit meinem Halbbruder zu sprechen. Nach der ersten TV-Debatte, bei der Trump einfach nicht fair war und unwillig, „White Supremacy“ zu verurteilen, habe ich bei Facebook einen Post verfasst, in dem stand: ‚Falls hier jemand Trump noch unterstützt, nach all dem, was er die letzten vier Jahre getan hat, dann möchte ich mit der Person nichts mehr zu tun haben.‘ Da drunter hat mein Halbruder kommentiert. Er meinte etwas wie ‚Wir wären in unseren Gedankengebäuden gefangen‘. Wir haben uns noch für eine Weile unter dem Post unterhalten und dann entschieden, dass es besser für uns ist, den Kontakt abzubrechen.

FINK.HAMBURG: Wie hast du dich danach gefühlt?

Gutierrez: Es war schwer für mich. Aber ich habe mich auch ein bisschen glücklicher gefühlt und war weniger gestresst. Sobald ich eine Push-Benachrichtigung auf mein Handy bekommen und gesehen habe, Person XY hat kommentiert, stand ich unter Strom. Ich wusste, dass ich jetzt nochmal meine Informationen gegenchecken und sichergehen muss, dass sie auch stimmen.

FINK.HAMBURG: Wie wirst du wählen – per Briefwahl oder an der Urne?

Gutierrez: In Texas kann man seine Stimme schon vorzeitig abgeben, also werde ich persönlich wählen gehen, aber nicht am eigentlichen Wahltag. Mein Vater und einige Freund*innen von mir haben aber Briefwahl beantragt. Es ist allerdings ziemlich schwer, in Texas Briefwahl zu beantragen. Dafür braucht man einen Grund und Corona zählt nicht. Das ist ungewöhnlich, aber so hat es unser Gouverneur verordnet. Um Briefwahl zu beantragen, musst du entweder älter sein oder zu einer Risikogruppe gehören.

FINK.HAMBURG: War es für deinen Vater leicht, Briefwahl zu beantragen?

Matthew Gutierrez
Matthew Gutierrez. Bild: Privat

Gutierrez: Mein Vater ist schon älter, dadurch konnte er die Unterlagen beantragen. Aber einfach ist es nicht. Der texanische Gouverneur hat zudem vor ein paar Wochen entschieden, dass es pro County nur einen Kasten gibt, in den man seine Wahlunterlagen einwerfen kann. Texas hat 254 Countys, das heißt 254 Boxen, um zu wählen. Es gibt aber 29 Millionen Menschen im ganzen Staat. Ich glaube, die Regierung will es Menschen erschweren, wählen zu gehen. Besonders schwer macht sie es denen, die keine oder keine zuverlässigen Transportmöglichkeiten haben.

FINK.HAMBURG: Hat dein Vater Angst, dass seine Stimme nicht zählt?

Gutierrez: Er vertraut darauf, dass seine Stimme gezählt wird. Er war 36 Jahre lang bei USPS angestellt, der amerikanischen Post. Er versteht, wie das System funktioniert und er vertraut darauf, dass es das auch tut. Trotzdem ist er nervös, weil er wegen der Pandemie das erste Mal per Briefwahl wählt. Mein Appell an alle lautet generell: Geht wählen!

Beitragsbild: Privat

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Luisa Werntges, Jahrgang 1994, ist abgefahren. Einmal sogar versehentlich nach Luxemburg, statt nach Frankfurt in die Luxemburger Allee. Halb so wild - sie ist gerne unterwegs. Vor allem auf Konzerten, am liebsten Indie, aber auch der Eurovision Song Contest begeistert sie. Auf Sri Lanka hat sie am Goethe-Institut Deutsch unterrichtet. Zwischen Rhein und Ruhr fühlt sich die gebürtige Essenerin so richtig wohl, vor allem im familieneigenen Café “Werntges Traumtorten”. Studiert hat Luisa English Studies und Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Beim WDR war sie für den Teletext, die Website und Instagram verantwortlich und in Bonn hat sie das Campus TV mit gegründet. In ihrer Freizeit steht Luisa gern vor der Kamera: als Statistin bei Netflix für “How to sell drugs online (fast)”. Kürzel: luw