Die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, der Handelskrieg mit China oder seine Haltung gegenüber Frauen: Kritik am US-Präsidenten gibt es viel. Doch welche Skandale von Trump haben sich besonders eingeprägt? Ein Rückblick von acht Expert*innen.

So viel steht fest: Donald Trumps erste Amtszeit ist vorbei. In den letzten vier Jahren wurden ihm etliche Fehler vorgeworfen – als Politiker, aber auch als Unternehmer und Privatmann. Kein Präsident vor ihm hat die Welt so auf den Kopf gestellt. So zumindest der subjektive Eindruck.

Doch welche Momente stechen besonders heraus aus der Vielzahl von Skandalen? FINK.HAMBURG hat bei acht Hamburger Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen nachgefragt.

Welcher Moment in Donald Trumps Amtszeit hat die Welt am stärksten erschüttert?

Judith Ellenbürger beschäftigt sich mit Gender Studies

Lage zur US-Wahl 2020

Extrem unterschiedliche Kandidaten, ein tief gespaltenes Land und ein Kongress, der in großen Teilen neu gewählt wird: Die US-Wahl 2020 ist in jeder Hinsicht historisch. Wie wichtig ist die Briefwahl? Was passiert in den kommenden Tagen? Und wird die Wahlbeteiligung so hoch ausfallen wie seit einem Jahrhundert nicht mehr? FINK.HAMBURG verfolgt für euch die Wahl und liefert Hintergründe, Erklärungen und Neuigkeiten, wenn es heißt: Trump oder Biden?

Judith Ellenbürger
Judith Ellenbürger ist Juniorprofessorin an der Uni Hamburg. Ein Schwerpunkt der Medienwissenschaftlerin sind Gender Studies.

„Aus der Perspektive der Gender Studies war der Tiefpunkt von Trumps Äußerungen schon relativ früh erreicht und zwar als das Tape von Trumps Unterhaltung mit dem US-amerikanischen Fernseh- und Hörfunkmoderator Billy Bush aus dem Jahr 2005 auftauchte, in dem Trump sich vulgär über Frauen äußerte. Seine Sätze ‚Grab’em by the pussy. You can do anything‘ gingen um die Welt. Wirklich erschütternd daran war nicht nur seine Haltung gegenüber Frauen, sondern auch, dass diese Sätze bei vielen Wähler*innen nicht zu einem Umdenken geführt haben. ‚You can do/say anything‘ schien sich für Trump damals zu bewahrheiten.“

Kamil Marcinkiewicz erforscht Wahlen

Kamil Marcinkiewicz konzentriert sich im Rückblick auf die Wahlen
Kamil Marcinkiewicz ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Hamburg. Er lehrt sozialwissenschaftliche Methoden und Politikwissenschaft. Foto: Privat

„Der entscheidendste Moment war die Wahl Donald Trumps an sich, die alle anderen Überraschungen und Tabubrüche erst möglich gemacht hat. Der Wahlabend hat uns erstens gezeigt, wie wichtig die Prognosen im Vorfeld der Wahl sind und zweitens, wie absurd das amerikanische Wahlsystem ist. Für mich als Wahlforscher ist klar: Das System ist für heutige Zeiten völlig unpassend. Das Wahlsystem ist als Kompromiss im 18. Jahrhundert entstanden, deswegen kann es aktuelle Muster der räumlichen Verteilung überhaupt nicht abbilden. Ich denke da vor allem an die Unterschiede zwischen Stadt und Land.“

Fabian Reinbold berichtet aus dem Weißen Haus

Fabian Reinbolds Rückblick lebt von seinen eigenen Eindrücken aus dem Weißen Haus
Fabian Reinbold ist politischer Journalist für T-Online. Seit 2018 berichtet er als Korrespondent aus Washington DC. Foto: Privat

„Einer der Kernmomente kam im Juli 2018, als Trump in Helsinki Wladimir Putin traf. Dort sah man einen US-Präsidenten, der Putin unbedingt gefallen wollte. Es war ein denkwürdiger Auftritt, der darin gipfelte, dass Trump vor der Weltpresse kundtat, er sehe keinen Grund, warum er Putins ’starkem‘ Dementi zur Wahleinmischung Russlands weniger Glauben schenken sollte als der gegenteiligen Einschätzung seiner eigenen Geheimdienste.“

Anne van Aaken spricht als Völkerrechtlerin

Prof. Dr. Anne van Aaken
Anne von Aaken ist Direktorin des Instituts für Recht und Ökonomik an der Uni Hamburg und Professorin für Law and Economics, Rechtstheorie, Völker- und Europarecht. Foto: Sebastian Engel

„Es gab viele Momente, mit denen die Präsidentschaft Trumps die Welt erschüttert hat. Die Trennung der Kinder von den Eltern bei den Flüchtlingen an der mexikanischen Grenze. Die Verhinderung der Ernennung von Richtern der Welthandelsorganisation und kürzlich der Widerstand gegen die Ernennung einer neuen Generaldirektorin. Zu nennen wäre auch die neue geoökonomische Ausrichtung der Politik, der Handelskrieg mit China und das ewige Drohen mit Strafzöllen, auch gegenüber befreundeten Staaten. Dennoch denke ich, dass der angekündigte Austritt der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen die Welt am meisten erschüttert hat. Das war eine beispiellose Demonstration dafür, dass die USA globale Probleme nicht mehr gemeinsam mit anderen Staaten lösen wollen. Das Vertrauen von Staaten und deren Bevölkerung in die USA hat unter allem sehr gelitten. Ich hoffe, dass dieses wieder aufgebaut werden kann; einfach wird es nicht.“

Henning Vöpel erforscht Finanzmärkte

Henning Vöpel blick im Rückblick auf Trump
Henning Vöpel ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Der Ökonom erforscht unter anderem Finanzmärkte und Digitalökonomie. Foto: HWWI

„Das vielleicht wichtigste Ereignis in der Amtszeit von Donald Trump ist wohl die Corona-Krise, die ihn letztlich vielleicht das Amt kosten könnte. Mit dem Herunterspielen der Krise hat er bei vielen Anhängern, aber vor allem bei den eher neutral eingestellten Wählern endgültig das Vertrauen verloren, weil er sich zynisch gegenüber dem Leid sehr vieler Menschen gezeigt hat. An dieser Krise ist sein Populismus wohl letztlich gescheitert, weil sie ihn in seinem Desinteresse am eigenen Volk entlarvt hat.“

Philipp Wendler blickt auf historische Skandale

Philipp Wendler beschäftigt sich als Historiker mit Globalgeschichte, insbesonderes mit Fokus auf die US-amerikanische Geschichte. Foto: Privat

„Vor allem 
rechter Terror, verschärfte Polizeigewalt und das Totalversagen der Bundesregierung in Reaktion auf eine weltweite Pandemie. Zunächst war der erschütterndste Moment der Trump-Präsidentschaft Trumps Antwort auf die Frage, ob er eine Wahlniederlage anerkennen würde. Seine Antwort in einem Interview am 19. Juli 2020: ,Kommt drauf an‘. Ein historischer Moment. Dieses fundamentale Prinzip der Demokratie und die damit verbundene friedliche Amtsübergabe hatte bis dato keiner seiner Vorgänger offen infrage gestellt. Aber die wahre Tragweite dieser Aussage erschließt sich erst im Kontext: Nämlich dem Moment als sich die Republikanische Partei im Kongress geschlossen hinter ihn stellte und das gegen ihn laufende Amtsenthebungsverfahren abschmetterte. Dieser Akt signalisierte aus meiner Sicht deutlich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten sich über das Gesetz stellt.“

Astrid Böger
Astrid Böger lehrt seit 2009 Amerikanistik an der Uni Hamburg und ist Expertin für amerikanische Literatur und Kultur. Foto: Privat

Astrid Böger erforscht die amerikanische Kultur

„Neben der Wahl Trumps 2016 selbst, wäre dies aus meiner Sicht der Ausspruch des Präsidenten bei der ersten Fernsehdebatte gegen seinen Herausforderer Biden am 29. September. Damals wendete er sich direkt an die Mitglieder der sogenannten Proud Boys mit den Worten: ‚Stand back and stand by‘, auf Deutsch in etwa ,Haltet Abstand und haltet Euch bereit‘. Der Präsident hat sich mit dieser Aufforderung nicht nur nicht von der rassistischen Ideologie dieser Gruppe distanziert. Er hat sie darüber hinaus auch dazu aufgerufen, sich am Wahltag als selbst ernannte ‚Wahlbeobachter‘ zu betätigen. Wer in den Medien verfolgt hat, wie sich diese Gruppe typischerweise aufführt eher aggressiv und überwiegend bewaffnet , muss befürchten, dass Trumps Aufforderung auf offene Ohren getroffen ist. Das nährt die Sorge vor Wählereinschüchterung bis hin zu Gewalt sowie der Verweigerung einer geordneten Amtsübergabe, falls Trump die Wahl verlieren sollte.“

Christof Parnreiter beschäftigt sich mit der globalen Rolle der USA

Christof Parnreiter ist Experte im Trump Rückblick
Christof Parnreiter ist Professor für Wirtschaftsgeographie an der Uni Hamburg. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Globalisierung der Weltwirtchaft und Migrationsforschung. Foto: Privat

„Ich halte es für am bedenklichsten, dass Donald Trump der Willkürherrschaft bestimmter Interessen – nämlich seiner und der ökonomischen Gruppen, die er vertritt, das sind wohlhabender Weiße – den Weg ebnet. Das zeigt sich an den Versuchen, rationale Diskurse zu delegitimisieren, beispielsweise mit ‚alternative news‘. Aber auch daran, dass er dezidiert antidemokratische, nicht auf der Grundlage des Rechtstaates stehenden Kräften und Aktivitäten billigt und dadurch fördert. Beispielhaft wären das seine Ansagen an die ,Proud Boys‘ und die Versuche von Trump-Anhängern in Texas, einen Wahlkampfbus der Demokraten von der Autobahn zu drängen, die er rechtfertigte.“

Titelbild: Lorenz Jeric

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Freudenstadt behauptet von sich, den größten Marktplatz Deutschlands zu haben, genau wie Stade. Was Stade definitiv fehlt: Es war nicht seit 1997 das Zuhause von Lorenz Jeric. Er liebt die Ćevapčići seines slowenischen Großvaters, kocht selbst aber am liebsten Käsespätzle. Nach 13 Jahren Waldorfschule zog er nach Hamburg, um einen Bachelor in Medien- und Kommunikationswissenschaft zu machen. Dabei lernte er, dass er es nicht leiden kann, Filme wissenschaftlich zu betrachten, obwohl er sie liebt. Wenn er nicht grade für eine kleine Kommunikationsagentur textet, spielt er gerne am Grindelhof Tischtennis oder fährt mit seinem Campervan Richtung Norden, möglichst ans Wasser. Zusammen mit Freunden produziert er schon seit 2017 den Podcast „Unfertig“, in dem wenig über Gott und viel über die Welt gesprochen wird. Kürzel: loc